IDC-Studie: Industrial IoT in Deutschland 2022 Mit dem IIoT Krisen bewältigen

Von Heidi Schuster

Die Wirtschaft wird von Krisen gebeutelt. Mit dem Industrial IoT (IIoT) können Unternehmen besser auf Risiken und Probleme in Liefer- und Wertschöpfungsketten reagieren. Allerdings setzen nur wenige aktiv IIoT-Projekte um. Ist es nun zu spät dafür?

Anbieter zum Thema

Die Adaption von Industrial IoT in deutschen Industrieunternehmen stagniert auf niedrigem Niveau.
Die Adaption von Industrial IoT in deutschen Industrieunternehmen stagniert auf niedrigem Niveau.
(Bild: ipopba - stock.adobe.com)

Corona, steigende Energiepreise und nicht zuletzt der Krieg in der Ukraine sorgen für Unsicherheiten und Lieferschwierigkeiten aller Art, und die Wertschöpfungsketten leiden. Industrial IoT (IIoT) ermöglicht es Unternehmen aber, besser auf unvorhersehbare Ereignisse zu reagieren. Aber wie ist der Umsetzungs-Stand in Unternehmen in Deutschland?

Um dies herauszufinden, hat IDC im Januar und Februar 2022 in Deutschland 250 industrielle und industrienahe Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern zum Thema IIoT befragt. Der Gesamteindruck der Studie ist eher ernüchternd, denn die Adaption von IIoT hat sich in den letzten Jahren verlangsamt und verharrt auf der Stelle. Der IDC-Studie zufolge recherchieren (20 %), evaluieren (30 %) und planen (20 %) zwar die Unternehmen, bei der konkreten Umsetzung hapert es aber.

Deutsche Industrie im Krisenmodus

Dass sich die IIoT-Adaption in den letzten zwei Jahren verlangsamt hat, liegt den Marktforschern zufolge an der wirtschaftliche Gesamtsituation. Gestörte Lieferketten, hohe Frachtkosten, steigende Energiekosten und der Ukraine-Krieg haben die deutsche Industrie in Alarmbereitschaft versetzt und Budgets für strategische Maßnahmen belastet. Und so stehen betriebswirtschaftliche Kennzahlen wie Gewinn und Kosten (40 %), Produktivität (38 %) und Kundenbindung (29 %) für die geschäftliche Seite im Vordergrund, während die operative Seite sich auf Kontinuität in der Produktion (29 %), die Senkung von Energie- und Ressourcenkosten (28 %) und die Verringerung von Ausschussraten konzentriert (26 %).

Nun zahlen die Unternehmen die Rechnung dafür, dass sie sich in den vergangenen Jahren nicht verstärkt mit IIoT und einer datenzentrierten Unternehmenskultur befasst haben. Das Potenzial, um auf Unsicherheiten und kurzfristige Veränderungen mit neuen datenbasierten Produkten, Services und Geschäftsmodellen effektiv zu reagieren, wurde der Umfrage zufolge verpasst.

Die Hindernisse

Ein großes Problem vieler Unternehmen, das die erfolgreiche IIoT-Adaption hemmt, ist die mangelnde Kontrolle über die Umsetzung. Von den Unternehmen, die bereits IIoT-Projekte umgesetzt haben oder IIoT-Pilotprojekte durchführen, nutzt lediglich ein Drittel regelmäßig geeignete Metriken zur Erfolgsmessung, 22 Prozent prüfen erste Metriken auf Eignung. Nur ein Bruchteil kann also aktuell überhaupt feststellen, ob die IIoT-Projekte auch die gewünschten Ziele erreichen – falls überhaupt entsprechend klare Ziele gesetzt wurden.

Ähnlich sieht es auch bei der Projektsteuerung aus, also welche Projekte intensiviert, angepasst, optimiert oder eingestellt werden sollten. Nur 24 Prozent der befragten Industrieunternehmen haben dafür umfassende, objektive Entscheidungsregeln eingeführt, weitere 28 Prozent zumindest erste Prozesse und Entscheidungsregeln. „Bei der Erfolgsmessung und Projektsteuerung besteht deutliches Nachholpotenzial, damit wertvolle IIoT-Budgets nicht versanden und gescheiterte IIoT-Projekte neue Maßnahmen wegen schlechter Erfahrungen nicht verhindern“, sagt Marco Becker, Senior Consultant bei IDC und Studienleiter.

