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Die Igel-Story

| Autor: Dr. Stefan Riedl

Die Igel-Story ist eng mit Heiko Gloge und der alten Kaufmannsfamilie Melchers verknüpft.
Die Igel-Story ist eng mit Heiko Gloge und der alten Kaufmannsfamilie Melchers verknüpft. (Bild: © majivecka - adobe.stock.com)

Igel ist keine Garagen-, sondern eher eine Dachbodenstory. Der Handlungsstrang dieser ­Geschichte zieht sich entlang des Lebenswegs von Heiko Gloge, CEO und Gründer von Igel Technology, und ist zudem eng verknüpft mit der alten Kaufmannsfamilie Melchers.

Heiko Gloge, CEO & Founder, Igel Technology
Heiko Gloge, CEO & Founder, Igel Technology (Bild: Igel)

Heiko Gloge hat seine ersten Berufsjahre als ­Pädagoge in einem Kinderwohnheim für schwer­erziehbare Kinder in Bremen verbracht. „Meine Frau, mit der ich bis heute glücklich verheiratet bin, war damals als Krankenschwester tätig, und sowohl sie, als auch ich waren mitunter 24 Stunden am Stück in kombinierten Tag-und-Nachtschichten tätig.“ Als sich die Kommunikation der Eheleute eine Zeit lang nur noch auf hinterlassene Zettelchen am Kühlschrank beschränkte, suchte Gloge nach einer neuen beruflichen Perspektive. Tischler wollte er werden, wie sein Onkel, aber im Zivildienst hat er jemanden kennengelernt, der in Bremen für Erwachsenenbildung im Bereich „IT“ zuständig war. ­Ohne diese Bekanntschaft wäre wohl vieles ­anders verlaufen.

„Damals betrachtete ich Computer als eine Art von elektrischer Schreibmaschine, aber nach ersten Abendkursen in der Angestelltenkammer, der Volkshochschule und der Uni Bremen habe ich mein Technik-Faible entdeckt“, blickt der Manager zurück: Er lernte Pascal, Assembler, C, Fortran und Cobol. Nach einer offiziellen Umschulung wurde Gloge schließlich Datenverarbeitungskaufmann, wie es ­damals hieß.

Umschulung zum IT-Nerd

„Ich hatte noch Lochstreifen und 8-Inch-Floppy-Disks, fast so groß wie Langspielplatten, kennengelernt“, erinnert sich der Igel-Chef. Er gab sich voll den gängigen Technik-Nerd-Klischees hin und arbeitete in einem Büro mit Kaffeemaschine, Aschenbecher und einem Schild an der Tür, auf dem stand: „No Sales! No Marketing“. Gloge blieb seinem damaligen Ausbildungs­betrieb treu, einem fünf Mann starken Systemhaus ­namens Köhn Computer. „Mit einem Kollegen zusammen war ich dort in der Entwicklung tätig. Ich erinnere mich noch gut an eine Projektmanagement-Software, die wir in Cobol auf Altos-Computer programmiert haben – dem damals großen Wettbewerber von Siemens Xenix Multiuser Systemen.“ Auf einer Messe hat der junge Datenverarbeitungskaufmann seine Software vorgestellt und wurde prompt von Mitarbeitern aus der Altos-Distribution abge­worben, der Firma Office Service. „Distribution lief damals noch ein wenig anders“, erläutert der Firmengründer, der dort unter anderem im Umfeld von ­Xenix/ Unix-Betriebssystemen, Datenbanken und Textverarbeitungssystemen für Vorinstallationen und Support zuständig war.

