Lücke zwischen KI-Einsatz und Kontrolle Autonome KI läuft der Governance davon

Von Ira Zahorsky 5 min Lesedauer

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Jedes dritte Unternehmen setzt KI bereits in geschäftskritischen Resilienzprozessen ein. Doch nur wenige verfügen über aktive Risikokontrollen. Für IT-Systemhäuser entsteht ein neues Beratungsfeld: Governance für autonome Agenten.

Unternehmen setzen immer mehr Agentic AI ein. Wirkliche Kontrolle haben aber die wenigsten.(Bild:  Gemini / KI-generiert)
Unternehmen setzen immer mehr Agentic AI ein. Wirkliche Kontrolle haben aber die wenigsten.
(Bild: Gemini / KI-generiert)

30 Prozent der Unternehmen haben bislang nicht getestet, was passiert, wenn agentische KI die Kontrolle verliert oder fehlerhafte autonome Entscheidungen trifft. In Deutschland liegt der Anteil bei 25 Prozent. Gleichzeitig setzt bereits jedes dritte Unternehmen KI in geschäftskritischen Resilienzprozessen ein. Damit verschiebt sich auch die zentrale Governance-Frage. Nicht mehr nur die Verlässlichkeit einzelner KI-Ergebnisse steht im Mittelpunkt. Entscheidend wird, wie Unternehmen autonome Systeme steuern und kontrollieren.

Die bestehenden Strukturen sind darauf nur unzureichend vorbereitet. Verteilte Verantwortlichkeiten, regelmäßige Prüfzyklen und richtlinienbasierte Kontrollen wurden für überwachte oder manuelle Prozesse entwickelt. Systeme, die autonom und mit hoher Geschwindigkeit handeln, stellen diese Modelle vor grundsätzliche Grenzen.

Vertrauen wächst schneller als Kontrolle

58 Prozent der befragten Führungskräfte gehen davon aus, dass ihre Governance-Maßnahmen mit der KI-Einführung Schritt halten. Tatsächlich verfügen laut Bericht jedoch nur 18 Prozent über aktive Maßnahmen zur Risikominimierung.

Die Folgen dieser Lücke zeigen sich bereits:

  • 40 Prozent der Unternehmen berichteten in den vergangenen zwölf Monaten von fehlerhaften KI-Ergebnissen.
  • 27 Prozent meldeten Datenschutzverletzungen im Zusammenhang mit KI.
  • 26 Prozent waren von behördlichen Maßnahmen betroffen.
  • Fast zwei Drittel erlebten mindestens einen Vorfall mit KI-Agenten, der zu Datenlecks, Betriebsunterbrechungen oder finanziellen Schäden führte.

Für die Unternehmensleitung reicht es deshalb nicht aus, KI-Anwendungen freizugeben und ihre Ergebnisse stichprobenartig zu prüfen. Notwendig sind klare Zuständigkeiten, nachvollziehbare Kontrollmechanismen und definierte Eingriffs- und Eskalationswege.

Die Realität ist, dass die Einführung agentischer KI die bestehenden Governance-Strukturen bereits heute überholt.

Guru Sethupathy, Optro

„Die Realität ist, dass die Einführung agentischer KI die bestehenden Governance-Strukturen bereits heute überholt“, stellt Guru Sethupathy, General Manager für KI-Governance bei Optro, fest. Governance müsse neu gedacht werden, damit Unternehmen KI schneller, sicherer und verlässlicher skalieren könnten.

„When AI Leaves the Chat and Enters the Workflow“

Die Zahlen stammen aus dem Bericht „When AI Leaves the Chat and Enters the Workflow“ von Optro. Er beschreibt den Übergang von dialogbasierter generativer KI zu Systemen, die eigenständig in geschäftskritischen Abläufen handeln. Damit verschiebt sich auch die zentrale Governance-Frage. Nicht mehr nur die Verlässlichkeit einzelner KI-Ergebnisse steht im Mittelpunkt. Entscheidend wird, wie Unternehmen autonome Systeme steuern und kontrollieren.

Der Bericht enthält u. a. Checklisten zur „Agentic Readiness“ für interne Revision, Compliance, IT, Cybersicherheit und KI-Governance und kann nach Registrierung kostenfrei auf Englisch heruntergeladen werden.

Download des Reports

Agenten werden zu nichtmenschlichen Identitäten

Autonome KI-Agenten authentifizieren sich, greifen auf Systeme zu und führen eigenständig Aktionen aus. Damit erhalten sie faktisch die Rolle nichtmenschlicher Identitäten. In vielen Unternehmen bleiben sie jedoch unsichtbar.

Besonders problematisch ist der Einsatz durch Fachbereiche. Mitarbeitende integrieren KI-Agenten in Prozesse, ohne dass die IT-Abteilung davon Kenntnis hat. Zwar haben 85 Prozent der Unternehmen KI bereits in ihre Kernprozesse integriert. Nur ein Viertel besitzt laut Optro jedoch einen umfassenden Überblick darüber, wie Mitarbeitende diese Technologien tatsächlich nutzen.

Für Sicherheits- und Compliance-Verantwortliche entsteht damit eine zusätzliche Schattenlandschaft. Neben klassischen Benutzerkonten, Anwendungen und Schnittstellen müssen auch Agenten erfasst und kontrolliert werden. Relevant sind dabei unter anderem folgende Fragen:

  • Welche Agenten existieren im Unternehmen?
  • Unter welcher Identität authentifizieren sie sich?
  • Auf welche Systeme und Daten dürfen sie zugreifen?
  • Welche Aktionen dürfen sie selbstständig ausführen?
  • Wer trägt die Verantwortung für ihre Entscheidungen?
  • Wie wird ein fehlerhaftes oder missbräuchliches Verhalten gestoppt?

