Channel Fokus: Refurbishing & Remarketing Kreislaufwirtschaft statt Recyclinghof

Von Klaus Länger

Viele Hersteller von PCs und Notebooks werben damit, dass ihre Produkte umweltfreundlicher werden. Das ist begrüßenswert. Aber wirklich nachhaltig ist nur eine möglichst lange Nutzung. Dafür sorgen die Refurbisher. Aber auch sie leiden unter Lieferkettenproblemen.

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Nachhaltigkeit kann nur durch eine funktionierende Kreislaufwirtschaft mit langer Nutzungsdauer der Geräte erreicht werden. Dabei ist das Refurbishing für einen zweiten oder gar dritten Nutzungszyklus gebrauchter Hardware essenziell.
Nachhaltigkeit kann nur durch eine funktionierende Kreislaufwirtschaft mit langer Nutzungsdauer der Geräte erreicht werden. Dabei ist das Refurbishing für einen zweiten oder gar dritten Nutzungszyklus gebrauchter Hardware essenziell.
(Bild: Laymanzoom - stock.adobe.com)

Kunststoffteile aus Meeresplastik oder wiederverwertete Verpackungen und recyceltes Aluminium für das Gehäuse: Bei neuen Notebooks weisen Hersteller sehr offensiv darauf hin, dass sie für ihre Geräte immerhin teilweise Recyclingmaterial verwenden, um so die Umweltbelastung durch die Produktion zu vermindern. Allerdings bringt das relativ wenig, wenn die Rechner schon nach wenigen Jahren selbst im Recycling landen. Wirklich nachhaltig kann der Hardware-Sektor der IT-Branche aber nur werden, wenn eine Kreislaufwirtschaft erreicht wird, bei der die Geräte möglichst lange genutzt werden. Das Bewusstsein dafür ist in den letzten Jahren gewachsen und ein steigende Zahl gebrauchter Geräte wandert nicht mehr in den Recycling-Container, sondern wird durch Refurbisher professionell aufbereitet und in einen weiteren Nutzungszyklus gebracht.

Die Aufbereitung gebrauchter Hardware sorgt dafür, dass funktionsfähige Hardware nicht vorzeitig in den Schredder für das nachfolgende Recycling wandert. Das spart Rohstoffe und Energie.
Die Aufbereitung gebrauchter Hardware sorgt dafür, dass funktionsfähige Hardware nicht vorzeitig in den Schredder für das nachfolgende Recycling wandert. Das spart Rohstoffe und Energie.
(Bild: Leonardo - stock.adobe.com)

Wachsendes Interessen an aufbereiteter Hardware

Das Interesse an aufbereiteten Notebooks, Tablets oder auch Smartphones ist jedenfalls da. Bei einer Anfang des Jahres veröffentlichten Bitkom-Umfrage konnte sich rund die Hälfte der Befragten den Kauf gebrauchter Geräte vorstellen. Rund 13 Prozent haben sogar schon einmal ein solches Gerät gekauft, dabei gehören die Jüngeren zu den Vorreitern. Auch die Zahl der Händler für aufbereitete Geräte ist entsprechend gestiegen. Der Kreis der Refurbisher selbst allerdings nicht, so Ralf Schweitzer, Geschäftsführer des IT-Refurbishers GSD. Denn bei den Kunden sind die Ansprüche an die Qualität der Geräte gewachsen. Und die Firmen, von denen die gebrauchten Geräte stammen, erwarten gleichermaßen eine professionelle Logistik bei der Abholung und höchste Standards bei Datenschutz und Datenlöschung. Hier ist der Einsatz von anerkannten Lösungen wie etwa vom Marktführer Blancco oder dem deutschen Anbieter Toolhouse entscheidend, da hier mit zertifizierten Löschverfahren gearbeitet wird und jede Löschung einer HDD, SSD oder eines Flash-Moduls penibel dokumentiert wird.

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Branchenstimme: GSD

Ralf Schweitzer, Geschäftsführer und Inhaber der GSD
Ralf Schweitzer, Geschäftsführer und Inhaber der GSD
( Bild: Alex Schelbert )

ITB: Profitiert das Refurbishing-Geschäft von den Lieferketten-Problemen bei Neugeräten oder wirken sich diese sogar negativ aus, da der Nachschub an Gebrauchtgeräten stockt?

Schweitzer: Beides tatsächlich. Es werden sicherlich keine Renewed-Produkte dort eingesetzt, wo auf tausende Neugeräte gewartet wird. Aber im KMU und Bildungssektor wird aktuell sehr wohl auf die aufbereitete Version der jeweiligen Premium-Modellreihe zurückgegriffen. Das sind auch die Modelle, die entsprechend schlecht verfügbar sind im Vergleich zu den Business-Entry-Versionen. Über fehlenden Nachschub können wir uns glücklicherweise nicht beklagen, da wir mit unseren Partnern aktuell die Projekte abwickeln, die ursprünglich vor vielen Monaten hätten kommen sollen. Aber Displays jeglicher Größen sind sogar bei uns derzeit Mangelware.