Rückschlag

Vor Rückschlägen ist man nie gefeit: „Nach einem Jahr – es war 1988 – war mein Arbeitgeber wegen Unregelmäßigkeiten pleite. Den entsprechenden Anruf bekam ich, als ich gerade in Urlaub war. Als die ­Metro Group Office Service aufgekauft hat, habe ich meinen Aufhebungsvertrag unterschrieben“, so Gloge. Über einen ehemaligen Kollegen wurde er auf den Nachfolge-Distributor für Altos aufmerksam, die C. Melchers GmbH & Co. KG. Das ist ein über 200 Jahre altes und einflussreiches Handelsunternehmen aus Bremen, gegründet im Jahr 1806, vollständig in privater Hand und mit einem sehr erfolgreichen ­Import-Export-Geschäftskonzept am Markt. „Nach einem Vorstellungsgespräch habe ich bei Melchers weitergearbeitet und war dafür zuständig, für den ­Altos-Bereich Mitarbeiter zu finden und ein Handelsnetzwerk aufzubauen“, sagt Gloge. Erfolgreich: Um 1990 herum florierte der Handel mit Altos-Produkten, also den Multiuser-Servern, Terminals, Software, Drucker et cetera. Später wurde Altos von der Acer Group aus Taiwan gekauft, und unter diesen Vorzeichen zog sich Melchers aus dem Geschäft mit dem ursprünglichen Server-Geschäft zurück.

Terminals aus Augsburg

Der Geschäftsbereich Altos-Distribution wurde 1993 innerhalb der Melchers-Gruppe geschlossen. „Ich bin in dieser Zeit auf die Firma Igel in Augsburg aufmerksam geworden“, erinnert sich Gloge. „Die stellten ausgefuchste Terminals her: schwarzweiß, 80 Zeichen, 24 Zeilen. Das Besondere war aber, dass sie nicht über serielle Anschlüsse verkabelt wurden, sondern über das TCP/IP-Protokoll netzwerkfähig waren. Die ­Terminals waren damit Ethernet-fähig und stellten Printserver-Funktionen zur Verfügung. Zudem profitierten sie von allen Vorteilen von Linux. Ein Konzept, das mich ­sofort überzeugte.“

Qualitätsprobleme und Verschuldungsgrade

Gloges Abteilung schloss einen Distribu­tionsvertrag mit Igel und startete den Vertrieb des „Etherminal“, der Hardware des Augsburger Herstellers, das mit einem Unix-Derivat arbeitete. Doch während der Distribution kam es immer wieder zu Qualitätsproblemen bei der Hardware. Irgendwann im Lauf der Jahre 1996/ 97 stand fest, dass die Distribution in dieser Form nicht fortgesetzt werden kann, wenn sich die Qualität der Hardware nicht bessert. „Es gab damals auch ein Angebot an Melchers, Igel zu übernehmen. Allerdings war der Verschuldungsgrad zu hoch, und ein Augsburger Hersteller wäre von Bremen aus schwer zu führen gewesen“, so Gloge.

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Kaufmannsehre und Familienkontakte

An dieser Stelle der Igel-Story kommen die Familienhistorie und die vielen Partnerschaften der Melchers zum Tragen, die bereits seit 130 Jahren in China aktiv sind und entsprechende Expertise in Sachen Logistik und Qualitätssicherung von Produkten und Komponenten haben. Gloge fasst zusammen: „Letzten Endes haben wir das Etherminal-Logo als Lizenz erworben und die Hardware selbst gebaut, so wie heute noch. Mit den taiwanesischen Partnern ­dahinter arbeiten wir immer noch zusammen, und ich spiele regelmäßig Golf mit den Gesellschaftern. Die Software kam per Lizenzvertrag weiterhin von der Firma Igel aus Augsburg.“

Das Platzen der Dotcom-Blase

Alles lief problemlos, bis Igel an die Firma Infomatec verkauft wurde. Der Name ging im Rahmen eines Betrugsskandals während des Platzens der Dotcom-Blase im Jahr 1999 durch die Presse. Die Marke „Igel“ sollte damals unter dem Infomatec-Dach verschwinden. „Ich habe ihn kurzerhand im Namen von Melchers für 100.000 DM gekauft sowie die Rechte der Domain igel.com erworben“, blickt der Manager zurück. „Noch vor der Infomatec-Insolvenz stand bei mir der Plan mit ehemaligen Entwicklern bei Igel, dass wir das ‚Terminal-Computing‘ alleine machen wollen.“ Doch die Melchers-Gruppe war stets als Handels­unternehmen aufgestellt, und so war man dort zunächst skeptisch.

