Als Pinguine fliegen lernten Dick im Geschäft mit Open Source

Von Dr. Stefan Riedl 8 min Lesedauer

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Der Linux-Erfolg machte den Anfang. Längst hat die Open-Source-Gemeinde viele Claims abgesteckt und sich zu einer festen IT-­Größe gemausert. Hier spielt oft Knowhow ohne direkten Hersteller-Support eine Rolle, was IT-Dienstleister als Teil der Community zu nutzen wissen.

Der Linux-Pinguin „Tux“ steht sinnbildlich für Open Source, wenngleich es längst nicht mehr nur um Betriebssysteme geht.(Bild:  Midjourney / KI-generiert)
Der Linux-Pinguin „Tux“ steht sinnbildlich für Open Source, wenngleich es längst nicht mehr nur um Betriebssysteme geht.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)

Tux, der kultige Pinguin, ist das offizielle Maskottchen von Linux. Der Name kommt von „Torvalds UniX“ – eine kleine Hommage an Linus Torvalds, den Schöpfer des Linux-Kernels, und an Unix, dem System, auf dem Linux basiert. Torvalds faszinierten Pinguine, angeblich nachdem ihn einer im Zoo in die Hand gezwickt hatte.

Der Open-Source-Zoo

Open Source und Informationstechnologie sind untrennbar miteinander verbunden.(Bild:  Midjourney / KI-generiert)
Open Source und Informationstechnologie sind untrennbar miteinander verbunden.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)

Apropos: Zu einem regelrechten Zoo hat sich die Gilde der Open-Source-Maskottchen entwickelt, die in ihrer Fülle symbolisch für das umfangreiche Einsatzspektrum quelloffener Software steht. Da wären beispielsweise das Teufelchen „Beastie“ für das Netzwerkbetriebssystem „FreeBSD“, der Elefant „Slonik“ für die relationale Datenbank „PostgreSQL“ und der Kojote „Wilber“ für die Bildbearbeitung „Gimp“. Dann wären da noch der Papagei „Yorik“ für die Modellierungs-Software FreeCAD und der Delfin „Sakila“ für die Datenbank „MySQL“. Diese Auflistung ist nicht abschließend und könnte lange fortgesetzt werden, denn inzwischen findet sich praktisch für jede proprietäre Software ein quelloffenes Surrogat. Viele ohne Tier­bezug wie LibreOffice als Alternative zu kostenpflichtigen Office-Paketen.

Mannigfaltige Einsatzfelder

Der Elefant „Slonik“, der für die relationale Datenbank „PostgreSQL“ steht, ist sozusagen ein Kollege von Tux, dem Linux-Pinguin.(Bild:  Midjourney / KI-generiert)
Der Elefant „Slonik“, der für die relationale Datenbank „PostgreSQL“ steht, ist sozusagen ein Kollege von Tux, dem Linux-Pinguin.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)

Open Source ist in fast allen Bereichen der IT anzutreffen: In der Infrastruktur-Software ist es der absolute Dauerbrenner – von Betriebssystemen wie Linux bis zu Webservern wie Apache. Aber auch in der Cloud ist Open Source riesig, mit Plattformen wie OpenStack oder Kubernetes, die ganze Datenzentren antreiben. Unternehmen setzen Open Source ein, um Kosten zu sparen und flexibler zu bleiben, während Entwickler-Communities weltweit an neuen Lösungen tüfteln.

Sicherung von Netzwerken

Open Source spielt auch im Bereich Netzwerke und Datenbanken eine große Rolle. Netzwerkinfrastrukturen setzen immer mehr auf Open-Source-Lösungen wie Open vSwitch und pfSense für die Verwaltung und Sicherung von Netzwerken. In der Welt von Software-defined Networking (SDN) und Network Functions Virtualization (NFV) sind Projekte wie ONOS und Open­Daylight führend. Sie bieten flexible, skalierbare Netzwerk­lösungen, die sich ständig weiter­entwickeln.

Datenbanken und die Rolle der Community

Im Datenbankbereich sind Open-Source-Systeme wie MySQL, PostgreSQL oder ­MongoDB weit verbreitet. Sie werden von kleinen Startups bis zu großen Unternehmen genutzt, um große Datenmengen zu verwalten. Mit Open-Source-Datenbanken bekommen Nutzer leistungsstarke, kostenlose Alternativen zu kommerziellen Lösungen, die gleichzeitig anpassbar und Community-getrieben sind.

