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Channel Fokus 365er-Ecosystem

Plattform-Ökonomie für Bildschirmarbeiter

| Redakteur: Dr. Stefan Riedl

Bei „Microsoft 365“ ist Andocken erwünscht und wird gefördert.
Bei „Microsoft 365“ ist Andocken erwünscht und wird gefördert. (Bild: © elenabsl - adobe.stock.com)

Auf die Plattform... Fertig... Los! „Office 365“ beziehungsweise jetzt „Microsoft 365“ mausert sich von der Bürosoftwaresuite mit Teams zur Collaboration-Lösung für Homeoffice-Zeiten. Der offene Ansatz bei einem vorhandenen Markt für Erweiterungen zieht Entwickler an.

Wenn Bildschirmarbeiter gezwungenermaßen wegen virenbedingter Einschränkungen im Homeoffice arbeiten müssen, weil sonst Abstandsregeln und dahinter stehende Schichtpläne nicht eingehalten werden können, klingelt die Kasse bei ­jenen, die für die Situation eine Lösung bieten. Was die Hardware angeht, mögen Lieferengpässe bei Notebooks das Geschäft vermiesen, aber Software-seitig werden seit Wochen neue Arbeitsstrukturen geschaffen, die auch nach der Krise bestehen bleiben. Zu den wichtigsten Marktakteuren zählen hier der Software-Riese aus Redmond mit Microsoft 365 samt Channel, inklusive Entwickler-Community für Erweiterungen.

Umbenennung im April

Zur Begriffsklärung: Im 365-Universum fand im April die Umbenennung von Office 365 in Microsoft 365 statt. Wohl weil ­„Office“ eher mit Programmen von Word über Excel bis Powerpoint assoziiert wird, während die Musik längst im Collaboration-Bereich samt Videoconferencing spielt. Und auch „Microsoft 365“ hat eine Entwicklung durchgemacht. Während der Begriff lange für eine erweiterte Version von ­Office 365 für Geschäftskunden, die zusätzlich zu den üblichen Diensten Security- sowie MDM-Dienste (Mobile Device Management) enthält, stand, rückt nun schleichend die Collaboration-lastige Plattform-Ökonomie in den Vordergrund – befeuert durch den Homeoffice-Boom und die Offenheit für Drittanbieter.

Vor diesem Hintergrund wurden die ­Office-365-Versionen im Privatanwender-Umfeld zu „Microsoft 365 Single“ beziehungsweise „Family“, mit etlichen, kostenlos obendrauf gepackten Zusatzdiensten wie die Teams-App oder Sicherheitsfunktionen für die Internetnutzung. Eine Excel-basierte Finanz-Software mit der Überweisungen und Kontostände gemanaged werden können, startet in den nächsten Monaten zunächst in den USA.

Im Geschäftskundenumfeld spielen bei den Paketen kostenfreie Erweiterungen weniger eine Rolle, dafür das Branding: „Office 365 Business Essentials“ ist jetzt „Microsoft 365 Business Basic“. Die Premium-Version wird zu „Microsoft 365 Business Standard“. Die bisherige „Microsoft 365 Business“ (unter anderem mit MDM-Erweiterung) ist jetzt „Microsoft 365 Business Premium“. Kurzum und ohne lästige Details: Abseits der On-Premises-Welt (siehe Kommentar), die das Unternehmen nach wie vor (noch) bedient, wurde „Office 365“ zu „Microsoft 365“.

Abschied von der On-Premises-Welt

Man kann das gut finden, oder schlecht (siehe Kommentar): Der Abschied des Microsoft-Konzerns aus der On-Premises-Welt ist vorgezeichnet:. Spätestens seit der „Cloud first“-Ansage von Satya Nadella, dem CEO, bestanden hier keine Zweifel mehr. Trifft ein Branchengigant eine strategisch so weitreichende Entscheidung, ergeben sich ­daraus Sekundäreffekte, die ganze Branchen betreffen: den Gebrauchtsoftwarehandel beispielsweise. So ist das meist verkaufte Produkt im Gebrauchtsoftware-Markt Insidern zufolge das in On-Premises-­Manier zu installierende Office 2019.

Für viele On-Premises-Office-Pakete läuft der Support aus.
Für viele On-Premises-Office-Pakete läuft der Support aus. (Quelle: Intra2Net-Umfrage, März 2020)

Gespeist wird das Angebot hauptsächlich aus ­gebrauchten Office-2016-Lizenzen, die im Rahmen von Volumenlizenzverträgen mit Software Assurance eingekauft werden, also inklusive einer Upgrade-Möglichkeit auf 2019. Branchenkenner halten es für ein realistisches Szenario, dass es nur noch eine weitere Version der Bürosuite auf On-Premises-Basis (also Kauf statt Miete) geben wird: ein Office-2021-Paket. Möglicherweise wird danach voll auf Cloud-Produkte umgestellt.

