IT-Reseller noch nicht in der Public Cloud angekommen AWS: Ein Channel ohne Systemhäuser

Von Michael Hase 6 min Lesedauer

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Amazon Web Services (AWS) erschließt den Markt der Unternehmenskunden über Partner. Diesem Channel gehören vor allem Beratungshäuser an, während IT-Fachhändler der Public Cloud nach wie vor skeptisch gegenüberstehen.

Beratungshäuser sind im AWS-Channel ganz klar in der Mehrheit.(Bild:  © auremar - Fotolia)
Beratungshäuser sind im AWS-Channel ganz klar in der Mehrheit.
(Bild: © auremar - Fotolia)

Nicht mehr nur Start­ups oder globale Konzerne gehen in die Public Cloud. Auch Unternehmen aus dem klassischen und dem gehobenen Mittelstand setzen zunehmend auf das Bereitstellungsmodell. Und sie versprechen sich davon neben Kosteneinsparungen vor allem eine agilere und flexiblere IT. Durch die Auslagerung von Workloads in die Cloud entlasten sie ­Mitarbeiter von Routineaufgaben wie der Wartung von Systemen und regelmäßigen Updates. „IT-Abteilungen können so einen Teil ­ihres Budgets und ihres Personals umschichten und für die Entwicklung von IT-Innovationen einsetzen, um neue ­Geschäftspotenziale zu erschließen“, ­schreiben die Marktforscher von IDC in einem aktuellen Whitepaper.

Den IDC-Analysten zufolge steigen die weltweiten Ausgaben für Public-Cloud-Dienste – Infrastructure, Platform und Software as as Service (IaaS, PaaS und SaaS) – in diesem Jahr gegenüber 2014 von 57 Milliarden auf 70 Milliarden Dollar. Das sind zwar erst drei Prozent aller IT-Ausgaben. Aber die Investitionen in die Public Cloud wachsen sieben Mal schneller als die Ausgaben für klassische IT.

Von dieser Entwicklung profitiert AWS neben Microsoft und Salesforce am stärksten. Allein im dritten Quartal dieses Jahres erzielte die Cloud-Sparte von Amazon.com einen weltweiten Umsatz von 2,08 Milliarden Dollar, ein Zuwachs um 78 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Zwischen Januar und September summierten sich ihre Erlöse auf fast 5,5 Milliarden Dollar.

AWS-Partner, eine eigene Welt

> Auf dem Partnertag vergangene Woche in München waren unter den knapp 300 Gästen kaum traditionelle Systemhäuser vertreten. Auffällig war der große Anteil an Consulting-Unternehmen und speziellen Partnern, die sich ausschließlich auf die Vermarktung von AWS-Services verlegt haben: „Wir selbst schulen mittlerweile die Systemhäuser wie etwa Computacenter. Was die Distribution angeht, denke ich, dass sie es schwer haben wird, denn ich sehe nicht, welchen Mehrwert sie liefern kann“, so Sven Ramuschkat von TecRacer. Auch der andere Abrechnungsmodus samt Cash-Flow hat sich eingespielt: „Die garantierten monatlichen Umsätze machen einfach Spaß.“

Über mangelnde Nachfrage können sich die AWS-Partner nicht beklagen: „Der Bedarf für Public Cloud Computing ist definitiv da. Hier geht es jedoch nicht nur um neue technische Kompetenzen, sondern um einen völlig anderen Blickwinkel, eine gänzlich andere Herangehensweise. Und die Zeit spielt für uns“, ist sich Ralf Schäfer von Cloudreach sicher.

Auch die mittelfristige Weiterentwicklung der Services scheint klar: „Infrastructure as a Service (IaaS) wird in spätestens fünf Jahren Commodity sein. Platform as a Service (PaaS) ist der aktuelle Bedarf. Die Vertikalisierung von Software as a Service (SaaS) auf dieser Plattform wird der nächste logische strategische Schritt sein“, so Dr. Robert Klimke von Nordcloud.

