Souveräne Cloud Keine starre Entweder-oder-Logik bei Cloud-Souveränität

Von Dr. Stefan Riedl 9 min Lesedauer

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Kritische Daten aus der EU und der Cloud Act in den USA erzeugen ein Spannungsfeld in der Kontroverse rund um Cloud-Souveränität. Schlägt jetzt die Stunde durchdachter Multi- und Hybrid-Cloud-Strategien? Und werden staatliche Auftraggeber gebraucht?

Staatliche Auftraggeber für souveräne Cloud-Infratrukturen würden der Branche in Europa helfen.(Bild:  Midjourney / KI-generiert)
Staatliche Auftraggeber für souveräne Cloud-Infratrukturen würden der Branche in Europa helfen.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)

Unter den Begriff „souveräne Cloud“ lässt sich viel packen. Für Andreas Grigull, Sales Director Central Europe bei OVHcloud, behalten in einer souveränen Cloud die Nutzer – egal ob Staat, Unternehmen oder Privatpersonen – die volle Kontrolle über ihre Daten und deren Verarbeitung. Souveränität steht demnach für Selbstbestimmtheit, Datenhoheit und technologische Unabhängigkeit, sowie eine Resilienz gegen externe Risiken. In letzter Konsequenz geht es um strategische Autonomie, also um echte Wahlfreiheit auf einem freien Markt und nicht nur um die Wahl zwischen einzelnen großen Playern.

Kritische Daten und der Zugriff durch Dritte

Andreas Grigull, Sales Director Central Europe, OVHcloud(Bild:  OVHcloud)
Andreas Grigull, Sales Director Central Europe, OVHcloud
(Bild: OVHcloud)

In sensiblen Bereichen wie der Finanzbranche, dem öffentlichen Sektor oder der Gesundheitsbranche sei folgendes entscheidend: „Kritische Daten dürfen nicht von Dritten eingesehen werden und dem Zugriff ausländischer Behörden unterliegen“, so Grigull. Abhängigkeiten von außereuropäischen Anbietern würden die Wettbewerbsfähigkeit schwächen und das Risiko ungewollter Datenabflüsse erhöhen. Darum brauche Europa eigene Kompetenzen, Standards und Infrastrukturen. „Nur ein starkes, europäisches Ökosystem aus verschiedenen Hard- und Softwareanbietern sichert langfristig Handlungsfreiheit und Souveränität“, so der Manager.

Hintergrund

Souveränität zwischen Idealvorstellung und Wirklichkeit

Souveräne Clouds vereinen in der Idealvorstellung Daten-, Software- und betriebliche Souveränität, sodass Unternehmen selbstbestimmt handeln können. Dem könnte man einen Spruch des österreichischen Schriftstellers Helmut Qualtinger entgegenhalten, nämlich „Die Wirklichkeit ist eine Sense für Ideale.“ Denn in der IT-Praxis ist Souveränität häufig nur ein Schein, ein schöner Begriff, ein Marketing-Buzzword. Was nutzt einem beispielsweise die Möglichkeit, den Cloud-Anbieter wechseln zu können, wenn der Aufwand dafür zu groß und risikobehaftet ist? Oder wenn da rechtliche Unsicherheiten formuliert werden, zu denen drei Juristen fünf Meinungen haben.

Keine souveräne Cloud durch US-Hyperscaler

Zur Einordnung: OVHCloud profitiert von Skepsis gegenüber US-amerikanischer Konkurrenz. Aber Grigull führt Argumente an, warum aus seiner Sicht US-amerikanische Hyperscaler wie Amazon, Microsoft oder Google keine echte souveräne Cloud-Lösung für Deutschland bereitstellen können. „Kurz gesagt“, so Grigull, gehe das gar nicht: „In dem Maße, in dem sie den deutschen Anforderungen gerecht werden würden, können US-Hyperscaler keine souveräne Cloud bereitstellen, eben wegen des Cloud Acts.“ Selbst wenn Daten in einem europäischen Rechenzentrum gespeichert werden, gelte seiner Rechtsauffassung nach für US-Unternehmen weiterhin das US-amerikanische Recht. Das ordnet er folgendermaßen ein: „Werden sie von US-amerikanischen Behörden aufgefordert, müssen sie die Daten herausgeben. Genau an diesem Punkt endet die Idee echter Souveränität und das Souveränitäts-Washing beginnt. Das sehen wir aktuell im großen Stil.“