Ergänzendes zum Thema
 
Kommentar: Nur Konkurrenz treibt die Ideen-Maschine ann

Wie eine Umfrage von Intra2Net unter KMU in Deutschland ergeben hat, sind erstaunlich viele, relativ alte, On-Premises-Versionen des Office-Pakets im Einsatz (siehe Grafik, rechts). Sicherheitsprobleme wegen auslaufendem Support im Jahr 2020 gibt bei den orange dargestellten Versionen. Oder um es anders zu formulieren: Hier gibt es sehr stichhaltige Verkaufsargumente in Richtung Security. Auch das „Heimarbeits-Argument“ legt vielerorts den Umstieg ins 365er­-Universum nahe – derzeit stark getrieben von der Problematik rund um das Coronavirus.

Fernunterricht mit Teams

Hinzu kommt, dass über Teams, als integriertes Collaboration-Tool, derzeit digitaler Fernunterricht im Rahmen von Videokonferenzen, Materialbereitstellung und gemeinsamem Arbeiten an Dokumenten umgesetzt wird. Zwar fehlen entsprechende Zahlen, die das belegen, aber dass sich an dieser Stelle die Open-Source-Lernplattform Moodle im Vergleich zu Werkzeugen von Microsoft eher schwer getan hat, liegt wohl auch daran, dass der Microsoft-Channel schlagkräftig in die Bresche sprang, als schnelle Lösungen gefragt waren. Mit Microsoft im Hintergrund wurde beispielsweise über die Initiative „Teams macht Schule“ vielerorts auf Fernunterricht umgestellt. Die beteiligten Microsoft-Partner mit Schwerpunkt auf Teams erläutern auf ihrer ­Website die Lösung für Gruppenchat, Online-Meetings und Teamarbeit und schreiben: „Wir nutzen Teams aktuell mehr denn je selbst und sind davon überzeugt, die kostenlosen Lizenzen von Microsoft auch in Ihrer Schule einrichten zu können. Dies ist keine Werbemaßnahme oder der Versuch, Gewinn aus einer Situation zu schlagen. Alle teilnehmenden Partner haben sich dazu bereit erklärt, die Leistungen uneigennützig und kostenlos für Sie anzubieten.“

Die Zahlen sind abstrakt, schwer einzuordnen, stammen nicht von einem Marktforscher, sondern von Microsoft selbst und beeindrucken dennoch: „So nahmen mehr als 200 Millionen Menschen im ­April an einer Onlinebesprechung in ­Microsoft Teams teil – an einem einzigen Tag. Dabei verbrachten sie 4,1 Milliarden Minuten in Teams Meetings. Tagtäglich nutzen mehr als 75 Millionen Nutzerinnen und Nutzer unsere Kollaborations­lösung.“

Worauf es in der Praxis ankommt

Die QSC AG, ein IT- und IoT-Dienstleister mit rund 900 Mitarbeitern und einem Schwerpunkt auf Geschäftsprozessen, ist dick im Teams-Geschäft und hat der Plattform ein Studienprojekt gewidmet, welches Microsoft Teams als Teil des Digital Workplace aus verschiedenen Perspektiven beleuchten soll. Dafür wurden Digital-Workplace-Praktiker, Berater, Analysten und Dienstleister befragt, die in ihrem Tagesgeschäft viel mit der Plattform zu tun haben. Im Fazit kommt Dr. Andreas Stiehler, Analyst und Autor der Studie, unter anderem zu der Erkenntnis, dass „speziell im Collaboration-Umfeld die vermeintliche Einfachheit und Intuitivität der Werkzeuge dazu verführt, die bei deren Einführung und Einsatz entstehenden Herausforderungen zu unterschätzen.“ Die zahlreichen „Social-Collaboration-Leichen“ in den Unternehmen würden dies unterstreichen. Gemeint sind damit Mitarbeiter, die sich dem Tool verweigern.

Maßnahmen für die MS-Teams-Adoption würden sich im Tagesgeschäft von den sonst üblichen und über viele Jahre praktizierten Strategien für Einführung und Support von IT-Lösungen unterscheiden, leitet Stiehler aus den Expertenstimmen ab. Der MS-Teams–Einsatz – das werde aus den Einschätzungen deutlich, so der Analyst – sei ein „nimmer endender Lernprozess, für dessen Begleitung es neuer, agiler Vorgehensweisen bedarf und bei dem die richtige Balance aus Regeln zur Orientierung und gestalterischer Freiheit erfolgskritisch ist.“

Auch wenn das so nicht explizit gesagt wurde, die angesprochene Agilität und Freiheit bei Teams oder besser gesagt im gesamten, miteinander verzahnten und ineinander greifenden 365er-Ecosystem von Microsoft, liegt am offenen Plattform­ansatz, den Microsoft fährt.