Fehlende Daten- und Analytics-Strategie

Lediglich 13 Prozent der von IDC befragten Industrieunternehmen haben eine definierte und ganzheitliche Daten- und Analytics-Strategie für IIoT, die sämtliche Projekte und Daten integriert. Diese ist aber eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg von IIoT und der übergreifenden Digitalen Transformation in der Industrie, für die IIoT ein zentraler Baustein ist.

58 Prozent haben ihre Daten- und Analyseziele zumindest auf ihre kurzfristigen Business-Ziele abgestimmt und bereiten Daten zur erneuten Verwendung auf. Das ist den Marktforschern zufolge immerhin eine gute Basis, auf der Unternehmen für eine ganzheitliche Datenplattform aufbauen können.

Die strategischen Defizite spiegeln sich auch in den größten Herausforderungen in Bezug auf Analytics, KI und ML wider: Hohe Kosten und mangelnde Budgets (30 %), Sicherheit und Compliance (24 %) sowie fehlende Integrationsfähigkeit von Datenquellen und das Datenwachstum (jeweils 20 %) geben die Befragten hier an. Eine saubere Datenstrategie und daraus abgeleitete technologische Maßnahmen könnten jedes dieser Probleme deutlich verringern. Die Defizite sind auch ein Grund, warum unter den 37 Prozent der befragten Unternehmen, die bereits KI und ML für ihre IIoT-Projekte nutzen, nur jedes Dritte dies auch umfangreich und im Einklang mit seinen Geschäftszielen macht, erklärt IDC. Moderne Anwendungen wie Digital Twins würden am seltensten umgesetzt. Diese virtuellen Abbilder realer Produkte und Prozesse haben laut den Marktforschern zwar großes Potenzial in industriellen Anwendungsszenarien, seien allerdings auch besonders abhängig von ganzheitlichen und verlässlichen Daten.

Wissen, was läuft

Täglich die wichtigsten Infos aus dem ITK-Markt

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung.

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Mangelnde IT/OT-Integration von Teams und Security hemmen die Umsetzung

Die Integration der IT und der Betriebstechnik (Operational Technology, OT) ist weiterhin ein schwieriges Thema, obwohl sie kritisch für IIoT ist. Der Anteil der Unternehmen mit optimaler Zusammenarbeit zwischen IT und OT soll künftig immerhin von rund 17 auf 33 Prozent steigen und der Anteil an Unternehmen, in denen IT und OT komplett getrennt sind, von 28 auf 5 Prozent deutlich sinken. Dazwischen stehen aber weiterhin viele Unternehmen mit nur informellem Austausch oder solche, in denen die IT einen Großteil der Verantwortung übernehmen muss.

In 52 Prozent der befragten Unternehmen trägt beispielsweise momentan noch die IT die Verantwortung für die Absicherung von IIoT- und OT- Umgebungen. Im Zuge dessen werden auch häufig klassische IT-Security-Ansätze und -Lösungen wie VPNs und Firewalls für die IIoT-Absicherung genutzt werden – also zweckentfremdete IT-Lösungen, die nicht für OT oder IIoT optimiert sind und damit ein Sicherheitsrisiko darstellen können. Die häufigste Sorge bei der Cybersecurity ist für 28 Prozent der Befragten die mangelnde Kommunikation zwischen IT- und OT-Verantwortlichen über gemeinsame Gefahren. „Umso wichtiger ist es, dass auch wirklich umgesetzt wird, was viele Unternehmen aktuell planen: die Verantwortung stärker auf IT und OT zu verteilen beziehungsweise beiden die gemeinsame Verantwortung für die gesamte IT/OT-Umgebung zu übertragen, damit Fachwissen beider Seiten in die ganzheitliche Absicherung der Umgebungen fließt“, kommentiert Becker. In 42 Prozent der Unternehmen laufen aktuell entsprechende Initiativen für die IT/OT-Integration, in weiteren 20 Prozent sind sie geplant. Die bereits abgeschlossenen Aktivitäten zeigen aber, dass diese nicht banal sind und gut moderiert werden müssen, denn die Initiativen scheitern mindestens genauso oft (16 %), wie sie erfolgreich verlaufen (10 %). Herausforderungen und Hindernisse bei der Integration sind für 29 Prozent mangelndes Fachwissen und Ressourcen für die Durchführung der Initiativen, für jeweils 28 Prozent technologische Probleme und Sicherheitsbedenken und für 27 Prozent die organisatorische Komplexität.