„Wir machen sowohl Consulting, als auch Systemintegration. AWS ist für uns als Ergänzung zu unseren eigenen Rechenzentren wichtig. Wir arbeiten jedoch auch mit anderen Anbietern wie Microsoft oder VMware zusammen“, erklärt Sebastian Morick von CSC. „Für wen wir uns letztlich entscheiden, hängt immer von den konkreten Workloads ab.“

[ www.tecracer.de ]

[ www.cloudreach.com ]

[ www.nordcloud.com ]

[ www.csc.com ]

Geschäft für Partner

Cloud Computing ist zugleich ein Marktsegment, in dem IT-Dienstleister und Systemhäuser mitverdienen können. Für das Geschäft mit mittelständischen und großen Unternehmen braucht AWS kom­petente Partner, die die Kunden auf dem Weg in die Cloud beraten, die Konzepte für sie entwickeln, Workloads migrieren und Lösungen auf der Plattform implementieren. Der Anbieter hat mehrfach erklärt, dafür selbst keine großen Consulting-Trupps aufzubauen. Darüber hinaus übernehmen Partner immer häufiger als Managed Service Provider (MSP) auch den Betrieb für den Kunden.

Für den deutschen Markt verzeichnet der Locator auf der AWS-Website derzeit rund 40 Consulting-Partner der Stufen Standard, Advanced und Premier. Bei den meisten handelt es sich um Beratungshäuser wie Acentrix aus München, ITM aus Stuttgart oder die Hamburger Direkt Gruppe (siehe Interview). Dagegen bilden Unternehmen, die wie der Collaboration-Spezialist Beck et al. oder der langjährige Adobe-Partner TecRacer aus dem IT-Geschäft kommen, eine Minderheit. Bislang nicht vertreten sind Systemhäuser, die sich traditionell mit Vertrieb, Installation und Wartung von IT-Infrastruktur befassen. Kein Wunder, denn mit diesen Tätigkeiten haben die Migration von Workloads in die Cloud oder der Betrieb von Anwendungen auf der AWS-Plattform wenig gemein.

Anderes Architekturkonzept

Die Public Cloud ist nicht nur ein alternatives Modell für die Bereitstellung von IT, sondern basiert auch von der Architektur her auf einem anderem Konzept als herkömmliche IT-Landschaften. Applikationen in der Cloud sind aus miteinander verbundenen Micro-Services aufgebaut, die sich im Gegensatz zu monolithischen Anwendungen einfacher skalieren lassen. Der Ansatz erlaubt zugleich eine enge Verzahnung von Entwicklung und Betrieb („DevOps“), sodass neue Apps schneller bereitgestellt werden können als in klassischen Anwendungslandschaften.

Nicht zuletzt zeichnen sich Public-Cloud-Infrastrukturen durch einen hohen Automatisierungsgrad aus, der viele manuelle Management-Prozesse überflüssig macht. „Der Umgang mit AWS fühlt sich nicht an wie eine klassische Administration“, erläutert Peter Prahl, der Channel-Verantwortliche bei AWS Deutschland (siehe Interview). Daher müssten Systemhäuser, die zum Amazon-Partner werden wollen, ihre Fähigkeiten erweitern und an das neue Paradigma anpassen.

Das Cloud-Geschäft strategisch angegangen

Der Weg in die Cloud bedeute für einen Dienstleister „einen harten Prozess“, berichtet Siegfried Lautenbacher, Geschäftsführer von Beck et al. Man müsse den AWS-Ansatz verstehen lernen, in die Ausbildung seiner Mitarbeiter investieren und Projekterfahrung sammeln. Der Münchner Amazon-Partner, der in den 90er-Jahren als Lotus-Notes-Spezialist in den Markt startete, geht das Cloud-Geschäft seit 2014 strategisch an. Die neue Rolle seines Unternehmens definiert der Beck-et-al.-Chef als Orchestrator, der Services zu einer ­Gesamtlösung assembliert, und als MSP, der die Lösung für den Kunden auf der AWS-Plattform betreibt.

