Gebrauchte Softwarelizenzen Die Marktmechanismen hinter Cloud-Exit-Strategien

Von Dr. Stefan Riedl 7 min Lesedauer

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Die Nutzung von Cloud-Lösungen geht stets mit Vertrauen in den Anbieter einher, dabei gilt laut Lizenzbestimmungen in der Regel ein Shared-Responsibility-Model. Vielerorts wird über einen Cloud-Exit nachgedacht.

Vielerorts gibt es trotz Cloud-Wachstum diverse Bestrebungen, Workloads und Daten aus der Cloud wieder ins eigene Rechenzentrum zu holen.(Bild:  Midjourney / KI-generiert)
Vielerorts gibt es trotz Cloud-Wachstum diverse Bestrebungen, Workloads und Daten aus der Cloud wieder ins eigene Rechenzentrum zu holen.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)

Cloud Computing ist auf dem Vormarsch, da beißt die Maus keinen Faden ab. Thomas Huth, der Gründer und Geschäftsführer von Capefoxx, einem Anbieter für gebrauchte Softwarelizenzen und Lizenzmanagement-Beratung, sieht das große Bild differenziert.

Gegentrend wird stärker

Er beobachtet trotz der Dominanz von Cloud-Technologien einen zunehmenden Gegentrend: „Viele Unternehmen denken über einen ‚Cloud-Exit‘ nach oder verfolgen hybride Strategien.“ Entscheidend sei die Unterscheidung zwischen Cloud Computing und Subscription-Lizenzierung, so der Lizenzexperte. „Nicht jede Cloud-Nutzung erfordert zwingend ein Abonnementmodell – viele Unternehmen betreiben gebrauchte Lizenzen erfolgreich in ihren eigenen Rechenzentren oder innerhalb gehosteter Umgebungen“, so Huth. Auch langfristig bleibe der Gebrauchtsoftwaremarkt vor dem Hintergrund dieser aktuellen Entwicklungen relevant. Aber auch in Hinblick auf die Historie: „Bereits vor 20 Jahren wurde sein Ende vorausgesagt – damals aufgrund der zunehmenden Verbreitung von Open-Source-Software.“ Doch bis heute gebe es gute Gründe für den Erwerb gebrauchter Lizenzen, insbesondere in Bereichen, in denen Unternehmen Kosten senken, Unabhängigkeit bewahren oder bewährte Systeme weiterhin rechtssicher betreiben möchten. Und auch der Cloud-Exit-Trend schlägt nun in diese Kerbe.

Hintergrund

Die Abkehr von der ewigen Lizenz

Der britische Universalgelehrte John Ruskin wird mit dem Satz zitiert „Das Gesetz der Wirtschaft verbietet es, für wenig Geld viel Wert zu erhalten“. In der Gebrauchtsoftwarebranche sieht man das naturgemäß anders. Es ist eine Binsenweisheit, dass sich Software nicht abnutzt, vorausgesetzt es werden Updates gefahren und im Rahmen von Erneuerungsprojekten kommen Volumenlizenzpakete auf den Markt, die Lizenzhändler aufsplitten und neu verkaufen. Doch „die Cloud“, Subscription-Modelle und einhergehend eine schleichende Abkehr von der „ewigen Lizenz“ trüben die Aussichten etwas. Die Metapher von den dunklen Clouds, die aufziehen, liegt nahe.

Alternative zu Subscription

So gewinne der Markt für gebrauchte Lizenzen zunehmend an Bedeutung als Alternative zu Subscription-Modellen, deren Kosten zuletzt erheblich gestiegen seien. „Viele Unternehmen erkennen die Abhängigkeit, die mit abonnementbasierten Modellen einhergeht, insbesondere im Hinblick auf unvorhersehbare Preissteigerungen“, berichtet Huth. Ein besonders aktuelles Beispiel sei die Situation bei VMware by Broadcom. „Die drastischen Preiserhöhungen – teils um den Faktor 10 – sowie der Wegfall vieler bisheriger Lizenzmodelle haben zu erheblicher Unzufriedenheit geführt“, berichtet der Manager aus seinem Vertriebsalltag. Unternehmen, die lange auf VMware gesetzt haben, würden sich nun mit einer massiven Kostenexplosion konfrontiert sehen. Zusätzlich gewinne das Thema Datensouveränität wieder an Relevanz. Denn in der aktuellen geopolitischen Lage würde die Skepsis gegenüber Cloud-Angeboten großer US-Hersteller wachsen, insbesondere hinsichtlich Datenschutz und Compliance-Anforderungen in Europa.

