Channel Fokus: Distribution Die Distribution muss kurz die Welt retten

Von Michael Hase

Die Halbleiterknappheit ist ein Indiz dafür, dass die ITK-Branche an die Grenzen des Wachstums stößt. Bei den großen Distributoren ist man sich dessen bewusst. Nachhaltigkeit und ein schonender Umgang mit Ressourcen gehören daher zu den Maximen ihres Handelns.

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Nachhaltiges Handeln gewinnt bei Distributoren zusehends an Bedeutung.
Nachhaltiges Handeln gewinnt bei Distributoren zusehends an Bedeutung.
(Bild: ©Cybrain - stock.adobe.com)

Der Komparativ gehört zu den allgegenwärtigen Denkmustern der ITK-Industrie. Die Innovationsgeschwindigkeit wird „immer höher“, das Datenvolumen „immer größer“, Cybergefahren werden „immer bedrohlicher“ und Tools „immer intelligenter“. Grundsätzlich wird alles „immer schneller“. Und von allem ist ­„immer mehr“ verfügbar. Kommt es doch zu Engpässen, handelt es sich zumeist um vorübergehende Phänomene, die nur einzelne Produktkategorien betreffen. So gesehen stellt die Halbleiterknappheit für die Branche eine ungewohnte Situation dar. Denn sie wird Analysten zufolge noch eine Weile andauern, und sie betrifft den Markt nicht nur punktuell. „Bei allem, was einen Chip enthält, herrscht derzeit ein Mangel an Produkten“, sagte Adam Simon, Global Managing Director beim Marktforschungsunternehmen Context, Ende September.

Eine besondere Herausforderung bedeutet die Situation für Distributoren, vor ­allem für die sogenannten Broadliner, die mit ihrem Sortiment die Breite des Markts abbilden. Denn als Mittler zwischen Anbietern und Fachhändlern stehen sie im Zentrum der sich kreuzenden Lieferketten. Einmal mehr müssen die Großhändler ihre Flexibilität beweisen, sich auf veränderte Marktgegebenheiten einzustellen. Tatsächlich haben einige für die Halbleiterknappheit bereits Strategien entwickelt. „Um die generelle Warenverfügbarkeit aufrechtzuerhalten, bestellen wir frühzeitig und mehr bei den Lieferanten und teilen die Waren nach einer durchdachten Logik den Kunden zu“, berichtet Alexander Maier, Chief Country Executive für Deutschland und Österreich bei Ingram Micro (siehe Interview). Zudem stimmt sich das ­Unternehmen aus Dornach bei München eng mit Partnern und Anbietern ab, „um einzelne Lieferungen, insbesondere für Projekte, zu priorisieren“.

Ähnlich reagiert der Mitbewerber Tech ­Data. Bei dem Münchner Broadliner sieht man „Verzögerungen an breiter Front“ und hat daher die Lagerhaltung aufgestockt, wie Barbara Koch, Managing ­Director Deutschland bei Tech Data, mitteilt (siehe Interview). Zudem setzt das Unternehmen laut Koch auf möglichst große Transparenz der Lieferketten und eine offene Kommunikation mit dem Channel. „Wir empfehlen unseren Partnern, uns frühzeitig in deren Projektplanung einzubeziehen, um so bestmöglich die Verfügbarkeit zu sichern beziehungsweise ihrerseits die Endkunden mit einem realistischen Lieferhorizont zu beraten.“

Kernkompetenzen gefragt

In der Krise sind somit Fähigkeiten der Distributoren in Einkauf und Logistik gefragt, die seit jeher zu ihren Kernkompetenzen gehören. Bislang haben sie sich in diesem Jahr trotz der widrigen Umstände recht passabel geschlagen. So ging der deutsche Distributionsmarkt im Juli und August laut dem Marktforschungsunternehmen Context gegenüber den Vorjahresmonaten um drei beziehungsweise sieben Prozent zurück. Die Zahlen relativieren sich insofern, als 2020 für den ITK-Channel ein extrem gutes Jahr war. Verglichen mit 2019 sähe die Entwicklung deutlich besser aus. Einbußen gehen vor allem auf Volumenprodukte zurück, während das Geschäft mit Netzwerkkomponenten, Speichersystemen und Software europaweit gewachsen ist. Allerdings lässt Context-Analyst Simon keinen Zweifel daran, dass der Distribution durch den Mangel an Halbleitern ­derzeit Umsätze verlorengehen.

Pandemie und Chipkrise sind nicht die einzigen Herausforderungen, die der ITK-Großhandel zu bewältigen hat. Seit einigen Jahren befindet er sich wie der gesamte Markt in einem tiefgreifenden Umbruch. Kunden kaufen IT immer weniger ein, sondern nutzen sie als Service. Verbunden damit setzten sich Subscription- und Consumption-Modelle durch. Fachhandelspartner brauchen daher andere Formen der Unterstützung. Darauf haben Distributoren reagiert, indem sie Systeme aufbauen, die Vermarktung und Bereitstellung von Cloud und Managed Services abbilden. Zugleich entwickeln sie neue Dienstleistungen und Support-Konzepte für ihre Partner.

Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen. „Technologie-Distributoren transformieren sich weiterhin schnell“, sagte Frank Vitagliano, CEO des Global Technology Distribution Council (GTDC), der die Interessen der weltgrößten ITK-Großhändler vertritt, Anfang dieses Monats auf dem Jahresforum des Verbands. Tatsächlich ist die Entwicklung hin zu As a Service durch die Pandemie noch beschleunigt worden. Denn viele gewerbliche Endkunden haben verstärkt in Cloud-Dienste investiert, um ihrer Belegschaft das Arbeiten im Homeoffice zu ermöglichen und trotz der Einschränkungen den Betrieb aufrechtzuerhalten.

Grenzen des Wachstums

Mit der Halbleiterknappheit rückt zugleich ein weiterer Aspekt in den Blick, der in der Wirtschaft über die vergangenen Jahre kontinuierlich an Bedeutung gewonnen hat: Nachhaltigkeit. Dass das ökologische Gleichgewicht der Erde gefährdet ist, darauf wies der Club of Rome zwar schon 1972 in seinem Bericht zu den „Grenzen des Wachstums“ hin. Die Mahnung wurde jedoch lange Zeit zu wenig ernstgenommen. Mittlerweile hat sich aber in breiten Kreisen der Gesellschaft die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Erderwärmung nur aufzuhalten ist, wenn die weltweiten CO2-Emissionen signifikant reduziert werden. Auch Unternehmen sehen sich immer stärker in der Verantwortung und streben einen schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen und eine klimaneutrale Wirtschaftsweise an.

Der andauernde Engpass bei Halbleitern hat tatsächlich viel mit Nachhaltigkeit zu tun. Denn er lässt sich nicht allein damit erklären, dass internationale Lieferketten durch die Pandemie unterbrochen wurden. Die Ursachen dafür sind weit vielschichtiger. Zum einen wächst der Bedarf an Prozessoren in der ITK-Branche, weil sie für Technologiekonzepte wie Cloud Computing oder ­Machine Learning ebenso wie für die ­Modernisierung von Netzinfrastrukturen, zum Beispiel für den 5G-Ausbau, in immer größeren Mengen gebraucht werden. Zum anderen erhöht sich die Nachfrage nach Komponenten im Zuge der ­Digitalisierung in weiteren Industriezweigen, etwa im Automobilsektor oder im Maschinenbau. Mit dem steigenden Bedarf hält die Produktion derzeit nicht mehr Schritt.

Knappheit an Ressourcen

Bei der Chipkrise spielt die Verfügbarkeit von Ressourcen eine wesentliche Rolle. Für die Fertigung von Halbleitern werden Rohstoffe wie Silizium und Seltene Erden benötigt, deren Gewinnung energieintensiv und umweltschädlich ist. Dass chinesische Behörden seit diesem Herbst den Strom für Unternehmen rationieren, weil es zu Engpässen bei der Kohleversorgung gekommen ist, dürfte die Situation noch verschärfen. Denn im Reich der Mitte findet der größte Teil der weltweiten Förderung von Silizium, des wichtigsten Grundstoffs für Chips, statt. Die Halbleiterbranche, und damit die ITK-Industrie als Ganzes, stößt an die Grenzen ihres Wachstums.

In der Distribution ist man sich solcher Zusammenhänge bewusst, und zwar schon seit einigen Jahren, wie die Vertreter der Broadliner übereinstimmend versichern. Nachhaltigkeit und Corporate ­Social Responsibility gehören bei ihnen demnach zu den Leitlinien, an denen sie ihre Strategie ausrichten. So hat die Also Holding schon 2015 damit begonnen, ­Daten zu erheben und ihr Handeln im Rahmen des Geschäftsberichts zu dokumentieren. Weil der Umfang stetig wuchs, veröffentlichte die Gruppe zu Beginn dieses Jahres erstmals einen eigenständigen Nachhaltigkeitsbericht.

Auch bei Partnern wird das Thema wichtiger, wie Andreas Ruhland, Sprecher der Geschäftsführung bei Also Deutschland, beobachtet. „Es ist spürbar, dass ein Umdenken stattfindet und das Bewusstsein aller Marktteilnehmer steigt.“ (siehe Interview) Der Manager begrüßt diese Entwicklung. „Denn wir können nur gemeinsam als Channel nachhaltiger werden.“ Deshalb diskutiert der Soester Distributor sowohl mit Herstellern über Themen wie Seltene Erden oder den Anteil recycelter Elemente als auch mit Fachhandelspartnern über CO2-neutralen Transport und Kreislaufwirtschaft. Statt immer mehr vom Gleichen zu liefern, lautet der neue Komparativ der Distribution, der zugleich ein Imperativ ist, immer schonender mit Ressourcen umzugehen.

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