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Competence Center IoT aufgebaut Bechtle erschließt das Internet der Dinge

Autor: Michael Hase

Unter Systemhäusern sieht sich Bechtle als Nummer eins. Ob der IT-Spezialist sich auch mit IoT-Lösungen in Industriekreisen würde behaupten können, beurteilte man anfangs sogar intern skeptisch. Mittlerweile hat das Competence Center IoT erfolgreich gezeigt, wie es geht.

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Beim Internet der Dinge stoßen Industrie- und IT-Welt aufeinander.
Beim Internet der Dinge stoßen Industrie- und IT-Welt aufeinander.
(Bild: www.siemens.com/press)

Beim IoT treffen Kulturen aufeinander, die nicht per se zueinander passen. Wer als ­IT-Dienstleister für einen Industriekunden arbeitet, braucht daher nicht nur ein Verständnis von dessen spezifischem Metier, er muss auch dessen ureigene Leistung wertschätzen. „Ich kann nicht zu einem Hersteller von Gelenkwellen gehen, der seine Technologie über Jahrzehnte inkrementell weiterentwickelt und kontinuierlich verbessert hat, und ihm sagen: ‚Wir machen jetzt mal dein analoges Produkt smart!‘“, betont Raphael Mintgen, Head of IoT Solutions bei Bechtle. „Das wäre ziemlich vermessen von uns.“

Raphael Mintgen leitet bei Bechtle das Competence Center IoT.
Raphael Mintgen leitet bei Bechtle das Competence Center IoT.
(Bild: Thomas Pochert, www.tom-foto.de)

Die Rolle des Systemhauses sieht der ­Manager, der am Standort Bonn das Competence Center IoT leitet, somit darin, Kunden bei ihrer Digitalisierungsstrategie zu begleiten und gemeinsam mit ihnen ­Lösungen zu erarbeiten, die ihre Prozesse effizienter, ihre Produkte höherwertig oder ihren Betrieb weniger störanfällig machen. Für den Gelenkwellenspezialisten hat Bechtle beispielsweise ein Predictive-Maintenance-Szenario entwickelt. Mittels Sensoren werden Parameter wie Drehmoment, Öltemperatur oder Rotationsgeschwindigkeit permanent erfasst. Im nächsten Schritt werden die Daten ausgewertet und über einen digitalen Zwilling visualisiert, der den Gesundheitszustand der Wellen anzeigt. Kunden des Maschinenbauers erhalten bei sich andeutendem Verschleiß frühzeitig einen Alert, um Ausfällen vorbeugen zu können.

Als IT-Dienstleister gesetzt

Dass sich ein IT-Spezialist bei IoT auf fremdes Terrain begibt, dessen war man sich bei Bechtle bewusst. Anfangs gab es sogar ­Bedenken, ob es sinnvoll sei, sich als Systemhaus in diesem speziellen Geschäft zu engagieren. „Werden wir mit unserem ­Hintergrund bei IoT überhaupt als relevanter Player wahrgenommen, der wirkliche Mehrwerte liefern kann?“, zitiert Mintgen damalige Zweifel. Keine Frage, in puncto IT ist Bechtle bei vielen mittelständischen Unternehmen als Technologielieferant und Dienstleister gesetzt. Immerhin betreut die vielerorts präsente Gruppe mit Hauptsitz in Neckarsulm eine hohe fünfstellige Zahl gewerblicher Endkunden. Aber garantiert diese Position den Erfolg, wenn es um die Vernetzung von Maschinen geht?

Die Zweifel sind mittlerweile verstummt. Auch bei IoT gilt Bechtle heute für Unternehmen als Partner der Wahl, und das nicht nur für Bestandskunden aus der Fertigungsindustrie, die das Systemhaus mit seiner CAD-/ CAM-Expertise betreut. Auch darüber hinaus haben Mintgen und sein Team eine Reihe von Mittelständlern mit ihrem Leistungsportfolio überzeugen können. „Selbst bei der Neukundenakquise finden wir inzwischen einen Einstieg über das Thema IoT“, bekräftigt der Manager. „Mitunter entsteht daraus sogar Folgegeschäft, zum Beispiel für unsere Kollegen aus dem Netzwerkbereich.“

Das Bonner Competence Center, das im Mai 2018 eröffnet wurde, hat einen mehrstufigen Ansatz für IoT-Szenarien entwickelt. Wie das Beispiel des Gelenkwellenherstellers illustriert, dreht sich dabei alles um die strukturierte Verarbeitung von Sensor- und Maschinendaten. Das Erfassen und Sammeln („Collect“), das Übertragen („Transport“), das Speichern und Aggregieren („Store“) sowie das Auswerten und Visualisieren („Analyze“) der Daten bilden die vier Säulen des Konzepts. Um den Prozess zu steuern und um einen reibungslosen und sicheren Datenfluss zwischen den Systemen zu gewährleisten, wird zudem eine Orchestrierung („Manage & Secure“) benötigt. Diese Aufgaben erfüllt üblicherweise eine IoT-Plattform.