Industry Ecosystems

Erfreulich ist die positive Grundstimmung der Befragten bezüglich „Industry Ecosystems“. Drei Viertel der Befragten geben an, bereits Teil solcher Zusammenschlüsse aus Industrieunternehmen und anderen Unternehmen verschiedener Branchen zu sein, beispielsweise aus dem Gesundheits- oder Versicherungswesen. Die Ziele der Teilnahme in Industry Ecosystems sind dabei für 31 Prozent schnellere Innovationen, für 29 Prozent, neue Umsatzpotenziale zu erschließen, und für 26 Prozent, die Sicherheit und Qualität der eigenen Produkte zu fördern. Die Bedeutung von Industry Ecosystems für die Zukunft ist enorm: IDC geht davon aus, dass bereits 2026 fast ein Drittel aller Umsätze der größten Unternehmen weltweit aus gemeinsam genutzten Daten, Anwendungen und operativen Initiativen innerhalb solcher Industry Ecosystems stammen.

Der Umfang der Zusammenarbeit in den befragten Industrieunternehmen ist allerdings noch verbesserungswürdig: nur in gut einem Viertel der Fälle ist er umfassend und zielt auf neue Business-Chancen ab. Für erfolgreiche datenbasierte Zusammenarbeit in Industry Ecosystems sind ein einwandfreies Datenmanagement, der Schutz von geistigem Eigentum und damit die Kontrolle über Daten und Datenzugriffe notwendig. Und hier schließt sich der Kreis, denn genau das kann die häufig fehlende ganzheitliche Datenplattform auf Basis der Daten- und Analytics-Strategie leisten und auch dabei unterstützen, neue Geschäftsmodelle und eine faire Monetarisierung zu ermöglichen, die für jedes vierte befragte Unternehmen eine Herausforderung für die Teilnahme an Industry Ecosystems ist.

IDC-Fazit: Industry Ecosystems sind die Zukunft – aber sind deutsche Industrieunternehmen dabei?

Insgesamt zeigt die Studie, dass die Adaption von IIoT Licht- und Schattenseiten aufweist. Das Feld spaltet sich auf in einige wenige starke Vorreiter mit fortschrittlicher und strategischer Adaption, Organisation und Integration und viele Nachzügler auf der anderen Seite, die weiterhin sehr isolierte Initiativen durchführen oder nur beobachten und evaluieren, ohne das Thema richtig anzugehen. Die fehlende Aufbruchstimmung zeigt sich auch in den genutzten IIoT-Anwendungsszenarien, die stärker auf die Optimierung des Status quo fokussiert sind als auf die Transformation und notwendigenfalls auch Disruption von traditionellen Prozessen und Geschäftsmodellen. Der globale Wettbewerb schläft aber nicht, und deutschen Industrieunternehmen droht, nicht nur bei der Massenfertigung ausgestochen zu werden, sondern auch bei Produkten und Dienstleistungen, die sich durch Innovationskraft und Ingenieurskunst auszeichnen. Bei der Transformation des Mobilitätssektors musste das industrielle Deutschland schon die Verfolgerrolle im globalen Wettbewerb einnehmen. Die Adaption von IIoT ist ein wichtiger, existenzieller Meilenstein, um in der Industrie nachhaltig relevant zu bleiben, datenbasierte Geschäftsmodelle zu verfolgen und in Zukunft agile und resiliente Wertschöpfung in Industry Ecosystems zu betreiben. Eine grundsätzliche Basis für erfolgreiches IIoT ist in der deutschen Industrie durchaus zu erkennen, diese muss jetzt aber dringend ausgebaut, professionalisiert und mit ganzheitlicher Digitalisierung und Datenstrategien begleitet werden. Die industrielle Transformation ist bereits voll im Gange, und die deutsche Industrie muss jetzt aufwachen, wenn sie auch in Zukunft ein Teil lukrativer Wertschöpfungsmodelle bleiben will.

(ID:48168838)