CHANNEL FOKUS: Hybrid-IT & Multi-Cloud

Die Cloud wird erwachsen

| Autor / Redakteur: Wilfried Platten / Sarah Nollau

Für die Nutzung einer Cloud sprechen unter anderem Flexibilität und Skalierbarkeit. Und dennoch setzen viele deutsche Unternehmen noch auf interne IT-Infrastrukturen.
Für die Nutzung einer Cloud sprechen unter anderem Flexibilität und Skalierbarkeit. Und dennoch setzen viele deutsche Unternehmen noch auf interne IT-Infrastrukturen. (Bild: Bjoern Wylezich_Adobe.Stock.jpeg)

Die Cloud feiert zwar nicht den 18. Geburtstag, aber ihre Windel-, Pubertäts- und Flegeljahre hat sie hinter sich. An der Nutzung von Cloud Computing kommt mittlerweile praktisch kein Unternehmen mehr vorbei. Die Frage ist nur: Was ist die cleverste Lösung?

Angesichts zirkulierender Schlagworte wie hybrid, bimodal, On- und Off-premises oder „Dritte Plattform“ ist es wohl selten notwendiger, sich vorab über die Begrifflichkeiten zu einigen:

  • Erstens: Unter Hybrid-IT verstehen wir eine Mischung aus Inhouse- und Cloud-Ressourcen. Dabei ist die interne IT-Infrastruktur in der Regel ein Konglomerat von Legacy-Systemen und Private Cloud.
  • Zweitens: Die Private Cloud kann sowohl intern als auch extern im Colocation-Betrieb gefahren werden.
  • Drittens sprechen wir dann von Hybrid Cloud, wenn Private Cloud und Public Cloud gemeinsam und integriert zum Einsatz kommen.
  • Viertens: Wenn die externen Cloud-Anteile nicht nur aus einer, sondern mehreren Quellen bezogen werden, dann sprechen wir von Multi Cloud.

Multi-Cloud
Multi-Cloud (Bild: Cisco)

Uns ist bewusst, dass dies nur eine Art kleinster gemeinsamer Nenner all der vielen Definitionen ist, die zu diesem Thema kursieren. Analog zu der Cisco-Grafik links hangeln wir uns logisch also von der unteren Ebene (Private Datacenter und Private Colocation) nach oben in die höheren Sphären der Public Cloud.

Server-Veteranen

Fakt ist, dass gerade in Deutschland viele Unternehmen immer noch auf eine nennenswerte interne IT-Infrastruktur im eigenen Rechenzentrum setzen. Und dort leisten „Veteranen“ vom kleinen Mailserver bis zum fetten Mainframe nach wie vor treue Dienste. Sie sind vor allem für Legacy-Anwendungen unverzichtbar, die häufig noch in „Altsprachen“ wie Cobol oder PL/1 programmiert wurden.

Mit Private Cloud hat das allerdings wenig zu tun. Denn mit den typischen Cloud-Merkmalen wie Virtualisierung, Flexibilisierung und Agilisierung, verteiltem Computing und der Bereitstellung von Services (Service Providing) haben sie wenig am Hut. Und damit sind sie auch nicht in der Lage, die typischen Vorteile von Private Clouds bereitzustellen, wie die schnelle Anpassung von Rechenleistungen oder die nutzerabhängige Abrechnung von Services. Ganz zu schweigen von den Einsparpotenzialen gegenüber herkömmlichen IT-Infrastrukturen.

Reifegrad der Multitalente

Für die interne Private Cloud haben konvergente und hyperkonvergente Infrastrukturen (CI und HCI) endlich den Durchbruch geschafft. Jahrelang waren sie eher ein herstellergetriebenes Trendthema auf Kundenveranstaltungen, Pressekonferenzen, Vorträgen und Workshops als ein real existierendes Umsatzpotenzial für Partner. Das hat sich geändert. Unisono zeigen sich Hersteller wie Cisco, Dell, Fujitsu, HP oder NetApp begeistert von der Fahrt, die diese integrierten Systeme aufgenommen haben. Es hat wohl mit dem Reifegrad zu tun, den die virtualisierten Multitalente mittlerweile erreicht haben.