Individuelle Lösungen

Wie es Systemhäuser seit jeher im Workplace- und Datacenter-Geschäft getan haben, verbindet Bechtle auch bei IoT verschiedene Technologiekomponenten zu Lösungen, die auf die jeweiligen Anforderungen der Kunden zugeschnitten sind. Für alle Kernfunktionen hat das Competence Center eine Liste mit Anbietern erstellt, in der es Mintgen zufolge weder Präferenzen noch Rankings gibt. Vielmehr werde stets die Technologie ausgewählt, die sich für den spezifischen Bedarf des Kunden am besten eignet. „IoT-Lösungen sind hochindividuell und die Überschneidungen von Projekt zu Projekt oft eher gering.“

Sensoren bezieht Bechtle zum Beispiel von Endress + Hauser, IFM oder Pepperl + Fuchs. Um IoT-Daten zu speichern, kommen Systeme etablierter Hersteller wie Dell EMC, HPE oder NetApp ebenso in Frage wie die Plattformen der Hyperscaler. Dabei tendieren die Bonner Experten zur Cloud als Speicherort, weil sie Kunden die Möglichkeiten bietet, ihre IoT-Szenarien schnell und flexibel zu erweitern. „Kein anderer Aspekt ist bei IoT wichtiger als Skalierbarkeit.“ Zur Analyse setzt das Systemhaus ebenfalls auf AWS und Azure, nämlich auf deren Machine-Learning-Dienste. Als IoT-Plattform schätzen die Rheinländer insbesondere Cumulocity der Software AG.

Wichtige Komponenten sind auch IoT-Gateways, die die Brücke zwischen der Industriewelt und dem Netzwerk schlagen. Einerseits unterstützen sie spezifische Industrieprotokolle und erlauben es, Daten von Sensoren und Systemen zur Maschinensteuerung (SPS) auszulesen. Andererseits sorgen Gateways für Konnektivität über LAN, WiFi, Mobilfunk sowie über moderne für IoT ausgelegte Protokolle wie LoRaWAN, Narrowband IoT oder Sigfox und ermöglichen so die Datenübertragung an IT-Systeme. Im Idealfall stellen sie zudem genügend Rechenleistung bereit, um Anwendungen darauf zu betreiben, sodass sich Daten bereits am Edge verarbeiten lassen. Diese Anforderungen erfüllen etwa die Gateways des ­Regensburger Herstellers Insys Icom (siehe „Ergänzendes zum Thema“) nach Mintgens Worten auf ideale Weise.

Teamwork mit dem Kunden

Bei der Konzeption einer Lösung ist ­Bechtle auf die Mitarbeit des Kunden ­angewiesen, wie der Manager ausführt. „Wir können ihm helfen, Daten aus seiner Umgebung zu gewinnen, sie zu analysieren und zu wertvollen Informationen zu veredeln.“ Am Ende handelt es sich aber stets um eine Koproduktion. Denn derjenige, der „eine Anlage designt und aufgebaut hat, der sie betreibt und am besten kennt, muss aktiv an dem Vorhaben mitwirken“. Ohne hinreichend konkrete Vorstellung des Ziels werde unter Umständen viel Zeit verschwendet. Wenn die Richtung definiert ist, passiere es oft sogar, dass auf dem Weg zur Lösung weitere Aspekte in den Blick geraten, an die man anfangs nicht gedacht habe, sodass zusätzliche Mehrwerte entstehen.

Bei etwa zwei Dritteln der IoT-Projekte von Bechtle geht es um Smart Manufacturing bei Industriekunden, wobei die ­vorausschauende Wartung ein häufiger Anwendungsfall ist. Außerdem befassen sich die Experten mit Smart Logistics, dem Nachverfolgen und Überwachen von Gütern in der Transport- und Logistikbranche mit Hilfe von Sensoren und Tracking-Systemen, sowie mit Smart Buildings, der intelligenten Verwaltung von Gebäuden.

Single Point of Contact

Bechtle sieht sich bei IoT als Full Service Provider, der das gesamte Leistungsspektrum abdeckt, angefangen bei der Beratung auf Geschäftsführerebene über das Lösungsdesign, die Produktauswahl und Projektumsetzung bis hin zur Schulung der Anwender und dem Support im laufenden Betrieb. Dabei versteht sich das Systemhaus als Single Point of Contact, der für alle Technologien der erste Ansprechpartner ist. Bisher hat der Dienstleister die Erfahrung gemacht, dass IoT-Projekte im Durchschnitt deutlich länger als Datacenter-Projekte dauern. Vor allem in der Definitionsphase, in der die Ziele bestimmt werden, wollen viele mitreden, nicht nur die unmittelbar beteiligten Fachbereiche, sondern auch Abteilungen wie Support, Forschung & Entwicklung oder Marketing. „Gefühlt spricht man mit dem halben Unternehmen.“

Dem Competence Center gehören derzeit fünf Experten an. Das klingt erst einmal nach wenig. Die IoT-Pioniere aus Bonn haben in Projekten aber Zugriff auf Mitarbeiter aus anderen Competence Centern, etwa für Networking oder Storage, ebenso wie auf die Multicloud-Spezialisten von Bechtle Clouds. Die Rheinländer sind im Übrigen nicht die einzigen, die sich in der Gruppe mit IoT befassen. Am Standort Karlsruhe gibt es einen weiteren Hotspot für das Thema.

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 Michael Hase

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Chefreporter