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Der unsichtbare Dritte

| Autor: Klaus Länger

Extreme Networks hat sich auf Platz drei unter den Netzwerkanbieternhinter Cisco und HPE herangearbeitet.
Extreme Networks hat sich auf Platz drei unter den Netzwerkanbieternhinter Cisco und HPE herangearbeitet. (Bild: nikkytok - stock.adobe.com - [M] Udo Scherlin)

Extreme Networks rückt mit dem Kauf der Datacenter-Sparte von Brocade auf Position drei im Enterprise-Networking-Geschäft auf, nach Cisco und Hewlett Packard Enterprise (HPE). Die US-Firma hat gerade erst den Netzwerk-Bereich von Avaya übernommen und legt beim Software Defined Networking Tempo vor. Zunächst muss Extreme Networks aber die verschiedenen Partner unter einen Hut bringen.

Firmen wie Cisco und HPE sind auch für Menschen, die sich nicht intensiv mit Enterprise Networking beschäftigen, ein Begriff. Bei Extreme Networks ist das anders: Die 1996 gegründete Firma aus dem kalifornischen Santa Clara ist hier der „Unsichtbare Dritte“. Allerdings ist Extreme Networks im Gegensatz zu der Figur aus dem Alfred-Hitchcock-Thriller höchst real und will hinter Cisco und HPE der drittgrößte Anbieter im Enterprise-Networking-Markt werden.

Diese Position wollen die Kalifornier durch den gerade erfolgten Kauf eines Teils der Netzwerk-Sparte von Brocade erreichen, die sie sich 55 Millionen US-Dollar haben kosten lassen. Der Netzwerk-Hersteller profitiert hier vom Merger zwischen Broadcom und Brocade. Da Broadcom zum in Singapur angesiedelten Konzern Avago Technologies gehört, hatte das US-amerikanische „Committee on Foreign Investment“ eine Abspaltung von Teilen von Brocade zur Voraussetzung für die Genehmigung dieses Geschäfts gemacht. Davon profitiert nun Extreme Networks als Käufer der Datacenter-Sparte von Brocade, mit der die Enterprise-Switches und Router sowie Automations- und Management-Software ins Portfolio der Netzwerk-Firma übergehen.

Andreas Livert ist Senior Regional Director DACH bei Extreme Network.
Andreas Livert ist Senior Regional Director DACH bei Extreme Network. (Bild: Extreme Networks)

Für Andreas Livert, Senior Regional Director DACH bei Extreme Networks, verschaffen die Produkte und Technologien von Brocade seiner Firma eine bessere Position im Geschäft für High-End-Rechenzentrumslösungen für Enterprise-Kunden – laut dem Manager ein wachsender Markt. Sein Produktportfolio hatte Brocade für diesen Sektor erst im vergangenen Jahr aktualisiert. Große Änderungen sind hier erst einmal nicht geplant. In einem nächsten Schritt sollen die unterschiedlichen Technologien aber integriert werden. Als großen Vorteil gegenüber Cisco und HPE sieht Extreme Networks den eigenen klaren Fokus auf das Netzwerk-Geschäft, der den beiden Firmen mit ihrem breit gefächerten Angebot fehle.

Wachstum durch Übernahmen

Die aktuelle Übernahme ist bereits die dritte große Akquise in zwei Jahren. Den Anfang machte im September 2016 der Kauf der WLAN-Sparte von Zebra Technologies. Der Hersteller konzentriert sich heute auf das Geschäft mit Etiketten-Druckern und Handhelds für Industrie und Handel. Extreme Networks konnte mit dem Kauf weltweit zur Nummer vier unter den Anbietern von Wireless-Lösungen aufsteigen. Die früheren Zebra-Produkte – Indoor- und Outdoor-Access-Points sowie Controller und Software – werden zunächst als WiNG-Serien parallel weitergeführt.

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Bei den von Zebra übernommenen Lösungen kann ein Access Point als lokaler Controller definiert werden. Das erleichtert den Aufbau von WLAN-Netzwerken für viele kleineren Standorte mit lokal unterschiedlichen Konfigurationen. Mit solchen Lösungen für Retail und Logistik ist Zebra eine wichtige Ergänzung des eigenen WLAN-Sortiments. Für Mitte 2018 ist ein erster Controller geplant, der kompatibel zu beiden Wireless-Produktlinien ist, die langfristig zusammenlaufen sollen. Bei der Cloud-Management-Software ist die Integration laut Extreme Networks schon sehr weit gekommen. Ein wichtiges Produkt aus dem Zebra-Portfolio ist die leistungsfähige und hersteller-agnostische Security- und Monitoring-Lösung AirDefense.

Im März 2017 folgte als nächster Schritt der Kauf der Netzwerksparte des unter Gläubigerschutz stehenden ITK-Unternehmens Avaya für etwa 100 Millionen US-Dollar, das sich nun wieder auf Unified-Communications- und Contact-Center-Lösungen konzentriert. Extreme erwartet durch diesen Kauf etwa 200 Millionen US-Dollar mehr Umsatz pro Jahr.

Fortschritt bei SDN mit Avaya-Technologie

Da der Hersteller bereits einen starken Fokus auf SDN-Lösungen legt, ist vor allem die Avaya-Software eine willkommene Ergänzung für das eigenen Produktportfolio in diesem Anwendungsbereich. So kombiniert die bereits im September vorgestellte automatisierte Enterprise-Netzwerklösung „Extreme Automated Campus“ die Fabric-Connect-Infrastruktur von Avaya mit dem „Extreme Management Center“ sowie den Support-Services von Extreme Networks. Der Netzwerkausrüster gibt an, dass Systemhäuser Fabric Connect durch Edge-Provisioning um den Faktor elf schneller einsatzfähig machen können als andere Netzwerklösungen. Durch offene APIs lässt sich das Extreme Management Center in Lösungen von Drittanbietern integrieren.