Der limitierende Faktor, dass sie zeitgleich Alt-Komponenten (Computing, Storage, Netzwerk) ersetzen sollen, die jede für sich unterschiedliche Laufzeitzyklen und Abschreibungsfristen haben, spielt offensichtlich keine Rolle mehr.

Meinung der Systemhäuser

Diese Euphorie korrespondiert mit dem Echo aus Systemhaus-Kreisen. Auch dort freut man sich über Infrastruktur-Projekte, bei denen HCI-Systeme das Herzstück der internen IT bilden, und damit den Kern des hauseigenen Rechenzentrums. Es ist deshalb kaum erstaunlich, dass viele Systemhäuser mit dem HCI-Geschäft im Besonderen und dem Infrastruktur-Geschäft im Allgemeinen immer noch hoch zufrieden sind.

Prioritäten im Datacenter
Prioritäten im Datacenter (Bild: IDC)

Sieht man sich aber die Herausforderungen an, die laut der IDC-Studie „Next Generation Datacenter“ von Dezember 2017 (s. links) mittelfristig an die Datacenter in den Unternehmen gestellt werden, dann ist schnell klar, dass sie mit Bordmitteln, sprich der Private Cloud allein kaum gestemmt werden können. Die am häufigsten genannten Ziele „Höhere Effizienz und Effektivität“ und „Kosteneinsparungen“ sind nur teilweise durch eine Modernisierung der Inhouse-IT umzusetzen. Speziell beim Thema Skalierung, also der zwangsläufigen Überdimensionierung interner IT-Ressourcen für temporäre Lastspitzen, führt kaum ein Weg an der Nutzung und Integration von Cloud-Diensten vorbei.

Vielsagenderweise taucht der Wunsch nach der Einführung hybrider Clouds bereits hier explizit auf, wenn auch nur bei 13 Prozent der Befragten. Dies ist die Konsequenz aus den Forderungen nach höherer Effizienz und Effektivität, Kosteneinsparungen und der Verbesserung von Security und Compliance.

Hohe jährliche Wachstumsraten

Für die externe Private Cloud spielen die Colocation-Anbieter eine zentrale Rolle. Die Marktforscher von ISG (ehemals Experton) registrieren in einer jüngst veröffentlichten Studie einen Nachfrage-Boom durch Unternehmen, die ihre eigene Infrastruktur ganz oder teilweise auslagern: „Viele dieser Anwender-Rechenzentren sind mittlerweile in die Jahre gekommen. Sie werden nun Schritt für Schritt durch preisgünstigere Colocation-Angebote ersetzt, die zudem eine hohe Sicherheit garantieren“, so ISG-Analyst Heiko Henkes. „Zusätzlich setzen Anbieter von Cloud Services vor allem aus Flexibilitäts- und Kostengründen verstärkt auf die sicheren Freiflächen der Colocation-Anbieter, die schnell bereitgestellt werden können.“ Jährliche Wachstumsraten im zweistelligen Prozentbereich sind deshalb die Regel.

Die Studie stellt zudem fest , dass jenseits der Ballungszentren die regionalen Anbieter gerade Marktanteile gewinnen. Ursächlich dafür sind vor allem Mittelstandskunden, die eine räumliche Nähe zu den Rechenzentren wünschen. Ein weiterer Nachfragetreiber ist die Nutzung von Zukunftstechnologien wie Edge Computing. Denn durch die Nutzung von Rechenkapazitäten in direkter Nähe verkürzen sich die kritischen Latenzzeiten. Während sich die großen Anbieter E-Shelter, Equinix und Interxion ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern, duellieren sich im Colocation-Midmarket DARZ und Plusserver um die Marktführerschaft. In diesem Segment tummeln sich unter den regionalen Anbietern indirekt auch einige Systemhäuser, wie etwa die Karlsruher Leitwerk mit der Baden Cloud.

