Netze für die Multicloud Aviatrix: Rettungsboot für den Channel?

Von Michael Hase

95 Prozent der Systemhäuser werden an der Cloud-Transformation scheitern und untergehen, erwartet Steve Mullaney, CEO des Cloud-Networking-Anbieters Aviatrix. Für die übrigen fünf Prozent sieht er den Hersteller als Rettungsboot. Einer sitzt schon drin: SVA aus Wiesbaden.

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Schöne Metapher: Aviatrix bietet sich als Rettungsboot für vom Untergang bedrohte Systemhäuser an. Viel Platz ist allerdings nicht.
Schöne Metapher: Aviatrix bietet sich als Rettungsboot für vom Untergang bedrohte Systemhäuser an. Viel Platz ist allerdings nicht.
(Bild: Corney-stock.adobe.com)

Steve Mullaney, CEO bei Aviatrix, spricht gern in Metaphern. Den Channel vergleicht er mit der sinkenden Titanic: 95 Prozent der Systemhäuser werden nach seiner Erwartung in den kommenden Jahren untergehen, weil sie den Umstieg vom Client-Server- ins Cloud-Geschäft nicht schaffen. „In der Cloud kann man keine Kisten verkaufen.“ Bei diesem Geschäft geht es dem amerikanischen Manager zufolge allein um Dienstleistungen, nämlich darum, Cloud-Umgebungen für Kunden zu designen, bereitzustellen, zu erweitern und für sie zu betreiben. Denn den Unternehmen fehlen dazu selbst die geeigneten Experten. „Darin liegt die Chance für Partner!“

Vom Untergang bedrohten Systemhäusern bietet Mullaney eine Zusammenarbeit mit Aviatrix an, quasi als Rettungsboot. Freilich nicht allen. Dafür ist das Boot zu klein. Und tatsächlich ist er auch nicht an allen interessiert. Ihm geht es um die fünf Prozent der Partner, die damit begonnen haben, ihre Teams für die Anforderungen der künftigen Multicloud-Welt fit zu machen. Der Manager sucht Leute, die „enlightened" sind. Das ist nicht esoterisch zu verstehen, sondern im Sinne von aufgeklärt. Gemeint sind Systemhäuser, die sich der anstehenden Transformation des IT-Geschäfts bewusst sind und darauf mit den richtigen strategischen Entscheidungen reagiert haben. Ein solches Haus hat Mullaney in Deutschland bereits gefunden: SVA aus Wiesbaden.

Branchenveteran Steve Mullaney, CEO bei Aviatrix, kehrte ins operative Geschäft zurück, weil ihn die Technologie des Anbieters faszinierte.
Branchenveteran Steve Mullaney, CEO bei Aviatrix, kehrte ins operative Geschäft zurück, weil ihn die Technologie des Anbieters faszinierte.
(Bild: Aviatrix)

Womit befasst sich Aviatrix? Der Software-Anbieter aus Santa Clara bezeichnet sein Metier als Secure Cloud Networking. Über seine Plattform stellt er Netzwerk-, Security- und Managementfunktionen bereit, die eigenen Angaben zufolge über das hinausgehen, was AWS, Google, Microsoft oder alternative Provider bieten. Zugleich ermöglicht die Technologie eine konsistente Netzwerkarchitektur über verschiedene Clouds hinweg und sorgt so für ein hohes Maß an Transparenz im Betrieb. Ziel von Aviatrix ist es, Kunden in komplexen Multicloud-Szenarien die volle Kontrolle über ihre Netze zu geben. „Aus einer Netzwerk- und Sicherheitsperspektive kann man uns als Äquivalent zu Cisco betrachten, aber für die Multicloud-Welt“, fasst Mullaney zusammen.

„Pionier und Technologieführer“

Die Analysten von Gartner halten Cloud Networking für eine eigenständige Disziplin, die sich klar von anderen Netzwerkgebieten wie etwa Datacenter Switching oder SD-WAN abgrenzen lässt (siehe „Ergänzendes zum Thema“). Aviatrix sieht sich in diesem neuen Marktsegment als Pionier und Technologieführer. Das kalifornische Unternehmen wurde 2014 gegründet. Im März 2019 übernahm Mullaney, der sich bereits aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hatte, den Chefposten. Der Branchenveteran leitete bis Oktober 2014 das Netzwerkgeschäft von VMware, nachdem er 2012 das Startup Nicira, Pionier bei Software-defined Networking (SDN), für 1,26 Milliarden Dollar an den Virtualisierungsspezialisten verkauft hatte.

Mit Aviatrix verfolgt der Visionär nun ambitionierte Pläne. Für 2022 und 2023 rechnet er mit stark wachsenden Einnahmen, die sich auf 100 Millionen beziehungsweise 150 Millionen Dollar erhöhen sollen. Rückenwind erhält der Anbieter durch die Marktentwicklung. So stiegen die weltweiten Ausgaben für Infrastructure as a Service (IaaS) im vergangenen Jahr nach Zahlen von Canalys um 35 Prozent auf die Summe von 192 Milliarden Dollar. Ein wachsender Teil der Investitionen entfällt dabei auf Networking. Denn Unternehmen nutzen in steigendem Maße nicht nur eine Cloud. Dadurch entstehen neue Herausforderungen für das Netzwerkmanagement, weil sich die entsprechenden Funktionen und Betriebskonzepte der Hyperscaler stark voneinander unterscheiden. Eben diese Problematik adressiert ein Anbieter wie Aviatrix mit seiner Software.