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Vor allem seien es Konzepte wie DevOps und Automatisierung, durch die die Kunden in der Public Cloud an Flexibilität und Agilität gewinnen, führt Lautenbacher aus. Für das IT-Personal sei damit aber eine ­andere Arbeitsweise verbunden. „Cloud-Projekte sind Change-Projekte.“ Daher müsse man auf die Menschen eingehen, auf ihre Aufgaben und Kompetenzen. „Wenn Cloud-Projekte scheitern, dann scheitern sie nicht an der Technologie, sondern an den Ängsten von IT-Abteilungen, die an ­alten Methoden festhalten wollen.“

Die Transformation des Geschäftsmodells zahlt sich für Beck et al. mittlerweile in Form einer wachsenden Anzahl von Cloud-Kunden aus. Dagegen scheint das Gros der Systemhäuser immer noch Vorbehalte gegenüber der Public Cloud zu haben. Auch Microsoft soll sich derzeit schwer tun, im IT-Fachhandel geeignete Partner für die Cloud-Plattform Azure zu finden. Und was den großen Rivalen betrifft, so muss man lange suchen, bis man ein Systemhaus findet, das bereits aktiv mit AWS arbeitet.

Datenschutz in der Cloud

Hollmann IT aus Bremen ist ein rares Beispiel dafür. Die Hanseaten stellen derzeit für fünf Kunden einige unkritische Services auf der AWS-Plattform bereit. Allein von den technischen Anforderungen her würden sich dafür mehr Kunden eignen, teilt Geschäftsführer Michael Hollmann mit. Wenn bei einem Workload jedoch personenbezogene Daten im Spiel seien, komme das Public-Cloud-Modell für ihn aus Datenschutzgründen nicht in Frage. „Solange die Rechtslage nicht eindeutig geklärt ist, würde ich keine kritischen Daten in die Cloud eines US-amerikanischen Providers geben“, sagt der Systemhauschef und verweist auf das EuGH-Urteil zum Safe-Harbor-Abkommen von Anfang Oktober.

Über Datenschutz in der Cloud wird im deutschen Channel tatsächlich intensiv diskutiert. Microsoft möchte die Problematik durch eine Kooperation lösen: Von Mitte 2016 an soll T-Systems im Auftrag des Software-Riesen die Dienste Azure, ­Office 365 und Dynamics CRM Online in deutschen Rechenzentren bereitstellen. Dabei tritt die Dienstleistungssparte der Telekom als so genannter Datentreuhänder auf, den US-Behörden nicht zur Heraus­gabe von Daten zwingen können.

Eigenbetrieb statt Public Cloud

Für kritische Workloads seiner Kunden hat Hollmann eine eigene Infrastruktur auf­gebaut, für die er Fläche in einem Bremer Rechenzentrum angemietet hat. In ähnlicher Weise haben viele Systemhäuser in den vergangenen Jahren in Infrastrukturen, einige sogar in eigene Rechenzentren investiert, um als MSP den Bedarf ihrer Kunden an externen IT-Leistungen zu decken. In der Regel werben sie damit, dass sie ­Daten als deutscher Dienstleister ausschließlich in Deutschland verarbeiten und speichern. Oft sprechen sie dabei von Cloud. Bei genauem Hinsehen handelt es sich jedoch eher um Managed Services.

Würden diese Häuser ihre eigenen Infrastrukturen aufgeben und die Workloads ­ihrer Kunden in die Public Cloud verlagern, um sie künftig dort zu betreiben, ent­stünde ein riesiges Potenzial für Provider wie Amazon oder Microsoft. Bislang scheint dieses ­Modell für das Gros der deutschen Systemhäuser aber keine Option zu sein.

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