Vorsprung der Amazon Web Services

Bei der zweiten Komponente von Hybrid-IT, der Public Cloud, sind wir zwangsläufig umgehend bei den Hyperscalern. Der Cloud-Pionier Amazon Web Services (AWS) hat sich hier einen gewaltigen Vorsprung erarbeitet. 2017 erreichte die Amazon-Tochter einen Umsatz von 17,5 Milliarden Dollar, ein Wachstum von 43 Prozent gegenüber 2016, und erwirtschaftete im gleichen Zeitraum einen operativen Gewinn von 4,33 Milliarden Dollar. Nach den Zahlen der Marktforscher von Synergy Research darf sich AWS damit über einen Marktanteil von 33 Prozent freuen, weit vor Microsoft Azure mit 13 Prozent und IBM (Ex-Softlayer) mit acht Prozent.

Die Fülle von Services, die AWS anbietet, ist mittlerweile von einem Tsunami kaum mehr zu unterscheiden. Aus den überschaubaren Anfängen Simple Storage Service (S3) und Elastic Compute Cloud (EC2) wurden bis Mai 2018 mehr als 125 Services. Azure kann dagegen primär mit dem SaaS-Angebot Office365, inklusive Exchange, punkten. Und IBM ist mit der Ex-Softlayer-Cloud vor allem im Enterprise-Geschäft präsent.

Alibaba klopft an die Tür

Die Google Cloud spielt in Deutschland aktuell kaum eine Rolle, hat mit Bernd Stopper aber einen erfahrenen Channel-Chef an Bord, der den indirekten Kanal aus seiner Zeit bei Microsoft bestens kennt. Und dann steht da noch der chinesische Internet-Gigant Alibaba vor der Tür. In Kooperation mit Vodafone, deren Frankfurter Rechenzentren genutzt werden, plant Alibaba im ersten Schritt deutsche Firmen zu betreuen, die auf dem chinesischen Markt aktiv sind.

Dabei wird es aber nicht bleiben, wie Deutschland-Chef Toni Cheng und EMEA-Chef Yeming Wang unter sechs Augen während der Cebit versicherten. Ein frankozentrisches EMEA-Programm ist Anfang Juli mit Partnern wie Accenture, Altran und Linkbynet gestartet. Auf jeden Fall wäre Alibaba in Deutschland der erste Hyperscaler, der nicht aus den USA kommt. Das ist nicht unwichtig, denn das Thema Vendor-Lockin, ein rotes Tuch für jeden IT-Leiter, spielt auch in der Cloud eine zunehmend wichtige Rolle. Womit wir endgültig in der Multi-Cloud angekommen wären.

Komplexe hybride Strukturen

Sie steigert die Komplexität gegenüber hybriden Strukturen mit Mono-Cloud-Anteil noch einmal deutlich. Gerade hier aber liegen die größten Vorbehalte, wie eine Studie von PAC und Rackspace vom April 2018 zeigt. Dabei liegen die Negativ-Nennungen für die erhöhte Komplexität hybrider Strukturen und deren Integration, Verwaltung und Kontrolle ganz vorne. Erst danach folgen Bedenken bezüglich Verfügbarkeit, Performance und Compliance. Einschränkend muss jedoch beachtet werden, dass dazu lediglich zehn, respektive acht Prozent der Befragten angaben, dies treffe voll zu.

Auf der Positivseite registriert die Studie höhere Kosteneffizienz, höhere Flexibilität, Agilität und Skalierbarkeit sowie die Vereinfachung von Kostentransparenz und -verrechnung als die wichtigsten Argumente für die Cloud-Nutzung, die jeweils mit überwältigender Mehrheit als „trifft voll zu“ und „trifft eher“ angegeben wurden. Interessanterweise sind dies, wie auch die folgenden Pro-Argumente, immer noch IT-interne Vorteile. Erst an sechster Stelle folgt mit dem Punkt „Erhöhung der eigenen Innovationskraft und -Geschwindigkeit“ ein IT-übergreifender, unternehmensstrategischer Positivaspekt der Cloud-Nutzung.

