Channel Fokus: Smart Home Nachhaltigkeit im Smart Home kommt an

Autor: Heidi Schuster

Das Geschäft mit dem smarten Zuhause nimmt immer mehr an Fahrt auf. Gerade der Trend zur Nachhaltigkeit bringt neues Potenzial mit. Der ITK-Fachhandel hält sich aber oft zurück mit dem Verkauf und der Implementierung der cleveren Lösungen.

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Smartes Energie-Management im Zuhause hilft beim Ressourcensparen und damit auch beim Geldsparen.
Smartes Energie-Management im Zuhause hilft beim Ressourcensparen und damit auch beim Geldsparen.
(Bild: sommart - stock.adobe.com)

Langsam erholt sich das Land von der Corona-Schockstarre, und den Menschen kommt wieder in Erinnerung, was vor der Pandemie wichtig war. So dominierte beispielsweise Greta Thunberg damals mit ihrer strikten Klimapolitik die Medien. Strohhalme waren verpönt, Plastik im Allgemeinen ein No-Go. Mit Corona schien das alles unwichtig zu werden. Um steril und ansteckungsfrei durchs Leben zu kommen, wurde alles Mögliche einzeln in Plastik verpackt. Jetzt aber haben sich mehr oder weniger alle an die Situation gewöhnt, dank Impfungen sinken die Infektionszahlen und der Umweltgedanke ist wieder da. Nachhaltigkeit ist das neue Trendwort.

Immer mehr Unternehmen kündigen in den Medien an, ihren ökologischen Fußabdruck grüner werden zu lassen. Nicht zuletzt wegen des „European Green Deal“, bei dem es das Ziel ist, bis 2050 in der Europäischen Union die Netto-Emissionen von Treibhausgasen auf null zu reduzieren und somit als erster Kontinent klimaneutral zu werden.

Dadurch fühlen sich auch viele Privatleute getriggert und wollen ihre Ökobilanz ebenfalls verbessern. Das fängt beim plastikfreien Einkaufen an und macht auch vor dem liebstem Vorzeigeobjekt der Deutschen keinen Halt – dem Auto. Dank eines attraktiven Umweltbonus von bis zu 9.000 Euro für Elektroautos ist hier die Nachfrage so hoch wie nie. Und wenn schon das Offensichtliche umweltfreundlicher wird, muss auch hinter der Haustüre etwas passieren. Damit schlägt man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Ressourcen sparen heißt oftmals auch Geld sparen.

Und so ist es dazu gekommen, dass das traute Heim smart werden muss. Und dabei bitte so bequem und unauffällig wie möglich. Das zeigt auch eine Umfrage von Splendid Research, in der 42 Prozent der rund 1.500 Befragten sagen, dass Sie Smart-Home-Technologien nutzen wollen, um Heiz- und Stromkosten zu sparen. Für 23 Prozent ist der Haupttreiber ein Beitrag zum Umweltschutz.

Ein Smart Home soll in erster Linie den Komfort in den eigenen vier Wänden erhöhen, was auch 72 Prozent von Anwendern in einer Bitkom-Umfrage angegeben haben.
Ein Smart Home soll in erster Linie den Komfort in den eigenen vier Wänden erhöhen, was auch 72 Prozent von Anwendern in einer Bitkom-Umfrage angegeben haben.
(Bild: Statista/Bitkom)

Möglich machen das beispielsweise intelligente Zwischenstecker für Steckdosen, die per App oder Schalter vom Strom genommen werden können. Aus der Ferne könne zudem Heizungsthermostate gesteuert oder so programmiert werden, dass die Heizung nachts oder beim Verlassen der Wohnung die Temperatur absenkt. Hinzu kommen Rolladensteuerungen, die außentemparaturabhängig die Räume verdunkeln und so besonders im Sommer hilfreich sein können. Die Möglichkeiten sind hier mittlerweile fast unbegrenzt. Erwähnenswert ist beispielsweise auch die Programmierung von Wasch- oder Spülmaschinen, damit diese erst dann ihren Dienst verrichten, wenn es günstigen Nachtstrom gibt oder die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach ausreichend Strom produziert.

