Akquisitionen geplant Proact: Expansion im zweiten Anlauf

Autor: Michael Hase

Die Proact IT Group befindet sich mitten in der herausfordernden Transformation vom Value Added Reseller zum modernen Systemintegrator und MSP. Aktuell bereitet das schwedische Unternehmen die nächsten Wachstumsschritte auf dem deutschen Markt vor.

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Auf längere Sicht strebt Proact Deutschland eine bundesweite Präsenz an.
Auf längere Sicht strebt Proact Deutschland eine bundesweite Präsenz an.
(Bild: vegefox.com - stock.adobe.com)

Im Channel geht es derzeit zu wie auf einem Basar. Anders & Rodewyk, ADD IT & Consulting, Arxes-Tolina, Basys Bartsch, CSM MeinSystemhaus, IT-On.Net und MR ­Systeme sind nur einige Systemhäuser, die in den vergangenen Monaten neue Eigentümer gefunden haben. Teils waren große Mitbewerber die Käufer, teils aufstrebende Gruppen, hinter denen Finanzinvestoren stehen. Den übernehmenden Häusern geht es häufig darum, ­ihre Präsenz in bestimmten Regionen zu stärken oder zusätzliche Kompetenzen auf dem ein oder anderen Technologiefeld zu erwerben.

Der Dienstleistungsexperte René Schülein ist bei Proact seit Mitte 2020 als Deutschlandchef tätig.
Der Dienstleistungsexperte René Schülein ist bei Proact seit Mitte 2020 als Deutschlandchef tätig.
(Bild: Proact)

Beide Motive spielen auch bei der Proact IT Group eine Rolle, die wieder aktiv ins Mergers-and-Acquisitions-Geschehen eingreifen will. Der schwedische Dienstleister übernahm Anfang 2017 das Nürnberger Systemhaus Teamix und agiert seitdem auf dem deutschen Markt. Jetzt halten es die Skandinavier ebenso wie das Management der hiesigen Landesgesellschaft für an der Zeit, die nächste Phase des Wachstums einzuleiten. Neben dem gezielten Ausbau des Portfolios sollen Zukäufe dazu beitragen.

„Wenn wir wachsen wollen, müssen wir uns in der Fläche ausdehnen. Und die ­Strategie, die wir bei der Expansion verfolgen, schließt Akquisitionen ein“, erläutert René Schülein, Geschäftsführer bei Proact Deutschland. Sein Ziel ist es, auf längere Sicht mit Standorten in allen wichtigen ­Regionen des Landes vertreten zu sein. ­Gespräche mit ersten Übernahmekandidaten führen die Franken bereits. ­Aktuell unterhalten sie außer der Nürnberger Zentrale eine Niederlassung in Mainz.

Entwicklung des Portfolios

Neben der Expansion in der Fläche ist für den Manager ebenso wichtig, das Leistungsangebot von Proact weiterzuentwickeln. Networking und Datenmanagement sind Felder, auf denen seit jeher Kernkompetenzen des Unternehmens liegen. Mit Juniper und NetApp pflegt es langjährige, enge ­Beziehungen. Seit einiger Zeit baut der Infrastrukturspezialist aber auch Kooperationen mit anderen Anbietern wie Cisco Meraki und Microsoft aus. Dabei stets das nötige Fachwissen in Breite und Tiefe vorzuhalten, bezeichnet Schülein als Herausforderung, zumal auch die traditionellen Herstellerpartner ihr ­Technologiespektrum – nicht zuletzt durch ­Zukäufe – laufend ­erweitern. „Für mich hat Priorität, dass wir bei Herstellern, mit denen wir strategisch zusammenarbeiten, deren Portfolio wirklich beherrschen.“ Schließlich sei es mit Vertrieb allein nicht getan. „Unsere Spezialisten brauchen tiefe technische Expertise, damit sie Lösungen beim Kunden implementieren und ­anschließend effizient ­betreiben können.“

Proact beschäftigt hierzulande knapp 100 Mitarbeiter. Zum Dienstleistungsspektrum gehören neben Beratung und Systemintegration auch Managed Services. Letztere tragen inzwischen knapp 40 Prozent zum Gesamtumsatz bei. Langfristig strebt Schülein ein Verhältnis von 50 zu 50 an. Neben Betriebsleistungen müssen Professional Services, mit denen das Unternehmen seine Kunden bei der Einführung neuer Technologien unterstützt, nach Überzeugung des IT-Experten dauerhaft ein elementarer Bestandteil des Portfolios bleiben.

