Employee Experience Platform „Viva“ M365: Im Netzwerkeffekt liegt der Mehrwert

Autor Dr. Stefan Riedl

Aus dem Hause Microsoft ist zu hören, dass „Teams“ zu einer größeren Sache avancieren wird als „Windows“. Der Weg dahin zeichnet sich ab: Nach Kollaboration und Kommunikation rücken Geschäftsprozesse in den Fokus. Ein großer Schritt dahin heißt „Viva“.

Firmen zum Thema

Mit dem Metcalfe’schen Gesetz kann man sich dem Wert eines Netzwerkes annähern.
Mit dem Metcalfe’schen Gesetz kann man sich dem Wert eines Netzwerkes annähern.
(Bild: kelly marken - stock.adobe.com)

Die vergangenen Monate waren geprägt von Videokonferenzen, beispielsweise via Zoom oder Microsoft Teams. Den Marktführern in dem Kommunikationsumfeld spielt folgender Effekt in die Hände: Im Firmenumfeld müssen De-facto-Standards für Kundengespräche auch de facto angeboten werden, um professionell aufzutreten. Wer will schon auf eine unbekannte ­Lösung „EDV-Huber‘s ultimativer Bewegtbild-Dialog“ (EDVHuBD.exe) verweisen, weil dieser offensichtlich günstiger war; und dem Kommunikationspartner damit zumuten, dass dieser mühsam entsprechende Plug-Ins oder Apps installieren muss?

Je mehr Anbieter auf der Plattform wie Microsoft 365 beziehungsweise Teams sind, desto interessanter wird sie für Kunden. Im Gegensatz etwa zum Markt für Telefonanlagen, auf dem Qualität, Nutzwert, Angebot und Nachfrage bestimmende Faktoren sind und damit klassischer Wettbewerb herrscht, spielen im Markt für geschäftliche Videokonferenzen zusätzliche Erfolgsfaktoren rein, die bislang aus dem Umfeld der Plattformökonomien bekannt sind.

Das Metcalfe’sche Gesetz

Bildschirmarbeiter und Außendienstler mit Laptop oder Tablet arbeiten über Internet-Technologien zusammen.
Bildschirmarbeiter und Außendienstler mit Laptop oder Tablet arbeiten über Internet-Technologien zusammen.
(Bild: hin255 - stock.adobe.com)

Das „The winner takes it all “-Prinzip in Plattformökonomien stellt neue Spiel­regeln für die Marktakteure auf, bei denen die Zahl der Teilnehmer eine entscheidende Rolle für den Nutzwert einer Plattform darstellt.

Dahinter steht eine Theorie zum Kosten-zu-Nutzenverhältnis von Kommunikationssystemen namens „Metcalfe’sches ­Gesetz“. Das Gesetz wurde von seinem ­Urheber, Robert Metcalfe, dem Erfinder des Ethernets und Gründer von 3Com, nie als solches bezeichnet, und es wurde auch nie in einem Paper publiziert. Dennoch wird der Gedanke dahinter immer wieder als Arbeitshypothese oder Faustregel besprochen.

Der Nutzen eines Kommunikationssystems wächst demnach proportional zum Quadrat der im Netzwerk vorhandenen Knoten. Die Kosten des Systems wachsen hingegen nur proportional zur Teilnehmerzahl selbst. Als Standardbeispiel wird gerne das Telefon herangezogen. Der Nutzen daraus steigt für den Besitzer überproportional mit der Zahl der weiteren Besitzer eines Telefons, weil in dem Maße die Anzahl der möglichen Verbindungen wächst. Soziale Netzwerke wie LinkedIn, Twitter und Facebook basieren auf demselben Prinzip. Und eben auch Videokonferenzplattformen wie beispielsweise ­Microsoft Teams oder Zoom, Webex, Slack, Google Meet oder Wildix. Wird eine kritische Masse erreicht, steigt die Nutzerzahl exponentiell an.

„The winner takes it all“

„Die Masse macht den Gewinner“, könnte man formulieren, oder überspitzt und daher nicht mehr ganz richtig „The winner takes it all“. Zu den großen Gewinnern des Metcalfe’schen Gesetzes im Bereich der Videokonferenzlösungen zählt Teams und damit sicherlich die gesamte ­Microsoft-365-Plattform, samt des dahinterstehenden Ecosystems.