Hintergrund

Geteilte Verantwortung beim Cloud Computing

Das „Shared-Responsibility-Model“ ist noch nicht bei allen IT-Entscheidern in KMU angekommen. Es bezieht sich auf Daten in der Cloud im Allgemeinen und die ­Microsoft-365-Welt im Besonderen: Man teilt sich als Endnutzer mit den Anbietern die Verantwortung rund um die Daten. Demnach greift es zu kurz, davon auszugehen, dass die Daten in einem Microsoft-Rechenzentrum schon gut aufgehoben sein werden. Vielmehr müssen sich die Anwender selbst um den Schutz ihrer ­Accounts und Daten kümmern – das steht so auch in den Lizenzbestimmungen, ist aber vielen Firmen nicht bekannt. Zwar bietet Microsoft Office 365 einige ähnliche Funktionen, die aber ein Backup letztlich nicht ersetzen können. Auch die Themen Versionierung oder Litigation Hold (Einfrieren von Dokumenten bei einem sich anbahnenden Rechtsstreit) spielen hier mit rein. Zudem bietet der Papierkorb (Recycle Bin), nur eine kurze Zeit eine Wiederherstellungsmöglichkeit der Daten.

Lizenzmanagement als Unternehmens-Leitmotiv

Der aktuelle Fokus bei Capefoxx liege auf der Erweiterung des Portfolios um Hersteller wie VMware, Oracle, IBM und SAP. Zudem setze man verstärkt auf einen 360-Grad-Licensing-Ansatz im Lizenzmanagement. Das bedeutet, dass Unternehmen dabei geholfen wird, ihre Lizenzkosten zu optimieren – von der Lizenzbeschaffung über das Compliance-Management bis hin zu strategischer Beratung. Dabei kooperiert das Unternehmen mit spezialisierten Partnern, um den Kunden ein integriertes Lösungsangebot zu bieten.

Hintergrund

Geschäftsmodelle ändern sich

Vor rund 100 Jahren war „radioaktive Zahnpasta“ ein Verkaufsschlager. 50 Jahre zuvor waren Hochräder „the next big thing“ und weitere 50 Jahre vorher, im Jahr 1820 verkaufte Johnnie Walker erstmals seinen schottischen Whisky. Zwei der drei genannten Produkte haben sich nicht durchgesetzt. Aktuell stellt sich die Frage, ob es für gebrauchte Software eine Zukunft gibt, denn Cloud Computing, das Subscription-­Modell und „Software as a Service“ könnten den Markt für Kauflizenzen (aus dem sich Gebrauchtlizenzen speisen) obsolet machen. Fragt man Gebrauchtsoftwarehändler, wie sie sich vor diesem Hintergrund für die Zukunft rüsten, wird einerseits bezweifelt, dass der Markt für Gebrauchtlizenzen wegbrechen könnte, andererseits stellen sie bereits ihr Geschäftsmodell um, hin zu mehr allgemeiner Lizenzberatung und Softwaredistribution.

Gebrauchtsoftware – wie alles begann

Huth hatte eine maßgebliche Rolle in wegweisenden Gerichtsverfahren gegen Unternehmen wie Adobe und Oracle, welche zu rechtsweisenden BGH- und EuGH-Urteilen führten, die die rechtssichere Grundlage für den Handel mit gebrauchten Software Lizenzen bilden.

„Ja, bereits mit meinem ersten Unternehmen habe ich zentrale Rechtsstreitigkeiten gegen Oracle und Adobe geführt“, blickt der Manager zurück.

Thomas Huth hatte eine maßgebliche Rolle in wegweisenden Gerichtsverfahren gegen Unternehmen wie Adobe und Oracle, welches zu einem rechtsweisenden Urteil des EuGH führte und den Handel mit gebrauchten Lizenzen ermöglichte.(Bild:  Capefoxx)
Thomas Huth hatte eine maßgebliche Rolle in wegweisenden Gerichtsverfahren gegen Unternehmen wie Adobe und Oracle, welches zu einem rechtsweisenden Urteil des EuGH führte und den Handel mit gebrauchten Lizenzen ermöglichte.
(Bild: Capefoxx)

Diese Verfahren hätten maßgeblich dazu beigetragen, die rechtlichen Rahmenbedingungen für den Gebrauchtsoftwaremarkt zu klären. Die daraus resultierenden Urteile des BGH und des EuGH bilden heute die rechtliche Grundlage für den Handel mit gebrauchten Softwarelizenzen.

Sein Kommentar dazu: „Grundsätzlich bietet das europäische Rechtssystem eine ausgewogene Balance zwischen dem Schutz der Urheberrechte und dem Verhindern monopolistischer Strukturen. Vereinfacht gesagt: Softwarehersteller sollen an jeder Lizenz verdienen – aber eben nur einmal.“

Aktuelle Nachfrage nach gebrauchten Software-Lizenzen

Während bei Capefoxx die Nachfrage im Desktop-Bereich leicht zurückgegangen ist, verzeichnen das Unternehmen insbesondere im Server- und Virtualisierungsbereich ein starkes Wachstum. „Unternehmen suchen hier verstärkt nach kosteneffizienten Alternativen zu neuen Lizenzmodellen, insbesondere im Umfeld von VMware“, so der Geschäftsführer.