Energie-Management nimmt allerdings richtig an Fahrt auf. Bereits mehr als die Hälfte der befragten Smart-Home-Anwender verfolgen die Energieeffizienz mit den cleveren Installationen.
Energie-Management nimmt allerdings richtig an Fahrt auf. Bereits mehr als die Hälfte der befragten Smart-Home-Anwender verfolgen die Energieeffizienz mit den cleveren Installationen.
(Bild: Statista)

Umsatzpotenzial liegt brach

Wie groß das Smart-Home-Potenzial für den ITK-Fachhandel ist, zeigen Zahlen von Statista: Für das laufende Jahr prognostizieren die Marktforscher eine Umsatzhöhe von rund 6,1 Milliarden Euro in Deutschland. 2025 soll der Umsatz bei 9,6 Milliarden liegen.

Auch dem Energie-Management wird Wachstum prognostiziert. Laut Statista gab es 2020 nur 3,6 Millionen Nutzer (616 Millionen Euro Umsatz) von smarten Energie-Management-Geräten. In diesem Jahr sollen es dann bereits 4,8 Millionen (760 Millionen Euro Umsatz) Nutzer sein, und für 2025 rechnen die Marktforscher mit 15,3 Millionen (1,2 Milliarden Umsatz) in Deutschland.

Weltweit soll laut Prognose im Jahr 2025 ein Marktvolumen von 12,5 Milliarden erreicht sein. Dies entspricht einem erwarteten jährlichen Umsatzwachstum von 15,23 Prozent.

Und dann hört man viel zu häufig aus Fachhandelskreisen, dass sich mit Smart Home kein oder nur wenig Geld verdienen lässt. Es gibt nach wie vor keinen Standard, was Funkprotokolle und Frequenzen betrifft. Das mache die Sache kompliziert, ist oft die Argumentation in Gesprächen über Smart Home. Hinzu kommt, dass – wie so oft – die Deutschen mit der IT-Sicherheit und der Komplexität solcher Produkte hadern. Laut dem Smart Home Monitor von Splendid Research machen sich 45 Prozent Sorgen um die Privatsphäre, und 34 Prozent haben Angst vor Hacker-Angriffen. Aber genau hier hat der ITK-Fachhandel die Chance, Licht ins Dunkel zu bringen, indem er beratend zur Seite steht und dafür sorgt, dass die Geräte sicher vernetzt sind. Aber warum tut sich der ITK-Fachhandel so schwer beim Verkauf von Smart-Home-Produkten? Günther Ohland, Vorstandsvorsitzender der Smart Home Initiative Deutschland e.V., hat dazu eine Antwort: „Smart Home ist ein erklärungsbedürftiges Produkt. Zu erklären ist immer noch zuallererst der Nutzen und dann die Interoperabilität der Produkte. Viele Kunden wollen eine individuell zusammengestellte Technik zur Lösung ihrer Aufgabenstellung. Um dies zu leisten, muss der IT-Fachhandel in Ausbildung investieren, und das hat er für Smart Home bisher nicht getan.“

Der Interview-Partner

Günther Ohland

Günther Ohland

Vorstandsvorsitzender
Smart Home Initiative Deutschland e.V.

Bildquelle: Smart Home Initiative Deutschland e.V.

Andere machen vor, wie es geht

Denn, dass das Geschäft mit dem smarten Zuhause Potenzial hat, beweist die Online-Plattform tink.de. Schön am Fachhandel vorbei hat sich hier seit 2016 ein Startup etabliert, das sich auf Smart-Home-Geräte und -Software spezialisiert hat. Vom Router bis zum Blutdruckmessgerät bündelt das Unternehmen alles, was ein smartes Zuhause haben kann. Herstellerübergreifend. Und braucht der Kunde Beratung, Hilfe bei der Implementierung oder sonst etwas, findet er es auf der Website von tink oder in den Showrooms in Berlin und Hamburg. Auf Youtube gibt’s zudem Videos mit Tipps und Tricks sowie Tests von neuen Produkten.

