Jeder Tag ohne KI-Integration sei ein verlorener Tag im globalen Wettbewerb. Mit US-Hyperscalern müsse man sich daher arrangieren. Der CEO von Skaylink fordert einen pragmatischen statt einen ideologischen Ansatz in der Debatte rund um die souveräne Cloud anzustreben.
Digitale Souveränität hin oder her – in Europa kann man AWS Bedrock oder Azure OpenAI nicht wirklich etwas entgegensetzen. Allein deshalb führt mitunter kein Weg an US-Hyperscalern vorbei.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)
Eine souveräne Cloud, ach wie wäre das schön. Allerdings muss man sich diesem Ideal differenziert annähern. Für Frank Strecker, dem CEO bei Skaylink definiert sich eine souveräne Cloud nicht durch technologische Isolation, sondern durch drei Kernprinzipien, nämlich Kontrolle, Transparenz und Resilienz. „Es geht darum, die Datenhoheit zu wahren, Compliance-Anforderungen einzuhalten und gleichzeitig handlungsfähig zu bleiben“, so der Manager. Wichtig sei das aus einem einfachen Grund: „Deutsche Unternehmen müssen innovativ bleiben und gleichzeitig ihre kritischen Assets schützen.“ Die Frage sei vor diesem Hintergrund nicht „entweder Souveränität oder Innovation“, sondern wie beides intelligent verbunden werden kann. Bei Skaylink spricht man in diesem Zusammenhang von „De-Risking“ und meint damit pragmatische Schutzschichten ohne technologische Abschottung.
Risiken managen und nichts verpassen
Frank Strecker, CEO, Skaylink
(Bild: Skaylink)
Auch der Frage, ob US-amerikanische Hyperscaler trotz Cloud Act echt souveräne Cloud-Lösung für Deutschland bereitstellen können, nähert sich Strecker differenziert. „Seien wir ehrlich“, fordert der Manager, „eine 100-prozentige technologische Souveränität weder einer rein lokalen oder mit Non-EU-Playern ist ein Widerspruch in sich.“ Der Cloud Act schaffe rechtliche Realitäten, die nicht ignoriert werden sollen. Aber – und das sei entscheidend – es gebe intelligente Wege, diese Risiken zu managen. Die Lösung liege in hybriden Architekturen und Multi-Cloud-Strategien. „Wir nutzen Hyperscaler für ihre unbestreitbaren Stärken – KI-Services, globale Skalierbarkeit, Innovation – während wir kritische Daten und Prozesse in europäischen Infrastrukturen halten“, lotet der CEO aus. „Zusätzlich setzen wir auf Verschlüsselung mit eigenen Schlüsseln, regionale Datenhaltung und vertragliche Absicherungen.“ Es sei kein perfekter Schutz, aber ein pragmatischer.
Hintergrund
Souveränität zwischen Idealvorstellung und Wirklichkeit
Souveräne Clouds vereinen in der Idealvorstellung Daten-, Software- und betriebliche Souveränität, sodass Unternehmen selbstbestimmt handeln können. Dem könnte man einen Spruch des österreichischen Schriftstellers Helmut Qualtinger entgegenhalten, nämlich: „Die Wirklichkeit ist eine Sense für Ideale.“ Denn in der IT-Praxis ist Souveränität häufig nur ein Schein, ein schöner Begriff, ein Marketing-Buzzword. Was nutzt einem beispielsweise die Möglichkeit, den Cloud-Anbieter wechseln zu können, wenn der Aufwand dafür zu groß und risikobehaftet ist? Oder wenn da rechtliche Unsicherheiten formuliert werden, zu denen drei Juristen fünf Meinungen haben.
Es geht nicht ohne Hyperscaler
Die größte Herausforderung in diesem Zusammenhang sei das Technologie-Dilemma: An AWS Bedrock oder AzureOpenAI komme man derzeit bei KI-Projekten nicht vorbei, also auch nicht an den Hyperscalern. Zumal europäische Alternativen auf diesem Niveau praktisch nicht existent seien.
Wollen wir heute wettbewerbsfähige KI-Projekte umsetzen, kommen wir an AWS Bedrock oder Azure OpenAI nicht vorbei. Europäische Alternativen? Praktisch nicht existent auf diesem Niveau.
Frank Strecker, CEO, Skaylink
Und als ob es damit nicht genug sei, gibt es weitere Herausforderungen: „Die Komplexität von Multi-Cloud-Architekturen, der Mangel an qualifizierten Fachkräften für souveräne Lösungen, höhere Kosten für redundante Systeme und die Balance zwischen Sicherheitsanforderungen und User Experience“, weiß der CEO. Viele Unternehmen würden zudem den Aufwand für Datenklassifizierung unterschätzen, denn nicht alle Daten brauchen den gleichen Souveränitätsgrad.