Die Frage nach der technischen Autonomie

Technische Autonomie lasse sich damit ebenfalls nicht garantieren. „Eine souveräne Cloud setzt voraus, dass Hardware und Software gesteuert und kontrolliert werden können und Kunden dabei die Wahlfreiheit haben. Außerdem dürfen Dritte keinen Zugriff darauf haben, was sich in der Datensouveränität widerspiegelt. Solange dies nicht der Fall ist, bleibt immer ein technisches und rechtliches Einfallstor für Zugriffe von außen bestehen“, sagt der OVHCloud-manager.

Hintergrund:

IT-Verantwortliche im Cloud-Struggle

„Nix gwiß woas ma net“, so eine bayerische Redensart, die gut zusammenfasst, was IT-Verantwortliche beim Thema Cloud in den Grübelmodus bringt. Einerseits sind US-Hyperscaler eine feste Größe im Cloud-Business, zumal sie spezielle Angebote für die geforderte Cloud-Souveränität in Europa bieten. Andererseits kursiert die Rechtsauffassung, dass der Cloud Act in den USA im Lichte einer Datenschutzfolgenabschätzung juristische Probleme in Hinblick auf die Datenschutzgrundverordnung verursacht.

Der steinige Weg zur souveränen Cloud

Welche Herausforderungen bestehen bei der Implementierung einer souveränen Cloud? Andreas Grigull berichtet aus der Praxis: „Viele Unternehmen und Institutionen sind bereits in der Cloud und nutzen darin proprietäre Software-Anwendungen. Eine der größten Herausforderungen ist die Migration in eine souveräne Cloud, also der Wechsel zu einem anderen Anbieter. Denn oft bringen die Kunden beim Wechsel sogenannte „Legacy-Anwendungen“ mit – Cloud-Infrastruktur, die mit proprietärer Software gebaut ist und in eine andere Umgebung übersetzt werden muss.“

Grundsätzlich seien die Hürden für einen Wechsel auf eine souveräne Cloud gar nicht so groß, wie häufig angenommen wird, führt der Manager aus. „Terraform und Kubernetes werden heute bereits in fast allen Unternehmen eingesetzt, dass sind die gleichen Lösungen, mit denen unsere Cloud zu verwenden ist. Auch die Leistungsfähigkeit und die Produktvielfalt nähert sich immer weiter an.“ Es bleibe natürlich die Abhängigkeit Europas von Hardware und Basistechnologien. „Nur rund zehn Prozent der weltweit produzierten Mikrochips stammen aus Europa. Diese Abhängigkeit von Zulieferungen aus anderen Regionen macht es zusätzlich schwer, eine durchgängig souveräne Infrastruktur aufzubauen.“

Die Rolle staatlicher Akteure

Grigull findet, dass Regierungen nicht nur regulieren, sondern auch aktiv als Auftraggeber auftreten sollten – ähnlich wie in den USA. Öffentliche Ausschreibungen seien dort bewusst heimischen Firmen vorbehalten. „Anstelle komplizierter Förderverfahren ist einfache, direkte Unterstützung gefragt: öffentliche Aufträge, strategische Partnerschaften und eine klare Priorisierung europäischer Anbieter“, bringt es der OVHCloud-Manager auf den Punkt.

Entscheidend ist, dass Regierungen nicht nur regulieren, sondern auch aktiv als Auftraggeber auftreten – ähnlich wie in den USA, wo öffentliche Ausschreibungen bewusst heimischen Firmen vorbehalten sind.

Andreas Grigull, Sales Director Central Europe, OVHcloud

Bereits etablierte Initiativen

Vor diesem Hintergrund gebe es bereits die Eurostack-Initiative und – wie der Manager hervorhebt – ist OVHcloud einer der Unterzeichner: „Wir stehen hinter den Forderungen und unterstützen den Ansatz, europäischen Anbietern in öffentlichen Ausschreibungen den Vorzug zu gewähren, der unter dem Stichwort ‚buy European‘ läuft.“ Durch gezielte Förderung europäischer Anbieter und Ökosysteme sowie klare politische Rahmenbedingungen könne Europa seinen Rückstand gegenüber den globalen Hyperscalern weiter aufholen. Bei OVHCloud sei man überzeugt, dass es bereits starke europäische Champions gebe, mit technisch vergleichbaren Lösungen. Jetzt sei es entscheidend, dass diese eine kritische Masse erreichen.