Nahezu die Hälfte der Sicherheitsverantwortlichen zählt agentische KI bereits zu den größten Sicherheitsrisiken. Der Satz „Die KI hat entschieden“ wird dabei weder für interne Kontrollen noch gegenüber Aufsichtsbehörden ausreichen. Hinter Entscheidungen mit Auswirkungen auf Kunden, Märkte oder regulatorische Meldungen muss weiterhin ein namentlich benannter und rechenschaftspflichtiger Mensch stehen.

Deutscher Mittelstand erwartet neue Resilienzrisiken

Auch deutsche Unternehmen rechnen mit wachsenden Problemen bei der Verantwortungszuordnung. 36 Prozent erwarten, dass klare Zuständigkeiten für autonome KI-Systeme künftig zu den größten Herausforderungen für Business Continuity und Resilienz zählen werden.

Der Zeitpunkt für den Aufbau geeigneter Strukturen ist damit nicht beliebig verschiebbar. Unternehmen, die Verantwortlichkeiten jetzt definieren, können ihre Governance-Modelle selbst gestalten. Wer abwartet, muss voraussichtlich unter dem Druck regulatorischer Auflagen, von Abhilfemaßnahmen oder nach einem Sicherheitsvorfall reagieren.

Was das für IT-Dienstleister bedeutet

Für IT-Dienstleister entsteht ein Beratungsfeld, das über die technische Einführung einzelner KI-Anwendungen hinausgeht. Die entscheidende Weichenstellung liegt nicht allein in der Auswahl eines KI-Tools. Sie betrifft die Frage, wer autonome Systeme überwacht, begrenzt und im Ernstfall stoppt. Für Systemhäuser eröffnet das die Möglichkeit, aus der KI-Einführung ein dauerhaftes Governance- und Resilienzgeschäft zu entwickeln.

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Naheliegende Leistungsbausteine sind:

  • Agenten-Inventar aufbauen: Erfassung eingesetzter KI-Agenten einschließlich ihrer Identitäten, Schnittstellen und Zugriffsrechte
  • Verantwortlichkeiten definieren: Zuordnung namentlich benannter Verantwortlicher für kritische Entscheidungen und Aktionen
  • Zugriffe und Aktionen begrenzen: Festlegung, auf welche Systeme ein Agent zugreifen und welche Handlungen er selbstständig ausführen darf
  • Störungsszenarien testen: Prüfung von Kontrollverlust, fehlerhaften Entscheidungen, Datenlecks und Betriebsunterbrechungen
  • Kontrollen dokumentieren: Nachvollziehbare Nachweise für Governance, Risikominimierung und Incident Response schaffen.
  • Fachbereiche einbinden: Nicht nur die IT, sondern auch die Abteilungen müssen beim Einsatz von KI-Agenten erfasst und kontrolliert werden.

Damit kann das Systemhaus als Integrator, Sicherheitsberater und Betreiber von Governance-Prozessen auftreten. Die Grundlage bildet jedoch zunächst Transparenz. Ohne Überblick über eingesetzte Agenten bleiben auch Richtlinien und technische Kontrollen lückenhaft. Optro stellt nach eigenen Angaben dafür Governance-Infrastruktur und automatisierte Kontrollmechanismen bereit.

Methodik des Optro-Berichts „When AI Leaves the Chat and Enters the Workflow“

Die Ergebnisse des Berichts basieren auf vier Umfragen, die zwischen Februar 2025 und Mai 2026 im Rahmen des Optro-Programms „Risk Intelligence“ durchgeführt wurden. Alle Befragungen erfolgten online unter Fach- und Führungskräften aus den Bereichen Revision, Risiko, Compliance und Governance.

Die erste Umfrage (n = 403) untersuchte Herausforderungen bei der Einhaltung regulatorischer Anforderungen, die KI-Bereitschaft sowie den Umgang mit „Schatten-KI“ unter Entscheidern und Einflussnehmern aus den Bereichen Informationssicherheit und Compliance in den USA, Kanada, Großbritannien und Deutschland.

Die zweite Umfrage (n = 407) analysierte den Reifegrad, die Vorbereitung und die organisatorische Verankerung der KI-Governance bei Fachkräften aus den Bereichen Revision, Risiko und Compliance in Nordamerika, Großbritannien und Deutschland. Mindestens 45 Prozent der Befragten arbeiteten in der Internen Revision.

Die dritte Umfrage (n = 612) untersuchte den Einsatz von KI, den Reifegrad der Governance, Cybersicherheitsrisiken sowie die funktionsübergreifende Integration von Risiken bei Führungskräften aus den Bereichen Revision und GRC in Nordamerika, Großbritannien, Irland und Deutschland.

Die vierte Umfrage (n = 506) befasste sich mit dem Reifegrad des Business-Continuity-Managements, der operativen Resilienz sowie den Auswirkungen agentischer KI auf die Governance. Befragt wurden Führungskräfte aus den Bereichen Revision, Risiko, Compliance, Business Continuity Management und Informationssicherheit in Nordamerika, Großbritannien, Deutschland und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

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