Public-Cloud-Anbieter mit lokalen Rechenzentrum im Vorteil Hyperscaler ziehen Profit aus der Covid-19-Krise

Autor: Elke Witmer-Goßner

Die Covid-19-Pandemie hat, neben dem allgemeinen Trend zur Digitalisierung, das Geschäft der Public-Cloud-Anbieter angefacht. Dabei sind deren Angebote aber nicht unbedingt ein Selbstläufer, wie der aktuelle „ISG Provider Lens Public Cloud“ feststellt.

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Künftig werden Unternehmen beim Wechsel in die Cloud ohne die Partneranbieter der Hyperscaler kaum auskommen.
Künftig werden Unternehmen beim Wechsel in die Cloud ohne die Partneranbieter der Hyperscaler kaum auskommen.
(Bild: © jamesteohart - stock.adobe.com)

Die Unternehmen in Deutschland erwarteten auch von globalen Public-Cloud-Anbietern die Datenhaltung und -verarbeitung in Rechenzentren vor Ort. Nichtsdestotrotz boomt der Public-Cloud-Markt laut jüngstem „ISG Provider Lens Public Cloud – Solutions & Services Report Germany 2020“ der Information Services Group (ISG). Viele Unternehmen suchten in diesen Tagen intensiv nach Partnern, die sie bei der Migration in die Cloud unterstützen.

Dabei seien grundlegende Fragen zu klären, sagt Heiko Henkes, Director & Prinicipal Analyst bei ISG. Unternehmen sollten gründlich analysieren, welche Anwendungen sich für den Umzug in die Cloud eignen würden und wie sie sich am besten migrieren lassen. Vor allem bei der Migration kämen die Unternehmen ohne die Partneranbieter der Hyperscaler kaum aus, glaubt Henkes, „etwa, um alte Großrechner-Applikationen mit dem notwendigen Know-how und geeigneten Werkzeugen cloud-fähig zu machen.“ Auch sei es in vielen Fällen nicht ratsam, die eigenen Anwendungen eins zu eins („Lift & Shift“) in die Cloud zu überführen.

Der von der ISG-Studie untersuchte Teilmarkt der „Hyperscale Infrastructure & Platform Services“ ist vor dem Hintergrund der Covid-19-Pandemie noch stärker gewachsen als zuvor schon. Dies betreffe sowohl Infrastructure-as-a-Service (IaaS) als auch Software-as-a-Service (SaaS). Dabei sei es den Kunden wichtig, Services aus nächster Nähe zu beziehen, denn neben regulatorischen Bestimmungen zum Ort der Datenhaltung spielten auch Latenz-Anforderungen eine Rolle. Zudem habe das jüngst erfolgte Ende des Datenschutzabkommens „Privacy Shield“ zwischen der EU und den USA die Forderung des Marktes nach Vor-Ort-Rechenzentren noch einmal zusätzlich unterstrichen.

Verteilte Cloud-Strukturen setzen sich durch

In Deutschland verfügen mittlerweile alle großen Cloud-Hyperscaler über eigene Rechenzentren, die sie entweder in Eigenregie oder über Colocation-Partner betreiben. Dies treffe laut Studie auch auf den von ISG als „Rising Star“ des Marktsegments eingestuften Provider IONOS cloud zu. Dessen gesamte Infrastruktur befinde sich in Deutschland. Die einfache, vergleichsweise wenig komplexe Cloud-Plattform biete ein breites Leistungsspektrum, sei zugleich jedoch weitgehend selbsterklärend und arbeite nicht mit Langfristverträgen. Damit richte sich der Anbieter vor allem an mittelständische Unternehmen, die bei IONOS cloud alle Leistungen zudem durchgängig auf Deutsch erhalten.

Im „Leader“-Quadranten des Marktsegments „Hyperscale Infrastructure & Platform Services“ konnten sich sechs Anbieter positionieren.
Im „Leader“-Quadranten des Marktsegments „Hyperscale Infrastructure & Platform Services“ konnten sich sechs Anbieter positionieren.
(Bild: ISG)

Mit Blick auf die Zukunft geht ISG davon aus, dass im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung das Speichern und die Strukturierung großer Datenmengen immer wichtiger werden. „Auch die großen Hyperscaler werden langfristig nicht mehr nur auf die Verfügbarkeit großer Rechenzentren zählen können“, sagt ISG-Analyst Henkes. „Sie entwickeln immer häufiger Technologien, um hybride Cloud-Lösungen zu ermöglichen und Kunden dabei zu unterstützen, lokale Appliances auf Basis von globalen Public-Cloud-Standards zu betreiben. Dieser Trend hin zur ‚verteilten Cloud‘ lässt sich bei den Anbietern am Markt bereits beobachten.“

Was sich in den einzelnen Marktsegmenten tut

Der „ISG Provider Lens Public Cloud – Solutions & Services Report Germany 2020“ bewertet die Leistungen von 101 Anbietern in acht Marktsegmenten (Quadranten): Neben „Hyperscale Infrastructure & Platform Services” sind dies „Consulting & Transformational Services (Großunternehmen)”, „Consulting & Transformational Services (Mittelstand)”, „Governance, Risk & Compliance Services”, „Managed Public Cloud Services (Großunternehmen)”, „Managed Public Cloud Services (Mittelstand)”, „Secure Enterprise Filesharing Services” und „SAP HANA Infrastructure Services”.