Für die gibt es offenbar auch im deutschen Markt großen Bedarf. „Die eine Hälfte der Kunden, denen wir die Lösung präsentieren, will sie sofort haben“, berichtet Wendel Zacheiss, Business Development Manager Public Cloud bei SVA. „Die anderen reagieren ablehnend, kommen dann aber oft nach einigen Monaten wieder auf uns zu, wenn ihnen weitere Aspekte und mehr Vorteile der Software bewusst werden.“

Eingeschränkte Möglichkeiten der Analyse

Die große Akzeptanz, auf die Aviatrix bei Anwendern stößt, erklärt der Experte unter anderem mit den eingeschränkten Möglichkeiten der Netzwerkanalyse in der Cloud. Um die Ursachen von Performance-Problemen diagnostizieren zu können, sind daher zusätzliche Tools ­erforderlich. Die Technologie aus Kalifornien liefert Unternehmen detaillierte Einblicke in ihren Datenverkehr und hilft ihnen so, Engpässe zu identifizieren. „Aviatrix stellt die Transparenz im Netzwerk her, die Administratoren für ein ­effektives Troubleshooting brauchen, und das über mehrere Clouds hinweg“, ­resümiert Zacheiss. Er vergleicht die Software mit einem universellen Autowerkzeug, mit dem sich Fahrzeuge verschiedener Fabrikate reparieren lassen.

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Aus einer Netzwerk- und Sicherheitsperspektive kann man uns als ­Äquivalent zu Cisco betrachten, aber für die Multicloud-Welt.

Steve Mullaney, CEO bei Aviatrix

Mit dem US-Anbieter arbeitet SVA seit dem zweiten Halbjahr 2020 eng zusammen. Der Dienstleister unterstützt Unternehmen vor allem bei der Implementierung von Aviatrix und passt die Software an deren spezifische Anforderungen an. Dabei erstellen die Cloud-Architekten von SVA mithilfe von Terraform-Skripten maßgeschneiderte Infrastrukturen (Infrastructure as Code), mit denen sie die lokalen Netzwerke der Kunden an ­eine oder mehrere Clouds anbinden. Zu diesen Kunden zählen sowohl Konzerne als auch mittelständische Unternehmen. Referenzen sind etwa das Münchner Luftfahrt-Startup Lilium oder die Hamburger Pensionsverwaltung.

Für Aviatrix sind die Hessen bislang der einzige Partner in Deutschland. Mit der bisherigen Zusammenarbeit ist CEO Mullaney sehr zufrieden. Der Manager weiß zwar, dass der Anbieter weitere Partner braucht, um im hiesigen Markt zu wachsen. Er stellt allerdings hohe Anforderungen an die Kandidaten: Sie müssen, wie erwähnt, „enlightened“ sein und die ­Bereitschaft zeigen, in den Aufbau von Skills zu investieren. Vor drei Jahren hat der Hersteller ein Trainingsprogramm entwickelt, auf dessen Basis er Mitarbeiter von Partnern und Anwendern zu Aviatrix Certified Engineers (ACE) ausbildet. Vorbild für diese technische Rolle ist der Cisco Certified Internetwork Expert (CCIE), „die beste Netzwerkzertifizierung der Welt“, wie Mullaney betont.

„Sie können Cloud nicht mal buchstabieren“

Der Veteran spricht immer dann mit Hochachtung über den US-Konzern, wenn es um Client-Server-Architekturen geht. Für die Cloud sei Cisco aber nicht der richtige Netzausrüster, ebenso wenig wie andere traditionelle Anbieter, zu denen er Arista, Juniper oder VMware zählt. „Sie können Cloud nicht mal buchstabieren.“ Diese Hersteller befassen sich Mullaney zufolge nur damit, On-Prem-Umgebungen mit der Cloud zu verbinden. Sie lösen aber keines der Probleme, die sich dem Networking in der Cloud stellen. Dazu müsse man sich „auf die andere Seite des Tisches begeben und die Perspektive wechseln“. Letztlich gehe es darum, das Cloud-Modell, das sich überall durchsetzen werde, bis „zu Zweigstellen, Rechenzentren, Edge-Computing-Standorten und sogar Campusnetzen zu erweitern“. Genau das tue Aviatrix.

Ähnliche Kritik übt er an traditionellen Security-Anbietern. Sie verfolgen seinen Worten zufolge den falschen Ansatz für die Cloud, indem sie den Datenverkehr zu physischen Geräten umleiten. Aviatrix dagegen integriere Sicherheit über virtuelle Gateways in die Infrastruktur, „in das Gewebe des Netzes“, führt der Unternehmenschef aus. „Wir bringen ein Stück Sicherheit an jeden einzelnen Punkt des Netzwerks.“ Ob die Kritik jedem Hersteller gerecht wird, mag man bezweifeln. Um pointierte Aussagen ist Mullaney, der während seiner Karriere lange in leitenden Marketingpositionen tätig war (u. a. bei Palo Alto Networks), jedoch nie verlegen. Oft hat er dazu sogar eine passende Metapher parat.

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