Ein unscheinbarer Artikel der EU-Funkrichtlinie hätte das Aus für softwaredefinierte Funktechnik bedeuten können. Von WLAN-Routern bis zu IoT-Systemen wäre alles betroffen gewesen. Eine breite Allianz hat dieses regulatorische Desaster jedoch verhindert.
Die EU-Funkrichtlinie hätte das Aus für die softwaredefinierte Elektronik bedeutet. Jetzt hat sich der zehnjährige Kampf zum Guten gewendet.
Das Funkrichtlinien-Thema steht exemplarisch für ein oft unterschätztes Feld in der Elektronikentwicklung: Regulatory Affairs. Während sich Entwickler auf technische Herausforderungen konzentrieren, können regulatorische Änderungen ganze Produktlinien obsolet machen oder Entwicklungsfreiheiten massiv einschränken. Moderne Elektronik wird zunehmend Software-definiert: von SDR über programmierbare Leistungselektronik bis hin zu rekonfigurierbarer Hardware. Regulierung, die Software-Flexibilität einschränkt, bedroht diese Entwicklung grundsätzlich. Mit Milliarden vernetzter IoT-Geräte wären rigide Zertifizierungsanforderungen für jede Software-Version praktisch nicht handhabbar. Die Maker-Bewegung und Open-Source-Elektronik hätten faktisch beendet werden können.
Kampf für die Zukunft der Funktechnik
Guido Körber: „Der Stand der Technik ist aber, dass sich praktisch alle modernen Funksysteme per Software modifizieren lassen, einige bestehen sogar größtenteils aus Software.“
(Bild: Guido Körber)
Als die EU-Funkrichtlinie 2014/53/EU verabschiedet wurde [1], erkannten verschiedene Akteure schnell die Problematik des Artikels 3.3i. Erste Warnsignale kamen 2015, als WLAN-Hersteller begannen, alternative Firmware wie OpenWRT zu blockieren. Was folgte, war eine jahrelange, koordinierte Anstrengung verschiedener Interessensgruppen gegen die drohende Aktivierung problematischer Bestimmungen.
Artikel 3.3i forderte, dass Funksysteme „nur solche Software laden können, für die die Konformität nachgewiesen wurde“ [2]. Diese scheinbar technische Anforderung hätte faktisch das Aus für alle softwarekonfigurierbaren Funksysteme bedeutet – von WLAN-Routern bis zu SDR-Systemen wäre die gesamte Branche betroffen gewesen.
Koordinierte Intervention
Die Kritik formierte sich auf mehreren Ebenen: Elektronikexperte Guido Körber, Geschäftsführer von Code Mercenaries, mobilisierte zunächst EU-Abgeordnete wie Felix Reda und später den tschechischen Piraten-Abgeordneten Mikuláš Peksa. Parallel entwickelte sich Widerstand in den Wirtschaftsverbänden. Im ZVEI (Elektrotechnik) engagierten sich diverse Experten, während beim AMA Verband Sensorik und Messtechnik eine eigene Arbeitsgruppe das Thema vorantrieb. Die Open-Source-Community wurde ebenfalls stark aktiv und unterstützte die Bemühungen nachhaltig.
Technisches Problem, politische Lösung
Das Kernproblem war physikalisch unlösbar: Ein System kann nicht vorhersagen, ob unbekannte Software konform arbeiten wird. Das ist ein klassisches Problem der Informatik (Gödelscher Unvollständigkeitssatz). Selbst einfache Mikrocontroller können heute Funksignale softwaregeneriert ausgeben. Die breite Koalition aus Industrie, Politik und Open-Source-Bewegung konnte die negativen Folgen einer lückenlosen Regulierung verdeutlichen.
Nach mehreren Runden von Stakeholder-Konsultationen und verschiedenen Regulierungsentwürfen bestätigte eine offizielle Studie die Kritik: Die Aktivierung wäre destruktiv gewesen, ohne Sicherheitsvorteile zu bringen. Am 20. Januar 2026 verwarf die EU-Kommission die entsprechende Initiative [3].
Der Erfolg sichert Elektronikentwicklern weiterhin die Freiheit für Funktechnik-Lösungen. OpenWRT, alternative Firmware und moderne Entwicklungsmethoden bleiben legal. Das ist ein Sieg für technischen Fortschritt gegen überbordende Regulierung. Das Beispiel zeigt: Erfolgreiche Regulierungsarbeit braucht breite Koalitionen aus technischer Expertise, politischem Verständnis und industrieller Unterstützung.
Dieser Beitrag stammt von unserem Partnerportal Elektronikpraxis.
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