KI in der Industrie Microsoft Industrial Intelligence: Wie KI die Fabrik zum lernenden System macht

Von Alexander Siegert 3 min Lesedauer

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Microsoft sieht KI in der Industrie nicht als Summe einzelner Anwendungen, sondern als durchgängige „Industrial Intelligence“. Edith Wittmann erklärte im Gespräch mit IT-BUSINESS den Weg zur Intelligenzschicht über Daten, Prozesse und Organisationen hinweg.

Mit Industrial Intelligence sollen Produktionsdaten in Echtzeit zu verwertbaren Entscheidungen werden.(Bild:  Deutsche Messe AG)
Mit Industrial Intelligence sollen Produktionsdaten in Echtzeit zu verwertbaren Entscheidungen werden.
(Bild: Deutsche Messe AG)

Auf der diesjährigen Hannover Messe zeigte Microsoft ein neues Zielbild für die Industrie: die Fabrik als lernendes System, in dem Daten, Prozesse und Entscheidungen zunehmend zusammenwachsen. Unter dem Leitmotiv „Industrial Intelligence Unlocked“ ging es nicht mehr um einzelne KI-Anwendungen, sondern um eine durchgängige Architektur industrieller Intelligenz.

Edith Wittmann, Enterprise Commercial Lead bei Microsoft Deutschland, erläutert, warum dieses Umdenken erforderlich ist: „KI ist die Chance für das industrielle Rückgrat Deutschlands.“ Vor allem die industrielle Basis – vom Mittelstand bis zum Großanlagenbau – steht im Zentrum dieser Entwicklung.

Edith Wittmann verantwortet als Geschäftsführerin und Enterprise Commercial Lead das Großkundengeschäft von Microsoft Deutschland.(Bild:  Microsoft)
Edith Wittmann verantwortet als Geschäftsführerin und Enterprise Commercial Lead das Großkundengeschäft von Microsoft Deutschland.
(Bild: Microsoft)

Der konzeptionelle Kern ist der Begriff Industrial Intelligence. „Industrial Intelligence bedeutet für uns, Daten, Kontext und Domänenwissen zusammenzubringen und so nutzbar zu machen“, erzählt die Microsoft-Managerin. Entscheidend ist dabei ein Perspektivwechsel: Wettbewerb entsteht nicht mehr primär durch Datenmengen oder Modelle, sondern durch die Fähigkeit, industrielles Wissen mit KI zu verbinden.

Microsoft Fabric

Ein zentraler technischer Baustein ist Microsoft Fabric. Die Plattform vereint Datenintegration, Engineering, Analyse und KI in einer durchgängigen Umgebung. Sie bricht klassische Datenarchitekturen auf, indem sie unterschiedliche ­Datenquellen ohne aufwendige ­Vorstrukturierung zusammenführt und direkt nutzbar macht. „Es ist nicht mehr zwingend erforderlich, dass Daten ­vollständig strukturiert vorliegen“, erzählt Wittmann. Daten werden nicht mehr nur vorbereitet, sondern kontinuierlich im Prozess erschlossen und veredelt.

Diese Daten bilden die Grundlage für KI-Agenten-Systeme. Dabei ist eine klare Differenzierung wichtig. Auf der einen Seite stehen Assistenzsysteme am ­Arbeitsplatz, die einzelne Mitarbeiter unterstützen. Auf der anderen Seite entstehen agentische Systeme in der industriellen Wertschöpfung, die Prozesse selbstständig koordinieren, optimieren und miteinander verknüpfen.

Mit der Autonomie wächst jedoch auch die Komplexität der Steuerung. „Unternehmen müssen die Kontrolle darüber behalten, was ihre Agenten tun“, fordert die ­Managerin. Microsoft verfolgt einen Governance-Ansatz, der KI-Agenten nicht als lose Softwareeinheiten, sondern als digitale Akteure versteht.

KI-Agenten werden zu Mitarbeitern

Bausteine dafür bilden Microsoft Entra Agent-ID und Agent 365. KI-Agenten erhalten dort eigene Identitäten, Rollen und Zugriffsrechte. Sie werden in Sicherheits- und Compliance-Strukturen eingebettet und durchlaufen ähnlich wie menschliche Mitarbeiter ein Onboarding. Auch der ­Plattformgedanke sei laut Wittmann bei der Agenten-Einführung entscheidend: „Über eine zentrale Plattform geben wir Kunden die Möglichkeit, KI-Agenten zusammenzuführen, zu orchestrieren und die volle Kontrolle darüber zu behalten, was passiert.“ Damit entsteht eine übergreifende Steuerungsebene für interne und externe KI-Systeme. „Vertrauen ist die Grundlage – gemeinsam mit Security, Datenschutz und einer skalierbaren Cloud-Infrastruktur“, so Wittmann. Gerade in der Industrie entscheidet dieser Faktor darüber, ob KI nicht nur getestet, sondern produktiv eingesetzt wird.

Der KI-Geist ist aus der Flasche

Als Beispiel auf der Messe diente der Hersteller von Abfüllanlagen und Microsoft-Partner Krones. Der Maschinen­bauer entwickelte ein Geschäftsmodell namens „Bottle-as-a-Service“. Kern der Innovation ist die Integration einer KI-gestützten Flüssigkeitssimulation in einen digitalen Zwilling ihrer Abfüllanlagen. Ein Multi-Agenten-System ermöglicht es dabei, komplexe Simulationen per Spracheingabe zu steuern. Das Ergebnis: Simulationen, die früher vier Stunden dauerten, laufen nun in unter fünf Minuten. Sollte sich zum Beispiel das Flaschendesign und das Schwappverhalten der Flüssigkeiten verändern, können schneller Anpassungen an der Anlage vorgenommen werden.

Microsoft-Partner Krones zeigte auf der Hannover Messe, wie KI die Industrie transformiert – vom Anlagenverkauf zu „Bottle-as-a-Service“ mit digitalen Zwillingen und Multi-Agenten-Systemen.(Bild:  Vogel IT-Medien)
Microsoft-Partner Krones zeigte auf der Hannover Messe, wie KI die Industrie transformiert – vom Anlagenverkauf zu „Bottle-as-a-Service“ mit digitalen Zwillingen und Multi-Agenten-Systemen.
(Bild: Vogel IT-Medien)

Die Agenten-Technologie verändert aber auch die Struktur von Organisationen selbst. „In Org-Charts werden künftig nicht mehr nur Personen stehen, sondern Teams aus KI-Agenten und Menschen.“ ­Unternehmen entwickeln sich damit zu hybriden Systemen, in denen Aufgaben, Entscheidungen und Verantwortlichkeiten neu verteilt werden. „Change-Management spielt eine noch wichtigere Rolle als die Technologie selbst“, so Wittmann. ­Unternehmen müssen bestehende Prozesse, Rollenbilder und Entscheidungslogiken neu denken, um das Potenzial von ­Industrial Intelligence tatsächlich zu heben.

Channel-Partner müssen sich weiterbilden

Für Channel-Partner bedeutet das eine Verschiebung. Klassische Rollen wie Beratung, Entwicklung und ­Implementierung bleiben zentral, werden jedoch stärker durch Transformationsbegleitung ergänzt. „Für unsere Partner gilt dasselbe wie für uns: Jeden Tag lernen, die Möglichkeiten verstehen und sich selbst up to date halten, um die Kunden optimal beraten zu können“, so Wittmann. Die nächste industrielle Evolutionsstufe entsteht durch das Zusammenspiel von Menschen, Daten, Kontext und autonomen Systemen. Die Fabrik bleibt nicht stehen – sie beginnt, mitzudenken.

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