Supportuhr tickt und Berater fehlen Mangelwirtschaft im SAP-Ökosystem

Von Dr. Stefan Riedl

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„Prioritäten setzen, heißt auswählen, was liegenbleiben soll“, wird der Mathematiker Helmut Nahr zitiert. Vieles spricht dafür, dass SAP-Projekte aus nachvollziehbaren Gründen derzeit zwar liegenbleiben, das aber besser nicht sollten.

Beratermangel sorgt im SAP-Umfeld in Zeiten, in denen auf S/4Hana migriert wird, für Probleme.
Beratermangel sorgt im SAP-Umfeld in Zeiten, in denen auf S/4Hana migriert wird, für Probleme.
(Bild: xymbolino-stock.adobe.com)

Es knirscht im SAP-Umfeld. Das bislang eher mäßige Tempo der S4/Hana-Umstellungen führt derzeit dazu, dass die Anzahl der parallel laufenden SAP-Projekte in den Unternehmen mit Blick auf Ende 2027 ­signifikant zunehmen wird, postuliert­Heiko Henkes, Director & Principal Analyst bei der Information Services Group (ISG). Das Technologieberatungsunternehmen hat den Markt im Paper „Provider Lens SAP Ecosystem Report Germany 2022“ unter die Lupe genommen.

Die Applikationsebene in der S/4Hana-Problematik

Der Umstieg auf SAP S/4Hana ist stark getrieben von einer auslaufenden Wartung seitens SAP. Das Support-Ende für – aus SAP-Sicht – Fremddatenbanken kommt Ende 2027, danach ergeben sich erhöhte Wartungspreise bis 2030. Zigtausende Migrationsprojekte müssen gewuppt werden, treffen aber auf einen ausgetrockneten SAP-Beratermarkt.

Ein Umstieg auf die InMemory-basierte Nachfolgetechnologie aus dem Hause SAP bietet Vorteile. Denn grundsätzlich schafft die neue Technologie die Voraussetzung, auch mit größeren Datenmengen nahezu in Echtzeit zu arbeiten. Jedoch ist die Datenbankthematik nur eine Facette, eine andere die Applikationsebene. So ist in den Migrationsprojekten der Umgang mit den „alten“ ­SAP-Applikationen – sei es die Finanzanwendung FI CO, das Materialmanagement-Modul MM oder die Personal-Lösung HR – ebenfalls von zentraler Bedeutung. Hier geht es darum, diese mit Anwendungen aus der neuen S/4Hana-Application-Suite zu tauschen.

Limitierender Faktor

Hintergrund für den Handlungsdruck mit einhergehendem Beratermangel ist, dass die Standardwartung für gewisse Datenbanken im SAP-Umfeld ausläuft. Bereits heute sei die Verfügbarkeit qualifizierten Personals für viele Serviceanbieter ein ­limitierender Faktor. „Dies führt derzeit zu verstärkten Anstrengungen, zusätzliches Personal aufzubauen“, so Heiko Henkes. In vielen Fällen wird Personal auch aus anderen Software-Bereichen abgezogen und durch Qualifizierungsmaßnahmen auf die Mitwirkung in SAP-Projekten geschult.

Konsolidierungsbeispiel: Valantic und Comsol

Bernd Hellgardt, CEO, Comsol
Bernd Hellgardt, CEO, Comsol
(Bild: Comsol)

Die Konsolidierung im SAP-Beratermarkt, die seit Jahren voranschreitet, ist in diesem Kontext auch nicht gerade hilfreich. Bernd Hellgardt, Geschäftsführender Partner bei Valantic, bestätigt, dass die große Konsolidierung schon seit Jahren läuft. Das Kölner Beratungshaus hat sich mit der auf SAP-spezialisierten Comsol zusammengetan. Mit dem Zusammenschluss wächst die SAP-Division von Valantic auf 850 Berater. Comsol bietet SAP-Implementierung und-Beratung, Entwicklungs- und Support-Services, SAP-Lizenzen, Projektmanagement und Inhouse-Trainings aus einer Hand und ist unter anderem für MediaMarkt-Saturn tätig. „Das alles wird uns bei der Suche nach Talenten für unsere Projekte und Dienstleistungen helfen“, sagt Hellgardt und meint damit unter anderem das starke Standing im SAP-Umfeld der übernommenen Comsol. Wie man es dreht und wendet – mehr SAP-Berater gibt es deswegen auch nicht auf dem Arbeitsmarkt.

