UCC im Gesundheitssektor Tschüss Dr. Google, hallo Telemedizin!

Autor: Ann-Marie Struck

Die Corona-Pandemie hat nicht nur Google-Suchen nach Gesundheitsthemen verstärkt, auch die Telemedizin hat sie beeinflusst. Videosprechstunden sind seitdem bei Ärzten und Patienten hoch im Kurs. Klingt nach Umsatzpotenzial für den ITK-Fachhandel. Leider nicht ohne Hürden.

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Telemedizin beschreibt Gesundheitsleistungen, die unter Verwendung von Kommunikations- und Informationstechnolgien erbracht werden.
Telemedizin beschreibt Gesundheitsleistungen, die unter Verwendung von Kommunikations- und Informationstechnolgien erbracht werden.
(Bild: AndSus - stock.adobe.com)

Druck in der Magengegend und Müdigkeit – Liegt das an der Party gestern oder ist das was Ernstes? Gefragt wird die Suchmaschine des Vertrauens. Das machen einer Studie des Bitkom von 2020 zufolge über der Hälfte aller befragten Bundesbürger. Die Apps oder Suchmaschinen spucken viele Ergebnisse zu den gesuchten Symptomen aus, doch für eine fundierte Aussage braucht man den Fachmann.

Der Weg zum Arzt ist jedoch weit und mit nervigen Wartezeiten verbunden. Abhilfe schaffen digitale Arztbesuche. Sie ermöglichen eine ortsunabhängige Beratung über Videotelefonie, Chat und Apps. Die telemedizinischen Angebote verbessern nicht nur die Arzt-Patienten-Beziehung, sondern auch die Zusammenarbeit bei der Versorgung. Denn seit dem 1. Oktober 2020 können Ärzte aller Fachgruppen, Psychotherapeuten und Zahnärzte bei unterschiedlichen fachlichen Fragestellungen einen ambulant oder stationär tätigen Kollegen digital, im Rahmen eines Telekonsiliums, zu Rate ziehen. Ein Videokonsilium mit den Fachärzten und dem Patienten ist auch möglich.

Was ist Telemedizin?

Die Bundesärztekammer definiert „Telemedizin“ als „ein[en] Sammelbegriff für verschiedenartige ärztliche Versorgungskonzepte, die als Gemeinsamkeit den prinzipiellen Ansatz aufweisen, dass medizinische Leistungen der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung in den Bereichen Diagnostik, Therapie und Rehabilitation sowie bei der ärztlichen Entscheidungsberatung über räumliche Entfernungen (oder zeitlichen Versatz) hinweg erbracht werden. Hierbei werden Informations- und Kommunikationstechnologien eingesetzt.“ Die Telemedizin zählt zu den eHealth-Methoden.

Bundesärztekammer

Akzeptanz von Videosprechstunden steigt 2020

Telemedizinische Methoden werden in medizinischen Fachgebieten seit Jahren eingesetzt. Den Durchbruch brachte erst die Coronapandemie. Zahlen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) zur Entwicklung der Videosprechstunden und telefonischen Beratungen durch Vertragsärzte zeigen einen deutlichen Anstieg an telefonischen und digitalen Sprechstunden ab März 2020. Vom 4. März bis zum 30. September gab es 1,7 Millionen Videosprechstunden. Im Vorjahreszeitraum lag diese Zahl bei wenigen tausend. Ausschließlich telefonische Beratungen fanden im genannten Zeitraum rund 4,5 Millionen statt. Das sind fast zwei Millionen mehr als im Vorjahr. Die Zahlen zeigen deutlich: Ärzte und Patienten haben den Nutzen digitaler Hilfsmittel zur Kommunikation erkannt.

Diese Entwicklung bestätigt Roland Stahl, Pressesprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV): „Viele Mediziner haben die Pandemie und die damit verbundenen Kontaktbeschränkungen zum Anlass genommen, um Videosprechstunden einzuführen. Die gesamte bisher dokumentierte Zahlenentwicklung zeigt, dass Videosprechstunden ein wichtiges Tool im Sinne einer Ergänzung darstellen.“

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen bringt Verbesserungen für die Versorgung, wie Effizienzgewinne, Vermeidung von Informationsverlusten aufgrund von Medienbrüchen und neue digitale Gesundheitsanwendungen. Für Stahl ist bei der Telemedizin jedoch eines wichtig: „Im Zentrum der digitalen Versorgung steht immer das Wohl des Patienten.“

3, 2, 1 – Video an!

