Channel Fokus: Refurbishing & Remarketing Kreislaufwirtschaft wird zentral

Autor Klaus Länger

Die IT-Hersteller wollen selbst noch stärker auf eine gut funktionierende Kreislaufwirtschaft sorgen und sich vermehrt selbst um die Rücknahme gebrauchter Hardware kümmern. Für mittelständische Refurbisher ist das gleichzeitig Chance und Gefahr.

Firmen zum Thema

Die Idee der Kreislaufwirtschaft setzt sich in der IT-Industrie zunehmend durch. Ohne Konzepte für Nachhaltigkeit lassen sich die sonst anfallenden Berge aus Elektroschrott auch nicht vermeiden.
Die Idee der Kreislaufwirtschaft setzt sich in der IT-Industrie zunehmend durch. Ohne Konzepte für Nachhaltigkeit lassen sich die sonst anfallenden Berge aus Elektroschrott auch nicht vermeiden.
(Bild: bluedesign – adobe.stock.com)

Umweltverträglichkeit bei IT-Produkten ist im Prinzip ein alter Hut. Schon seit vielen Jahren gibt es gesetzliche Bestimmungen, die beispielsweise die Verwendung einer ganzen Reihe schädlicher Substanzen in den Komponenten von IT-Geräten einschränken oder ganz verbieten. Zudem gibt es Vorschriften für das Recycling von Geräten und auch das früher gängige Verschiffen von Computerschrott in afrikanische oder asiatische Länder wurde erheblich ­erschwert. Denn dort landeten defekte Geräte auf ungesicherten Deponien, wo dann unter umwelt- und gesundheitsschädlichen Bedingungen Stoffe wie Edelmetalle gewonnen wurden. Auch die Wiederaufbereitung gebrauchter Rechner ist nichts Neues. Schließlich sind Refurbisher wie GSD oder BB-Net, die aufbereitete Geräte über den IT-Channel verkaufen, bereits seit mehr als 20 Jahren im Geschäft.

Rechner, die sich nicht mehr aufarbeiten lassen, werden in einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft möglichst zu 100 Prozent recycled.
Rechner, die sich nicht mehr aufarbeiten lassen, werden in einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft möglichst zu 100 Prozent recycled.
(Bild: VILevi – stock.adobe.com)

Bildergalerie

Mehr Nachhaltigkeit bei IT-Produkten

Neu ist dagegen, dass nun immer mehr IT-Hersteller in ihrer Kommunikation mit den Kunden Themen wie Recycling, Nachhaltigkeit und auch Kreislaufwirtschaft in den Vordergrund stellen. Es gab zwar schon ­immer Firmen wie Fujitsu, die schon vor Jahren mit dem Thema „Green IT” geworben haben, aber ein öffentlichkeitswirksamer Trend hat sich daraus nicht ergeben. Nun werben auch Unternehmen wie Dell oder HP damit, dass sie in ihren Geräten teilweise recyceltes Aluminium, wiederverwertete Kunststoffe und teilweise sogar so genanntes Meeresplastik verwenden. Und Fujitsu bietet eine Tastatur an, die zum Teil aus biologisch abbaubarem Material wie Zellulose und Lignin besteht.

So wichtig es ist, schon bei der Entwicklung und der Produktion von IT-Hardware die Umweltbelastung durch die Produkte zu minimieren, ein zentraler Punkt für mehr Nachhaltigkeit ist es, die Geräte länger im Betrieb zu halten. Denn auch wenn beispielsweise PCs, Notebooks oder auch Datacenter-Hardware in Firmen ausgemustert werden, dann sind sie meist längst noch nicht reif für den Schrott, sondern können durch die Wiederaufbereitung in einen weiteren Lebenszykus gehen. Das ist nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch ein gutes Geschäft für Unternehmen, Systemhäuser, Refurbisher und deren Kunden. Firmen und Systemhäuser müssen sich nicht selbst um die Datenlöschung und Entsorgung der Geräte kümmern, die Refurbisher erhalten meist hochwertige Business-Geräte und die Kunden günstige Rechner mit frischem Betriebssystem und Garantie.

