CO2-frei bis 2030 Wie Nachhaltigkeit bei Google Cloud das Business treibt

Von Michael Hase

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Für Google Cloud sind die Klimaziele des Konzerns ein Ansporn. Mit ihren Rechenzentren verbraucht die Sparte immens viel Energie. Zugleich hilft sie Kunden mit intelligenter Technologie, den CO2-Fußabdruck zu reduzieren. So wird Nachhaltigkeit zum Business-Treiber.

Von 2030 an will Google in Bürogebäuden und Rechenzentren ausschließlich regenerative Energien nutzen.
Von 2030 an will Google in Bürogebäuden und Rechenzentren ausschließlich regenerative Energien nutzen.
(Bild: gopixa-stock.adobe.com)

Es gibt nicht nur einen Grund, warum Unternehmen in die Cloud gehen. Oft steht die Transformation des Geschäfts oder die Modernisierung der IT im Vordergrund. Bernd Wagner, Geschäftsführer bei ­Google Cloud Deutschland, nennt weitere Gründe, die nicht ganz so offenkundig sind. Dass Unternehmen die Cloud nutzen, um ihre Sicherheit zu erhöhen, mag überraschen. Gilt nicht On-Premises nach wie vor als sicherster Ort für geschäftskritische Workloads? „In dieser Hinsicht findet gerade ein Mind Change statt“, entgegnet der Manager. „Selbst größere Unternehmen sehen, dass sie es mit ihren Ressourcen nicht schaffen, alle Sicherheitskontrollen á jour zu halten, um vor größeren Cyberangriffen geschützt zu sein.“

Bernd Wagner, Geschäftsführer bei Google Cloud Deutschland, hält Nachhaltigkeit für einen guten Grund, die Cloud zu nutzen.
Bernd Wagner, Geschäftsführer bei Google Cloud Deutschland, hält Nachhaltigkeit für einen guten Grund, die Cloud zu nutzen.
(Bild: Google)

Dagegen treffe der Hyperscaler in seinen Rechenzentren physische und technologische Sicherheitsvorkehrungen, die weit über das hinausgehen, was die meisten Unternehmen bewerkstelligen könnten, so Wagner weiter. Zudem stelle Google Cloud den Kunden mehrere Technologien bereit, mit denen sie ihre Workloads in der Cloud effektiv schützen können. Erst in diesem Jahr hat der Provider sein Sicherheitsportfolio durch zwei Zukäufe im Wert von rund sechs Milliarden Dollar ausgebaut (siehe Kasten).

Google wird zur Security-Marke

Mitunter ist Geld ein gute Indikator dafür, wie wichtig einem Unternehmen ein Thema ist. So hat Google im März dieses Jahres für 5,4 Milliarden Dollar den Security-Anbieter Mandiant gekauft. Die Akquisition ist die zweitteuerste Übernahme der Konzerngeschichte. Lediglich für die Mobilfunksparte von Motorola, die der Technologieriese bereits 2014 an Lenovo weiterreichte, zahlte er mit 12,5 Milliarden Dollar deutlich mehr. Mandiant gehört zu den führenden Anbietern von Threat Intelligence. Das Unternehmen stellt Bedrohungsdaten über eine SaaS-Plattform bereit. Kurz zuvor übernahm Google im Januar das israelische Startup Siemplify, einen Spezialisten für Security Orchestration, Automation & Response (SOAR). Der Kaufpreis wird auf 500 Millionen Euro geschätzt.

„Unser Business-Modell funktioniert nur, wenn wir den Kunden höchstmögliche Sicherheit bieten“, bestätigt Bernd Wagner, Geschäftsführer bei Google Cloud Deutschland, die Bedeutung des Themas. „Es gibt keinen Hyperscaler, der so viel in das Thema Security investiert hat, wie Google.“ Schon zuvor gehörten zum Portfolio des Unternehmens einige Security-Lösungen, von denen Chronicle, Virustotal und Beyondcorp die wohl wichtigsten sind.

Bei Chronicle handelt es sich um eine von X, der Forschungsabteilung von Alphabet, entwickelte Cloud-native Plattform, die der Früherkennung von Bedrohungen dient. Sie erfasst sicherheitsrelevante Daten und ordnet sie auf einer Zeitachse an, um Unternehmen einen Überblick über ihre Sicherheitslage zu bieten. Aus dem Projekt Chronicle entstand 2018 ein eigenständiges Unternehmen, das 2019 in Google Cloud integriert wurde. Virustotal ist ein Online-Dienst, der vom spanischen Anbieter Sistemas entwickelt wurde und der zahlreiche Antivirenscanner zur Überprüfung von Dateien zusammenführt. Gogle erwarb das Unternehmen 2012 und integrierte es 2018 in Chronicle.