Einfach Headset auf, Kamera an und los, geht es jedenfalls nicht bei den kassenärztlichen Praxen. Neben der allgemeinen Ausstattung an Bildschirm mit Kamera, Mikrofon und Lautsprecher sowie einer stabilen Internetverbindung wird eine Lösung zur Videosprechstunde benötigt. Lösungen für Unified Communications and Collaboration (UCC) gibt es auf dem Markt viele. Ärzte und Psychotherapeuten dürfen hingegen nur Videodienstanbieter nutzen, die von der KBV zertifiziert sind. Denn ausschließlich „zertifizierte“ Videosprechstunden können am Ende auch abgerechnet werden. Aktuell gibt es noch eine Ausnahme. In einigen Bundesländern können wegen der Pandemie auch nicht vorab zertifizierte Dienste abgerechnet werden. Zudem können Ärzte und Psychotherapeuten höchstens zwanzig Prozent ihrer Behandlungen als Videosprechstunde abrechnen. Diese Deckelung fällt seit April 2020 zeitweise weg.

Die KBV führt auf ihrer Homepage eine Liste bereits zertifizierter Videodienstanbieter (Stand 9.7.2021). Es steht Ärzten oder Psychotherapeuten offen, andere Videosprechstundenanbieter bei der KBV zertifizieren zu lassen. Stahls Erfahrung nach nutzen die kassenärztlichen Praxen meisten diese Liste. Das macht es für den Fachhandel schwer, mit den gängigen UCC-Herstellern im Gesundheitswesen Fuß zu fassen.

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Deutschland legt sich die Steine selbst in den Weg

Durch schleppende Genehmigungsverfahren bremst Deutschland die Digitalisierung.
Durch schleppende Genehmigungsverfahren bremst Deutschland die Digitalisierung.
( Bild: Michael Rosskothen - stock.adobe.com )

Sei es für die Bedienung einer Kettensäge, das Fahrrad- oder Autofahren – für fast alles, außer das Kinderkriegen, gibt es in Deutschland einen Führerschein oder ein Zertifikat.

Wir sind das Land der Bürokratie. Sicherheit und Qualität wird dadurch gewährleistet. Gute Argumente. Doch an vielen Stellen stehen wir uns durch den Formular-Dschungel selbst im Weg. Wir schaffen dadurch Hürden und bremsen so die schnelle Einführung neuer Technologien oder Methoden.

Die Telemedizin ist nur ein Beispiel aus einer langen Liste. Von der Digitalisierung der Schulen über den Glasfaserausbau bremsen schleppende Genehmigungsverfahren in Deutschland den schnellen Fortschritt. Anstatt dass alle Akteure gemeinsam an einen Strang ziehen und vorab über Vorstellungen, Herausforderungen und Möglichkeiten offen sprechen, werden zuerst rechtliche Vorgaben gestellt, die wiederum das weitere Vorgehen hemmen.

Eugen Straub, Geschäftsführung Vertrieb bei s.i.g., rät Systemhäusern daher, mit Herstellern zusammenzuarbeiten, die in dieser Branche bereits eine Expertise vorweisen können. „Im Gesundheitswesen arbeiten wir hauptsächlich mit den Kommunikationslösungen des Herstellers Avaya zusammen“, ergänzt Straub. Kunden des in Neu-Ulm ansässigen IT-Hauses sind große Arztpraxen, Senioren- und Pflegeheime sowie Apotheken.

Das ITK-Systemhaus Heldele aus Salach fokussiert im Gesundheitssektor das Krankenhausumfeld. „Unsere Leitfabrikate bei Kommunikationslösungen begrenzen sich auf die Hersteller Alcatel, Microsoft (Teams), Swxy und Unify. Im Krankenhausumfeld setzten wir zu einem Großteil auf das Produktportfolio von Unify,“ berichtet Patrick Müller, Vertriebsleiter bei Heldele.

Rechtliche Vorgabe für Videodienstanbieter

Doch welche Vorgaben der KBV müssen für telemedizinische Angebote erfüllt werden? Die technischen Anforderungen für die Praxis und den Videodienst, insbesondere zur technischen Sicherheit und zum Datenschutz, sind in der Anlage 31b zum Bundesmantelvertrag-Ärzte geregelt. Im §5 finden sich die Anforderungen an Videodienstleister. Neben einigen Anmelde-Formalia beziehen sich die Hauptkriterien auf die Speicherung von Daten. So muss die Übertragung der Videosprechstunde über eine Peer-to-Peer-Verbindung erfolgen, ohne die Nutzung eines zentralen Servers. Ein zentraler Server darf lediglich zur Gesprächsvermittlung genutzt werden.

