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Channel Fokus: Cloud und Container Mit Gaia-X auf Wolke 7?

| Redakteur: Dr. Stefan Riedl

Wirtschafts- und Politik-Akteuren sind Oligopoltendenzen in der Plattformökonomie mit US-amerikanischer Prägung (und Alibaba aus China) ein Dorn im Auge. Doch wie kann der Anschluss in der schnelllebigen IT gefunden werden? Gaia-X ist ein Versuch.

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Kann mit Gaia-X die US-Dominanz der Hyperscaler gebrochen werden?
Kann mit Gaia-X die US-Dominanz der Hyperscaler gebrochen werden?
(Bild: © Orlando Florin Rosu - stock.adobe.com)

Weil die Halbwertzeit von Wissen durch neue Erkenntnisse, Fortschritt und Innovation immer weiter sinkt, wird von Arbeitnehmern „lebenslanges Lernen“ gefordert. Doch es gibt Unterschiede im Ausmaß des Trends. Sparren und Pfetten mögen aus dem durchdigitalisierten Sägewerk kommen, im Prinzip wird ein Dachstuhl aber noch so gesetzt wie vor Jahrzehnten. Pre- und Post-Sales werden digital unterstützt, aber einen guten Draht zum Kunden kann man sich trotz CRM-System nach wie vor nicht aus dem Internet herunterladen. Da ist Persönlichkeit gefragt. Und trotz automatisierter Bewässerung mit IoT-Sensorik kann sich ein Florist seinen grünen Daumen nicht im App-Store kaufen.

Digitalisierung sorgt für Effizienzstei­gerungen und Erleichterungen im Arbeitsalltag, ist aber auch der wichtigste Grund dafür, dass „lebenslanges Lernen“ in so gut wie allen Berufen nötig wurde. Die IT-Branche, die für die Digitalisierung sorgt, trifft es wohl am härtesten. Nirgendwo sonst dürften Wissen und Arbeitsmethoden so schnell überholt sein wie hier.

Container: Wie alles begann

So wurde vor gerade mal sechs Jahren, Mitte 2014, auf der GitHub-Plattform das erste öffentliche Commitment zu Kubernetes abgegeben und damit das Enterprise Computing verändert. 2015 wurde diese Open-Source-Technologie – auch als „k8s“ bezeichnet – dann veröffentlicht. Nachdem Google den Rohbau gesetzt hatte und das Tool damals an die „Cloud Native Computing Foundation“ (CNCF) übergab. Dann sorgte eine breite Entwickler-Community für Erfolg und Marktdurchdringung.

Kubernetes zur Orchestrierung

Kubernetes selbst ist keine Container-Technologie, sondern ermöglicht vielmehr die Orchestrierung, sprich das Management der Container, um die Applikation skalieren zu können. Dabei orchestrieren Kubernetes sogenannte „Pods“ als kleinste einsetzbare Einheit, das sind Prozesse, die auf so genannten „Nodes“ laufen. Nodes wiederum sind physische oder virtuelle Maschinen in einem Cluster. Pods beinhalten einen oder mehrere Container, die sich ­eine Container-Runtime und die zugeteilten Ressourcen teilen. In der Praxis werfen viele Unternehmen ihre monolithischen Software-Architekturen über Bord und setzen stattdessen auf Microservices.

Hier kommt Kubernetes ins Spiel: Wenn beispielsweise 100 verschiedenen Microservices eine kleine Aufgabe des großen Ganzen übernehmen, behält Kubernetes den Überblick darüber, welche Microservices gebraucht werden, welche wie häufig gestartet werden, wo es gegebenenfalls Performance-Engpässe gibt und auch, ob die Entwickler möglicherweise gerade eine neue Version veröffentlicht haben, die in den Betrieb überführt werden soll. Die Verbreitung dieser Container-Technologie in Verbindung mit Kubernetes sorgt nun dafür, dass in der App-Entwicklung vielerorts kein Stein mehr auf dem anderen bleibt (siehe Kasten, oben).

Cloud plus Kubernetes = Managed Kubernetes aus der Cloud

Doch dabei ist es nicht geblieben, denn ein weiterer, die IT-Branche verändernder technologischer Trend hat sich des Themas „Kubernetes“ angenommen. Wenn man so will, gilt die Gleichung: „Cloud plus Kubernetes = Managed Kubernetes aus der Cloud“. Auch „Container-as-a-Service“ sind Teil des Fortschritts in der Digitalisierungsbranche, womit – neben regional agierenden kleineren Unternehmen – die großen Hyperscaler aus dem US-amerikanschen Markt ihre Technologieführerschaft ins Feld führen.

Sie bieten einen immer größer werdenden Werkzeugkasten mit Tools, Diensten und Funktionen, die in Cloud-Manier ausgeliefert werden, darunter auch Dienste, die auf den Container- und Kubernetes-Zug setzen. Das treibt die Marktmacht und Abhängigkeiten weiter in die Höhe. Es ist nicht mehr zu leugnen: AWS, Microsoft Azure, Google Cloud und IBM Cloud sind längst „systemrelevant“, gemessen daran, was alles nicht mehr funktionieren würde, sollte einer der Konzerne vom Netz gehen.