Rechte für US-Markt verkauft

Doch letzten Endes startete die neue Igel Technology GmbH am 10. Dezember 2000 mit einem guten Dutzend Leuten an Bord. „Ich erhielt die faire Option, mit 30 Prozent als Gesellschafter und Geschäftsführer in die Firma einzutreten“, sagt Gloge. Um das Jahr 2003 waren das Unternehmen bereits 30 Mitarbeiter stark. „Im Jahr 2002 haben wir ein Office in Ohio in den USA aufgemacht. Ich flog damals viel transatlantisch hin und her. 2004 zogen wir mit dem Büro von Ohio in die unmittelbare Nähe von ­Citrix nach Fort Lauderdale, Florida. Aber obwohl die USA ein wichtiger Markt sind, hat das nicht so recht funktioniert.“ 2005 wurde in der Niederlassung in den USA ein reines US-Management eingeführt, aber auch das war nicht wesentlich erfolgreicher, sodass 2009 die Rechte für den US-Markt für einen symbolischen Preis an einen Geschäftsfreund von Gloge aus den USA verkauft wurden.

Wiederentdeckung der Vereinigten Staaten

2013 wollte man bei Igel aber wieder zurück in die USA, Branding, Vertrieb sowie Marketing zurückholen und die Produktion und Logistik bei dem Geschäftsfreund belassen. „Es war eine verzwickte Situation“, blickt der Manager zurück. „2014 – ich kann mich noch genau daran erinnern, es war zum Spiel, als Deutschland gegen Brasilien in der WM mit 7:1 haushoch gewonnen hat –, gab es harte Diskussionen im Hilton Hotel in New York mit unserem Partner, und wir konnten letzten Endes nach meinen Vorstellungen dort mit dem Business Development neu anfangen.“

Verantwortung für 400 Mitarbeiter

Mit dem Geschäftsführer aus Großbritannien hat Gloge ein neues, kleines Team aufgebaut, und erste Erfolge zeichneten sich ab. Für Gloge stand absolut fest, dass Igel mit einer Niederlassung ins Silicon Valley muss. Vor diesem Hintergrund wurde 2016 Jed Ayres US-CEO und weltweiter Marketing-Chef von Igel. Das gesamte Marketing kam in seine Verantwortung und in die ­Niederlassung San Francisco. „Auch vor dem Hintergrund der Verantwortung für die inzwischen 400 Mitarbeiter-starke ­Belegschaft baute ich Ayres, wenn man so will, als Nachfolger auf. Man weiß ja nie, was ist. So haben mein Partner Nicolas Helms und ich Jed Ende 2019 zum Co-CEO berufen.“

Vernetzung im Silicon Valley

Aktuell brummt das Geschäft rund um Thin Clients und Zero Clients. „Das Thema macht unglaublich viel Spaß, und wir sind sehr gut vernetzt im Silicon Valley“, sagt der Firmengründer. Gegenwärtig treibe Igel einzig und allein die Frage, wie man die bestehende Endgeräte-Landschaft gesichert und automatisiert via Software in die Cloud bringen kann. „Mit dem Igel-Betriebssystem, einer 64-Bit-Embedded-Linux-Variante, aktuell dem OS11 Release 3, können wir alle Versionen von Software-Treibern, im Speziellen die unserer Technologie Partner, einbinden und die Anforderungen ­gemäß des BSI IT-Grundschutz erfüllen.“ Gloge, der sich sehr mit den USA verbunden fühlt, berichtet nicht ohne Stolz: „­Sicher ist es keine Selbstverständlichkeit für ein deutsches Unternehmen, dass es bei der NASA, Regierungsstellen und dem ­Militär der USA zum Einsatz kommt.“

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