Mehr Sicherheit soll die Automated-Campus-Lösung durch Hypersegmentierung bringen. Das Netzwerk wird in viele kleine Segmente aufgeteilt, die sicherheitstechnisch entkoppelt und mit eigenen Zugriffsregeln versehen sind. Angreifer sollen so nur Zugriff auf einen kleinen Teil des Netzwerks bekommen und Schäden sind auf ein Segment begrenzt. Zusätzlich sei die Fabric-Connect-Netzwerktopologie durch die Native-Stealth-Funktionalität aus IP-Perspektive unsichtbar. So kommen Angreifer mit IP-basierten Remote-Hacker-Tools nicht weiter. Fabric Connect nutzt stattdessen ein MAC-Layer-Verfahren zur Datenweiterleitung, das IP-frei arbeitet. Es baut die Konnektivität in Form von getrennten virtuellen Netzwerken auf, die nur über speziell dafür vorgesehene Endpunkte in Verbindung treten.

Brocade-Geräte für High-End-Rechenzentren

Mit der Netzwerk-Sparte von Brocade erwirbt Extreme Network die Switches der CES- und VDX-Serie, die CER- und MLX-Router sowie die erst 2016 vorgestellten SLX-Modelle, die Switches und Router umfasst. Einige der SLX-Switches lassen sich über einen programmierbaren ASIC im Betrieb um zusätzliche Protokolle erweitern. Dazu kommt noch Software wie der „Workflow Composer“ und die „Automation Suites“. Brocade selbst hatte seine Netzwerk-Sparte erst 2008 mit dem Kauf von Foundry Networks für drei Milliarden US-Dollar gestartet. Extreme Networks macht also bei einem Kaufpreis von 55 Millionen US-Dollar ein echtes Schnäppchen. Alleine die Entwicklung der SLX-Geräte soll Brocade eine ähnliche Summe gekostet haben. Extreme Networks erhofft sich auch durch die rasant steigende Zahl vernetzter Geräte durch IoT gute Geschäfte in den kommenden Jahren und will hier mit einfachem Netzwerk-Management und hoher Sicherheit Punkte sammeln.

Der modulare Brocade-Router SLX 9850 mit bis zu 1.920 Ports und 100-GbE-Unterstützung gehört nun ebenfalls zur Extreme-Networks-Modellpalette. Er wurde erst im September 2016 präsentiert.
Der modulare Brocade-Router SLX 9850 mit bis zu 1.920 Ports und 100-GbE-Unterstützung gehört nun ebenfalls zur Extreme-Networks-Modellpalette. Er wurde erst im September 2016 präsentiert. (Bild: Brocade)

Die Switches und Router der neuen SLX-Baureihe bieten mit der Extreme SLX Insight Architecture eine Funktion, bei der mit der Third Party VM (TPVM) auf dem Switch oder Router eine zusätzliche Gast-VM mit Linux läuft, die Kunden für ihre spezifischen Analyse- und Überwachungsapplikationen nutzen können. Docker-Container werden ebenfalls unterstützt. Die TPVM ist ein Teil des SLX-OS, das KVM als Basis nutzt. Zwei weitere SLX-VMs dienen für das Management von Routing und Switching.

Zufriedenheit bei der Distribution

Bei den Distributoren kommt die Einkaufstour von Extreme Networks jedenfalls gut an. So ist Thomas Kleinkuhn, Director Enterprise Infrastructure bei Tech Data, der Meinung, dass ein zusätzliches Schwergewicht unter den Netzwerkausrüstern für mehr Innovation bei anderen Herstellern und auch sinkende Preise für den Channel sorgen wird. Zudem habe endlich die Unsicherheit darüber ein Ende, wie es mit Brocade weitergeht. Jörg Eilenstein, Vorstandsmitglied beim VAD Tim, ist der Meinung, dass Extreme Networks durch die fokussierte Erweiterung seines Kerngeschäfts, die durch die Zukäufe erreicht wird, auf einem sehr guten Weg ist. Kleinkuhn gibt allerdings zu bedenken, dass die Zahl von neun Distributoren, die sich durch die Integration von Teilen des Avaya- und des Brocade-Channels ergibt, doch recht hoch sei. Sales-Chef Livert von Extreme Networks hält sich bei dieser Frage bedeckt und versichert, dass sich hier zunächst nichts ändern soll. Der Hersteller will allerdings interessierte Distributoren dabei unterstützen, zukünftig das gesamte Produktportfolio anzubieten.

Integration der Partner als nächster Schritt

Extreme Networks sieht sich jedenfalls einer doppelten Herausforderung gegenüber: Die Firma muss nicht nur die Portfolios von Avaya und Brocade mit dem eigenen sinnvoll zusammenführen und die neuen Mitarbeiter integrieren, sondern auch noch die unterschiedlichen Partner unter einen Hut bringen. Dazu soll ein einheitliches Partnerprogramm beitragen, das laut Livert bereits im Januar 2018 starten soll. Vier neue Spezialisierungsprogramme sollen Anreize für Zusatzqualifizierungen setzen und mit Vorab-Preisnachlässen Geschäftsabschlüsse vereinfachen. Das Programm berücksichtigt allerdings auch bestehende Zertifizierungen.

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