Digitale Souveränität im Cloud-Zeitalter ist ein facettenreiches Thema, in das nicht nur juristische, sondern auch technische Aspekte reinspielen. Plusserver-Chef Andreas Kadler überlegt, wie Abhängigkeiten minimiert werden können.
Das Thema „Digitale Souveränität“ ist im Cloud-Zeitalter angekommen.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)
Eine souveräne Cloud – was soll das eigentlich sein? Für Andreas Kadler, CEO bei Plusserver, geht sie einher mit der vollen Kontrolle über Daten im richtigen Rechtsraum bei der richtigen Technologie. Konkret bedeutet das: „Die Daten bleiben in deutschen oder europäischen Rechenzentren, abgesichert durch Zertifizierungen wie BSI C5 für Cloud-Services oder ISO 27001 für die Rechenzentren, und unterliegen ausschließlich EU-Recht“, so Kadler. Darüber hinaus verhindern in diesem Szenario offene Standards und transparente Verträge Lock-ins und versteckte Kosten. „Nur so entstehen sowohl rechtliche Sicherheit als auch digitale Unabhängigkeit“, postuliert der Plusserver-Chef.
US-Gesetze bleiben bestehen
Andreas Kadler, CEO, Plusserver
(Bild: Plusserver)
US-amerikanische Hyperscaler wie Amazon, Microsoft oder Google zählen aus Plusserver-Sicht zur Konkurrenz in Sachen Cloud. Die Frage, ob diese Anbieter trotz ihrer Herkunftslandgesetze, wie dem CLOUD Act, eine echt souveräne Cloud-Lösung für Deutschland bereitstellen können, verneint der Manager. Seine Begründung: „Selbst wenn Rechenzentren in Europa stehen oder Tochtergesellschaften gegründet werden, greifen weiterhin US-Gesetze. Sowohl Microsoft als auch AWS mussten vor einigen Wochen zugeben, dass sie als Muttergesellschaft im Zweifel aufgrund des CLOUD Acts Daten herausgeben müssten. Wer diese rechtlichen Unsicherheiten vermeiden möchte und lieber echte digitale Souveränität will, setzt deshalb auf rein europäische Anbieter.“
Offene Standards und Open Source sind also das Fundament echter technologischer Souveränität und verhindern so auch Vendor Lock-ins.
Souveräne Cloud ist einfach gesagt, doch schwerlich realisiert: „Gerade die Integration in bestehende Multi-Cloud-Strukturen braucht einen umfassenden Blick auf die komplette Infrastruktur“, weiß der CEO. Vor allem, da dies innerhalb oft enger Budgets umgesetzt werden muss, bei gleichzeitig wachsenden regulatorischen Anforderungen. Zudem müssen klare SLAs (Service Level Agreements) festgelegt werden für Haftung, Support sowie Backup und Recovery. „Wir sprechen hier also definitiv nicht von einem Sprint, der sofort Effekte zeigt, sondern von einem strategischen Langstreckenlauf“, so Kadler.
Hintergrund
Souveränität zwischen Idealvorstellung und Wirklichkeit
Souveräne Clouds vereinen in der Idealvorstellung Daten-, Software- und betriebliche Souveränität, sodass Unternehmen selbstbestimmt handeln können. Dem könnte man einen Spruch des österreichischen Schriftstellers Helmut Qualtinger entgegenhalten, nämlich „Die Wirklichkeit ist eine Sense für Ideale.“ Denn in der IT-Praxis ist Souveränität häufig nur ein Schein, ein schöner Begriff, ein Marketing-Buzzword. Was nutzt einem beispielsweise die Möglichkeit, den Cloud-Anbieter wechseln zu können, wenn der Aufwand dafür zu groß und risikobehaftet ist? Oder wenn da rechtliche Unsicherheiten formuliert werden, zu denen drei Juristen fünf Meinungen haben.