US-Dominanz in Sachen Cloud brechen

Außer Alibaba (China) kommen alle großen Hyperscaler aus den USA.
Außer Alibaba (China) kommen alle großen Hyperscaler aus den USA.
(Bild: © rolffimages - stock.adobe.com)

Hier kommt „Gaia-X“ ins Spiel, der Versuch, eine europäische Cloud-Plattform für den hiesigen Wirtschaftsraum zu etablieren. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat hierfür den Schulterschluss zu seinem französischen Kollegen Bruno Le Maire gesucht. Es wurde ein gemeinsames Paper rund um gemeinsame Standards und technische Anforderungen an Portabilität, Cyber- und Datensicherheit, Identitäts- und Zugangsmanagement sowie energetische Effizienz erstellt. Die Göttin aus der griechischen Mythologie Gaia, die hier mit ihren Namen für das Projekt steht, gilt als personifizierte Erde, beziehungsweise für „die Gebärerin“. Doch Gaia-X ist kein rein staatliches Unterfangen. Vielmehr wurde die Wirtschaft an Bord geholt. Zurzeit arbeiten über 300 Unternehmen und Organisationen mit. Zu den Gründungsmitgliedern zählen beispielsweise Amadeus, Atos, Beckhoff Automation, Bosch, der Internetknotenbetreiber De-Cix, die Deutsche Telekom, die Fraunhofer-Gesellschaft, die Friedhelm-Loh-Gruppe, PlusServer, Orange, SAP und Siemens.

Während Statements und Einschätzungen aus dem Kreis der Initiatoren naturgemäß sehr optimistisch daherkommen, äußern sich Experten und die Fachpresse bislang tendenziell skeptischer.

Ambitioniertes Vorhaben

Dass die Cloud zu den kritischsten Infrastrukturen der Welt und Europa gehört, unterstreicht Thomas Schumacher, der Leiter IT-Security bei Accenture, mit folgenden Zahlen: „Momentan liegen zehn Prozent der Daten aus der EU in einer Cloud, und mit jedem Jahr kommen weitere zehn Prozent dazu.“ Damit, so die Hoffnung, könne sich Gaia-X mittelfristig im Markt gegenüber den großen Cloud-Anbietern aus den USA (plus Alibaba aus China) positionieren, welche überwiegend global agieren.

Das Vorhaben erscheint auch Schumacher „sehr ambitioniert“, vor dem Hintergrund, dass das Investitionsvolumen der Hyperscaler jährlich rund 50 Milliarden Dollar beträgt, das in den Ausbau ihrer Plattformen investiert wird. „Allerdings haben wir durch verschiedene geopolitische Ereignisse in den letzten Jahren aber auch einen tatsächlichen Bedarf an lokalen Cloud-Lösungen im Markt gesehen“, so der IT-Security-Spezialist. Insbesondere für hoch regulierte Industrien sei es nach wie vor unerlässlich, dass Daten in der EU oder im Land gespeichert werden. Hier würden neben Kostenaspekten und Regularien auch Risikoabwägungen eine Rolle spielen. Doch Gaia-X steht noch ganz am Anfang, während die globalen Wettbewerber seit Jahren stabile und ­skalierbare Cloud-Lösungen anbieten, deren Entwicklungen entlang spezifischer Kundenwertschöpfungen vorgenommen wurden.

Compliance als sanfter Zwang

Könnte es mehr oder weniger sanften Zwang zur EU-Cloud geben? Quasi staatlich per Compliance-Vorgaben verordnet? Schumacher analysiert: „Der deutsche Markt ist zum Teil sehr stark reguliert, und in einigen Industriesegmenten gibt es Vorbehalte, Daten und Prozesse in eine globale Cloud-­Lösung auszulagern. Insbesondere spielen hier Überlegungen zum Datenschutz, beispielsweise im Hinblick auf Urheberrechte, eine Rolle.“ Eine europäische Cloud könnte hier zu einem Teil Abhilfe und Rechtssicherheit schaffen. Kann sich Gaia-X als Alternative zu den Cloud-­Anbietern etablieren, hätten deutsche Unternehmen eine Wahl, welche Daten und Prozesse bei den global agierenden Anbietern verarbeitet und welche aufgrund ihrer Kritikalität für den Firmenerfolg eher in einer europäischen Cloud betrieben werden. „Dies erhöht politische Souveränität für den Wirtschaftsstandort Deutschland“, sagt der IT-Security-Chef bei Accenture.

Der Kunde entscheidet über den Erfolg

Letztendlich liegt der Erfolg des Gaia-X-Projekts nicht in der Hand von Expertengremien oder Ethik-Arbeitskreisen, sondern anderswo: Anfang 2021 startet der Livebetrieb von Gaia-X. Dann entscheiden die Kunden, ob das Angebot wett­bewerbsfähig ist (siehe Kommentar).

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