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Orange Business Services Vom Netz-Provider zum Dienstleister fürs Digitalzeitalter

Autor: Michael Hase

Orange Business Services hat sich durch Zukäufe bei Cloud, Analytics, Security und IoT verstärkt. Damit stellt sich der ITK-Dienstleister als Digitalisierungspartner seiner Kunden auf. Auch auf dem deutschen Markt gewinnt das französische Unternehmen dadurch an Gewicht.

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Anspruch von Orange Business Services ist es, digitale Wertschöpfungsketten weltweit zu unterstützen.
Anspruch von Orange Business Services ist es, digitale Wertschöpfungsketten weltweit zu unterstützen.
(Bild: © kamonrat - stock.adobe.com)

Die Digitalisierung hat inzwischen auch die Haustiere erreicht. Der Hersteller Tractive aus dem oberösterreichischen Pasching bietet GPS-Ortungsgeräte für Hunde und Katzen an. Über eine App können die Besitzer den Bewegungspfad ihres Vierbeiners nahezu in Echtzeit verfolgen, und sie werden benachrichtigt, wenn das Tier einen definierten Bereich verlässt. Da Tractive das Angebot in 150 Ländern vermarktet, braucht das Unternehmen einen Dienstleister, der überall dort Connectivity mit hoher Service-Qualität bereitstellen kann. Den hat es in Orange Business Services gefunden.

Die B2B-Sparte des französischen Telco-Konzerns Orange ist mit ihrem Netz weltweit präsent. Zu ihren Kunden zählen große Unternehmen, in der DACH-Region beispielsweise Heraeus, Kuehne + Nagel, Merck, Siemens und ZF, aber auch Mittelständler wie Tractive, Non-Profit-Organisationen wie das Rote Kreuz oder Behörden wie das Auswärtige Amt. Gemeinsam ist ihnen, dass sie international agieren. Um ihre Anforderungen an weltweite Konnektivität zu erfüllen, ist Orange Business Services laut Gartner wie kaum ein anderer Dienstleister prädestiniert. Im aktuellen Magic Quadrant der Analystengruppe zu Netzwerkservices aus dem Februar 2020 führen die Franzosen das Spitzenquartett an, zu dem auch AT&T, NTT und Verizon gehören. Unter anderem verfügen sie weltweit über die meisten Points of Presence (POPs). „Außerhalb Frankreichs fokussieren wir uns auf multinationale Kunden, weil wir bei ihnen die Stärken unserer globalen Infrastruktur und unsere Servicekompetenzen am besten ausspielen können“, betont Helmut Reisinger, CEO bei Orange Business Services.

Strategisches Zukäufe

Auch wenn das Netz das Rückgrat des ITK-Dienstleisters bildet und sich viele Services darauf beziehen, hat er sein Angebotsspektrum über die Zeit deutlich weiterentwickelt. Klassische IT und Integrationsleistungen machen inzwischen 37 Prozent des Geschäfts aus. Und der Anteil steigt weiter. Denn das Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren durch zehn strategische Zukäufe auf den Feldern Cloud, Data Analytics, Cybersecurity und IoT gezielt verstärkt. Bei den Akquisitionen ging es darum, das Portfolio zu verbreitern und um höherwertige Professional Services zu ergänzen.

„Man braucht immer mehr Business-Relevanz, wenn man bei Kunden mit globalen Netzwerkservices punkten will“, erläutert Reisinger. Letztlich ist es Anspruch des Dienstleisters, seinen Kunden nicht nur Punktlösungen zu liefern, sondern sie über die ­gesamte „Data Journey" zu begleiten. Sprich, ­Orange will ihnen integrierte Infrastrukturen ­bereitstellen, die die gesamte Prozesskette abbilden: Daten sammeln, transportieren, speichern, analysieren und schützen – und das mit globaler Reichweite. „Wir sind in der Lage, die digitalen Wertschöpfungsketten unserer Kunden weltweit zu unterstützen, und zwar in jedem Datenökosystem, im europäischen, im amerikanischen, im chinesischen, ja sogar im russischen.“ Sich selbst bezeichnet das Unternehmen als „network-native digi­tal services company“. Damit ist gemeint, dass das Netz den Ausgangspunkt und die Basis bildet, auf der Dienstleistungsangebote für Cloud, Analytics, Security und IoT aufbauen. Intern nennt man das „Eins plus vier“-Strategie.

Durch die Akquisitionen hat der Dienstleister, zu dessen deutschem Kernteam im Netzwerkgeschäft etwa 300 Mitarbeiter ­gehören, auch seine Position im hiesigen Markt gestärkt. Ganz offenkundig war das bei Security. So übernahm Orange Business Services im Juli 2018 den Spezialisten Securelink, der mit 660 Mitarbeitern in Benelux, Deutschland, Skandinavien und UK am Markt agierte. Die ­Gruppe hatte hierzulande anderthalb Jahre zuvor das spezialisierte Systemhaus IT-Cube aus München übernommen. Securelink wurde mit Orange Cyberdefense verbunden und tritt seit März 2020 unter dieser Marke auf. Mit 2.100 Mitarbeitern zählt die Sparte zu den größten Security-Dienstleistern in Europa.