Hinzu kommt die Zusammenarbeit mit der Versicherungsgesellschaft Generali. So kann bei tink auf monatlicher Basis beispielsweise das smarte Türschloss von Nuki gemeinsam mit einer passenden Schlüsseldienst-Versicherung der Europ Assistance, dem Assistance-Dienstleister der Generali, gemietet werden. Weitere Beispiele sind smarte Thermostate mit einer Heizungsausfall-Versicherung oder smarte Alarmanlagen mit einem Sicherheitsdienst. Auch mit dem Energieversorger Vattenfall zusammen vermarktet tink smarte Heizungsanlagen im Paket mit einem entsprechenden Gastarif. 2020 hatte das Unternehmen einen Umsatz von 66 Millionen erreicht, für das laufende Jahr rechnen sie mit über 100 Millionen. Allerdings nicht allein in Deutschland, denn die Berliner sind in mehreren europäischen Ländern tätig. Natürlich gibt es weitere Expansionspläne!

Chancen jetzt ergreifen

Hat der deutsche ITK-Fachhandel den Einstieg ins Smart-Home-Geschäft etwa bereits verschlafen? „Smart Home ist eigentlich zu 80 Prozent ITK und nur zu 20 Prozent Elektroinstallation, Sanitär, Security und Telemedizin. Die ITK-Branche hat den Smart-Home-Trend lange nicht wahrnehmen wollen und die Produkte bei den Elektrikern gesehen. Das rächt sich jetzt. Die meisten Hersteller setzen neben dem Fachhandwerker auf Do it yourself (DIY) und haben ihre Produkte und Lösungen entsprechen gestaltet“, erklärt Ohland.

Das klingt schon fast, als gäbe es in diesem Business keinen Platz mehr für ITK-ler. Aber dem setzt Ohland entgegen: „Smart Home besteht aus den Säulen Komfort beziehungsweise Zuhause leben im Alter, Energieeffizienz und Sicherheit. Das größte Potenzial hat die Nachrüstung von Wohnungen für das Leben im Alter. Smarte Assistenten helfen, dass Senioren länger in der vertrauten Wohnumgebung bleiben können. Wohnungsbaugenossenschaften suchen deshalb Partner für die schutzarme Umrüstung im Bestand und die individuelle Anpassung an die Bedürfnisse der Mieter.“

Andrea Fiedler-Braunschweig, Pressesprecherin Komsa-Gruppe
Wenn es nicht nur um den Kauf eines einzelnen smarten Geräts geht, sondern um ganzheitliche Lösungen, ist und bleibt Smart Home ein komplexes und erklärungsbedürftiges Thema. Damit ist es definitiv ein Thema für den stationären Handel, für die Händler aber eben auch aufwändig in der Vermarktung. Viele unserer Handelspartner, die im Smart-Home-Geschäft aktiv sind, lösen dies über lokale Kooperationen, indem sie sich beispielsweise für Lösungen rund ums Energie- Management mit Elektrofachhändlern zusammenschließen.

Bildquelle: Komsa

Weniger gut eignet sich dem Smart-Home-Experten zufolge der Einstieg in das Geschäft mit physischer Sicherheit und Einbruchschutz, da die Einbruchzahlen seit Jahren rückläufig sind. Aber: „Energie ist und bleibt spannend“, so Ohland. „Schon heute gibt es Smart-Home-Zentralen, die die Eigenerzeugung von Strom per Wind, Solar oder Biogas mit dem Eigenverbrauch koordinieren. Ziel ist es, möglich wenig Strom aus dem öffentlichen Netz zu kaufen und wenig an das Netz zu verkaufen. Dazu werden gemäß der Prioritätenlisten große Verbraucher zu- oder abgeschaltet: Warmwasserbereiter, Speicher, E-Mobil, Tiefkühlschrank, et cetera. Das ist alles schon technische Realität und wird von Fertighausherstellern angeboten. Allerdings ist dies nicht mehr DIY, sondern Sache des Fachhandwerks. Da müssen Elektroinstallation und IT aus einem Guss kommen.“

