Serie: Alternative Cloud-Anbieter (Teil 10) Drei halten die Gaia-X-Fahne hoch

Von Dr. Dietmar Müller

In Deutschland gab es vergangenes Jahr einen Hype um das europäische Datenprojekt Gaia-X. Kritikern zufolge kommt es nur schwer in die Gänge. Plusserver, T-Systems und Leaseweb halten aber an den Zielen von Gaia-X fest.

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Das europäische Dateninfrastrukturprojekt Gaia-X hat hehre Ziele, doch das dauert auch. Drei deutsche Anbieter, die im Projekt engagiert sind, sind schon einen Schritt weiter.
Das europäische Dateninfrastrukturprojekt Gaia-X hat hehre Ziele, doch das dauert auch. Drei deutsche Anbieter, die im Projekt engagiert sind, sind schon einen Schritt weiter.
(Bild: © jijomathai - stock.adobe.com)

Gaia-X schwächelt. Eine Reihe äußerst kritischer Wortmeldungen haben Ende vergangenen Jahres Zweifel am europäischen Projekt für eine „eigene“ Cloud gesät. Dessen ungeachtet wurde vor Weihnachten auf dem zweiten Gaia-X-Summit zum Angriff geblasen und die Losung wiederholt, dass man in fünf Jahren den weltweiten Markt aufrollen werde.

In Deutschland haben sich eine ganze Reihe von Unternehmen schwer in Sachen Gaia-X engagiert, allen voran Plusserver, das ein Gründungsmitglied der Gaia-X Association ist. Ebenfalls Gründungsmitglied ist T-Systems. Wir sprachen mit Maximilian Ahrens, Chief Technology Officer von T-Systems, sowie Alexander Wallner, CEO von Plusserver, wie sie ihr weiteres Engagement gestalten wollen. Ebenfalls mit an Bord von Gaia-X ist Leaseweb, mit dessen deutschem Geschäftsführer Marcus Busch wir uns zum selben Thema unterhalten haben.

Plusserver will den Souveränitätsgedanken umsetzen

Der Kölner Provider Plusserver bietet mit „pluscloud open“ „ein Gaia-X-kompatibles Public-Cloud-Angebot, das vollständig auf dem Sovereign Cloud Stack (SCS) basiert“. Der SCS ist eine Art Cloud-Betriebssystem, das komplett Open Source ist.

Alexander Wallner, seit Juli 2021 CEO der Plusserver-Gruppe.
Alexander Wallner, seit Juli 2021 CEO der Plusserver-Gruppe.
(Bild: Plusserver)

„Plusserver bedient ein breites Spektrum an Branchen und steht dem Mittelstand sowie Großunternehmen als souveräner Partner zur Seite“, so Alexander Wallner, CEO von Plusserver. „Zu unseren Kunden zählen Unternehmen wie Henkel, Krones, CargoLine oder Comdirect. Aber auch öffentliche Auftraggeber vertrauen unserer Expertise und unlängst waren unsere Lösungen ein wesentlicher Bestandteil eines datensouveränen Cloud-Angebots, mit dem Bechtle eine Ausschreibung der Dataport für behördliche Einrichtungen für sich entscheiden konnte.

Das Angebot von Plusserver fußt auf einer Kombination aus vier Rechenzentren mit Sitz in Deutschland und seinem Cloud-native-Angebot. Seit Ende vergangenen Jahres wird es auch vom Systemhaus Bechtle vertrieben. „Kunden, die speziell wegen Gaia-X auf uns zukommen, tun dies aus zwei Gründen. Zum einen haben sie erkannt, dass die Themen Datenschutz und Datensouveränität einen immer wichtigeren Stellenwert bekommen. Zum anderen ist es die Tatsache, dass wir nicht nur von Anfang an dabei sind, sondern uns dediziert um die Erfüllung der Wertversprechen von Gaia-X bemühen: Neben den Standards, die Gaia-X setzen will, ist das vor allem die praktische Umsetzung des Souveränitätsgedankens. Unternehmen wollen selbst entscheiden, wo ihre Daten liegen, wohin sie fließen und wer darauf Zugriff hat“, so Wallner gegenüber CloudComputing-Insider. „Aus diesem Grund arbeiten wir aktiv an der Entwicklung des Souvereign Cloud Stack (SCS) mit, um ein europäisches Open Source Cloud Technology Framework zu erschaffen. Das ist maßgeblich entscheidend für eine unabhängige Cloud-Infrastruktur und damit für die Etablierung digitaler Souveränität.“