Expertise bei Cloud und Analytics

Nicht bei allen Zukäufen ist die Zugehörigkeit zu Orange so sichtbar wie bei den Sicherheitsspezialisten. So tritt der norwegische Cloud-Dienstleister Basefarm, den die Franzosen im August 2018 übernahmen, nach wie vor unter seiner ­Marke auf. Gleiches gilt für die deutsche Basefarm-Tochter The Unbelievable Machine Company, die sich 2017 den Norwegern anschloss. Analysten zählen das Berliner Unternehmen sowohl bei Managed Cloud als auch bei Data Analytics zu den führenden Spezialisten im deutschsprachigen Raum. Wegen seines außerordentlichen Rufs behält es bis auf Weiteres seinen Namen. „Irgendwann wird der Tag kommen, an dem wir mit Orange Cloud einen einheitlichen Brand für die Gesellschaften, die jetzt noch ihren eigenen ­Namen tragen, schaffen werden“, kündigt Reisinger an. „Derzeit besitzt das für uns keine Priorität.“

Große Erwartungen knüpft der CEO an das IoT-Geschäft. „Die digitale Welt war in der Vergangenheit stark auf die IT-Welt eingeschränkt. Künftig wird sie sich aber mehr und mehr auch auf die Welt der Operational Technology (OT) erstrecken.“ Schwerpunkte liegen dabei auf den Themen Industrie 4.0, Connected Car, und Smart Buildings / Smart Cities. Durch das Aufkommen von 5G sieht Reisinger gerade ein „Network-native“-Unternehmen bei IoT in einer hervorragenden Ausgangsposition. Denn der Mobilfunkstandard „schafft die Voraussetzung für das Unternehmen in Echtzeit“. Dabei gehe es um mehr, als Mobility-Services für Kunden zu designen. Als Dienstleister müsse man „die ­Fähigkeit besitzen, private, mobile Campusnetze für sie aufzubauen und das Rendezvous zwischen IT- und OT-Welt zu ermöglichen, um die betriebliche Produktivität zu heben“. Dabei werde 5G eine ­wichtige Rolle spielen. Bereits heute ist Orange Business Services einer der größten IoT-Spezialisten weltweit und erzielt laut Gartner rund 20 Prozent seines Umsatzes mit entsprechenden Services.

Orange bietet Optionen

Helmut Reisinger, CEO bei Orange Business Services, sieht den Dienstleister in der Rolle des Trusted Partner seiner Kunden.
Helmut Reisinger, CEO bei Orange Business Services, sieht den Dienstleister in der Rolle des Trusted Partner seiner Kunden.
(Bild: Orange Business Services)

Im Interview erläutert CEO Helmut Reisinger, warum Orange Business Services eine eigene Cloud-Plattform (auf OpenStack-Basis) betreibt und zugleich mit Hyperscalern kooperiert.

Orange Business Services betreibt eine Cloud-Plattform, arbeitet aber auch mit AWS und Microsoft zusammen. Welche Strategie steht dahinter?

Reisinger: Uns wäre natürlich am liebsten, wenn alle Kunden ausschließlich auf ­unsere Plattform gehen würden. Den Unternehmen ist in puncto Cloud aber vor allem an Agilität und vertraglicher Flexibilität gelegen. Einerseits haben wir Kunden mit derart sensiblen Daten, dass sie eine Cloud wollen, die so privat ist, wie man sich das nur vorstellen kann. Andererseits gibt es Unternehmen, die klar abgrenzbare Themen, etwa Marktanalysen oder schnelles Prototyping, in die Public Cloud geben. Die Realität, die wir sehen, ist eine Multi-Cloud-Welt. Unsere Kunden haben je nach Business-Bereich unterschiedliche Anforderungen und dafür wählen sie die jeweils am besten geeigneten Plattformen aus.

Bei Orange gibt es somit keine Pläne, mit Hyperscalern zu konkurrieren?

Reisinger: Dafür müsste man viel Geld in die Hand nehmen. Wir betreiben zwar eine eigene Cloud und investieren in unsere Plattform. Ein großer Teil unserer Investments als Gruppe, immerhin rund acht Milliarden Euro pro Jahr, geht aber in die Telekom-Infrastruktur. Im Cloud-Geschäft fokussieren wir uns stark auf den Service. Wir sehen unsere Rolle als vertrauenswürdiger Partner unserer Kunden, der sich um ihre Daten kümmert und die Compliance sicherstellt, der sich mit den Gesetzmäßigkeiten der verschiedenen Datenökosysteme auf der Welt auskennt und dafür sorgt, dass die Daten jeweils an der richtigen Stelle gelagert sind. Dabei wollen Kunden mehrere Optionen und scheuen es wie der Teufel das Weihwasser, mit ihrer Applikationslandschaft vertraglich nur an einen Provider gekettet zu sein. Dass wir ihnen diese Optionen bieten, gibt uns Glaubwürdigkeit. Für uns heißt das aber auch, dass wir Kompetenzen und Skills für AWS und für Azure integrieren müssen.

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Über den Autor

 Michael Hase

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Chefreporter