Rainer Büter, Leiter BU Home Communication bei Eno
Im Bereich Energie-Management kann man durch den konsequenten Einsatz von Smart-Home-Produkten Kosten sparen und die Umwelt schützen. Durch die smarten Anwendungen in modernen Heizungssystemen ist der Bereich der Nachrüstung kleiner geworden. Allerdings ergeben sich gerade in Zeiten von Corona kreative Lösungsansätze, um das Thema Energiesparen, Nachhaltigkeit und Gesundheit in Einklang zu bringen, zum Beispiel durch automatisiertes Lüften in Abhängigkeit von der Luftqualität bei gleichzeitiger Abschaltung der Heizung während des Lüftungsvorgangs. Die konkreten Lösungen sind das Potenzial des Händlers.

Bildquelle: Eno

Und die Gunst der Stunde ist gut, sich als Smart-Home-Experte jetzt noch im Markt breit zu machen. Denn die Pandemie befeuert den Markt zusätzlich, wie auch Ohland bestätigt: „Viele Leute haben erst in ‚Homeoffice-Zeiten‘ gemerkt, was es zuhause noch zu verbessern gibt. Neben der IT-Infrastruktur wurden Smart-Home-Lösungen beschafft – allerdings meist im Internet bestellt und selbst installiert. Die Geschäfte waren zu und inzwischen bieten einige Online-Händler gute Beratungs-Tools an. Unsere Verbandsmitglieder konnten ihren Umsatz teils verdoppeln.“

Zwar sind jetzt sie Auftragsbücher der ITK-Händler auch ohne das Angebot von Smart-Home-Lösungen noch voll, aber wer weiß, wie lange das nach dem enormen Auftragsschub der Pandemie noch anhält? Ein neues Standbein kann hier nicht schaden, und meist ist das Verlangen nach mehr cleveren Produkten beim Endkunden hoch, wenn erstmal eine Lösung im trauten Heim implementiert ist. Und, dass Smart Home auch für den ITK-Fachhandel wichtiger wird, zeigt das IT-BUSINESS Panel. 2020 nannten nur zwei Prozent dieses Segment als sehr wichtigen Geschäftszweig, in diesem Jahr sind es 22 Prozent.

IT-Sicherheit: ein rechtliches Grauen

Die Angst der Anwender vor Hackerangriffen stellt eine sehr große Herausforderung für den Verkauf von Smart-Home-Produkten dar – und das zu Recht! Immer wieder gibt es Meldungen von Sicherheitslücken durch fehlerhaft programmierte oder leicht zu hackende Software. Entstehen Schäden, bleiben Verbraucher oft auf diesen sitzen. Um diese Last dem Verbraucher zu nehmen, fordert die Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) eine Produkthaftungsreform. Die vzbv findet, dass der Verbraucherschutz auch für smarte Produkte gelten muss und das über 30 Jahre alte Produkthaftungsrecht in der Europäischen Union dringend der Überarbeitung bedarf. „Der Anwendungsbereich des Produkthaftungsrechts muss künftig auch Software umfassen, unabhängig von der Frage, ob sie in ein körperliches Produkt integriert ist oder nicht“, so Jutta Gurkmann, Leiterin des Geschäftsbereichs Verbraucherpolitik beim vzbv.
Zudem fordert die vzbv eine Anpassung des Fehlerbegriffs. Laut geltendem Recht haftet der Hersteller nicht für Fehler, die er beim Inverkehrbringen des Produktes nicht kennen konnte. Dies berücksichtigt jedoch nicht, dass Hersteller vernetzter Produkte nach dem Inverkehrbringen die Pflicht haben, gefährliche Schwachstellen auch im Nachgang zu beheben. Weitere Forderungen sind die Umkehr der Beweislast, die Erweiterung des Schadensbegriffes auf immaterielle Schäden sowie die kollektive Haftung aller an der Bereitstellung des Produktes Beteiligter.

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Über den Autor

 Heidi Schuster

Heidi Schuster

Redakteurin, Online CvD, Vogel IT-Medien