Mit dieser Plattform deckt Microsoft immer mehr Bereiche ab und hat sich längst von einer „Bürosuite“ mit Word, Excel, ­Powerpoint und anderen Alltagstools für Bildschirmarbeiter verabschiedet. Nach Organisation und Kommunikation von Teams mit dem gleichnamigen Tool, welches Bestandteil des M-365-­Pakets ist, folgt mit „Viva“, welches per Connections-App Teil von Teams wird, der nächste Schritt.

Employee Experience Platform Viva

Die Plattform Viva soll Unternehmens­angaben zufolge Informationen, Selbstorganisation und Weiterbildung an einem Ort zusammenbringen. Kunden soll das zufriedenere und erfolgreichere Mitarbeiter bescheren, dem Anbieter einen Anteil an einem entstehenden Markt für Employee Experience Platforms (EXP). Das Wohlbefinden der Mitarbeiter in Unternehmen soll durch das Tool gesteigert werden.

Das mag sich zunächst sehr nach Marketing-Buzzwording anhören, allerdings sehen Unternehmensberater dahinter die Erfolg versprechende Bestrebung des Software-Konzerns, Teams als zentrales User Interface in Unternehmen zu etablieren. So kommt man bei der Beratung Campana & Schott zu der Einschätzung, dass mit der Microsoft-Plattform für „Employee Experience“ mittels nativer Anwendungen in Teams zentrale Organisationsthemen abgedeckt werden. Gleich vier neue Säulen für die interne Kommunikation werden dadurch unter dem Viva-Label eingezogen:

  • Topics: Wissen und Expertise
  • Connections: Unternehmenskultur, Kommunikation und Kollaboration
  • Learning: Mitarbeiterausbildung und -entwicklung sowie
  • Insights: Führung, Produktivität, Mitarbeiterzufriedenheit.

Wissensmanagement

Viva Topics bedient sich einer KI, um Wissen und Inhalte von Dokumenten aus ­Anwendungen bereitzustellen. Diese Inhalte werden automatisiert für die verschiedenen Apps und Teams organisiert. Viva Topics zeigt hierfür Themenkarten in Konversationen und Dokumenten in Microsoft 365 und Microsoft Teams an; per Klick darauf öffnet sich eine Themenseite mit den zugehörigen Dokumenten, Konversationen, Videos und weiteren Inhalten. Diese Inhalte bezieht Topics aus Microsoft 365 sowie aus Drittanbieterdiensten, wie ServiceNow oder Salesforce. Viva Topics ist bereits als Add-on für die kommerzielle Nutzung verfügbar.

Deutschen Social Collaboration Studie der TU Darmstadt

Schenkt man den Ausführungen in der Deutschen Social Collaboration Studie der TU Darmstadt Glauben, sind die ­großen Erwartungen an KI und Big Data bislang kaum erfüllt. Die Mehrheit der Befragten erwartete 2018, dass Künstliche Intelligenz und begleitende Technologien innerhalb der kommenden fünf Jahre die Arbeitsprozesse beeinflussen werden. Diese Erwartungen haben sich bislang nicht erfüllt. 2020 sieht zwar ­etwa die Hälfte der Teilnehmer KI als Schlüsseltechnologie. Aber fast drei Viertel nutzen überhaupt keine KI, Business Intelligence oder Analytics-Tools, um ­geschäftsrelevante Daten auszuwerten. Viva könnte vor diesem Hintergrund als organisatorische Klammer über Anwendungen und Inhalte die Nutzung Künstlicher Intelligenz befeuern.