Steigende Nachfrage nach aufbereiteten Rechnern

Laut Michael Bleicher, Chef des Refurbi­shers BB-Net, ist die Nachfrage nach aufbereiteten Notebooks und PCs momentan sehr hoch, nicht zuletzt wegen Homeoffice und Homeschooling. Im vergangenen Jahr habe es Probleme mit dem Nachschub gegeben, da viele Unternehmen ältere Geräte nicht ausgemustert, sondern an Mitarbeiter im Homeoffice gegeben hätten. Aber derzeit habe sich die Lage entspannt, was auch Ralf Schweitzer, der Chef des Refurbishing-Unternehmens GSD bestätigt. Beide haben zudem die Erfahrung gemacht, dass zunehmend nicht nur Privatkunden, sondern auch kleinere Firmen vermehrt zu aufbereiteten Geräten greifen. Auch verhältnismäßig hochpreisige Notebooks oder PCs verkaufen sich sehr gut. Insgesamt ist das Preisniveau sogar gestiegen, so Bleicher, da die Refurbisher selbst für ausgemusterte Rechner mehr bezahlen, um genügend Nachschub zu haben.

Ergänzendes zum Thema
Rasanter Aufschwung für den ITAD-Markt

Nach einer Studie von Verified Market Research wächst der internationale IT-Asset-Disposition-Markt (ITAD) rasant. Im Jahr 2018 hatte er noch ein Volumen von 13,15 Milliarden Dollar und soll bis 2026 auf bis zu 24,85 Milliarden Dollar klettern. Das wäre ein jähr­liches Wachstum von 8,47 Prozent. Der ITAD-Markt umfasst allerdings nicht nur das IT-Refurbishing, sondern auch das möglichst weitgehende Recycling von Geräten, die sich nicht mehr aufbereiten lassen. Den Löwenanteil machen dabei PC und Notebooks mit ­einem Anteil von fast 50 Prozent aus, gefolgt von Smartphones, Servern und Storage-Systemen. Die wichtigste Region ist dabei Asien mit knapp 40 Prozent, vor allem wegen China, gefolgt von Europa mit 26 Prozent und dann erst Nordamerika.

Der ITAD-Markt soll in den kommenden Jahren rasant wachsen.
Der ITAD-Markt soll in den kommenden Jahren rasant wachsen.
( Bild: Verified Market Resarch )

Für Unternehmen sollte allerdings „die Wiederverwendungsquote bei der Wahl des IT-Refurbishers den Ausschlag geben”, betont Bleicher. Die liege bei den etablierten Anbietern sehr hoch. So gehen etwa bei BB-Net nur ein Prozent der Geräte ins ­Recycling. Dabei beklagt Bleicher, dass bei manchen Systemhäusern immer noch der Glaube bestehe, es sei umweltfreundlicher, sicherer und einfacher, Geräte ihrer Kunden ins Recycling zu geben, statt sie an ­Refurbisher abzugeben. Tatsächlich sind aber die Refurbisher bei der Datenlöschung sorgfältiger als viele Unternehmen selbst, die ihre internen Datenschutzrichtlinien oft seit Jahren nicht mehr angepasst hätten, etwa an SSDs als Speichermedien.

Mit einem Abomodell für die Abholung ­gebrauchter Hardware, für die seine Unternehmen in kleineren Firmen oder Standorten so genannte Green-IT-Boxen bereitstellt, will Bleicher die Akzeptanz für das Refurbishing weiter steigern.

Weitere Geschäftsmodelle neben dem Verkauf aufbereiteter Hardware

Neben dem Verkauf aufbereiteter Hardware nutzen einige Refurbisher ihre Expertise bei Datenlöschung und Einrichtung der Geräte inzwischen für andere Geschäftsmodelle, an denen sich auch ihre Partner beteiligen können. Das wichtigste dabei ist sicher die Vermietung der Geräte. BB-Net bietet diesen Service bereits seit Mitte 2020 an, GSD baut die Strukturen für das Mietgeschäft im größeren Maßstab gerade auf. Für Schweitzer haben Refurbisher hier ­einen erheblichen Vorteil, da bei aufbereiteten Geräten der Wertverfall deutlich geringer ist, als bei neuen PCs oder Notebooks. Das von AfB für Schulen entwickelte Mietmodell „Mobiles Lernen”, stattet dagegen Klassen mit einheitlichen neuen Tablets oder Notebooks aus, wie der Geschäftsführer Baniel Büchle erklärt. Sein Unternehmen kümmert sich dabei um Logistik, Support und die anschließende Aufarbeitung und Zweitnutzung. Dabei kooperiert AfB mit lokalen Systemhäusern. BB-Net vermietet Geräte nicht nur selbst direkt oder über Partner, sondern bietet sich selbst als Dienstleister für andere Vermieter von IT-Produkten an. Für diese übernimmt der Refurbisher die Aufbereitung der Geräte für einen weiteren Mietzyklus und nimmt die Geräte danach ab. Weitere Lösungen im Portfolio sind IT-Refresh für Unternehmen, die so modernisierte und überholte Geräte weiter nutzen können, und der Support für Trade-In-Programme von Resellern oder Herstellern.