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Hintergrund

Initiativen

Das steckt hinter Gaia-X und 8ra

Gaia-X ist ein europäisches Projekt zur Schaffung einer sicheren, offenen und transparenten Dateninfrastruktur, die den souveränen Datenaustausch und die Interoperabilität zwischen verschiedenen Cloud-Diensten fördert. Das Projekt 8ra, ehemals bekannt als IPCEI-CIS (Important Project of Common European Interest – Cloud Infrastructure Services), ist eine von der Europäischen Union initiierte Maßnahme zur Entwicklung einer souveränen, interoperablen und sicheren Cloud-Edge-Infrastruktur in Europa. Sowohl 8ra als auch Gaia-X verfolgen als Initiativen das Ziel, eine souveräne, sichere und interoperable Cloud-Infrastruktur in Europa zu etablieren. Während Gaia-X 2019 als Projekt zum Aufbau einer vertrauenswürdigen Dateninfrastruktur für Europa gestartet wurde, hat es in den letzten Jahren etwas an Schwung verloren.

Souveräner Cloud-Infrastrukturen in Europa

Beim Aufbau einer souveränen europäischen Cloud-Industrie spielen nach Ansicht von Grigull Initiativen wie Gaia-X und CISPE (Cloud Infrastructure Services Providers in Europe) eine zentrale Rolle. Denn diese setzen auf offene Standards, Transparenz und faire Marktbedingungen, um die Abhängigkeit von Hyperscalern aus den USA und China zu reduzieren. Gaia-X habe wichtige Standards gesetzt und beispielsweise die Parameter Reversibilität und Transparenz verankert, die wichtige Bausteine für eine faire, transparente und kontrollierbare Cloud-Infrastruktur sind.

„Weitere erwähnenswerte Projekte sind beispielsweise das IPCEI CIS-Förderprogramm der EU für kritische Cloud-Infrastruktur und die EuroStack-Initiative des CEPS für einen unabhängigen europäischen Technologie-Stack“, so der Sales Director Central Europe.

Die Rolle von Open Source

Open-Source-Lösungen spielen laut Grigull eine zentrale Rolle in souveränen Cloud-Umgebungen: „Sie sind ein Schlüssel zur Unabhängigkeit, da sie Lock-in-Effekte vermeiden und die Reversibilität und Datenportabilität erhöhen.“ Bei OVHcloud setze man bewusst auf offene Standards wie OpenStack oder Kubernetes und biete entsprechende Open-Source-Umgebungen an. Das erlaube Nutzern, problemlos zwischen Plattformen zu wechseln, Hybrid-Cloud-Ansätze zu nutzen und Workloads flexibel zu verteilen. „Open Source wird so zum strategischen Mittel, um echte Souveränität, Wahlfreiheit und langfristige Kontrolle über Daten sicherzustellen“, so der Manager. Vor diesem Hintergrund arbeitet OVHCloud strategisch mit europäischen Unternehmen zusammen, die Open Source Lösungen entwickeln. Ein gutes Beispiel sei die Kooperation mit dem deutschen Unternehmen Suse, „dessen Managed Rancher Service wir integriert haben und über unsere Cloud anbieten“, sagt Grigull. Mit dem Service können Kunden Daten in Multi Cloud Architekturen einfacher orchestrieren.

Multi- und Hybrid-Cloud-Strategien

Grigull plädiert für eine differenzierte Betrachtungsweise: „Wichtig ist, dass wir uns nicht auf eine starre Entweder-oder-Logik zwischen ‚nur europäisch‘ und ‚nur Hyperscaler‘ festlegen.“ Multi- und Hybrid-Cloud-Strategien sind demnach derzeit der realistischste und zugleich strategisch klügste Zwischenschritt für eine flexible Cloud-Infrastruktur. Eine Multi-Cloud kombiniert aus seiner Sicht die Stärken verschiedener Anbieter und Plattformen. So lassen sich etwa die Innovationskraft und globale Skalierbarkeit großer Hyperscaler mit der rechtlichen Sicherheit und Datenhoheit souveräner europäischer Clouds vereinen. Damit könne man Risiken streuen, Abhängigkeiten reduzieren und gleichzeitig unterschiedliche Technologien je nach Bedarf nutzen.