Das konkrete Ergebnis daraus sei die datensouveräne Cloud „pluscloud open“. Services, die darauf betrieben werden, müssten nicht nachträglich Gaia-X-kompatibel gemacht werden, sondern seien es „by design“. „Die pluscloud open ist damit eine der ersten Gaia-X-kompatiblen Cloud-Lösungen überhaupt. Unternehmen können so ihre Digitalisierung in der Cloud weiter vorantreiben und gleichzeitig digital souverän bleiben“, sagt Wallner.

Der Geschäftsführer erläutert seinen Standpunkt eingehender: „Unabhängig davon, wie Unternehmen zu Gaia-X stehen, sie alle müssen sich mit den Implikationen der Initiative auseinandersetzen, allen voran mit dem Thema Daten-Souveränität. Die Cloud-Technologie ist ein maßgeblicher Wirtschaftstreiber und ein Garant für die Flexibilität und Skalierbarkeit, die moderne Unternehmen und immer mehr auch der öffentliche Sektor leisten müssen. Nicht nur öffentliche Stellen, sondern auch alle anderen Marktteilnehmer können es sich bei ihrer Cloud-Strategie nicht leisten, sich von der Produktpolitik weniger großer Anbieter abhängig zu machen. Auch deshalb wird das Thema Open Source immer wichtiger. Es geht nicht mehr primär darum, Kosten zu sparen, sondern darum, eigenständig und unabhängig zu sein und konkret zu wissen, wo die eigenen Daten liegen.“

T-Systems: Die Nachfrage nach Gaia-X-Kompatibilität ist groß

Wer geglaubt hat, dass T-Systems Gaia-X-müde geworden sei, was vielerorts kolportiert worden war, sah sich mit einer Mitteilung zu Anfang dieses Jahres eines Besseren belehrt: Maximilian Ahrens, Chief Technology Officer von T-Systems, war zum Vorsitzenden des Board of Directors der Initiative gewählt worden. Er erklärte, er wolle „die weitere Entwicklung der Gaia-X-Dienste und die Struktur der Organisation maßgeblich mitgestalten.“ Im vergangenen Jahr gab er als Begründung für sein Engagement bei Gaia-X an, dass das Projekt T-Systems „schneller macht“, weil zertifizierte Gaia-X-Services immer compliance- und gesetzeskonform seien. „Statt Dienste einzeln prüfen und bewerten zu müssen, nimmt Gaia-X uns diese Arbeit ab“, so Ahrens. Und: „Gaia-X lässt uns wachsen!“

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Maximilian Ahrens, Chief Technology Officer von T-Systems.
Maximilian Ahrens, Chief Technology Officer von T-Systems.
(Bild: T-Systems)

Wie sieht dieses Wachstum aus? „Wir bieten allen unseren Kunden heute schon Dienstleistungen, Produkte und Beratung, die sich auf die Gaia-X-Standards beziehen. Wie zum Beispiel die T-Systems Sovereign Cloud in Zusammenarbeit mit Google oder unsere Open Telekom Cloud. Wir sind ein in Europa betriebener, DSGVO-konformer Cloud-Dienstleister, der als Gründungsmitglied im Gaia-X-Projekt mitwirkt und daher Grundvoraussetzungen für Gaia-X-Konformität mitbringt“, so Ahrens gegenüber CloudComputing-Insider. „Die Nachfrage nach Gaia-X-Kompatibilität und der Unterstützung unserer Kunden auf ihrem Weg zu Gaia-X ist groß. Wir erleben gerade in Bereichen, in denen unsere Kunden bisher vor einer Digitalisierung noch Bedenken hatten, ein reges Interesse.“