Hintergrund

Open Source ist ein Job für IT-Dienstleister

Das Geschäft mit Open-Source-Lösungen ist vor allem das Geschäft von IT-Dienstleistern, weil Open Source selten einfach „aus der Box“ mit Herstellersupport kommt. Klar, der Code ist frei verfügbar, aber wer sorgt dafür, dass alles reibungslos läuft, angepasst wird und sicher bleibt? IT-Dienstleister lassen sich dafür bezahlen, wenn keine Inhouse-IT den Job übernimmt. Sie verdienen ihr Geld damit, Open-Source-Software zu implementieren, zu warten und bei Problemen zu supporten. Auch für Updates, Sicherheitspatches oder Schulungen greifen sie häufig auf externe Dienstleister zurück. Support-Knowhow und Open-Source-Spezialwissen ist zudem von Fachkräftemangel geprägt.

Omnipräsente Quelloffenheit

Die ganze Welt spricht Open Source.(Bild:  fox - stock.adobe.com)
Die ganze Welt spricht Open Source.
(Bild: fox - stock.adobe.com)

Selbst im Bereich Künstliche Intelligenz und Machine Learning (siehe TensorFlow oder PyTorch) wird Open Source genutzt, um innovative Anwendungen zu schaffen. Aber auch für Alltagsprojekte, wie Content-Management-Systeme (WordPress) oder Bürosoftware (LibreOffice), ist Open Source nicht mehr wegzudenken. Egal ob Infrastruktur, Entwicklung oder Endnutzer­anwendungen – Open Source ist überall und zudem klassisches Dienstleistungsgeschäft, denn hier wird Knowhow in bare Münze verwandelt.

Business für Dienstleister

Zu jenen, die Kunden dabei helfen auf Linux-basierte Systeme oder Open-Source-­Lösungen zu migrieren, zählt Marco Gabriel, Geschäftsführer des Linux-Beratungsunternehmens Inett. Den Hauptunterschied zum klassischem IT-Dienstleistungs-Business mit proprietärer Software macht Gabriel an der Tatsache fest, dass viele Open-Source-Produkte frei verfügbar sind und keine Lizenzkosten für den Erwerb anfallen. Daher gibt es den Einnahmekanal, der Lizenzverkäufe für Systemhäuser nur bedingt. Berater und Systemhäuser profitieren vielmehr von einem höheren Dienstleistungsanteil. Je nach Business­modell des Herstellers kann und sollte das Systemhaus auch Subscriptions oder andere Services der Hersteller mit anbieten und mit verkaufen.

Schockwellen in der Software-Branche

Guido von Klitzing, Vice President Sales, Thomas Krenn(Bild:  Thomas Krenn)
Guido von Klitzing, Vice President Sales, Thomas Krenn
(Bild: Thomas Krenn)

Zu den Anfängen blickt Guido von Klitzing, Vice President Sales bei Thomas Krenn, zurück. Sein persönlicher Erstkontakt zu Open Source war in den 90er-Jahren, als Linux immer bekannter wurde. „Zu der Zeit war ich im technischen Vertrieb für Microsoft tätig und ich weiß noch, welche Schockwellen durch Microsoft gingen, als Linux begann sich stärker zu verbreiten“, so der Manager. Damals gab es nach seiner Erinnerung einige Presseartikel, die den baldigen Untergang von Microsoft und seinem Windows-­Imperium prophezeiten – was dann bekanntlich nicht passierte. „Tatsächlich hatte Linux als Herausforderer von Windows dann aber den Effekt, dass Microsoft noch sehr viel stärker in die weitere Entwicklung von Windows investiert hat – ganz nach dem alten Motto: Konkurrenz ist der beste Antreiber.“

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Das Mehraugen-Prinzip im Entwicklungsprozess und der offene Quelltext machen Open- Source-Lösungen oftmals sicherer und stabiler.

