Channel Fokus: Komponenten & Peripherie Dürre bei Komponenten und Peripheriegeräten

Autor Klaus Länger

Die Nachfrage nach PC-Komponenten wie Prozessoren, Mainboards, Grafikkarten und SSDs sowie nach Peripheriegeräten aller Art hat zwar etwas nachgelassen, ist aber immer noch sehr hoch. Ein Problem für den Channel ist die fehlende Verfügbarkeit bei vielen Produkten.

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Viele Komponenten und Peripheriegeräte sind derzeit genauso rar wie Wasser in der Wüste. Aber ein Ende der Durststrecke ist in Sicht.
Viele Komponenten und Peripheriegeräte sind derzeit genauso rar wie Wasser in der Wüste. Aber ein Ende der Durststrecke ist in Sicht.
(Bild: Jan - stock.adobe.com)

Das vergangene Jahr war zwar für viele Menschen problematisch, für den IT-Channel brachte es aber bei vielen Produkten Rekordumsätze. Laut dem Home Electronics Markt Index Deutschland (HEMIX), den der IFA-Ausrichter GFU quartalsweise in Kooperation mit der GfK erstellt, wuchs beispielsweise der Markt für privat genutzte IT-Produkte im Gesamtjahr 2020 um 23,9 Prozent auf etwa 8,5 Milliarden Euro. So legte etwa der ­Verkauf von Monitoren gegenüber 2019 um spektakuläre 59,7 Prozent zu. Bei Druckern, MFDs und Scannern sank zwar die Stückzahl leicht, dafür stiegen aber die Durchschnittspreise der verkauften Geräte um 22,6 Prozent. Hier machten sich wohl die höheren Anforderungen durch die Nutzung für das Homeoffice bemerkbar. Dabei waren schon im vergangenen Jahr viele Produkte knapp. So waren etwa USB-Webcams eine ganze Zeit lang kaum zu bekommen. Auch die neuen Grafikkarten von Nvidia und AMD waren in Windeseile ausverkauft.

Angespannte Versorgungslage auch 2021

Für das erste Quartal 2021 konstatiert HEMIX ein Wachstum von immerhin noch 23 Prozent gegenüber Q1/ 2020 mit abermals den Monitoren als starkem Umsatztreiber. Der Verkauf von Grafikkarten legte laut Jon Peddie Research gegenüber dem ersten Quartal des Vorjahres trotz der Lieferprobleme sogar um fast 39 Prozent zu. Allerdings könnten die Verkäufe wohl noch besser sein, wenn genügend Komponenten und Peripheriegeräte verfügbar wären. Laut Andreas Printz, Einkaufsleiter bei Api, ist die Versorgungs­lage bei Grafikkarten, einigen CPUs, Monitoren und Dockingsstationen noch angespannt oder sogar sehr angespannt. Laut der Daten der B2B-Handelsplattform ITscope gehen auch bei Festplatten die Lagerbestände zurück, was sich in steigenden HEKs bemerkbar macht. Aber wirklich gut lieferbar sind eigentlich fast keine Produkte, die in Asien produziert werden oder bei denen die Bauteile aus dieser Weltregion kommen.

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Grafikkarten-Knappkeit durch Kryptowährungs-Mining

Rare Ware auch durch Kryptomining: High-End-Grafikkarten
Rare Ware auch durch Kryptomining: High-End-Grafikkarten
( Bild: Nvidia )

Bei der Erzeugung von Bitcoins, der bekanntesten Kryptowährung, spielen Grafikkarten keine Rolle mehr. Hier kommen spezielle ASICs zum Einsatz, die effizienter sind. Aber beim Mining anderer Währungen wie etwa Ethereum kommen leistungsstarke Gaming-Grafikkarten zum Einsatz, die so natürlich dem IT-Channel nicht mehr zur Verfügung stehen. Allerdings geht die Regierung in China inzwischen gegen das dort weit verbreitete Mining vor, was die Nachfrage drosseln dürfte. Zudem baut Nvidia zukünftig vermehrt Mining-Drosseln in die Gaming-GPUs ein. In der RTX 3060 ist das schon der Fall. Dafür bietet Nvidia den Minern zukünftig spezialisierte Karten an. Den angekündigten Umstieg von Proof-of-Work zu Proof-of-Stake, bei dem nicht mehr die Rechenleistung beim Lösen des kryptografischen Algorithmus, sondern der Anteil an der Kryptowährung zählt, hat Ethereum auf Ende 2022 verschoben. Inwischen werden durch Kryptowährungen allerdings nicht nur Grafikkarten knapp. Bei der Währung Chia läuft das Mining über den Zugriff auf möglichst viel Speicherplatz. Daher sind in Asien die Preise für große HDDs und SSDs bereits gestiegen. Da der Prozess des Minings schreibintensiv ist, haben dabei SSDs nur eine sehr begrenzte Lebensdauer von wenigen Monaten, was den Bedarf noch weiter nach oben treibt.

Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen: Die stark gestiegene Nachfrage nach Chips aus ­allen möglichen Industrie-Sektoren, die von Fertigern wie TSMC nicht gedeckt werden können, mangelnde Kapazitäten bei Spediteuren und sogar knappe Container. Dadurch sind auch die Kosten für den Containertransport bis um den Faktor sechs gestiegen, wie Achim Reichstein, Einkaufsleiter bei Siewert & Kau verrät. Dazu kommen noch die Nachwirkungen des Corona-Lockdowns und der Blockade des Suezkanals durch den dort auf Grund gelaufenen Containerfrachter Ever Given, die einen gigantischen Stau an Frachtern ausgelöst hat, dessen Auswirkungen immer noch spürbar sind. Zudem fehlen den Herstellern oft kleine, teilweise sogar passive Bau­teile, die zwar nur wenige Cent kosten, ohne die aber die Produktion steht, wie Wolfgang Jung, Executive Director Core Solutions bei Ingram Micro, anmerkt.

Ende der Dürreperiode in Sicht

Eine Besserung der Lage erwarten die Distributoren erst im dritten Quartal dieses Jahres oder sogar erst 2022. Bei einigen Produktgruppen ist allerdings schon ein Licht am Ende des Tunnels sichtbar. So haben sich die Preise für aktuelle AMD-Ryzen-Prozessoren der 5000er-Serie wieder normalisiert und auch Intel-Desktop-CPUs sind gut lieferbar. Allerdings könnte das auch daran liegen, dass die Nvidia-RTX-3000-Grafikkarten und die AMD-RDNA2-Karten immer noch sehr rar und teuer sind. Daher wurden wohl viele geplante Upgrades von Gaming-PCs erst mal auf die lange Bank geschoben. Allerdings ist hier eine Entspannung in Sicht: Nach Informationen chinesischer Medien fährt Nvidia die Produktion der GPUs für RTX-3060-Karten hoch, und auch die Verfügbarkeit der knappen GDDR6-Module für die Karten scheint besser zu werden.

Geht es um die Knappheit bei anderen Bauteilen, ist aber wohl noch Warten angesagt. Die Chipfertiger erhöhen zwar die Produktion und bauen sogar neue Werke, allerdings braucht es Zeit, bis sie auch produzieren können. Für den Channel bedeutet das, lieber vorhandene Produkte zu kaufen und auf Lager zu legen, anstatt bei einem Projekt oder Nachfrage von Endkunden passen zu müssen, nur weil einige Komponenten in der Distribution nicht zu bekommen sind. Allerdings versuchen alle Distributoren, ihre Kontakte zu den Herstellern zu nutzen, um genügend Ware vorrätig zu halten.

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Eine saisonale Entspannung ist durchaus möglich

Andreas Printz, Einkaufsleiter bei Api, hält eine Besserung der Versorgungslage durch die Urlaubszeit für und eine damit sinkende Nachfrage für möglich.

Andreas Printz, Einkaufsleiter bei Api.
Andreas Printz, Einkaufsleiter bei Api.
( Bild: Api )

ITB: Wie sieht es denn generell bei den Lieferketten für PC-Komponenten und Peripheriegeräte aus? Bei welchen Produkten ist die Verfügbarkeit besonders eingeschränkt?