Gaia-X zielt darauf ab, eine vertrauenswürdige, souveräne digitale Infrastruktur für Europa zu bauen. Wie kann das gehen? „In den jeweiligen Dataspaces werden unterschiedliche Ansätze und Lösungen unter der Beachtung der Gaia-X-Prämissen erarbeitet. Gerade auch die Möglichkeiten in den branchenspezifischen Dataspaces interessiert viele unserer Kunden. Ein Beispiel davon ist Catena-X in der Automobilbranche. Hier sind wir nicht nur als Mitglied an der Erarbeitung der Standards beteiligt, sondern versorgen auch anderen Catena-X Mitgliedern mit Services, die ‚Gaia-X ready‘ sind“, erläutert Ahrens.

Aber was bietet T-Systems den Kunden, die „Gaia-X-Kompatibilität“ einfordern, konkret? „Eine Gaia-X-Kompatibilität per se gibt es Stand heute noch nicht“, so Ahrens. „Wir arbeiten mit vielen anderen Mitgliedsunternehmen im Rahmen der Gaia-X-Association aktuell an der Ausgestaltung der genauen Kriterien einer Kompatibilität. Klar ist, dass es um Souveränität, Transparenz, Einhaltung des Datenschutzes und der Umsetzung einer Wertschöpfung rund um Daten geht. Dies soll mit sogenannten Gaia-X-Labels greifbarer machen, in etwa wie der Stempel auf dem Ei.“

Potenzielle Neukunden finden in T-Systems zunächst einen „sehr guten Gesprächspartner für jegliche Themen rund um Gaia-X. Wir haben unsere Produkte und Dienstleistungen nach diesen Werten ausgerichtet bzw. erweitert“, so der CTO. „Aus unseren in Europa gehosteten Rechenzentren bieten unsere „Gaia-X ready“ Services Transparenz und Klarheit in Bezug auf Datenschutz und Compliance. Zusammen mit unseren Partnern im Gaia-X-Projekt bauen wir einen vertrauten Rahmen für sicheren Datenaustausch – nach europäischen Werten.“

eBook

Mehr digitale Souveränität mit GAIA-X

eBook Digitale Souveränität
(Bildquelle: CloudComputing-Insider)

Seit Jahren fordern europäische Politiker und Wirtschaftskapitäne mehr digitale Souveränität für die EU und ihre Mitgliedsstaaten – das Gaia-X-Projekt soll diese liefern. Vereinfacht geht es dabei um die Frage nach der Oberhoheit der Daten:
# Was ist das Projekt GAIA-X?
# Was dürfen deutsche Mittelständler dabei hoffen?
# Wem gehören die Daten und wer darf sie nutzen?

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Leaseweb bietet volle Kontrolle über alle Standorte

Leaseweb ist vor 25 Jahren in den Niederlanden gestartet und verfügt seit über zehn Jahren neben verschieden anderen Ländern auch über eine Niederlassung in Deutschland. Der B2B-Experte für Hosting und Cloud mit weltweit 18.000 Kunden bietet seit 1997 Infrastruktur für geschäftskritische Websites, Internetanwendungen, E-Mail-Server sowie Sicherheits- und Speicherdienste. Das Unternehmen betreibt 26 Rechenzentren weltweit, die von einem Netzwerk mit einer Bandbreitenkapazität von mehr als 10 Tbit/s unterstützt werden.