Die Rolle staatlicher Akteure
Fraglich ist, welche Rolle staatliche Akteure in der Förderung souveräner Cloud-Infrastrukturen spielen. Aus der Sicht von Kadler setzt der Staat den regulatorischen Rahmen, etwa durch die DSGVO, den EU Data Act und den EU AI Act. Daneben fördere die öffentliche Hand Projekte wie Gaia-X. Doch neben diesem Rahmen habe der Public Sector eine zweite wichtige Rolle, nämlich die als Vorbild. „Wenn Verwaltungen und Co. datensouveräne Infrastrukturen bevorzugt nutzen und aufbauen, wird das auch zunehmend Anklang in der freien Wirtschaft finden“, glaubt der Plusserver-Chef.
Hintergrund:
IT-Verantwortliche im Cloud-Struggle
„Nix gwiß woas ma net“, so eine bayerische Redensart, die gut zusammenfasst, was IT-Verantwortliche beim Thema Cloud in den Grübelmodus bringt. Einerseits sind US-Hyperscaler eine feste Größe im Cloud-Business, zumal sie spezielle Angebote für die geforderte Cloud-Souveränität in Europa bieten. Andererseits kursiert die Rechtsauffassung, dass der Cloud Act in den USA im Lichte einer Datenschutzfolgenabschätzung juristische Probleme in Hinblick auf die Datenschutzgrundverordnung verursacht.
Außerdem sind da noch Initiativen wie Gaia-X und 8ra, die souveräne Cloud-Infrastrukturen in Europa fördern sollen. Bei Gaia-X ist Plusserver ein Gründungsmitglied. Kadler findet, man habe in den vergangenen Jahren gemeinsame Standards geschaffen und ein Netzwerk für das europäische Cloud-Ökosystem geknüpft. Das mache Gaia-X zu einem zentralen Baustein für digitale Souveränität. "Allerdings müssten Unternehmen immer noch diese Standards für ihre Cloud-Umgebung auch anwenden, um davon zu profitieren“, so der Manager.
Hintergrund
Initiativen
Das steckt hinter Gaia-X und 8ra
Gaia-X ist ein europäisches Projekt zur Schaffung einer sicheren, offenen und transparenten Dateninfrastruktur, die den souveränen Datenaustausch und die Interoperabilität zwischen verschiedenen Cloud-Diensten fördert. Das Projekt 8ra, ehemals bekannt als IPCEI-CIS (Important Project of Common European Interest – Cloud Infrastructure Services), ist eine von der Europäischen Union initiierte Maßnahme zur Entwicklung einer souveränen, interoperablen und sicheren Cloud-Edge-Infrastruktur in Europa. Sowohl 8ra und Gaia-X verfolgen als Initiativen das Ziel, eine souveräne, sichere und interoperable Cloud-Infrastruktur in Europa zu etablieren. Während Gaia-X 2019 als Projekt zum Aufbau einer vertrauenswürdigen Dateninfrastruktur für Europa gestartet wurde, hat es in den letzten Jahren etwas an Schwung verloren.
Eine Frage des Standortes
„Standort heißt mehr als Geografie“, sagt Kadler: Entscheidend seien hier Eigentum, Jurisdiktion und Steuerung, denn: „Nur wenn Betrieb und Anbieter vollständig der EU-Rechtsordnung unterliegen – inklusive EU-Personal im Betrieb –, lassen sich Zugriffsrisiken durch außereuropäische Mutterkonzerne minimieren.“ Gerade in kritischen Bereichen wie Gesundheitswesen, öffentlicher Sektor und Finanzindustrie gelten strenge regulatorische Anforderungen. Dadurch sei der Einsatz außereuropäischer Clouds stark eingeschränkt.
Auch Open-Source-Lösungen spielen in souveränen Cloud-Umgebungen eine Rolle. Kadler führt aus: „Fast jedes Unternehmen nutzt heute Multi-Cloud-Strategien. Offene Schnittstellen machen es einfacher, die verschiedenen Landschaften effektiv miteinander zu verbinden.“ Demnach sind offene Standards und Open Source eine Art Fundament für echte technologische Souveränität, die Vendor Lock-ins verhindern. Ein Providerwechsel sei so einfacher möglich oder sogar eine Rückkehr zu On-Premises. Auch das ist letztlich Ausdruck Digitaler Souveränität.
