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Künstliche Intelligenz

Ist Europa tatsächlich das KI-Schlusslicht?

| Autor / Redakteur: Otto Geißler / Nico Litzel

Noch stehen Daten- und KI-getriebene digitale Geschäftsmodelle in der deutschen Industrie vor allem bei kleineren Unternehmen in ihren Anfängen. Doch die Potenziale sind groß.
Noch stehen Daten- und KI-getriebene digitale Geschäftsmodelle in der deutschen Industrie vor allem bei kleineren Unternehmen in ihren Anfängen. Doch die Potenziale sind groß. (Bild: gemeinfrei / Pixabay)

Im Vergleich zu den Aktivitäten der US-Internetriesen und den massiven Förderungen des chinesischen Staates für Künstliche Intelligenz (KI) scheint es laut vieler Umfragen in Europa eher beschaulich zuzugehen. Spiegeln sie tatsächlich die Realität wider? Wir klären auf und differenzieren das Bild.

In der sich rasant digitalisierenden Weltwirtschaft nimmt die Künstliche Intelligenz (KI) eine zentrale Stellung ein. Zu den erfolgreichen Ländern der noch sehr jungen Technologie gehören die USA oder China als auch führende Unternehmen wie zum Beispiel Amazon und Google. Wenn es um die staatlichen Aktivitäten für KI geht, so übertrifft China die restlichen Länder mit Investitionen in mehrstelliger Milliardenhöhe.

Manche Studien verzerren das Bild

Umfragen, wie beispielsweise eine VDE-Studie von 2019, sollen diese Thesen unterstützen. Wobei diese Studie mit nur sieben Prozent Rückläufer aus meist kleineren Firmen sowie zehn Hochschulen nicht als repräsentativ angesehen werden kann. Solche Ergebnisse kommen zustande, weil sich die europäischen Unternehmen dem Thema KI sehr unterschiedlich näheren: „Hinsichtlich Digitalisierung und KI muss man die einzelnen Firmen nach Größe sowie Zugehörigkeit zu B2B oder B2C unterscheiden, da sie dazu völlig unterschiedlich informiert und aufgestellt sind“, erklärt KI-Experte Peter Seeberg von der Beraterfirma asimovero.AI. Während größere Unternehmen in Europa die Chancen der KI längst realisiert haben und erste Projekte am Laufen sind, üben sich vor allem kleinere Betriebe eher noch in Zurückhaltung.

Europäischer KI-Markt expandiert stark

Gemäß der Studie „AI in Europe – Ready for Take-off“ des European Information Technology Observatory (EITO) soll der europäische KI-Markt im Jahr 2022 von rund drei Milliarden Euro auf zehn Milliarden Euro anwachsen. Das kommt einem jährlichen Wachstum von 38 Prozent im Durchschnitt gleich. Wogegen 2018 das Markvolumen noch bei zwei Milliarden Euro lag. Vergleicht man diese Zahlen beispielsweise mit den Ausgaben für Server und Speicherplatz (nur 24 Prozent pro Jahr), so ziehen die Umsätze für Software (45 Prozent) als auch Dienstleistungen (47 Prozent) rund um KI deutlich stärker an.

Bereits heute können die Unternehmen aus einem breiten Angebot an marktfähigen Lösungen, die auf Basis der KI aufgebaut sind, wählen. Dazu gehören beispielsweise Angebote für Machine Learning, Software-Tools für die Sprach- oder Bilderkennung, Lösungen für Chatbots zur Kundenberatung oder komplexe Anwendungen für personalisierte Mailings, die sich im Prinzip automatisch versenden lassen. Laut der EITO-Studie investiert der Wirtschaftsbereich der produzierenden Unternehmen in Europa im Moment am stärksten in die Anwendungen mit KI. Auf dem zweiten Platz liegt die Finanzbranche, gefolgt vom Handel.

Marketing-Hype im Bereich B2C

„Seit jeher ist der deutsche Mittelstand außerordentlich zurückhaltend und vorsichtig“, unterstreicht Reinhard Karger, Unternehmenssprecher beim Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). „Der Mittelstand wird natürlich erst dann investieren, wenn er darin einen klaren Vorteil sieht. Und selbst in diesem Falle würde er diese Aktivitäten nicht massiv kommunizieren wie es die US-Firmen oft lauthals tun.“ Im Vergleich dazu versprechen sich gerade US-amerikanische Plattform-Unternehmen mit KI zusätzliche Wettbewerbsvorteile durch beispielsweise eine zielorientiertere Werbung für Google, ein besseres Matching bei Facebook oder eine optimierte Logistik für Amazon. Bei Industrieunternehmen liegt der Fall völlig anders. Sie würden auf diese Weise Geschäftsgeheimnisse ausplaudern.