Seit Oktober vergangenen Jahres wird Leaseweb als offizielles Mitglied von Gaia-X AISBL gelistet. Leaseweb engagiert sich für die Entwicklung und Einführung der neuen Gaia-X-Prinzipien und hat drei Senior Executives mit unterschiedlichen Kompetenzen damit beauftragt, an wichtigen Fragestellungen der Gaia-X-Arbeitsgruppen mitzuwirken. Marcus Busch, Geschäftsführer von Leaseweb Deutschland, ist einer davon. Er berichtet gegenüber CloudComputing-Insider, dass sein Unternehmen seit Beginn der Gaia-X-Initiative vor fast zwei Jahren ein sehr starkes Interesse an den Themen „Europäische Datensouveränität“ und „DSGVO/GDPR-Compliance“ verzeichnet.

Marcus Busch, Geschäftsführer von Leaseweb Deutschland.
Marcus Busch, Geschäftsführer von Leaseweb Deutschland.
(Bild: Leaseweb)

Praktisch für jeden europäischen Neukunden stellten Datenschutz, souveräne Infrastruktur und GAIA-X ein großes Thema dar. „Und das quer durch alle Kundensegmente. Auch mit unseren bestehenden Kunden sind wir hier in regem Austausch. Wir sind zum Beispiel sehr stark im MarTech/AdTech-Segment vertreten. Hier fragen die Endkunden unserer Kunden verstärkt an, ob denn die zugrundeliegende Infrastruktur Compliance- und Souveränitätsanforderungen erfüllt. Gleiches trifft auch für MSPs und Systemintegratoren zu, die wiederum ein komplexes Kundenspektrum bedienen - vom Deutschen Mittelstand bis hin zu öffentlichen Auftraggebern.“ In der Folge von Corona seien Neukunden aus Segmenten hinzugekommen, in denen Leaseweb bislang nicht stark vertreten war – so zum Beispiel Medizintechnik oder Online-Collaboration-Plattformen.

Die Leaseweb Deutschland GmbH erbringt ihre Dienstleistungen unabhängig von Dienstleistern aus Drittländern. Die Daten werden nur an den Standorten gehostet, mit denen der Kunde jeweils einen Vertrag geschlossen hat. Leistungen in anderen Landesgesellschaften erfordern einen gesonderten Vertrag. „Innerhalb der Leaseweb-Gruppe haben die Mitarbeiter keinen Zugriff auf Kundendaten der Schwestergesellschaften. „Der Kunde behält durch diese Segmentierung volle Kontrolle über alle Standorte, an denen seine Daten gehostet werden“, so Busch. „Bereits beim Onboarding neuer Kunden wird das Datenschutz-Prinzip der Datenminimierung, z.B. durch die Prinzipien ‚Privacy by Design/Privacy by Default‘ berücksichtigt.“ Und auch wenn es derzeit weder ein DSGVO- noch ein GAIA-X-Zertifikat gebe, so könne man jetzt trotzdem relevante Sicherheitszertifikate vorweisen, „die nicht nur dem Stand der Technik entsprechen, sondern deren technische und organisatorische Maßnahmen auch dem Datenschutz im Sinne der DSGVO zugutekommen.“ Dazu gehören ISO 27001, PCI DSS oder SOC1.

Braucht es angesichts dieser Sicherheitsstandards überhaupt noch ein Projekt Gaia-X? „Gaia-X wird kommen und den Unternehmen Sicherheit geben, dass ihre gehosteten Daten Datenschutz- und Compliance-Anforderungen gerecht werden“, meint der Geschäftsführer. „Doch diese Anforderungen haben die meisten Firmen bereits jetzt und man sollte schon hier und heute damit beginnen die Infrastruktur entsprechend aufzubauen.“ Weltweit aktive Unternehmen – heute eher die Regel als die Ausnahme – benötigten eine Architektur, die „Failover“ zwischen global verteilten Rechenzentren ermöglicht. „Neben uns und den Hyperscalern kann das kaum ein anderer Cloud-/Hosting Provider bieten. Doch die Hyperscaler tun sich beim Thema DSGVO und Cloud Act bekanntlich schwer“, so Busch abschließend.

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