Printz: Aktuell ist die Versorgungslage immer noch bei vielen Produktgruppen angespannt oder sogar sehr angespannt. Sorgenkinder sind hier Grafikkarten, Monitore, Dockingstations und einige CPU-Modelle. Neben den Engpässen in der Chipproduktion wirken sich temporäre Schließungen von Produktionsstätten aufgrund von Corona negativ auf die Lieferketten aus. Dazu kommen Probleme in der Logistik. Letztens musste der Hafen Yantian in der Provinz Guangdong wegen Coronainfektionen schließen, einer der zentralen Umschlagplätze für IT-Produkte aus China. Dazu kommen Frachtraumverknappungen, da in China einfach nicht genügend Container vorhanden sind.

ITB: Erwarten Sie hier eine Entspannung in den kommenden Monaten? Wenn ja, eher durch sinkende Nachfrage oder durch eine bessere Angebotssituation?

Printz: Eine saisonale Entspannung ist durchaus möglich, etwa durch die bevorstehende Urlaubszeit, in der die Menschen endlich wieder verreisen wollen. Allerdings gibt es jetzt schon einen Projektstau aufgrund fehlender Verfügbarkeit bei vielen Produkten. Hier könnte der eine oder andere Kunde geplante Anschaffungen zwar wegen der weiter steigenden Preise aufschieben, aber insgesamt bleibt die Versorgungssituation in den kommenden Monaten weiter schwierig.

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Weitere Verschärfung der Lage

Wolfgang Jung von Ingram Micro sieht erst im dritten Quartal des Jahres eine langsame Entspannung der Liefersituation.

Wolfgang Jung, Executive Director Core Solutions bei Ingram Micro
Wolfgang Jung, Executive Director Core Solutions bei Ingram Micro
( Bild: Gudrun Kaiser )

ITB: Wie sieht es denn generell bei den Lieferketten für PC-Komponenten und Peripheriegeräte aus? Bei welchen Produkten ist die Verfügbarkeit besonders eingeschränkt?

Jung: Die Lieferketten für PC-Komponenten und Peripheriegeräte sind genau wie die allgemeinen Wertschöpfungsketten weltweit eingeschränkt und geraten immer wieder nachhaltig ins Stocken. Die Knappheit bei Komponenten wird im Wesentlichen durch die massiv gestiegene Nachfrage nach Integrated Circuits (IC) getrieben, die in allen relevanten Produkten verbaut sind und deren Bedarf bei Weitem nicht ausreichend bedient werden kann.

Die Warenverknappung in Bezug auf aktive Bauteile hält schon seit Monaten an. Es gibt kein Produktsegment, das sich in der einen oder anderen Richtung besonders hervorheben würde. Die Situation ist allgemein sehr angespannt und die Hersteller sind in unterschiedlicher Dimension betroffen. Nun sehen wir außerdem zunehmende Lieferschwierigkeiten bei passiven Bauteilen ohne technische Funktion. Außerdem werden die Lieferketten nicht nur durch Engpässe in der Produktion ausgehebelt, erschwerend kommen Einschränkungen wie mangelnde Kapazitäten der Spediteure sowie eingeschränkte Verfügbarkeit bei Containern oder Verpackungsmaterial hinzu.

ITB: Erwarten Sie hier eine Entspannung in den kommenden Monaten? Wenn ja, eher durch sinkende Nachfrage oder durch eine bessere Angebotssituation?

Jung: Wir rechnen mit einer weiteren Verschärfung der Situation, die sich dann ab Ende Q3 2021 langsam entspannen sollte. Es ist jedoch bis Ende Q2 2022 immer wieder mit Engpässen in der Warenverfügbarkeit zu rechnen, die weitere Preissteigerungen nach sich ziehen.

Wir stehen in beständigem Austausch mit unseren Herstellerpartnern und haben bei ihnen einen sehr hohen Bestellbestand platziert, um den Engpässen entgegenzuwirken. Um die Planbarkeit zu erhöhen und die Flexibilität voll auszureizen, empfiehlt es sich, vorausschauend zu agieren und verbindliche Bestellungen so früh wie möglich zu platzieren.

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Nachschubprobleme im Channel

Für Achim Reichstein von Siewert & Kau, ist ein ganzes Bündel an Problemen für den fehlenden Nachschub verantwortlich.