Kommentar:
Die EU-Chatkontrolle wäre der Datenschutz-Fiebertraum
von Stefan Riedl
Wie man es dreht und wendet: Technische Aspekte der Souveränen Cloud scheinen einfacher lösbar zu sein, als die juristischen. Open Source, Gaia-X, Sovereign Cloud Stack – hier gibt es greifbare Lösungen. Doch wann werden die Juristen aufhören zu „meckern“? Wie real ist das Cloud-Act-Problem wirklich? Zuletzt gab es einen „Angemessenheitsbeschluss“ der EU-Kommission, der den transatlantischen Datenverkehr freiräumen soll. Der Cloud Act, der bei Datenhaltung im EU-Raum eine Rolle spielt, soll eh nur ab schweren Verbrechen greifen, was soll also der ganze Zirkus, könnte man durchaus fragen.
Auf der anderen Seite laufen sich die Datenschützer bereits warm, und solange vom Gesetzgeber Prozesse wie „Datenschutzfolgenabschätzungen“ gefordert werden, bleibt das „Verkaufsargument“ (die Anführungszeichen wurden bewusst gesetzt) Rechtssicherheit durch EU-Anbieter für viele Kunden bestehen. Und wenn man kein US-Hyperscaler ist, wird man das tendenziell eher gut finden. Auf der anderen Seite: Warum sollte man wie auch immer geartete Abhängigkeiten und Rechtsunsicherheiten in Kauf nehmen? Wie viel ist man bereit, dafür auszugeben? Was davon ist real, und was ist mit einem „Buhei-Faktor“ beladen, wie das Buzzword „Killswitch“, das nahelegt, die US-Cloud-Infrastruktur werde sich womöglich vom Rest der Welt abkoppeln. Wer das glaubt, lebt in einer Angstphantasie.
Wie heißt es so schön: Man soll auch vor der eigenen Türe kehren, also werfen wir einen Blick auf das Thema „Chatkontrolle“, welches vermutlich lange nicht vollständig vom Tisch sein wird. Sollte dieser Fiebertraum vom Ende der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung der Chat-Dienste – und damit dem Nummer-1-Kommunikationsmedium – wahr werden, kann man sich durchaus fragen, ob man bei US-Diensten nicht grundsätzlich besser aufgehoben ist, als in der Überwachungs-EU, die doch tatsächlich anlasslos eine KI über Chatverläufe laufen lassen will. Ohne VPN-Verbindung und ein gerüttelt Maß an zivilem Ungehorsam, den man allenfalls als Privatperson, nicht aber als Unternehmen aufbringen kann, wird das aber nicht gehen.
Was bleibt vom „Datenschutz-Standortvorteil EU“ eigentlich noch übrig, wenn beim Äquivalent zu privatem Briefverkehr digitale Umschläge aufgedampft, die Inhalte per KI gelesen, die Umschläge wieder zugeklebt und dann abgeschickt werden? Meiner Meinung nach nicht viel, denn die moralisch aufgeladene Attitüde zerbröselt dieser Tage bereits weil so etwas ernsthaft erwogen wird.
Wer den Diskurs rund um die Chatkontrolle verfolgt, kann antizipieren, wie es ausgehen könnte: Nachdem die kritische Berichterstattung und der öffentliche Druck zu groß wurde, hat man seitens der verantwortlichen politischen Akteure „anlasslose Chatkontrolle“ abgelehnt. Kurze Zeit später wird aber bereits munter mit dem Begriff „präventive Kommunikationsüberwachung“ derartiges begrüßt. Nachtigall, ich hör´ Dir trapsen.
(ID:50575006)
Stand: 08.12.2025
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