Edge-Computing ist dabei, die Welt der Rechenzentren um eine weitere Variante zu bereichern, das Edge Datacenter, meist bestückt mit analytischen Anwendungen. Doch was gibt es für Anwender zu bedenken, die Edge-Technologien nutzen wollen? Worauf müssen Edge-Provider achten, wenn sie auf dem Markt Erfolg haben wollen?
Edge-Computing sollte kein Unternehmen ignorieren
(Bild: www.siemens.com/press)
Ariane Rüdiger sprach für Datacenter-insider mit Professor Dr. Alexander Benlian, seit 2012 Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik und E-Services an der TU Darmstadt. Benlian ist Keynote Speaker beim Hosting & Service Provider Summit 2019 am 23. Mai 2019 in Frankfurt am Main.
Alles spricht derzeit über Edge Computing. Auf der Hannover Messe war es ein großes Thema, und es gibt viele neue Produkt- und Serviceansätze in diesem Bereich. Nur ein Hype?
Alexander Benlian: Nein. Edge Computing kommt, zwar langsam, aber ganz sicher, um zu bleiben. Es gibt tatsächlich einige Hype-Themen im Moment, beispielsweise Blockchain. Edge gehört nicht dazu.
Warum?
Alexander Benlian: Es ist ganz einfach so, dass in Zukunft Unmengen an Daten direkt in den Endgeräten, also am Netzwerkrand, entstehen werden: durch die Sensoren in Geräten und Maschinen, durch VR-Brillen und vieles andere mehr. Diese Datenmassen kann man ganz einfach nicht alle ohne Vorverarbeitung in eine zentrale Datenbank schicken.
Viele der Daten müssen in Echtzeit verarbeitet werden, beispielsweise, um Steuerimpulse zu generieren. Dazu braucht man Analysen vor Ort, nicht erst in der Cloud.
Was bedeutet das für die Rolle der Cloud?
Alexander Benlian: Beides ist komplementär. Viele Edge-Computing-Maschinen müssen ihre Daten zumindest teilweise doch in eine zentrale Cloud schicken, um sie dort hinsichtlich anderer, übergreifender Fragen auswerten zu lassen, als sie durch die Edge-Analyse beantwortet werden.
Das klingt nach Edge-Datenzentren allenthalben. Erhöht das nicht erheblich den Energieverbrauch der ohnehin kräftig Strom fressenden IT?
Alexander Benlian: Das Risiko besteht. Deshalb raten wir zum so genannten Data Driven Design, einem Architekturkonzept für die Datenströme im Unternehmen. Das bedeutet, dass Unternehmen nicht aufs Geratewohl viel in neue Hard- und Software für Sensoren, die Edge-Datensammlung und -analyse stecken und erst dann über die Verwendung dieser Technologie nachdenken sollten.
Vielmehr sollten die Anwender genau andersherum planen:
- Wozu sollen Daten verwendet werden?
- Welche Daten braucht man für welche betriebswirtschaftlichen Zwecke?
- Wie sehen die damit verbundenen Datenströme aus?
- Welche Sensoren an meinen Maschinen brauche ich beispielsweise, um vorausschauende Wartung anbieten zu können?
- Welche Verarbeitungskapazitäten?
Nur, wenn man so denkt, werden sich Anwendungsfälle rechnen.
Von der KI-Branche wird ja manchmal empfohlen, am besten einmal möglichst viele, am besten alle, Daten zu sammeln, um vielleicht unerwartete Korrelationen zu finden….
Alexander Benlian: Diesen Ansatz kann ich in der Unternehmenspraxis nicht unterstützen, in der Grundlagenforschung mag er angemessen sein. Unternehmen müssen aufpassen, dass sie effizient mit ihren Ressourcen umgehen. Sie müssen sich fragen, welche Sensoren wo und welche Daten in welcher Form ihnen zu neuen Geschäftsprozessen verhelfen können.
Da gibt es durchaus interessante Projekte, etwa für die Bauwirtschaft. So lassen sich zum Beispiel Drucksensoren in Brückenbeton einbauen, um den Zustand und die Haltbarkeit zu bewerten. Solche Möglichkeiten gibt es viele, aber das gezielte Nachdenken und Planen ist immer der erste Schritt.
Welche Betriebsmodelle würden Sie Anwendern empfehlen? Es gibt ja inzwischen auch Provider, die versprechen, die Edge Cloud für die Kunden zu bauen und zu betreiben, etwa im Rahmen eines 5G-Campus-Netzes.
