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Was ist Vendor Lock-in?

| Autor / Redakteur: Mandarina / Michael Hase

Grundlagenwissen zum IT-Business
Grundlagenwissen zum IT-Business (Bild: © adiruch na chiangmai - Fotolia.com)

In der ITK-Branche spricht man von Vendor Lock-in, wenn Kunden derart von den Produkten oder Dienstleistungen eines Anbieters abhängig sind, dass sich der Wechsel zu einem Mitbewerber wirtschaftlich nicht rechnen würde.

Aus dem Englischen übersetzt bedeutet Vendor Lock-in soviel wie „bei einem Verkäufer eingesperrt sein“. Der Wirtschaftsbegriff bezeichnet ein Verhältnis, bei dem Kunden derart von den Produkten oder Dienstleistungen eines Anbieters abhängig sind, dass der Wechsel zu einem Mitbewerber mit hohem Aufwand und hohen Kosten verbunden wäre und deshalb in der Regel unterbleibt. Eine Rolle spielen dabei meist technische, prozessuale oder vertragliche Abhängigkeiten zwischen den einzelnen Produkt- oder Service-Komponenten des Anbieters, die auf diese Weise ein mehr oder weniger in sich geschlossenes System bilden.

Vendor Lock-in gibt es in unterschiedlichen Wirtschaftszweigen. Erstmals soll der Unternehmer John D. Rockefeller um 1880 eine Vermarktungsstrategie entwickelt haben, die auf der technischen Abhängigkeit von Produkten basierte. In China, wo er eine marktbeherrschende Stellung bei Petroleum anstrebte, verkaufte er günstig Lampen, die am besten mit dem von ihm angebotenen Öl brannten. Ein weiteres frühes Beispiel für Vendor Lock-in waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Rasierapparate von Gillette, die aus einem patentierten Klingenhalter und dazu passenden Klingen bestanden.

Proprietäre ITK-Technologien

Im ITK-Markt ist der Vendor Lock-in ein verbreitetes Phänomen, das sowohl bei Hardware als auch bei Software anzutreffen ist. Üblicherweise wird er dadurch erreicht, dass ein Hersteller für seine Produkte proprietäre Formate, Betriebssysteme, Programmierschnittstellen oder Protokolle nutzt, sodass sie nicht mit Wettbewerbsprodukten kompatibel sind. Die Interoperabilität mit Technologien anderer Anbieter ist entweder nicht gegeben oder eingeschränkt. Auf diese Weise werden Kunden dazu genötigt, ausschließlich oder hauptsächlich Produkte dieses Herstellers einzusetzen.

So kann beispielsweise ein marktbeherrschendes Software-Unternehmen einen Lock-in-Effekt erzielen, indem es Funktionen, für die andere Hersteller eigenständige Produkte anbieten, fest mit seinem Betriebssystem koppelt. Oder es entwickelt Dateiformate, die es den Nutzern erschweren, ihre Daten in andere Formate zu konvertieren. Die Wechselbarrieren sind selten unüberwindbar, bedeuten aber doch einen so hohen Aufwand, dass Kunden bei diesem Anbieter bleiben. Eine solche Bindung lässt sich dem Linux Information Project zufolge am besten dadurch vermeiden, dass man Produkte verwendet, die branchenweiten Standards entsprechen. Freie Standards werden nicht von einem einzigen Unternehmen kontrolliert.

In der Cloud eingesperrt

Seit einigen Jahren wird von Vendor Lock-in auch beim Cloud Computing gesprochen. Denn viele Public Cloud Provider haben für ihre Plattformen proprietäre Schnittstellen, Dateiformate und Applikationslogiken entwickelt. Dadurch ist es für Kunden mit hohem Aufwand verbunden, wenn sie ihre Workloads aus einer Cloud abziehen und in eine andere übertragen möchten. Allein der Transfer der Daten verursacht häufig bereits hohe Kosten. Oft müssen aber auch Anwendungen bei einer Migration angepasst werden.

Die Europäische Agentur für Netz- und Informationssicherheit (ENISA) sieht im Vendor Lock-in daher ein hohes Risiko bei der Cloud-Nutzung. Denn die enge Bindung an einen Provider kann für Kunden zu einem gravierenden Problem werden, wenn sie sich durch besondere Umstände wie etwa Rechtsstreitigkeiten oder größere Systemausfälle zu einem Wechsel genötigt sehen.

Beim Cloud Computing gibt es kein Patentrezept, wie Anwender einem Vendor Lock-in entgehen können. Die ENISA empfiehlt eine Business Continuity-Strategie, die Exit- und Migrationspläne für die Übertragung von Daten und Applikationen zu einem anderen Provider vorsieht. Im Rahmen dieser Strategie sollten Kunden regelmäßig Backups ihrer Daten in einem Standardformat erstellen.

Multi-Cloud und OpenStack

Eine Möglichkeit, sich nicht von einem einzigen Anbieter abhängig zu machen, besteht in einer Multi-Cloud-Strategie. Allerdings ist es für Anwender mit einem deutlich höheren Management-Aufwand verbunden, wenn sie Angebote mehrerer Provider nutzen, und damit auch mit höheren Kosten. Insbesondere für kleinere Unternehmen ist die Multi-Cloud daher keine Option. Eine weitere Möglichkeit, einen Vendor Lock-in zu vermeiden, kann die Nutzung von Cloud-Plattformen sein, die auf offenen Standards wie etwa der OpenStack-Architektur basieren. Sie erlauben im Prinzip den einfachen Wechsel zwischen verschiedenen Clouds. Verglichen mit den Hyperscale-Plattformen von AWS, Google und Microsoft handelt es sich bei den am Markt verfügbaren OpenStack-Clouds allerdings um Nischenangebote.

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