Michael Bleicher, Geschäftsführer von bb-net, beobachtet ebenfalls eine Konsolidierung in der Branche. Dort bewegen sich neben mittelständischen Refurbishern wie GSD, bb-net und dem gemeinnützigen Inklusionsunternehmen AfB auch die Remarketing-Zweige von Distributoren wie Also und Ingram Micro, Herstellern wie Dell und HPE oder von ITAD-Unternehmen (IT Asset Disposition) wie Sims, die eher vom Recycling her kommen. Mit Bechtle gibt es zudem ein Systemhaus mit eigener Remarketing-Gesellschaft. Das bedeutet aber nicht, dass alle zurückgegebenen Altgeräte ausschließlich zu Bechtle Remarketing gehen. Alle Systemhäuser der Gruppe sind autonom und arbeiten teilweise mit anderen Refurbishern zusammen.

Denn Systemhäuser jeglicher Größe gehören neben Leasing-Gesellschaften zu den wichtigsten Quellen für die gebrauchten Business-Geräte, die wieder aufbereitet werden. Bereits während der Pandemie war das Angebot an ausgemusterten Business-Notebooks von Firmen eingeschränkt, da viele Geräte noch für das Homeoffice der Beschäftigten benötigt wurden. Auch der Boom bei Neugeräten brachte nicht so viel Nachschub, da es sich hier meist um zusätzliche Mobilrechner handelte, ohne dass dafür ältere Geräte abgegeben wurden. Die anhaltend kritische Liefersituation von neuen Geräten sorgt weiter für einen stockenden Nachschub und für höhere Einkaufspreise. Bei den meisten Komponenten Arbeitsspeichern oder SSDs sei die Liefersituation noch gut, betont Schweitzer. Lediglich Ersatzakkus für bestimmte Notebooks sind derzeit rar.

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Refurbishing für mehr Nachhaltigkeit

Prinzipiell hat sich in Firmen und den sie betreuenden Systemhäusern die Akzeptanz für das Refurbishing deutlich verbessert. Denn es hilft ihnen, ihre eigenen Nachhaltigkeitsziele zu erfüllen und das ESG-Rating (Environment, Social und Governance) und damit die Bonität zu verbessern, wie AfB-Geschäftsführer Daniel Büchle feststellt. Myclimate Deutschland hat für sein Unternehmen eine detaillierte Ökobilanz erstellt, die zeigt, in welchem Maß eine erneute Nutzung gebrauchter und aufbereiteter Geräte Emissionen reduziert. Daneben sieht Büchle bei Unternehmen auch eine verstärkte Nachfrage nach Refurbishing-Hardware. Dabei handele es sich primär um kleine Firmen, etwa aus Handwerk oder Gewerbe.

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Branchenstimme: AfB

Daniel Büchle, Geschäftsführer bei AfB
Daniel Büchle, Geschäftsführer bei AfB
( Bild: AfB )

ITB: Profitiert das Refurbishing-Geschäft von den Lieferketten-Problemen bei Neugeräten oder wirken sich diese sogar negativ aus, da der Nachschub an Gebrauchtgeräten stockt?

Büchle: Die Lieferketten-Probleme bei IT-Neugeräten führen dazu, dass die kommenden Monate hinsichtlich der Rücknahme von Gebrauchtgeräten aktuell schwer einzuschätzen sind. Das heißt: Die Stückzahlen können möglicherweise stark schwanken. Dank unserer Zusammenarbeit mit mehr als 1.500 Unternehmen und Behörden in Europa können wir diese Schwankungen sehr gut kompensieren und werden somit immer genügend IT- und Mobilgeräte zur Verfügung haben. Dies wird wichtig sein, denn die steigende Inflation und die Preissteigerungen bei Neugeräten werden den Kauf von refurbished Geräten noch attraktiver machen

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Um gemeinsam mit den Partnern auch größere Unternehmen oder Institutionen bedienen zu können, arbeitet bb-net derzeit an einer Standardisierung des Angebots mit festen Artikelnummern und längerer Verfügbarkeit der Gerätekonfigurationen. Denn diese Kunden sind primär an größeren Geräte-Chargen interessiert. Der Einsatz aufbereiteter Gebrauchtgeräte ist für Firmen nicht nur günstig, sondern zudem ein Pluspunkt für die Ökobilanz, da sie die Scope-3-Emissionen senken, so Bleicher. Nachhaltigkeit steht dabei nicht nur bei den Produkten im Fokus, sondern auch beim Unternehmen selbst: Es erreichte 2020 als erster IT-Aufbereiter den Status eines zertifizierten klimaneutralen Unternehmens. Besonders stolz ist man bei bb-net auf die sehr hohe Aufbereitungsquote von 99 Prozent. Rechner, bei denen der Erhaltungszustand für den Verkauf als TecXL-Gerät nicht ausreicht, gehen als „Used-IT” mit drei Monaten Garantie und ohne Betriebssystem an den Channel. Bei AfB werden noch brauchbare aber nicht mehr verkaufsfähige Geräte trotzdem aufbereitet und an karitative Organisationen gespendet. Kunden können sich durch den Kauf von CO2-Zertifikaten daran beteiligen.