Es gibt schon seit Jahren eine Konsolidierung im Beratermarkt.

Bernd Hellgardt, CEO, Comsol

Unternehmen brauchen Beratung

Dabei ist Beratung gleichermaßen hochgefragt und eine Mangel-Dienstleistung. Es stehen vielerorts Grundsatzentscheidungen in Hinblick auf die SAP-Architektur an, bei der sich sogar Marktforscher schwer tun, eine Tendenz auszumachen. Laut dem Paper „S/4Hana-Umstellung: Status quo, Planungen und Roadmap zur ERP-Modernisierung in der Corona-Pandemie“ von Lünendonk soll die Cloud bei Transformationen eine größere Rolle spielen. Hellgardt kann das nur mit Einschränkungen bestätigen: „Ja, allerdings sehen wir bei unseren Kunden eine Tendenz zu hybriden Architekturen. Bei der Mehrheit sind Anwendungen in der Cloud in Verbindung mit S/4Hana On-Premises das Zielbild.“ Im weiter oben genannten Paper von ISG wird hingegen festgestellt, dass cloudbasiertes SAP S/4Hana in Deutschland weiter zögerlich nachgefragt wird. „Bei deutschen Unternehmen herrscht eine große Unsicherheit über das beste Vorgehen bei der S/4Hana-Migration“, sagt der ISG-Marktforscher.

Die richtigen Fragen stellen

Die Dienstleister seien deshalb zunehmend gefragt, Positionsbestimmungen mit ihren und für ihre Kunden durchzuführen. Es gibt viele Fragen zu klären, für die Berater gebraucht werden. Henkes nennt einige:

  • Geht es vor allem um ein Upgrade bestehender Systeme oder um eine umfassende Überarbeitung der Prozess- und Systemarchitektur?
  • Soll der Übergang in eine cloudbasierte Infrastruktur Bestandteil der S/4Hana-Migration sein?
  • Hat zunächst die Umstellung der Anwendungen Priorität oder erst einmal die Migration auf eine neue Infrastruktur? (siehe Kasten)

Rettung durch indische Onshore-Präsenz

Der Dienstleistermarkt für die S/4Hana-Transformation wird ISG zufolge auch weiterhin von global agierenden Systemintegratoren dominiert. Insbesondere die in Indien beheimateten Anbieter hätten dabei in letzter Zeit in ihre Onshore-Präsenz in Deutschland investiert, um ­besser vor Ort agieren zu können.

Da sich aktuell immer mehr SAP-Transformationsprojekte zu Strategieprojekten ausweiten, versuchten nun auch entsprechend die Serviceanbieter, ihr Profil bei der strategischen Beratung zu schärfen. „Dies ist jedoch leichter gesagt als getan“, sagt ISG-Analyst Henkes, und begründet das folgendermaßen: „Die notwendige Anzahl an Knowhow-Trägern mit strategischem und gesamtarchitektonischem Weitblick muss erst einmal gefunden oder ausgebildet werden.“ Provider, die auf diesem Feld schnell vorankommen, könnten sich deshalb deutliche Wettbewerbsvorteile verschaffen, so Henkes.

Sag mir, wie ein Projekt beginnt und ich sage Dir, wie es endet.

Projektmanager-Spruch

Projektlaufzeiten und Rücksprache-Iterationen

Der Handlungsdruck nimmt indes immer weiter zu und wie man es dreht und wendet: Wichtig ist es, jetzt anzufangen, sollte das SAP-Thema links liegen geblieben sein. Schließlich geht es nicht nur darum, die Datenbank-Technologie umzustellen. Vielmehr hat das Thema auch ­eine Applikations-Ebene, die zu beantwortende Fragen auswirkt (siehe Kasten). Daher geht zunächst darum, den Status quo zu erfassen, zu bewerten und daraufhin einen groben Projektplan zu erstellen.

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Die Projektlaufzeiten erstrecken sich von ­Monaten bis zu Jahren, je nach Komplexität der Landschaft und den nötigen Rücksprache-Iterationen zwischen Berater und den Fachbereichen. Das plant man besser heute, als 2024 festzustellen, dass die Zeit nicht mehr reicht.

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