Guido von Klitzing, Vice President Sales bei Thomas Krenn

Das Momentum liegt bei Open Source

Die allermeisten Prophezeiungen, dass Hersteller proprietärer Software unter­gehen werden und durch Open-Source-­Lösungen ersetzt werden, haben sich bis heute bekanntlich nicht erfüllt und in vielen Marktsegmenten habe sich eher eine Koexistenz von proprietären und Open-Source-Lösungen etabliert, so von Klitzing, was seiner Meinung nach auf Jahre hinaus auch so bleiben wird. „Wobei“ – so die Einschränkung – „das Momentum für viele neue Softwaresysteme liegt heute sehr oft bei Open Source.“

Keine Entweder-oder-Frage

Dr. Martin Ludwig, Geschäftsführer, ima(Bild:  ima)
Dr. Martin Ludwig, Geschäftsführer, ima
(Bild: ima)

Jedoch ist Open Source im IT-Tagesgeschäft keine Entweder-Oder-Angelegenheit, sondern eine Frage des Abwägens und vor allem des Angebotes. So setzt Dr. Martin Ludwig, Chef bei Ima – Gesellschaft für Informationsmanagement, auf Serverseite bei Kunden, aus Gründen der Sicherheit und der Kosten, gerne Open-Source-Software ein. „Problematisch wird dies auf Client-Seite, sobald branchenspezifische Software ins Spiel kommt“, weiß der IT-Profi. „Buchhaltungs- und ERP-Systeme sind in Deutschland nur mit Klimm­zügen auf Open-Source-Basis umzusetzen.“

Bei Open-Source-Projekten, die vor allem durch eine Community getrieben sind, sind technische Informationen problemlos zu erhalten.

Dr. Martin Ludwig, Geschäftsführer bei Ima

Unabhängig, sicher und günstig

Die Hauptvorteile von Open Source sieht Ludwig vor allem in der Unabhängigkeit, erhöhter Sicherheit und der Kostenersparnis. Mit Unabhängigkeit ist gemeint, dass man als Kunde nicht den Kapriolen der Hersteller ausgeliefert ist. „Stichworte sind hier Broadcom/­VMware, Veeam.“ Unabhängigkeit sei aber in dem Sinne auch, dass man – das entsprechende Knowhow vorausgesetzt – Systeme selbst gestalten und Fehler beheben kann. Open-Source-Software sei zwar nicht grundsätzlich sicherer als Closed-Source-Software, so der Ima-­Geschäftsführer. „Aber Open-Source-Software, die von einer breiten Community getragen wird, wird auch von vielen Menschen betrachtet und geprüft. Da viele Menschen zusammenarbeiten, müssen auch entsprechende Programmierqualitätskriterien eingehalten werden. Sonst macht das Mitprogrammieren keine Freude und die Community bleibt klein.“ Daher sei Open-Source-Software mit breiter Community entsprechend vielfach geprüft und relativ sicher.

Die Sache mit den Update-Zyklen

David Johach, Geschäftsführer, Dajos IT Service(Bild:  Dajos IT Service)
David Johach, Geschäftsführer, Dajos IT Service
(Bild: Dajos IT Service)

Im Grunde genauso sieht es David Johach, Geschäftsführer, Dajos IT Service, der zusätzlich noch einen weiteren Aspekt ins Spiel bringt, nämlich den, dass die Update-Zyklen, insbesondere bei Sicherheitslücken, seiner Einschätzung nach, häufiger und auch flexibler sind. „Generell ist es von großem Vorteil, dass die Softwarequellen einsehbar sind, insbesondere was Sicherheitsaspekte betrifft.“ Auch sei man nicht auf das Wohlwollen einer bestimmten Firma und deren Zielsetzung angewiesen, sagt der IT-Dienstleister. Man habe stets die Möglichkeit, Alternativen einzusetzen, oder sogar das gewünschte Produkt zu forken beziehungsweise selbst weiterzuentwickeln.

Die Qualität der technischen Dokumentation ist oft besser und aktueller als bei proprietären Herstellern.

David Johach, Geschäftsführer bei Dajos IT Service

Vorurteil Informationsverfügbarkeit

Doch ist es schwieriger im Open-Source-Umfeld an Support-Leistungen sowie vertriebliche beziehungsweise technische Informationen für das Tagesgeschäft zu kommen? Aus der Sicht von Johach ist es lediglich ein gängiges Vorurteil, dass man beim Einsatz von Open-Source-Software keine Unterstützung erhält und auf sich gestellt ist. „Zum einen haben sich etliche Firmen gegründet, die herstellerunabhängigen Support für gängige Lösungen anbieten, zum anderen profitiert man vom Austausch und der offen einsehbaren Bug-Reports und Feature Requests“, berichtet der Open-Source-Profi aus der Praxis.