Hintergrund:
IT-Verantwortliche im Cloud-Struggle
„Nix gwiß woas ma net“, so eine bayerische Redensart, die gut zusammenfasst, was IT-Verantwortliche beim Thema Cloud in den Grübelmodus bringt. Einerseits sind US-Hyperscaler eine feste Größe im Cloud-Business, zumal sie spezielle Angebote für die geforderte Cloud-Souveränität in Europa bieten. Andererseits kursiert die Rechtsauffassung, dass der Cloud Act in den USA im Lichte einer Datenschutzfolgenabschätzung juristische Probleme in Hinblick auf die Datenschutzgrundverordnung verursacht.
Doch welche Rolle spielen staatliche Akteure in der Förderung souveräner Cloud-Infrastrukturen? Aus der Perspektive von Strecker hat der Staat hat eine Dreifachrolle als Regulierer, als Förderer und als Großkunde:
Als Regulierer setzt er mit NIS2, DSGVO und IT-Sicherheitsgesetzen den Rahmen.
Als Förderer sollte er gezielt in europäische Technologieentwicklung investieren – nicht nur in Leuchtturmprojekte, sondern in praktikable Lösungen.
Als Nachfrager muss der Staat mehr leisten als nur Absichtserklärungen, findet der CEO. Wenn Bundesbehörden und kritische Infrastrukturen konsequent souveräne Lösungen einfordern und auch bezahlen würden, entstünde ein Markt, der Innovation antreibt. Das Henne-Ei-Problem löst sich nur durch konkrete Aufträge.
Hintergrund
Initiativen
Das steckt hinter Gaia-X und 8ra
Gaia-X ist ein europäisches Projekt zur Schaffung einer sicheren, offenen und transparenten Dateninfrastruktur, die den souveränen Datenaustausch und die Interoperabilität zwischen verschiedenen Cloud-Diensten fördert. Das Projekt 8ra, ehemals bekannt als IPCEI-CIS (Important Project of Common European Interest – Cloud Infrastructure Services), ist eine von der Europäischen Union initiierte Maßnahme zur Entwicklung einer souveränen, interoperablen und sicheren Cloud-Edge-Infrastruktur in Europa. Sowohl 8ra als auch Gaia-X verfolgen als Initiativen das Ziel, eine souveräne, sichere und interoperable Cloud-Infrastruktur in Europa zu etablieren. Während Gaia-X 2019 als Projekt zum Aufbau einer vertrauenswürdigen Dateninfrastruktur für Europa gestartet wurde, hat es in den letzten Jahren etwas an Schwung verloren.
Standort der Rechenzentren
Die Rolle des Standortes der Rechenzentren ist bei der Frage nach Souveränität und Kontrolle über Daten nicht so einfach, wie sie häufig dargestellt wird. Für Strecker ist der physische Standort zwar eine gute Grundlage, aber nicht die Garantie für Souveränität. „Deutsche Rechenzentren unterliegen deutschem Recht – das schafft rechtliche Klarheit bei Zugriffsanfragen und Compliance. Wenn aber die Hardware und Software darauf von nicht US-Unternehmen stammt und remote gewartet wird, relativiert sich dieser Vorteil“, so der CEO. Entscheidend sei die Kombination: Lokale Rechenzentren plus europäische Betreiber plus Open-Source-Software oder zumindest transparente Technologie-Stacks. „Bei Skaylink setzen wir auf genau diese Dreifachstrategie, ergänzt durch Air-Gap-Architekturen für besonders kritische Workloads“, betont Strecker.
Gaia-X und andere Initiativen
Gaia-X ist aus der Perspektive des Managers „als Idee richtig, in der Umsetzung aber zu träge“. Die Initiative habe wichtige Standards definiert und Bewusstsein geschaffen, aber konkrete, nutzbare Lösungen würden weiterhin auf sich warten lassen. „Wir nutzen Gaia-X-konforme Infrastrukturen, wo es sinnvoll ist, warten aber nicht darauf“, sagt der Skaylink-Chef.
Praktisch relevanter seien konkrete Projekte: „Sie zeigen, dass Souveränität nicht durch Manifeste entsteht, sondern durch funktionierende Infrastrukturen.“ Ergänzend sind aus seiner Sicht Open-Source-Initiativen wie Nextcloud oder OpenStack wichtige Bausteine für Unabhängigkeit.