„Ich denke nicht, dass andere Länder uns im Bereich KI voraus sind“, betont Karger. „Vielmehr ist es so, dass man aktuell eher einen Marketing-getriebenen Hype im Bereich B2C beobachten kann. Davon profitieren Unternehmen wie Amazon und Google. Das ist alles in Ordnung. Die Frage, was KI in der realen Produktion bewirken kann, ist eine ganz andere Frage.“ Es wird vielfach behauptet, dass China und die USA aufgrund des Fehlens jeglichen Datenschutzes über einen riesigen Fundus an Datensätzen verfügen und damit Vorteile im globalen Wettbewerb um die KI-Marktführerschaft ziehen können.

„Das ist ein Märchen“, protestiert Seeberg. „Viele Firmen im produzierenden Gewerbe konzentrieren sich auf kleine Datenvolumina. An den Maschinen entstehen nicht immer extrem viele Daten. Diese reichen auch oft aus. Die viel größere Herausforderung ist aus wenigen Daten sinnvolle Ergebnisse herauszuholen.“ Abgesehen davon kommt die DSGVO im produzierenden Gewerbe bei Maschinendaten sowie vorausschauender Wartung im Grunde sowieso nicht zur Anwendung, da es sich nicht um personenbezogene Daten handelt. „Eine Abschaffung der DSGVO fände ich sehr schade, nicht zuletzt deswegen, weil sie gerade im Begriff ist, zum weltweiten Goldstandard zu werden, so Karger. „Es gibt für die DSGVO insbesondere viele Befürworter in Japan, Indien und den USA.“

Länderspezifische KI-Schwerpunkte

Die Kapazitäten für Forschung, Technologie und Anwendung von KI wird laut der aktuellen Elsevier-Studie „ArtificiaI Intelligence: How knowledge is created, transferred, and used – Trends in China, Europe, and the United States” als wesentlich für die jeweilige nationale Wettbewerbsfähigkeit, Sicherheit und Wirtschaftskraft angesehen. Wobei die Chinesen hinsichtlich der Forschungsfelder ihren Schwerpunkt auf die Landwirtschaft setzen, fokussieren sich die USA eher auf die Gesundheit. In Europa sind die einzelnen KI-Bereiche in etwa ähnlich stark ausgeprägt.

Daher sind auch die national entwickelten KI-Politiken von Land zu Land sehr unterschiedlich: Während die Regierungen in den USA und Europas durch Förderung von Forschung und Industrie eine unterstützende Rolle bei der KI-Politik spielen, nimmt die chinesische Regierung eine aktivere Rolle wie zum Beispiel bei der Festlegung der Schwerpunkte der KI ein.

Chinesischer Aufstieg

Die chinesische Staatsregierung veröffentlichte im Juli 2017 einen Entwicklungsplan für den KI-Bereich bis 2030 mit dem Ziel, eine weltweit führende Position in Theorie, Technologie und Anwendung einzunehmen. Der Maßnahmenplan konzentriert sich auf die Stärkung der Produktionskapazitäten sowie die Gewinnung und Ausbildung qualifizierter KI-Beschäftigter.

Laut den Angaben der chinesischen Regierung stellt sie dafür über zwei Milliarden US-Dollar bereit. Darüber hinaus möchte sie 2,1 Milliarden US-Dollar in einen sogenannten KI-Technologiepark in Peking investieren. Wobei manche Experten sogar von einem Gesamtvolumen der chinesischen Investments (privat und staatlich) in KI und Robotik von schätzungsweise 300 Milliarden US-Dollar ausgehen.

Europäische KI-Vielfalt

In Bezug auf den wissenschaftlichen Output für KI ist Europa die größte und vielfältigste Region. Gemäß der Elsevier-Studie stehen die Europäer für ein hohes und steigendes Niveau an internationalen Kooperationen außerhalb Europas. Das breite Spektrum der KI-Forschung spiegelt in Europa gleichzeitig die Vielfalt der europäischen Länder wider, die jeweils mit ihren eigenen Vorstellungen und Besonderheiten zu Werke gehen.

Im Jahre 2018 fixierte die Europäische Kommission (EK) einen dreigliedrigen Ansatz für ihre KI-Aktivitäten: Erhöhung der öffentlichen und privaten Investitionen in KI, Vorbereitung auf sozioökonomische Veränderungen und Etablierung eines angemessenen ethischen und rechtlichen Rahmens. Zudem sollen die KI-Forschungsinvestitionen für den Zeitraum 2018 bis 2020 im Rahmen des Programms „Horizon 2020“ auf 1,5 Mrd. Euro erhöht werden.

KI mit Fokus in den USA

Laut der Elsevier-Studie sind die US-Unternehmen in der KI-Forschung gut aufgestellt und ziehen weltweit hoffungsvolle Talente an. Dies gilt gleichsam für die Universitäten. Die US-Forscher arbeiten zunehmend international mit anderen Wissenschaftlern zusammen. Die KI hat in den USA einen starken Fokus auf spezifische Algorithmen und trennt Sprach- und Bilderkennung in verschiedene Cluster. Die KI-Forschung zeigt insgesamt weniger Vielfalt als Europa, aber mehr im Vergleich zu China.

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