Insbesondere für regulierte Organisationen und Unternehmen wie Banken, Versicherungen oder öffentliche Einrichtungen ergeben sich daraus Vorteile, findet Grigull. Denn aus Compliance-Gründen und rechtlichen Regulierungen wie der DORA dürfen sie sich gar nicht vollständig an einen einzigen Cloud-Anbieter binden. Eine hybride Strategie ermöglicht es demnach, sensible Daten und kritische Workloads in einer souveränen europäischen Cloud zu speichern, während weniger kritische Anwendungen oder spezialisierte Dienste – etwa KI-Modelle oder Kollaborations-Tools – bei einem internationalen Anbieter laufen können.

Kommentar

Die EU-Chatkontrolle wäre der Datenschutz-Fiebertraum

von Stefan Riedl

Wie man es dreht und wendet: Technische Aspekte der Souveränen Cloud scheinen einfacher lösbar zu sein, als die juristischen. Open Source, Gaia-X, Sovereign Cloud Stack – hier gibt es greifbare Lösungen. Doch wann werden die Juristen aufhören zu „meckern“? Wie real ist das Cloud-Act-Problem wirklich? Zuletzt gab es einen „Angemessenheitsbeschluss“ der EU-Kommission, der den transatlantischen Datenverkehr freiräumen soll. Der Cloud Act in den USA, der bei Datenhaltung im EU-Raum eine Rolle spielt, soll eh nur ab schweren Verbrechen greifen, was soll also der ganze Zirkus, könnte man durchaus fragen.

Auf der anderen Seite laufen sich die Datenschützer bereits warm, und solange vom Gesetzgeber Prozesse wie „Datenschutzfolgenabschätzungen“ gefordert werden, bleibt das „Verkaufsargument“ (die Anführungszeichen wurden bewusst gesetzt) Rechtssicherheit durch EU-Anbieter für viele Kunden bestehen. Und wenn man kein US-Hyperscaler ist, wird man das tendenziell eher gut finden. Auf der anderen Seite: Warum sollte man wie auch immer geartete Abhängigkeiten und Rechtsunsicherheiten in Kauf nehmen? Wie viel ist man bereit, dafür auszugeben? Was davon ist real, und was ist mit einem „Buhei-Faktor“ beladen, wie das Buzzword „Killswitch“, das nahelegt, die US-Cloud-Infrastruktur werde sich womöglich vom Rest der Welt abkoppeln. Wer das glaubt, lebt in einer Angstphantasie.

Wie heißt es so schön: Man soll auch vor der eigenen Türe kehren, also werfen wir einen Blick auf das Thema „Chatkontrolle“, welches vermutlich lange nicht vollständig vom Tisch sein wird. Sollte dieser Fiebertraum vom Ende der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung der Chat-Dienste – und damit dem Nummer-1-Kommunikationsmedium – wahr werden, kann man sich durchaus fragen, ob man bei US-Diensten nicht grundsätzlich besser aufgehoben ist, als in der Überwachungs-EU, die doch tatsächlich anlasslos eine KI über Chatverläufe laufen lassen will. Ohne VPN-Verbindung und ein gerüttelt Maß an zivilem Ungehorsam, den man allenfalls als Privatperson, nicht aber als Unternehmen aufbringen kann, wird das aber nicht gehen.

Was bleibt vom „Datenschutz-Standortvorteil EU“ eigentlich noch übrig, wenn beim Äquivalent zu privatem Briefverkehr digitale Umschläge aufgedampft, die Inhalte per KI gelesen, die Umschläge wieder zugeklebt und dann abgeschickt werden? Meiner Meinung nach nicht viel, denn die moralisch aufgeladene Attitüde zerbröselt dieser Tage bereits, weil so etwas ernsthaft erwogen wird.

Wer den Diskurs rund um die Chatkontrolle verfolgt, kann antizipieren, wie es ausgehen könnte: Nachdem die kritische Berichterstattung und der öffentliche Druck zu groß wurde, hat man seitens der verantwortlichen politischen Akteure „anlasslose Chatkontrolle“ abgelehnt. Kurze Zeit später wird aber bereits munter mit dem Begriff „präventive Kommunikationsüberwachung“ derartiges begrüßt. Nachtigall, ich hör´ Dir trapsen.

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