Stand: 08.12.2025
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Der Schlüssel zur Vermeidung von Vendor-Lock-ins
Apropos Open Source. Darin sieht der CEO den Schlüssel zur Vermeidung von Vendor-Lock-ins. „Mit Lösungen wie OpenStack, Kubernetes oder Nextcloud können Unternehmen ihre Infrastruktur flexibel gestalten und bei Bedarf den Anbieter wechseln.“ Der offene Code ermögliche Transparenz und Anpassbarkeit – zwei Kernelemente digitaler Souveränität.
Pragmatismus vor Ideologie
Aber auch hier gelte: Pragmatismus vor Ideologie. „Nicht jede Open-Source-Lösung ist automatisch besser oder sicherer. Wir kombinieren das Beste aus beiden Welten. Open Source für Basistechnologien und kritische Komponenten, proprietäre Lösungen dort, wo sie klare Mehrwerte bieten – immer mit Exit-Strategien“, beschreibt Strecker.
Debatten versus geschaffene Fakten
Auch der Faktor Zeit sei in diesem Kontext auch noch wichtig. „Während wir über perfekte Souveränität diskutieren, schaffen andere Fakten“, so der Manager und fährt fort: „Jeder Tag ohne KI-Integration ist ein verlorener Tag im globalen Wettbewerb. Deshalb unser Ansatz: Jetzt starten, iterativ verbessern.“
Kommentar
Die EU-Chatkontrolle wäre der Datenschutz-Fiebertraum
von Stefan Riedl
Wie man es dreht und wendet: Technische Aspekte der Souveränen Cloud scheinen einfacher lösbar zu sein, als die juristischen. Open Source, Gaia-X, Sovereign Cloud Stack – hier gibt es greifbare Lösungen. Doch wann werden die Juristen aufhören zu „meckern“? Wie real ist das Cloud-Act-Problem wirklich? Zuletzt gab es einen „Angemessenheitsbeschluss“ der EU-Kommission, der den transatlantischen Datenverkehr freiräumen soll. Der Cloud Act in den USA, der bei Datenhaltung im EU-Raum eine Rolle spielt, soll eh nur ab schweren Verbrechen greifen, was soll also der ganze Zirkus, könnte man durchaus fragen.
Auf der anderen Seite laufen sich die Datenschützer bereits warm, und solange vom Gesetzgeber Prozesse wie „Datenschutzfolgenabschätzungen“ gefordert werden, bleibt das „Verkaufsargument“ (die Anführungszeichen wurden bewusst gesetzt) Rechtssicherheit durch EU-Anbieter für viele Kunden bestehen. Und wenn man kein US-Hyperscaler ist, wird man das tendenziell eher gut finden. Auf der anderen Seite: Warum sollte man wie auch immer geartete Abhängigkeiten und Rechtsunsicherheiten in Kauf nehmen? Wie viel ist man bereit, dafür auszugeben? Was davon ist real, und was ist mit einem „Buhei-Faktor“ beladen, wie das Buzzword „Killswitch“, das nahelegt, die US-Cloud-Infrastruktur werde sich womöglich vom Rest der Welt abkoppeln. Wer das glaubt, lebt in einer Angstphantasie.
Wie heißt es so schön: Man soll auch vor der eigenen Türe kehren, also werfen wir einen Blick auf das Thema „Chatkontrolle“, welches vermutlich lange nicht vollständig vom Tisch sein wird. Sollte dieser Fiebertraum vom Ende der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung der Chat-Dienste – und damit dem Nummer-1-Kommunikationsmedium – wahr werden, kann man sich durchaus fragen, ob man bei US-Diensten nicht grundsätzlich besser aufgehoben ist, als in der Überwachungs-EU, die doch tatsächlich anlasslos eine KI über Chatverläufe laufen lassen will. Ohne VPN-Verbindung und ein gerüttelt Maß an zivilem Ungehorsam, den man allenfalls als Privatperson, nicht aber als Unternehmen aufbringen kann, wird das aber nicht gehen.
Was bleibt vom „Datenschutz-Standortvorteil EU“ eigentlich noch übrig, wenn beim Äquivalent zu privatem Briefverkehr digitale Umschläge aufgedampft, die Inhalte per KI gelesen, die Umschläge wieder zugeklebt und dann abgeschickt werden? Meiner Meinung nach nicht viel, denn die moralisch aufgeladene Attitüde zerbröselt dieser Tage bereits, weil so etwas ernsthaft erwogen wird.
Wer den Diskurs rund um die Chatkontrolle verfolgt, kann antizipieren, wie es ausgehen könnte: Nachdem die kritische Berichterstattung und der öffentliche Druck zu groß wurde, hat man seitens der verantwortlichen politischen Akteure „anlasslose Chatkontrolle“ abgelehnt. Kurze Zeit später wird aber bereits munter mit dem Begriff „präventive Kommunikationsüberwachung“ derartiges begrüßt. Nachtigall, ich hör´ Dir trapsen.