Channel Fokus: Distribution Von der linearen zur zirkulären Ökonomie

Das Gespräch führte Michael Hase

Wer den Nachhaltigkeitsgedanken weiterdenkt, dem erschließen sich neue Geschäftspotenziale, etwa bei Lifecycle-Support, Reparatur oder Recycling, weiß Alexander Maier von Ingram Micro.

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Mit nachhaltigem Verhalten und konsequentem Einsatz digitaler Technologien beeinflussen die großen Distributoren die Klimabilanz positiv.
Mit nachhaltigem Verhalten und konsequentem Einsatz digitaler Technologien beeinflussen die großen Distributoren die Klimabilanz positiv.
(Bild: j-mel- stock.adobe.com)

Alexander Maier, Senior Vice President und Chief Country Executive Ingram Micro Deutschland und Österreich
Alexander Maier, Senior Vice President und Chief Country Executive Ingram Micro Deutschland und Österreich
(Bild: Gudrun Kaiser)

ITB: Die Halbleiterknappheit war in diesem Jahr ein allgegenwärtiges Thema in der Wirtschaft, nicht nur in der ITK-Branche. Inwieweit kam es bei Ihren Lieferanten zu Engpässen und Verzögerungen? Und wie haben die sich auf Ihr Geschäft ausgewirkt?

Maier: Grundsätzlich lässt sich sagen, dass durch die Coronakrise die Digitalisierung deutlich an Fahrt aufgenommen hat. Zu Beginn der Pandemie haben sich Unternehmen zunächst auf die Umsetzung ungeplanter Digitalisierungsprojekte konzentriert. Nun setzen sie sich intensiver mit ihrer digitalen Roadmap zu höherer Resilienz und Leistungsfähigkeit für ihren künftigen Erfolg auseinander. Vor diesem Hintergrund gehen wir auch weiterhin von einem positiven Geschäftsumfeld aus und sind trotz der gegenwärtigen Lieferverzögerungen, für die es ganz unterschiedliche Ursachen gibt, mit der bisherigen Geschäftsentwicklung sehr zufrieden.

ITB: Wie gehen Sie mit der Situation um? Welche Maßnahmen haben Sie ergriffen und wie erklären Sie den Fachhandelspartnern die Lage?

Maier: Die Herausforderungen der ins Stocken geratenen Lieferketten und fehlenden Bauteile haben längst eine Vielzahl von Branchen erfasst, und die Situation ist aufgrund der deutlich spürbaren Auswirkungen inzwischen allgemein bekannt. Wir sind in enger Abstimmung mit unseren Partnern und Lieferanten, um einzelne Lieferungen, insbesondere für Projekte, zu priorisieren. Um die generelle Warenverfügbarkeit aufrechtzuerhalten, bestellen wir frühzeitig und mehr bei den Lieferanten und teilen die Waren nach einer durchdachten Logik den Kunden zu.

ITB: Als eine Ursache der Halbleiterknappheit gilt die Allokation von Ressourcen wie Rohstoffen und Energie. Nicht ohne Grund wird in diesem Jahr so intensiv wie nie über Nachhaltigkeit diskutiert. Wie wichtig ist das Thema für Ingram Micro?

Maier: Die Ressourcen unseres Planeten zu erhalten, in eine leistungsfähige Belegschaft zu investieren und unsere Gemeinschaften zu stärken, sind die Bausteine für die langfristige Existenz jedes Unternehmens und für zukünftiges Wachstum. Dass nachhaltigere Geschäftspraktiken notwendig sind, ist uns bewusst, und wir haben uns verpflichtet, unseren Teil dazu beizutragen. Um Nachhaltigkeit konsequent im Fokus zu behalten, haben wir vor Kurzem einen neuen Director of Global ESG (Environmental, Social Governance) eingestellt, um uns dabei zu unterstützen, ehrgeizige Umweltziele für das Jahrzehnt der Klimaschutzmaßnahmen 2021 bis 2030 festzulegen.

ITB: Nehmen Sie in puncto Nachhaltigkeit auch Einfluss auf die Produkt- bzw. Vermarktungsstrategien der Hersteller, die Sie distribuieren? Was tun sie, um den Nachhaltigkeitsgedanken bei Ihren Fachhandelspartnern zu etablieren?

Maier: Unserer Erfahrung nach haben im Allgemeinen viele Hersteller und Handelspartner umfassende Nachhaltigkeitsprogramme und -strategien. Als Partner tragen wir unseren Teil zur Umsetzung dieser Programme und Strategien bei.