Qualität der technischen Dokumentation

Mit Open Source hat eine vielfältige Tierwelt-Symbolik Einzug in die IT gefunden.(Bild:  Midjourney / KI-generiert)
Mit Open Source hat eine vielfältige Tierwelt-Symbolik Einzug in die IT gefunden.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)

Zudem sei die Qualität der technischen Dokumentation oft besser und aktueller als bei proprietären Herstellern und wird nicht nur als „nice-to-have“ gesehen. Einen Aspekt möchte der IT-Dienstleister besonders hervorheben: die mit Open Source eingehende Demokratisierung des Wissens. „Mussten hierfür früher lange und teure Schulungen des Herstellers besucht und absolviert werden, ist im Bereich Open Source das meiste Wissen frei zugänglich.“

Zugriff auf Technik-Infos

Bei Nextcloud kennt man naturgemäß die Perspektive des Open-Source-­Herstellers. Das Unternehmen bietet unter anderem eine, auf einem OwnCloud-Fork basierende freie Software für das Speichern von Daten auf einem Server, die in PHP entwickelt wurde. Vermarktet wird die Software als „vollständig Open-Source-basierte, On-Premises Content Collaboration-Plattform“. Auch Frank Karlitschek, CEO von Nextcloud, sieht im Informationsaustausch im Open-Source-Umfeld keine Schwierigkeiten: „Im Gegenteil: der transparente Quellcode sowie der offene Austausch in der Open-Source-Community ermöglichen einen schnelleren Zugriff auf technische Informationen und Lösungen.“ Die interne Entwicklung von Nextcloud ist eng mit Plattformen wie GitHub verknüpft. Dadurch seien Fehlerbehebungen und Prozesse besonders transparent und werden der kritischen Prüfung tausender Coder unterzogen – eine transparentere und gründlichere Kontrolle gebe es nicht, ist Karlitschek überzeugt.

Defacto-Standard in der Entwicklung

Open Source macht unabhängig von proprietärer Software und Herstellerwillkür.(Bild:  profit_image - stock.adobe.com / [M] J Rath)
Open Source macht unabhängig von proprietärer Software und Herstellerwillkür.
(Bild: profit_image - stock.adobe.com / [M] J Rath)

Auch Netgo bietet verschiedene, eigene Open-Source-Software und zudem spielen quelloffene Produkte bei der Bereitstellung der hauseigenen Cloud- und Application-Development-Plattform eine große Rolle. „In der Software-Entwicklung sind viele Open Source Tools der Defacto-Standard“, sagt Philipp Mölders, VP Technology bei dem Unternehmen.

Abhängigkeiten veringern

Der öffentliche Sektor setzt verstärkt auf Open Source, berichtet Mölders. Und aktuell haben seiner Beobachtung nach die Begleitumstände der Übernahme von VMware durch Broadcom Open-Source-Projekte forciert. Als Beispiel nennt er Openstack zur Bereitstellung von Infrastructure as a Service (IaaS) Dies sei mehr in den Fokus vieler Cloud Provider und deren Kunden gerückt (siehe Kommentar).

Kommentar

Gemeinsam auf dem Schicksalsberg coden

„Bei echter Open Source hast du das Recht, dein eigenes Schicksal zu kontrollieren“, sagte Linux-Schöpfer Linus Torvalds einmal – und er hat recht! Quelloffene Software wird von einer Community entwickelt, die sich um Funktionalität und Freiheit schert, nicht um dicke Margen oder Profitmaximierung. Im Gegensatz zu proprietären Herstellern, die ihre Kunden an kostenpflichtige Features ketten, setzt Open Source auf Transparenz und Problemlösung. Keine versteckten Gebühren, keine Zwangs-Upgrades – nur der Code, offen für alle. Hier bestimmen nicht Vorstandsentscheidungen, sondern Schwarmintelligenz den Weg. Dahinter stehen echte Bedürfnisse und Ideen der Nutzer. Wenn ein Problem auftaucht, kann selbst Hand an den Code angelegt und dabei auf die Community gezählt werden. Open Source bedeutet Unabhängigkeit. In einer Welt voller Software-Lizenzfragen bleibt das ein erfrischender Gegenentwurf.

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