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Branchenstimme: bb-net

Michael Bleicher, Geschäftsführer und Gründer von bb-net
Michael Bleicher, Geschäftsführer und Gründer von bb-net
( Bild: bb-net )

ITB: Profitiert das Refurbishing-Geschäft von den Lieferketten-Problemen bei Neugeräten oder wirken sich diese sogar negativ aus, da der Nachschub an Gebrauchtgeräten stockt?

Bleicher: Als neue Geräte nicht zu bekommen waren, griffen Unternehmen und öffentliche Einrichtungen verstärkt auf gebrauchte Geräte zurück. Letztlich stieg durch die positiven Erfahrungen mit aufbereiteten Laptops, Monitoren oder Servern auch die Akzeptanz für die „grünen“ Alternativen. Mittelfristig sorgen die Lieferengpässe im Neuwarenbereich aber auch für Knappheit im Gebrauchtmarkt und vergleichsweise höhere Preise. Außerdem spüren auch wir die langen Lieferzeiten für Komponenten. Aber wir sind zuversichtlich, dass sich die Lage bald wieder entspannen wird.

Hindernisse bei der Aufbereitung

Leicht ist die Aufbereitung gebrauchter Geräte allerdings nicht. Speziell bei Tablets, Convertibles oder extrem flachen Notebooks ist viel verklebt und nicht verschraubt. Das trifft besonders auf die Geräte zu, die derzeit gerade zu den Refurbishern gehen. Schweitzer nennt hier neben Apple-Geräten auch die Surface-Tablets von Microsoft als Problemfälle. Bei denen müssten derzeit häufig geblähte Akkus getauscht werden. Eingeklebte Akkus seien auch ein Problem bei Smartphones ergänzt Büchle. Sie können bei der Demontage leicht beschädigt werden und dabei in Brand geraten. Daher seien hier besondere Sicherheitsmaßnahmen an den Arbeitsplätzen und eigene Schulungen notwendig. Sehr aufwendig beim Refurbishing sind auch Apple iPads, was natürlich die Marge drückt, da auch die Ankaufspreise relativ hoch sind. Da die Geräte gerade im Bildungsbereich sehr gefragt sind, werden sie bei bb-net trotzdem in großen Stückzahlen bearbeitet. „Wir geben auf die Tablets sogar 24 Monate Garantie und nicht nur 12, so wie Apple selbst” erklärt Bleicher dazu. Eine weitere Schwierigkeit ist, dass einige ­Hersteller keine Einzelteile mehr liefern, sondern nur größere Baugruppen. Als Beispiel nennt Schweitzer die Handballenablagen von Notebooks, die einige Hersteller nur noch zusammen mit dem Keyboard als Ersatzteil verkaufen. „Wir haben daher bei GSD eigene Verfahren entwickelt, um Gehäuseteile zu reparieren”, betont der GSD-Chef. Daher wäre das derzeit diskutierte Recht auf Reparatur, das die EU durchsetzen will, ein Segen für die Refurbishing-Branche.

Windows 11 als Problem für die Zukunft

Eine Herausforderung für die Branche wird in Zukunft auch Windows 11 darstellen. Das Microsoft-Betriebssystem lässt sich ohne Tricks nur auf Rechnern mit Intel-Prozessoren ab der achten Core-Generation oder mit AMD-Ryzen-Prozessoren ab der Zen-2-Generation installieren. Der Betriebssystemhersteller begründet das mit Sicherheitsfunktionen, die bei älteren CPUs noch nicht zur Verfügung stehen, setzt deren tatsächliche Nutzung bei der Installation von Windows 11 aber auch nicht durch. Derzeit ist das noch kein dramatisches Problem, da nur wenige Kunden aufbereiteter Rechner unbedingt nach Windows-11-tauglichen Geräten verlangen und hier schon einige entsprechend ausgestattete PCs und Notebooks verfügbar sind.

Die meisten Kunden sind derzeit mit Windows 10 noch vollauf zufrieden, das ja noch bis 2025 unterstützt wird. Darin stimmen die Geschäftsführer von AfB, bb-net und GSD überein. Allerdings bemängelt Bleicher die schlechte Kommunikation seitens Microsoft. GSD-Chef Schweitzer berichtet zudem, dass einige Großhändler bei Rechnern mit älteren CPUs bereits die Preise drücken. Problematisch wird es allerdings in zwei Jahren, wenn immer noch gut lauffähige und auch ausreichend schnelle PCs und Notebooks mit Intel-Core-CPUs der siebten Generation oder Zen-1-Ryzens von AMD bei der Refurbishern ankommen. Sie haben dann das Problem, dass sie nur noch ein Jahr Windows-Unterstützung anbieten können.

Hier erwartet Schweitzer von Microsoft eine Lösung, etwa durch eine für Refurbisher angepasste Windows-Version. Schließlich hat auch Microsoft die Nachhaltigkeit auf die eigenen Fahnen geschrieben und ist auch Mitglied bei der Circular Electronics Partnership, einer Organisation, die eine globale Förderung der Kreislaufwirtschaft zum Ziel hat.

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