ITB: Die Distribution ist ein ressourcenintensives Geschäft: der Transport von Waren, der Einsatz von Verpackungsmaterial, der Betrieb von Systemen und Plattformen. Wo setzten Sie den Hebel an? An welchen Punkten lässt sich die Ökobilanz am nachhaltigsten verbessern?

Maier: Wir haben unsere globale Corporate-Social-Responsibility-Initiative vor mehreren Jahren formuliert. Seitdem haben wir uns darauf konzentriert, intern das Bewusstsein dafür zu schärfen und gleichzeitig die Systeme und Prozesse aufzubauen, um das Programm an Hunderten von Standorten in 59 Ländern zu verwalten. Wir haben noch Arbeit vor uns, aber schon bedeutende Fortschritte gemacht. An unseren Standorten setzen wir auf energieeffiziente Lösungen. In den vergangenen fünf Jahren haben wir den Anteil an erneuerbaren Energien erhöht, das Abfallaufkommen verringert, die Intensität der Treibhausgasemissionen reduziert und weiter in die Reparatur, die Aufarbeitung und das Recycling von gebrauchter Elektronik investiert. Bei den Verpackungen arbeiten wir kontinuierlich daran, die Gesamtmenge zu reduzieren, effizienter zu verpacken und umweltfreundliche Verpackungslösungen zu finden. Wir gehen davon aus, dass die anhaltenden Trends in Richtung Kraftstoffeffizienz und Elektrofahrzeuge, die mit dem Warentransport verbundenen Treibhausgasemissionen weiter reduzieren werden.

ITB: Rücknahme und Remarketing gebrauchter Produkte spielen seit einigen Jahren auch in der Distribution eine Rolle. Nach unserer Beobachtung geht es vielen Händlern, wenn sie Rechner an die Distribution zurückgeben, vor allem um die ordnungsgemäße und datenschutzkonforme Entsorgung, aber nicht um Wiederverwendung. Wie läuft das Geschäft mit Lifecycle-Services?

Maier: Wir haben bereits frühzeitig das Geschäftspotential im Bereich der IT-Asset Disposition (ITAD) erkannt und durch eine Unternehmensakquisition im Jahr 2013 unser Leistungsportfolio ausgebaut. Zwischenzeitlich zählen wir zu den führenden Anbietern von Dienstleistungen in den Bereichen Entsorgung von Unternehmens-IT-Assets (ITAD), Lifecycle-Support, Datenvernichtung vor Ort, Reparatur und Wiederverwendung von IT-Assets sowie Recycling von E-Schrott. Unsere Dienstleistungen und Prozesse senken – unter Einhaltung von Umwelt- und Datensicherheitsvorschriften – das Risiko, die Kosten und die Komplexität, die mit der sicheren Verwaltung von IT-Assets während ihres gesamten Lebenszyklus verbunden sind. Gerade im Großkundengeschäft sind ITAD-Services nicht mehr wegzudenken, wohingegen es im Mittelstand und bei Kleinstunternehmen immer noch Vorbehalte gibt. Durch die erhebliche Zunahme von Elektroschrott gehen wir davon aus, dass diese schnell schwinden werden. Denn um die Umweltbelastung zu reduzieren und die Nebeneffekte von Elektroschrott zu minimieren, wird die Nachfrage nach ITAD-Services weiter steigen.

ITB: Wie bringen Sie die Anforderung, schonend mit Ressourcen umzugehen, mit der Notwendigkeit, Umsatz und Ertrag zu steigern, in Einklang?

Maier: Schonend mit Ressourcen umzugehen, bedeutet für uns, operativ effizienter zu werden und mehr erneuerbare Energien zu nutzen. Mit unserem sehr erfolgreichen ITAD-Geschäft sind wir gut darauf vorbereitet, dass sich die Weltwirtschaft von einer linearen mehr zu einer Kreislaufwirtschaft entwickelt. Die „Circular Economy“ bietet auf ganz unterschiedliche Weise neue Perspektiven, Abfall zu vermeiden und Werte zu schaffen: Sie dient uns zur Kundengewinnung, senkt die Umweltkosten, erhöht die Motivation der Belegschaft und inspiriert viele von uns, was wiederum Talente anzieht. Die Mehrzahl der Unternehmen ergreift inzwischen ernsthafte Schritte, um den sozialen und wirtschaftlichen Nutzen zu verbessern. In diesem Zusammenhang verfolgen wir Nachhaltigkeit ebenso systematisch wie jede andere Geschäftsdisziplin, da sie einen wesentlichen Anteil am langfristigen Erfolg des Unternehmens hat.

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