Achim Reichstein, Einkaufsleiter bei Siewert & Kau
Achim Reichstein, Einkaufsleiter bei Siewert & Kau
( Bild: Siewert & Kau )

ITB: Wie sieht es denn generell bei den Lieferketten für PC-Komponenten und Peripheriegeräte aus? Bei welchen Produkten ist die Verfügbarkeit besonders eingeschränkt?

Reichstein: Momentan hat der ganze Channel noch mit Nachschubproblemen bei einer ganzen Reihe von Produkten zu kämpfen. Besonders dramatisch ist die Lage bei leistungsstarken Grafikkarten. Hier trifft eine hohe Nachfrage auf ein besonders knappes Angebot.

Bei der Verknappung von Chipsätzen und anderen Komponenten machen sich noch die Nachwirkungen von Corona bemerkbar: Viele Kunden, etwa in der Automobilindustrie, haben für einen geringeren Bedarf geplant und entsprechend weniger bestellt. Die tatsächliche Nachfrage war aber dann doch deutlich höher und jetzt konkurrieren viele Branchen mit der IT-Industrie um die knappen Fertigungskapazitäten bei den Chipherstellern. Auch das Fehlen anderer Elektronikbauteile, oft „banale“ Komponenten, die nur wenige Cent kosten, kann dazu führen, dass Bänder stillstehen müssen.

ITB: Erwarten Sie hier eine Entspannung in den kommenden Monaten? Wenn ja, eher durch sinkende Nachfrage oder durch eine bessere Angebotssituation?

Reichstein: Schwierigkeiten bei der Logistik verschärfen die Probleme bei den Lieferketten zusätzlich. Hier haben wir mit knappen Containerkapazitäten, sehr hohen Transportkosten auf dem Seeweg, den Nachwirkungen des durch den Schiffsunfall versperrten Suezkanals und zuletzt der teilweisen Schließung des Hafens im chinesischen Yantian wegen Coronainfektionen zu kämpfen. Wir bei Siewert & Kau erwarten eine spürbare Entspannung der Situation nicht vor dem ersten Quartal 2022. Aber wir versuchen natürlich trotzdem, unsere Partner so gut mit Produkten zu versorgen, wie es überhaupt möglich ist.

Möglicher Schub durch Windows 11

Im kommenden Jahr könnte Windows 11 für eine gesunde Nachfrage sorgen. Denn Microsoft zieht bei den Voraussetzungen für ein Upgrade von Windows 10, das für Privatkunden kostenlos sein wird, die ­Zügel an. CPUs, die älter als vier Jahre sind, werden wohl nicht mehr unterstützt, und bei Grafikkarten ist DirectX 12 Pflicht. Zudem sieht es derzeit so aus, dass ein TPM 2.0 auf dem Mainboard vorhanden sein muss. Daher werden viele PC-Anwender ihre Rechner upgraden müssen, wenn sie umsteigen wollen.

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Kommentar – Digitale Souveränität bei der Lieferkette?

In letzter Zeit ist viel davon die Rede, dass sich Europa zu sehr von China und auch den USA als Lieferanten von IT-Produkten und vor allem Komponenten abhängig gemacht hat. Auch die derzeitigen Probleme bei den Lieferketten werden als Beleg dafür angeführt. Ich habe absolut nichts gegen eine moderne Chipfertigung in Europa. Intel übrigens auch nicht. Die würden gerne Fabs in der Bundesrepublik bauen, wenn sie dafür genügend Subventionen bekommen. Auch die Ausweitung der lokalen Produktion maßgeschneiderter Chips, die etwa von der Automobilindustrie benötigt werden, wäre sicher sinnvoll.

Allerdings zeigen gerade die aktuellen Probleme, dass es oft gar nicht um fehlende Flaggschiffprodukte wie Prozessoren oder Grafikkarten geht, sondern um kleine billige Bauteile, die plötzlich Mangelware sind. Und wirklich alle Komponenten hierzulande zu produzieren, ist schon aus Kostengründen nicht realistisch. Sinnvoll sind allerdings eine teilweise Abkehr vom Just-in-Time-Liefermodell durch erweiterte Lagerhaltung und eine Diversifizierung bei den Zulieferern.

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