Ergänzendes zum Thema
Deutsche Social Collaboration Studie der TU Darmstadt

Mit diesen Endgeräten werden Social-Collaboration-Tools genutzt.
Mit diesen Endgeräten werden Social-Collaboration-Tools genutzt.
( Bild: Campana & Schott )

Ein höherer „Social-Collaboration-Reifegrad“ geht mit einer höheren Arbeitseffizienz einher.
Ein höherer „Social-Collaboration-Reifegrad“ geht mit einer höheren Arbeitseffizienz einher.
( Bild: Campana & Schott )

Diese Ziele verfolgten Unternehmen mit Social-Collaboration-Tools in den vergangenen fünf Jahren.
Diese Ziele verfolgten Unternehmen mit Social-Collaboration-Tools in den vergangenen fünf Jahren.
( Bild: Campana & Schott )

Der Fachbereich Wirtschaftsinformatik der Technischen Universität Darmstadt unter der Leitung von Prof. Dr. Peter Buxmann hat in ­Kooperation mit der Unternehmensberatung Campana & Schott in der „Deutschen Collaboration Studie“ 1.079 Mitarbeiter aus Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt.

Eines der Studienergebnisse war, dass Arbeitseffizienz mit einem steigenden „Social Collaboration Reifegrad“ ansteigt.

Mitarbeiter mit höherem Reifegrad sind um bis zu 40 Prozent effizienter.

Ferner wurden die sich ändernden Ziele, die Firmen mit Social Collaboration Tools verfolgen, im Zeitablauf untersucht.

Kultur, Kommunikation und Kollaboration

Viva Connections dient Mitarbeitern als Einstieg und Richtliniengeber in den digitalen Arbeitsplatz. Die Anwendung versorgt Mitarbeiter beispielsweise mit kuratierten Inhalten, News aus dem eigenen Unternehmen, Richtlinien oder einer Übersicht der Arbeitgeberleistungen. Nutzer könnten hier Communities beitreten und dort mit anderen Mitarbeitern interagieren. Microsoft zieht also klassische ­Intraweb-Inhalte an sich und verlagert sie von einem browserbasierten Ansatz hin zu Teams als Teil von Microsoft 365.

Weiterbildung

Viva Learning dient als zentraler Hub für das Lernen in Microsoft Teams. Neben selbsterstellten Inhalten wie dokumentiertes Wissen über Abläufe im Unternehmen des Arbeitgebers könnten Firmen hier auch Inhalte von LinkedIn Learning, Microsoft Learn sowie Drittanbietern integrieren – darunter Skillsoft, Coursera, Pluralsight und edX. Angeboten wird zudem eine Integration von Lernmanagementsystemen wie Cornerstone OnDemand, Saba oder SAP SuccessFactors.

Arbeits- und Zeitmanagement

Viva Insights dient als „Wohlfühl-App“ und soll Nutzern helfen, regelmäßige Pausenzeiten wahrzunehmen, Zeiten für kon­zentriertes Arbeiten einzurichten und die Beziehung zu Kollegen zu stärken. Zum ­anderen können Chefs auf aggregierte und anonymisierte Daten zugreifen, um „Entwicklungen auf der Team- und Organisa­tionsebene zu erkennen und bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen“. Aufbauend auf bereits bestehenden Strukturen des Unternehmens ermöglicht Viva Insights, LinkedIns Mitarbeiterbindungs-Plattform Glint sowie Daten von Drittanbieter-Tools anzubinden, darunter Zoom, Slack, Workday und SAP SuccessFactors.

Wird Teams „eine größere Sache“ als Windows?

Jeff Teper, Corporate Vice President bei ­Microsoft, wird mit der Aussage zitiert, dass Teams eine noch größere Sache werden wird, als Windows.

Boris Ovcak, Director Social Collaboration, bei Campana & Schott knüpft an diese Aussage an, wenn er von der „zweiten Teams-Welle“ spricht, die sich gerade aufbaue. Nach Kollaboration­ und Kommunikation rücken demnach nun die Geschäftsprozesse in den Fokus, für die Teams zukünftig das zentrale User Interface werden kann. „Gerade in der Kombination geschäftskritischer Anwendungen und Frontline Worker sehen wir aktuell viel Bewegung im Markt und antizipieren einen hohen Bedarf“, so Ovcak.