Consulting & Transformational Services: Beratungshäuser im Cloud-Umfeld müssen jetzt die mit der Cloud verbundene Transformation zum datenzentrischen Unternehmen begleiten und durch ein entsprechendes Change Management absichern. Bei der eigentlichen Cloud-Migration seien die Serviceanbieter lzudem beim Re-Engineering oftmals proprietärer oder monolithischer Altanwendungen gefragt. Begehrt seien dabei vor allem die rar gesäten Middleware- und Developer-Experten. Absolut im Trend: das Aufbrechen von Mainframe-Applikationen beziehungsweise die Migration von SAP auf Amazon Web Services, Microsoft Azure oder Google Cloud Platform.

Governance, Risk & Compliance Services: Datenschutzbedenken bremsen nicht mehr die Einführung von Cloud-Services im deutschen Markt. Stattdessen werden jene Service-Provider, welche die technische Implementierung durchführen, auch mit Beratungsleistungen rund um die technische Sicherstellung der Compliance für diese Cloud-Services beauftragt. Auditierungen und Zertifizierungen sind Aufgabe der großen Unternehmensberatungen, die gerade bei Risiko-Evaluierung, -Bewertung und -Minderung aufgerüstet hätten. Neben umfangreichen Frameworks zur Regelkonformität setzen die Berater auch auf automatisierte Tools und implementierte künstlicher Intelligenz.

Managed Public Cloud Services: Bei der Auslagerung von Public Cloud Services als Managed Services verfügten die führenden Anbieter in der Regel über Cloud-Management-Plattformen, um Kostenoptimierung und Automation bei den Kunden zu erreichen. Hyperscaler würden zudem dedizierten Managed Service Providern Akkreditierungen im Rahmen ihrer Partnerprogramme anbieten. Viele dieser Managed Service-Engagements würden auch Migrationen von Applikationen beinhalten, um diese initial zu optimieren beziehungsweise zu standardisieren.

Secure Enterprise Filesharing Services: In diesem Spezialmarkt befinden sich Anbieter, die wichtige Dokumente und Prozesse statt auf lokalen Computern oder einem Intranet in geografisch verteilten Server-Clustern speichern. Die Daten werden zentral im Rechenzentrum des Cloud-Anbieters gespeichert und können von überall mit jedem Endgerät via Browser oder Login-Bildschirm abgerufen werden. Eine Reihe der Anbieter dieses Marktes komme aus Deutschland. Sie würden garantieren, dass die hochsensiblen Daten hierzulande verarbeitet und gehostet werden und das Land nicht verlassen.

SAP HANA Infrastructure Services: SAP ermutige seine Kunden mittlerweile, ihre SAP-Anwendungen aus den eigenen Rechenzentren in die Public Cloud zu verlagern. Die darauf spezialisierten As-a-Service-Anbieter profilieren sich vor allem durch Analyseverarbeitung in Echtzeit, eine hohe Flexibilität in der Skalierbarkeit zu jeder Zeit, die Nutzung bestehender Anwendungen und die Auswahl aus einer Fülle von vorkonfektionierten Anwendungen. Der Markt vergrößere sich weiterhin fortlaufend, darunter zahlreiche Vor-Ort-Anbieter aus Deutschland, einem der größten SAP-Anwendermärkte weltweit.

Leader und aufgehende Sterne

Der ISG-Anbietervergleich nennt IBM und T-Systems in vier Marktsegmenten als „Leader“ sowie Cancom und Microsoft in jeweils drei Quadranten. Accenture, Arvato Systems, Atos, AWS, Capgemini, Deutsche Telekom, DXC Technology und Google werden in zwei Quadranten als „Leader“ bewertet. All for One Group, Axians, Box, Brainloop, BTC, Citrix, Claranet, Computacenter, d.velop, Deloitte, doubleSlash, Dracoon, Dropbox, EY, KPMG, NTT Data, PlusServer, PwC, Rackspace Technology, Red Hat, Reply und Wipro werden in jeweils einem Marktsegment als „Leader“ genannt. Zudem werden Claranet, Infosys, IONOS cloud, ownCloud und Rackspace Technology in jeweils einem Quadranten als „Rising Stars“ bezeichnet – nach ISG-Definition Unternehmen mit „vielversprechendem Portfolio“ und „hohem Zukunftspotenzial“.

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Über den Autor

 Elke Witmer-Goßner

Elke Witmer-Goßner

Redakteurin, CloudComputing-Insider.de