Channel Fokus: Cloud-Plattformen & -Marktplätze T-Systems: Bei Gaia-X geht es um europäische Werte

Autor: Michael Hase

Die Deutsche Telekom gehört zu den Gründern von Gaia-X. Maximilian Ahrens, CTO bei T-Systems, erläutert, wie Europa mit der Initiative einen Standard für Datensouveränität schafft und warum es nicht Ziel ist, einen Wettbewerber zu den Hyperscalern aufzubauen.

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Maximilian Ahrens, CTO bei T-Systems, beschreibt Gaia-X als verbindende Infrastruktur, die Kunden die Wahl lässt, welche Cloud sie nutzen wollen.
Maximilian Ahrens, CTO bei T-Systems, beschreibt Gaia-X als verbindende Infrastruktur, die Kunden die Wahl lässt, welche Cloud sie nutzen wollen.
(Bild: Deutsche Telekom AG)

Über Gaia-X wird seit dem vergangenen Jahr intensiv diskutiert. Wie wird die Initiative den europäischen Cloud-Markt verändern?

Ahrens: Wir sehen großes Interesse an Gaia-X. Zum einen gilt das für Unternehmen, nicht nur aus Europa, sondern weltweit. Zum anderen haben sich aber auch europäische Länder auf dem Gaia-X-Summit im November den Initiatoren Deutschland und Frankreich angeschlossen, nämlich Italien und Finnland. Es zeigt sich deutlich, dass die Themen Datensouveränität und Technologiesouveränität einen zentralen Nerv in der Digitalen Transformation vieler Organisationen treffen.

Formal haben je elf Organisationen aus Deutschland und Frankreich den Gründungsprozess von Gaia-X im vergangenen Jahr auf den Weg gebracht. Inzwischen ist die Trägerstiftung nach belgischem Recht offiziell eingetragen. Was ist inhaltlich passiert?

Ahrens: Parallel zum politischen Prozess entwickeln wir längst Anwendungsfälle und Geschäftsmodelle, und es entstehen neue Partnerschaften. Zum Beispiel arbeiten wir als T-Systems inzwischen mit dem französischen Cloud Provider OVHCloud an einer rein europäischen, souveränen Cloud. Sie basiert auf der OpenStack-Architektur und richtet sich an die speziellen Bedürfnisse des öffentlichen Sektors sowie an wichtige Infrastrukturbetreiber und Unternehmen, die in strategischen oder sensiblen Bereichen von öffentlichem Interesse tätig sind. Zudem entstehen neue Initiativen wie die Automotive Alliance mit dem Ziel, ein Datenökosystem für die europäische Automobilindustrie zu schaffen. Im Rahmen von Gaia-X ist bereits eine Liste entstanden, auf der sich mehr als 40 Use Cases aus Segmenten wie Industry 4.0, Health, Finance, Public Sector, Smart Living, Energy, Mobility und Agriculture finden.

Zu den Gründungsmitgliedern zählen Konzerne wie BMW, Bosch oder Siemens. Ist Gaia-X in erster Linie ein Projekt für Enterprise-Kunden?

Ahrens: Nein, man darf nicht nur auf Konzerne schauen. Gaia-X bietet auch mittelständischen Unternehmen einen besseren Zugang zu Cloud-Lösungen, weil die Infrastruktur ihnen mehr Datensouveränität und Datenschutz und damit mehr Schutz ihres geistigen Eigentums ermöglicht. Wie Sie wissen, haben wir gerade in Deutschland viele so genannte Hidden Champions. Sie haben eine ganz bestimmte Expertise, die sie zum Weltmarktführer in ihrer Branche gemacht hat. Mangelnde digitale Souveränität ist für diese Spezialisten oft ein Hemmnis konsequent zu digitalisieren. Zurückhaltung bei der Digitalisierung wiederum lässt ihren Vorsprung im Kerngeschäft im internationalen Vergleich dahinschwinden.

Inwieweit erhöht sich für diese Unternehmen die Wahlfreiheit?

Ahrens: Immens! Gaia-X verbindet ja die modernsten Cloud-Rechenzentren Europas – auch die Hochleistungsrechner der Deutschen Telekom – miteinander. In diesem System sind Rechenzentren nach Ort, Leistung, Qualität und Preis frei wählbar und gegen andere austauschbar, sodass die Nutzer wieder Datensouveränität erhalten. Diese tatsächliche Wahlfreiheit ist bereits der erste wichtige Schritt in Richtung Souveränität. Vor allem aber kann der Kunde wählen, mit wem er seine Daten teilen möchte. Er behält die volle Kontrolle über Ort, Verarbeitung und Zugriff auf die Daten. Das sind die europäischen Werte, die wir als Deutsche Telekom teilen, und dazu tragen wir bei.

In welcher Form können sich Hyperscaler an Gaia-X beteiligen? AWS, Microsoft und Google haben bereits signalisiert, dass sie sich der Initiative anschließen möchten.

Ahrens: Wir begrüßen das Interesse der Hyperscaler. Denn wir arbeiten ja bereits eng mit den drei großen US-Anbietern zusammen, um unseren Kunden den Einsatz von Multiclouds zu ermöglichen. Deshalb haben wir unlängst die Partnerschaften mit Microsoft und AWS noch einmal verlängert und ausgebaut. Viele unserer Kunden nutzen die Angebote der Hyperscaler bereits. Und Gaia-X, das sei noch einmal betont, soll kein Wettbewerbsprodukt, keine europäische Cloud werden. Vielmehr geht es darum, eine verbindende Infrastruktur zu schaffen, die Kunden die Wahl lässt, welche Cloud sie nutzen wollen, und die gleichzeitig Datensouveränität für Europa und seine Unternehmen ermöglicht.

Wie wird verhindert, dass europäische Interessen durch die Beteiligung der US-Riesen verwässert werden?

Ahrens: Wenn die Hyperscaler sich Gaia-X anschließen wollen, müssen sie die geforderten Standards in Sachen Datenschutz und Datensicherheit erfüllen. Diese Standards definiert ein Gremium, in dem nur europäische Institutionen und Unternehmen sitzen. So ist sichergestellt, dass europäische Werte gewahrt bleiben.

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