Wertschöpfungsmöglichkeiten

Boris Ovcak, Director Social Collaboration, Campana & Schott
Boris Ovcak, Director Social Collaboration, Campana & Schott
(Bild: Campana & Schott)

In der Regel greift Viva bestehende Services auf und packt sie in eigene Apps, die über Teams im Microsoft 365 verfügbar sind. ­Eine Anwendung greift dabei in die andere, und auch Drittanbieter werden eingebunden. Für IT-Dienstleister ergeben sich hier zahlreiche Möglichkeiten, Beratung und Implementierungsarbeit – auch in Hinblick auf Schnittstellenarbeit – in bare Münze zu verwandeln. Die Viva-Arbeitsplattform wurde erst im Februar dieses Jahres vorgestellt. Entsprechend gering ist die aktuelle Marktdurchdringung und entsprechend groß das gegebene Marktpotenzial.

Marktdurchdringung

Die Verbreitung der Plattform Teams – die die Grundlage für Viva bildet – ist hingegen bereits in neue Höhen geschossen. In einem Interview mit dem Handelsblatt bestätigte Teams-Produktchef Jeff Teper im März dieses Jahres, dass die Anzahl der täglich aktiven Teams-Nutzer von 13 Millionen im Juni 2019 auf 115 Millionen im Oktober 2020 in die Höhe geschossen ist.

In dem Interview beschrieb Teper am Beispiel des Microsoft-Führungsteams, wie sich Kommunikation durch Kollaborationsplattormen (in dem Fall naturgemäß Microsoft 365) ändert, indem synchrone und asynchrone Kommunikation kombiniert wird: Erst setzen sich die Microsoft-Manager in einem Meeting zusammen und erstellen ein Brainstorming-Dokument. Anschließend schreibt jeder im Team seine Anmerkungen in das Dokument. Debattiert wird dann nur noch über die kontroversen Punkte.

Arbeitseffizienz durch Social Collaboration Tools

Was Teper hier anekdotisch beschreibt, wollen letztlich auch die Wirtschaftsinformatiker an der TU Darmstadt belegt haben, nämlich dass es einen positiven Zusammenhang zwischen Arbeitseffizienz und dem Einsatz von Social Collaboration Tools gibt (Grafik oben). Wer einen hohen Social-Collaboration-Reifegrad hat (also gut mit solchen Tools umgehen kann), profitiere stärker von diesem Effekt. Es ist anzunehmen, dass Microsoft-Chefs mit ­ihren Tools umgehen können.

Kommentar: Da ballt sich ganz schön viel Marktmacht zusammen

Man muss auf ein Microsoft-Betriebssystem zurückgreifen, um bestimmte Applikationen einsetzen zu können, die nur unter Windows laufen. Man hat die Bürosuite gebraucht, um problemlos mit gängigen Dateiformaten klar zu kommen. Man braucht Teams – und damit Microsoft 365 –, um ein Videokonferenzsystem vorzuhalten, das viele Kunden einsetzen.

Wenn Menschen kommunizieren, dann zunehmend über den Bildschirm.
Wenn Menschen kommunizieren, dann zunehmend über den Bildschirm.
(Bild: Yuan - stock.adobe.com)

Und da das System schon mal da ist (und by the way gut funktioniert), kann man gleich die komplette interne Kommunikation darüber laufen lassen.

Spätestens mit der Viva-Plattform kommt der nächste Schritt: Die Wissensbereitstellung und viele Arbeitsprozesse – vom Onboarding bis zum Arbeitszeit-Management – wandern in die Microsoft-Welt. Mit einer KI soll Viva praktisch alle für einen Geschäftsvorgang relevanten Inhalte zusammenkramen und dem Bildschirmarbeiter auf Knopfdruck liefern.

Da kommt ganz schön was zusammen, und der Netzwerkeffekt in der Plattformwirtschaft spielt kräftig rein. Andere Software-Hersteller können ihre Systeme und Apps per Schnittstelle einbinden, ohne mit dem großen Ganzen zu konkurrieren.

Börsenanalysten finden es super, wenn Marktdominanz von Konkurrenten immer schwerer angreifbar wird und sprechen wohlwollend vom „Burggrabeneffekt“. Aus Kundensicht wäre harte Konkurrenz aber begrüßenswert, denn sie führt zu besseren Preisen, Ideen und Produkten.

(ID:47362297)