Gerade dieses Geschäftsmodell wird in Zukunft für die Refurbisher wohl an Bedeutung zunehmen. Denn immer mehr Hersteller bekunden die Absicht, sich nicht nur um Produktion und Verkauf ihrer ­Geräte zu kümmern, sondern den kompletten Lebenszyklus im Blick zu behalten. Zudem sind Trade-in-Programme natürlich auch eine Verkaufsförderung für neue Geräte. So hat etwa Dell jüngst angekündigt, Privatkunden, die neue XPS- oder Alienware-Notebooks kaufen, für deren alte Notebooks bis zu 200 ­Euro zu bezahlen, unabhängig von Hersteller und Typ. Die Altgeräte werden dann aufbereitet, entsorgt oder an eine wohltätige Organisation gespendet. Beim Device-as-a-Service-Geschäft, das etliche Hersteller für ihre Firmenkunden verstärkt anbieten, können sich die Refurbisher ebenfalls als Partner in Position bringen. Für Hersteller, die nicht über eigene Ressourcen verfügen, um das zu übernehmen, können die IT-Refurbisher in die Bresche springen und das als Dienstleistung anbieten. So kümmert sich etwa AfB bereits heute um Altgeräte von Fujitsu und hat dafür Teile des ehemaligen Fujitsu-Werks in Paderborn sowie Teile des Fujitsu-Standorts in Sömmerda übernommen.

Ergänzendes zum Thema
CEP 2030: Bündnis für Kreislaufwirtschaft

Im März 2021 hat sich mit der Circular Electronics Partnership (CEP) eine Allianz formiert, deren Ziel es ist, bis 2030 eine funktionierende Kreislaufwirtschaft für IT-Produkte zu etablieren. Zu den Gründungsmitgliedern gehören nicht nur IT-Unternehmen wie Dell Technologies, Cisco, Google, Microsoft und Vodafone, sondern mit SIMS Lifecycle Services auch ein Schwergewicht in der Entsorgungsbranche, die beim Recycling aktive Rohstoffhandelsgruppe Clencore, das Chemieunternehmen Laxness oder die Beratungsunternehmen Accenture und KPMG. Dell Technologies nimmt in der Gruppe dabei eine Doppelrolle ein, da das Unternehmen nicht nur ein IT-Hersteller ist, sondern auch noch zu den Großen in der ITAD-Branche zählt. Zudem bestehen Partnerschaften mit dem World Economic Forum, dem Global Electronics Council oder der in der ICT-Branche verankerten GeSI (Global Enabling Sustainability Initiative). Microsoft und Google sind dabei selbst auch als Betreiber riesiger Rechenzentren in der Pflicht für die Wiederverwertung der Datacenter-Hardware.

Die Anzahl der Server, die außer Dienst gestellt werden, wächst rapide.
Die Anzahl der Server, die außer Dienst gestellt werden, wächst rapide.
( Bild: Климов Максим – stock.adobe.com )

Das Ziel der Allianz ist die Aufstellung eines detaillierten Fahrplans mit sechs Pfaden für den Aufbau einer Kreislaufwirtschaft in der IT-Industrie. Der erste Pfad ist dabei die Definition von Standards für zirkulare Produkte in Zusammenarbeit mit Standardorganisationen und Ökolabels. Beim zweiten Pfad geht es darum, Nachfrage für wiederaufbereitete Produkte bei privaten Konsumenten und Firmen zu schaffen und beim drittem um die Entwicklung nachhaltiger Geschäftsmodelle. Weitere Ziele sind der Aufbau eines globalen Ökosystems für das Sammeln ausgedienter Geräte und die Errichtung weltweiter Strukturen für das Recycling und Refurbishing über internationale Abkommen. Der sechste Pfad zielt schließlich auf den Aufbau eines Markts für aus dem Recycling gewonnene Materialien.

Chancen und Risiken für Refurbisher

Das verstärkte Engagement der Hersteller für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft könnte für die IT-Refurbishing-Branche allerdings auch zum Problem werden. Denn dann könnten diese eher Partnerschaften mit den Schwergewichten aus der IT-Asset-Dispotion-Branche (ITAD) eingehen, so wie das etwa Dell Technologies, Cisco, Google und Microsoft bereits im Rahmen der Rahmen der Circular Electronic Partnership (CEP) bereits tun. Allerdings haben die mittelständischen Refurbisher durch ihre guten Verbindungen zu den großen und kleinen IT-Systemhäusern eine gute Position, die sie auch nutzen werden.

(ID:47363449)