Des Weiteren dürfen sämtliche Inhalte der Sprechstunde durch den Anbieter weder eingesehen noch gespeichert werden, und genutzte Server müssen in der EU stehen. Außerdem müssen alle Metadaten nach spätestens drei Monaten gelöscht und nur für die Abwicklung der für die Videosprechstunde notwendigen Abläufe genutzt werden. Eine Weitergabe ist natürlich untersagt. Darüber hinaus muss der Anbieter eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bzw. die Übertragung nach der Technischen Richtlinie 02102 des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik verschlüsselt werden.

Einstieg in die Telemedizin

Die Vorgaben an Informations- und Kommunikationstechnologien für den telemedizinischen Einsatz sind zahlreich. Wie bei allen anderen Branchen müssen die Kommunikationsprodukte im Gesundheitswesen skalierbar, flexibel und vor allem sicher sein. Darin sieht Straub die größte Herausforderung: „Fast täglich liest man von Hacker-Angriffen auf Einrichtungen in der Gesundheitsbranche. Die Folgen, wenn ein ganzes Krankenhaus nicht mehr erreichbar ist, sind weitreichend. Die heutigen Kommunikationslösungen sind alle IP-basierend. Hier muss, wie in der restlichen IP-Infrastruktur, die Security denselben Stellenwert haben.“

Darüber hinaus ist die Serviceleistung ein entscheidender Faktor. „Die Lösungen müssen rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr verfügbar sein. Wochenende oder Urlaubszeiten, an denen Bereiche nicht besetzt sind, gibt es in dieser Branche nicht“, erklärt Straub. Für seine Arbeit bedeutet das konkret, dass ein schneller Austausch von Geräten und die Verfügbarkeit des gesamten Systems immer gewährleistet sein muss.

Der Gesundheitsbereich befindet sich aktuell in einer Transformation. Umso wichtiger ist es, die Prozesse und die Anforderungen eines Krankenhauses zu verstehen.

Patrick Müller, Vertriebsleiter bei Heldele

Für die Zusammenarbeit mit Kunden aus dem Gesundheitssektor findet Straub Kontinuität in der Kundenbetreuung wichtig. „Der Sales-Zyklus ist hier oft anders als im klassischen Industriebereich,“ erläutert er. „Dies kommt von den oft langen Entscheidungswegen über die Kostenträger der einzelnen Einrichtungen. Deshalb ist es besonders wichtig, Angebote in einer umfassenden und aussagekräftigen Version zu erstellen.“ Zudem empfiehlt Straub Branchenkenntnisse: „Anbieter sollten wissen, wie Kunden im Gesundheitssektor aufgestellt sind, und vor allem, wie sie ihr Geld verdienen.“ Dieser Ansicht schließt sich Müller für die Krankenhausbranche an: „Der Gesundheitsbereich befindet sich aktuell in einer Transformation. Umso wichtiger ist es, die Prozesse und die Anforderungen eines Krankenhauses zu verstehen.“

Telemedizin: Dauerbrenner oder Eintagsfliege?

Doch wird eine Videosprechstunde beim Arzt der neue Standard? Die Frage verneint Stahl: „Der Goldstandard ist und bleibt das persönliche Gespräch.“ Bereits Ende 2020 hat sich ein Rückgang der über die KBV abgerechneten Videosprechstunden gezeigt. Im ersten Halbjahr waren es Angaben von Stahl zufolge 1,4 Millionen Videosprechstunden, im dritten Quartal ging diese Zahl wieder deutlich zurück auf rund 600.000 Videosprechstunden. „Die Digitalisierung erfordert Aufwände,“ postuliert Stahl. „Den Zusatznutzen gibt es nicht zum Nulltarif. Und wie bei jeder Reform sind erhebliche Ablaufumstellungen, Investitionen und ein Kulturwandel für den Erfolg erforderlich.“

Der Goldstandard ist und bleibt das persönliche Gespräch.

Roland Stahl, Pressesprecher bei der KBV

Einen Wandel im Gesundheitsmarkt erkennt auch Straub. Für ihn wird sich der Markt jedoch dahingehend verändern, dass der Patient immer mehr in die Kommunikation mit eingebunden werden wird. Das geht für ihn von der Terminbestätigung über die Videosprechstunde bis hin zur individuellen App für die Patientenkommunikation.

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Über den Autor

 Ann-Marie Struck

Ann-Marie Struck

Redakteurin, Vogel IT-Medien