Dies ist einerseits ein wichtiger Hinweis für die Kundenargumentation von Systemhäusern, andererseits können sie sich gerade durch die Betonung der strategischen Cloud-Perspektive von der IT-Zentrierung lösen und im Wettbewerbsumfeld differenzieren.

Rat zur Beratung

Für Systemhäuser eröffnet sich in diesem Umfeld eine ganze Reihe von potenziellen Betätigungsfeldern, die quasi beliebig, aber unterschiedlich sinnvoll, miteinander kombiniert werden können. Plakativ lässt sich das an den Qualifikationskriterien von AWS für Partner sichtbar machen. Hier wird unterschieden zwischen Consulting, Systemintegration, Managed Services und dem reinen Reselling von Services.

Allerdings betont Channel-Chef Peter Prahl: „Im Reselling allein liegt nicht der Zweck einer Partnerschaft. Wir empfehlen dringend jedem Systemhaus, darüber hinaus Value Added Services anzubieten. Beratung und Implementierung sind definitiv integrale Bestandteile eines jeden Partner-Engagements.“

Ergänzendes zum Thema
 
Die Distribution ist dabei

Nach unseren Recherchen liegen die reinen Reselling-Margen bei maximal drei Prozent und können durch geschickte Kombination von Kontingentierung sowie Automatisierung und Einbindung in eigene Lösungen auch schon mal den zweistelligen Bereich erreichen. Aber das sind Ausnahmen.

Anders gesagt, vom Reselling von Cloud Services allein kann kaum ein Systemhaus (über-)leben. Und wer möchte sich schon auf die Rolle als Abovermittler reduzieren lassen? Das wirklich attraktive Wertschöpfungspotenzial liegt in den drei anderen Feldern. Wer es dazu noch schafft, Cloud Computing nicht nur als IT-Modernisierungsmaßnahme sondern als Innovationstreiber für die Geschäftsmodelle des jeweiligen Kunden zu verargumentieren UND umzusetzen, der macht sich zum unverzichtbaren Reisebegleiter in die Cloud.

Gemeinsame Projekte

Dazu bedarf es allerdings eines Mindestmaßes an Kompetenz in dem jeweiligen vertikalen Segment, wie etwa Gesundheitswesen, Automobilindustrie oder Banken und Versicherungen. Unterhalb der Unternehmensgröße von „Dickschiffen“ wie Bechtle, Cancom oder Computacenter ist die aber kaum in mehr als ein oder zwei Branchen vorzuhalten. Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass der Ruf nach Hersteller- und/oder Distributor-Hilfe bei der Community-Bildung von Systemhaus-Seite immer lauter wird, um komplexe Projekte gemeinsam stemmen zu können.

Auf der Beliebtheitsskala der von Systemhäusern gewünschten Unterstützungsleistungen klettert dieser Punkt unaufhörlich nach oben. Viele Hersteller haben bereits reagiert und entsprechende Angebote in ihre Partnerprogramme aufgenommen. Diese gehen in ihrer Funktionalität meist weit über die in der Regel kläglichen gescheiterten „Skill-Datenbanken“ hinaus, die selbst bei intern bestens vernetzten Verbundgruppen wie iTeam oder Comteam mangels ständiger Pflege nie richtig funktioniert haben.

Ergänzendes zum Thema
 
Kommentar: Germany NOT first

Und wie sieht das Umsatzvolumen in der Cloud aus? Eine zum Jahresende 2017 veröffentlichte Studie von Crisp Research prognostiziert für das Jahr 2020 Ausgaben für Cloud Computing von 3,3 Milliarden Euro allein in Deutschland. Das ist fast eine Verdoppelung gegenüber 2017. Da waren es 1,7 Milliarden Euro. Die Chancen stehen gut, dass sich der ITK-Channel eine dicke Scheibe davon abschneiden kann. Dazu nochmal Peter Prahl: „Für Partner, die Kunden auf der Reise in die Cloud mit ihrer Consulting- und Integrationskompetenz begleiten, bietet sich beim jetzigen Stand des Markts die Aussicht auf jährliches Wachstum von mehr als 100 Prozent.“ Wenn das kein Wort ist.

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