Alexander Benlian: Jeder Anwender muss sich fragen: Wie viel Know-how steckt in meiner Firma, wo brauche ich externe Unterstützung? Strebe ich den Aufbau von eigenem Wissen an, oder verlasse ich mich hauptsächlich auf andere?
"Unternehmen, die Edge Computing ignorieren, werden erleben, dass dei Konkurrenz vorbeizieht", warnt Prof. dr. alexander Benlian, Inhaber der Stiftungsprofessur für Informationssysteme und E-Services an der TU Darmstadt
(Bild: TU Darmstadt/Benlian)
Kleinere Anwender brauchen wahrscheinlich auch kleinere Edge-Serviceanbieter, weil die in der Regel stärker auf individuelle Bedürfnisse eingehen. Größere Unternehmen mit viel eigenem Wissen können eher auf die Angebote von der Stange der Hyperscaler zurückgreifen.
Spielt vertikales Wissen, also Branchenwissen, eine Rolle?
Alexander Benlian: Auf jeden Fall. Das Edge-Computing ist ja ein Branchenthema, und davon profitieren durchaus auch kleinere Anbieter, die sich im Lauf der Jahre viel branchentypisches Spezialwissen und einen Kundenkreis aufgebaut haben. Deren Kunden wiederum profitieren, weil ihre Partner auf der IT-Service-Seite wissen, wovon sie reden. Das darf durchaus etwas mehr kosten.
Wie wichtig ist es für Anwender, die Datenhoheit zu behalten?
Alexander Benlian: Daten sind nun einmal das neue Öl. Sie sind der Rohstoff für neue Geschäftsmodelle, der sozusagen in den Edge-Datenzentren raffiniert wird. Die Technologien von Edge-Service- und anderen Providern dürfen in diesem Zusammenhang nur Werkzeuge sein. Die Rechte an den Daten müssen bei den Anwenderunternehmen bleiben. Hier sollte man auf sehr klare Regelungen in den Provider-Verträgen achten.
Stand: 08.12.2025
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Kann man es sich als Anwender leisten, den Edge-Trend zu ignorieren?
Alexander Benlian: In der Regel wohl nicht. Wer sich nicht darum kümmert, die richtigen Daten zu generieren und auch sinnvoll zu analysieren, der verspielt große Chancen, die das Edge Computing durchaus bietet. Denn wer hier nicht einsteigt, wird in Zukunft zusehen müssen, wie seine Konkurrenten einsteigen und davonziehen.
Welche technischen Herausforderungen stellen sich?
Alexander Benlian: Vor allem wird durch die Sensoren und die von ihnen am Edge erzeugten Daten noch einmal alles komplexer. Schließlich muss jeder Sensor implementiert, gemanagt und gesichert werden. Das ist nicht einfach, sondern erfordert Expertise.
Welchen Rat würden Sie Anwendern und Service Providern, die sich mit dem Thema Edge auseinandersetzen, geben?
Alexander Benlian: Gerade mittelständische Anwender sollten sich sehr genau das Branchen- und IT-Know-how ihrer Serviceprovider in Sachen Edge ansehen; denn es macht den Unterschied. Viele kleinere Service Provider haben gerade bei dieser Klientel einen Stein im Brett.
Sie sollten ihre Kundennähe bewahren und ihrer Klientel auf Basis ihres Wissens über die Branche maßgeschneiderte Modelle oder individuelle Lösungen anbieten, die wirklich ihren Bedarf treffen. Beide sollten den Edge-Markt ständig genau beobachten – er verändert sich rasant.
HSP Summit: Gipfeltreffen der Hosting & Service Provider
Wie lassen sich Business-Modelle im Hosting- und Service Provider-Umfeld erfolgreich weiterentwickeln und Service-Ansätze zukunftsfähig gestalten? Darum dreht sich dieses Jahr schwerpunktmäßig alles auf dem Hosting & Service Provider Summit an zwei Tagen im Mai im exklusiven Ambiente der Villa Kennedy in Frankfurt am Main.
Am 23. und 24. Mai 2019 treffen sich also auch dieses Jahr wieder die Top-Manager aus der Hosting- und Service Provider-Branche, um sich über aktuelle Trends auszutauschen. Die Agenda ist auch dieses Jahr wieder vollgepackt mit Keynotes, Experten-Roundtables, Thinktanks, Foren als auch technologisch und businessorientierten Referenzberichten. Zusätzlich haben die Teilnehmer vor Ort die Möglichkeit, via Matchmaking individuelle Termine „on-the-fly“ zu vereinbaren, um so auch spontan in direkten Dialog mit dem gewünschten Gesprächspartner zu treten.