Hintergrund

Ein Gedankenspiel über schwarze Schafe und Dokumentationen

Angenommen, ein Händler von gebrauchter Software kauft 1.000 Nutzungsrechte einer Software und hat dies gut dokumentiert. Doch woher weiß der Endkunde, dass dieser Händler auch nur maximal 1.000 Stück weiterverkauft? Nehmen wir an, er verkauft jeweils 200 an Kunde A, B, C, D und E. Jedem gibt er jeweils eine Kopie seiner Dokumentation über den Erwerb der 1.000 Nutzungsrechte. Damit ist er eigentlich fertig. Alles ist verkauft. Aber wer hindert ihn daran, nochmal 200 Lizenzen an Kunde F mitsamt einer weiteren Kopie seiner Dokumentation zu verkaufen? Ab dem Zeitpunkt wäre der Gebrauchtsoftwareverkauf nicht mehr legal und für den Käufer wäre das nicht transparent. Daher sind beim Vertrieb gebrauchter Volumenlizenzen Absicherungsprozesse und Dokumentationen sinnvoll, die seriöse Anbieter zu leisten imstande sind. Dazu können unter anderem zählen: Vernichtungserklärung des verkaufenden Unternehmens; Offizielles License-Statement vom Lizenzgeber; Auszug aus dem Volume Licensing Service Center, Lizenzvertragskopien sowie Rechnung vom Lizenzgeber.

Transatlantischer Datenschutz

Huth zeigt sich sehr gespannt darauf, wie es mit dem transatlantischen Datenschutz weitergeht: „Sollte sich die regulatorische Lage weiter verschärfen, könnten viele europäische Unternehmen gezwungen sein, ihre Abhängigkeit von US-basierten Cloud-Anbietern zu überdenken.“ Auch im Bereich KI-Lizenzierung erwartet der Manager spannende Entwicklungen: „Die Frage, welche Anbieter das Rennen um die Monetarisierung von KI-Anwendungen machen und welche Lizenzmodelle sich hier durchsetzen, wird direkte Auswirkungen auf Unternehmen haben.“ Zudem seien datenschutzrechtliche Implikationen in diesem Bereich noch weitgehend ungeklärt.

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Brot- und Buttergeschäft

Der Gebrauchtmarkt spiegelt laut Huth weitgehend die Nachfrage des Neumarkts wider. Daher sind Microsoft-Produkte – insbesondere Office-Anwendungen und Server-Lösungen – sehr gefragt. Ein aktueller Sonderfall sei VMware, denn Broadcoms drastische Lizenzumstellungen haben seiner Einschätzung nach eine Welle der Unzufriedenheit ausgelöst, wodurch die Nachfrage nach Alternativen stark gestiegen sei. „Besonders problematisch ist, dass Broadcom Kunden oft so lange hinhalten, bis sie keine Zeit mehr haben, alternative Lösungen zu prüfen – geschweige denn umzusetzen.“

Zusammenarbeit mit IT-Systemhäusern

Möglichkeiten für IT-Systemhäuser mit seinem Unternehmen zusammenzuarbeiten, gebe es einige

  • Verwertung von Altlizenzen: Viele Unternehmen haben ungenutzte Softwarebestände, die verkauft werden können.
  • Kosteneffiziente Lizenzlösungen: Gebrauchtsoftware ermöglicht es Systemhäusern, budgetfreundliche Alternativen anzubieten.
  • Höhere Margen: Während viele Hersteller die Margen für Partner stark reduziert haben, sind die Konditionen nach wie vor lukrativ.

In vielen Fällen würden Systemhäuser mit einer gebrauchten Lizenz mehr als mit einer neuen – bei gleicher Funktionalität verdienen, so Huth.

Hintergrund

Gebrauchtsoftware-Dokumentation

Damit im Auditfall möglichst keine Fragen offen bleiben, erhält der Käufer von seriösen Gebrauchtsoftware-Händlern eine umfangreiche Dokumentation, deren Bestandteile teilweise rechtlich geboten sind, aber teilweise darüber hinaus gehen können. Die juristisch gebotenen Bestandteile sind:

  • Kopien des relevanten Microsoft-Vertrags,
  • Kopien der Product Use Rights (PURs),
  • Löschbestätigung des Vorbesitzers,
  • Dokumentation der Lizenzhistorie,
  • Lieferschein und Rechnung.

Freiwillige Zusatzkomponenten (nicht abschließend):

  • Bestätigung der Info über den Lizenztransfer an den Hersteller,
  • Rücktrittsrecht vom Vertrag für den Käufer,
  • und Haftungsfreistellungsklausel.

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