Managed Cloud Provider

Zur Bereitstellung von Managed Services unterhält Proact in der Gruppe mehrere Datacenter, unter anderem in Nürnberg. Dort betreiben die Franken zwei IaaS-Plattformen (auf Basis von OpenStack und VMware). Wie überall im Markt zieht es auch ihre Kunden vermehrt zu den ­Hyperscalern. „Für uns ist wichtig, dass wir sie auch danach weiter betreuen“, sagt der Geschäftsführer. Dazu hat der Dienstleister sein Betriebsmodell in Richtung Cloud erweitert und arbeitet inzwischen eng mit den Hyperscalern, hierzulande vor allem mit Microsoft, zusammen.

Wirtschaftlich betrachtet ist die Wertschöpfung für das Unternehmen zwar größer, wenn er Workloads in seinen ­Rechenzentren hostet. „Wir können und wollen Kunden aber nicht aufhalten, wenn sie sich verändern und bestimmte Applikationen in die Cloud ­migrieren möchten. Wir unterstützen sie dabei.“ Deshalb haben die Technikspezialisten von Proact zusätzliches Anwendungs-Knowhow erworben, um ihre Klientel auch auf der ­Ebene kompetent betreuen zu können. „Fast jeder beschäftigt sich heute mit dem Plattform- und Software-Layer, weil es durch die Hyper­scaler in der Infra­struktur enger werden wird.“

Wachstumsziel verfehlt

Was Präsenz angeht, war Proact Deutschland vor zwei Jahren schon einen Schritt weiter. Damals gab es Filialen in München, Ratingen und Bremen. 2019 lief das Geschäft für den Dienstleister ­allerdings weniger gut als erwartet, nicht nur hierzulande, sondern auch in anderen Märkten. Unterm Strich verfehlte die Gruppe, deren Umsatz sich in jenem Jahr um drei Prozent auf umgerechnet 340 Millionen Euro erhöhte, ihr Wachstumsziel (plus 10 %), und der Gewinn ging zurück. Die schwedische Zentrale verordnete daher Sparmaßnahmen, sodass die deutsche ­Organisation Büros schließen musste.

Mag sein, dass das hiesige Management die Veränderungen unterschätzt hatte, die mit der Integration eines inhabergeführten Systemhauses in die Strukturen einer internationalen, börsennotierten Gruppe einhergehen. Erschwert wurde die Situation dadurch, dass der langjährige Geschäftsführer Oliver Kügow, Mitgründer von Teamix, aus gesundheitlichen Gründen eine mehrmonatige Pause einlegen musste.

Zurück auf Kurs

Die Maßnahmen zur Verbesserung begannen im vergangenen Jahr zu wirken, und dem deutschen Team gelang es, die ­Flaute des Vorjahres zu überwinden. Zum 1. ­Juni 2020 wurde Schülein zu Proact geholt und das ­Management umgebaut. Seitdem führt der Dienstleistungsprofi, der zuvor in leitenden Funktionen bei Cancom, DXC und Computacenter tätig war, die ­Geschäfte in der Nürnberger Zentrale. Kügow kümmert sich seit ­seiner Rückkehr als Alliance & Partner ­Manager um die Herstellerkontakte. 2020 ist Proact nach Auskunft des Deutschlandchefs im hiesigen Markt um gut zwölf Prozent gewachsen. Auch die Gruppe als Ganze ist ihrem Ziel mit einem Anstieg der Erlöse um sieben Prozent auf 363 Millionen ­Euro wieder nähergekommen.

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