Die Rolle unabhängige Softwareentwickler

So kann die Innovationskraft unabhängiger Software-Anbieter für Erweiterungen im Zusammenspiel der Microsoft-Produkte genutzt werden. Ein Beispiel: Es gibt inzwischen eine „Dark-Web-Monitoring-Lösung“ für Microsoft 365. Sie ­arbeitet mit Backup-Daten aus der Micro­soft-Cloud und scannt damit vergleichend das so genannte Dark Web. IT-­Verantwortliche können damit kompromittierte Mitarbeiterdaten leichter identifizieren.

Denn einen Nachteil hat der Charakter eines „zentralen Werkzeugkastens“ von Microsoft 365. Nicht umsonst zählen Microsoft-365-Zugangsdaten zu den Hauptzielen von Cyberkriminellen. Sie erhalten damit nicht nur Zugriff auf E-Mails, sondern gleich auf alle 365er-Dienste, da­runter Outlook, OneDrive, Share Point, Collaboration-Tools – wie Microsoft Teams und Planner – sowie unter Umständen auch auf Business-Intelligence-Anwendungen oder ERP-Tools wie beispielsweise Microsoft Power BI und Dynamics.

Vor diesem Hintergrund alarmiert die Dark-Web-Monitoring-Lösung Administratoren, wenn E-Mails oder Passwörter ihrer User kompromittiert wurden, so dass diese darauf reagieren können.

Plattform-Ökonomie

So kann die Cloud-Software-Suite rund um Microsoft 365 als Kombination aus einem Online-Dienst, einer Office-Suite und einem Software-Abonnement verstanden werden. Gleichermaßen aber auch als Grundlage für eine Plattformökonomie, die es Entwicklern im Micro­soft-Channel ermöglicht, ihre Lösungen, Add-ons und Erweiterungen einer großen Zielgruppe anzubieten. Sie können Apps mit Microsoft Graph, einer Entwicklerplattform, die Dienste und Geräte miteinander verbindet und auf Microsoft-365-APIs aufbaut, in das 365er-Ecosystem und in Azure integrieren.

Mit der „Microsoft Identity Platform“ – einer Weiterentwicklung der Azure-­Active-Directory-Entwicklerplattform – erhalten Programmierer das passende Werkzeug, um das Anmelden und die ­Zugriffsrechte zu regeln.

Die Verknüpfung mit dem Cloud-Dienst Azure erweitert das 365er-Ecosystem – wenn man so will – innerhalb des Microsoft-Universums. So bildet Azure die Basis für alle Online-Services inklusive der Microsoft-365-Services. Darunter fallen zum Beispiel auch Exchange Online oder SharePoint Online. Office-Dateien können, müssen aber nicht, in einem Azure-Rechenzentrum gehostet werden. Sind sie es, fallen jedoch keine Extra-Kosten dafür an, sondern sind im Leistungspaket des Abos enthalten.

Als Teil von „Microsoft 365 für kleine und mittelständische Unternehmen“ wird auch Teams auf Azure betrieben. Das Tool basiert auf Office-365-Gruppen, Microsoft Graph und den gleichen Sicherheits-, Compliance- und Verwaltungsfunktionen auf Unternehmensniveau wie alle anderen Komponenten von Microsoft 365. Microsoft Teams nutzt die in Azure Active Directory abgelegten Identitäten.

Alles wächst zusammen

Weitere Berührungspunkte zwischen der Microsoft-365- und der Azure-Welt stellen so genannte PowerApps dar. Zusammen mit „Microsoft Flow“ und „Power BI“ sind diese Bestandteil der „Power Platform“. PowerApps liefern eine Benutzeroberfläche, um mit verschiedenen Datenquellen umgehen zu können. So können benutzerdefinierte Anwendungen erstellt werden, die mit Geschäftsdaten verknüpft sind. Diese Daten können onlinebasierten Datenquellen wie Microsoft 365, SharePoint, Excel, Dynamics 365, SQL Server entspringen. Ein Beispiel ist eine PowerApps-Vorlage von Microsoft für Krisenzeiten: Die App ermöglicht es Unternehmen, die Mitarbeiter mit Push-Nachrichten auf dem Laufenden zu halten. Gleichzeitig können Beschäftigte über die App etwa mitteilen, ob sie von zu Hause oder im Büro arbeiten, und Anfragen an Kollegen stellen.

Wie man es dreht und wendet: Das 365er-Ecosystem bietet dem IT-Channel derzeit viele Ansatzmöglichkeiten, um Probleme in Krisenzeiten digital zu lösen.

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