Hinter dem Label Beyondcorp verbirgt sich das Zero-Trust-Modell von Google. Es wurde seit 2009 als Reaktion auf die Cyberangriffe der sogenannten Operation Aurora entwickelt. Bei Beyondcorp-Ansatz werden Zugriffskontrollen vom Perimeter zu den einzelnen Nutzern verlagert. „Wir haben jetzt ein komplettes, rundes Portfolio, mit dem wir den Kunden helfen können, sicher zu sein“, resümiert Wagner.

Effiziente Rechenzentren

Nachhaltigkeit ist Wagner zufolge ein weiteres Motiv, in die Cloud gehen. „Wenn Unternehmen ihre Workloads zu uns migrieren, verbessen sie damit sofort ihre CO2-Bilanz. Denn unsere Rechenzentren sind, was den Energieverbrauch angeht, wesentlich effizienter als die Rechenzentren der allermeisten Kunden.“ So kommen die Anlagen von Google laut dem Nachhaltigkeitsbericht des Konzerns für 2021 auf eine Power Usage Effectiveness (PUE) von 1,10. Die Zahl bedeutet, dass bezogen auf die Strommenge, die die IT-Systeme verbrauchen, noch einmal 10 Prozent zusätzliche Energie für Kühlung aufgewendet werden müssen. Industrieweit liegt der Mittelwert dem New Yorker Uptime Institute zufolge bei 1,57. Ein durchschnittliches Datacenter verbraucht somit fast sechs Mal so viel Energie für Kühlung wie die Rechenzentren von Google.

Zu deren hoher Effizienz trägt neben baulichen und technischen Maßnahmen bei, dass der Hyperscaler die eigenen Machine-Learning-Verfahren zur Optimierung der Kühlung und Klimatisierung einsetzt. Die dafür relevanten Parameter der Geräte und der Luft werden in den Anlagen über Sensoren alle fünf Minuten gemessen. Anhand dieser Daten steuern die Algorithmen automatisch die Konfiguration der Kühlaggregate und Ventilatoren. Dadurch hat das Unternehmen den Energieaufwand für Kühlung in den Rechenzentren eigenen Angaben zufolge um 30 Prozent gesenkt.

Ehrgeizige Klimaziele

Die Einführung dieser Lösung war kein singuläres Projekt. Vielmehr reiht sie sich ein in eine Vielzahl von Initiativen, mit denen Google auf den Schutz der Umwelt abzielt. Diese Tradition reicht laut eigener Auskunft bis zu den Anfängen der Suchmaschine im Jahr 1998 zurück. Ein großes Anliegen ist dem Unternehmen etwa die Ökobilanz von Städten, die es durch den Einsatz intelligenter Technologien in Gebäuden und im Verkehr verbessern will. „Nachhaltigkeit ist ein zentraler Wert für uns, seit Larry [Page] und Sergey [Brin] Google vor zwei Jahrzehnten gegründet haben“, betonte Sundar Pichai, CEO von Google und Alphabet, im September 2020. In jenem Monat gab der Topmanager ein ambitioniertes Ziel vor: Bis 2030 soll der Technologiekonzern komplett CO2-frei sein und den Energiebedarf zu 100 Prozent aus regenerativen Quellen decken, und zwar 24 / 7 über alle weltweiten Standorte hinweg. Eine Kompensation durch den Kauf von CO2-Zertifikaten ist dann keine Option mehr.

Google ist nach eigenen Angaben bereits seit 2007 klimaneutral und gleicht seit 2017 den Stromverbrauch – 2021 waren es 18,3 Megawattstunden – vollständig durch den Bezug von Strom aus Sonne, Wind und Wasserkraft aus. Tatsächlich war das Unternehmen nach Zahlen der Marktforscher von Bloomberg New Energy Finance (BNEF) über Jahre der größte Einkäufer erneuerbarer Energien. Mittlerweile haben AWS und Microsoft allerdings nachgezogen.

Fast CO2-frei in Iowa

Auch wenn die Energiebilanz von Google somit ausgeglichen ist, lassen sich die Rechenzentren noch nicht rund um die Uhr CO2-frei betreiben, weil in den Netzen schlicht nicht immer genügend grüner Strom bereitsteht. Hinzu kommt, dass er von Region zu Region in unterschiedlicher Menge verfügbar ist. 2021 nutzten die Rechenzentren von Google im Schnitt zu 66 Prozent regenerative Energien. Spitzenreiter waren die Anlagen in US-Bundesstaat Iowa und im kanadischen Montreal mit einem Anteil von 97 Prozent beziehungsweise 95 Prozent. In Europa lag Finnland mit 91 Prozent vorn. Das Rechenzentrum in Frankfurt / Main kam auf einen Anteil von 60 Prozent.

Um die CO2-Bilanz in Deutschland zu verbessern, hat Google im August 2021 ein Abkommen mit dem französischen Energiekonzern Engie vereinbart. Demnach versorgt der Energiepartner, der hierzulande Windparks und Photovoltaikanlagen betreibt, das Internet- und Cloud-Unternehmen über drei Jahre mit rund 140 Megawatt an grünem Strom. Damit will es sicherstellen, dass die Energie für den Geschäftsbetrieb in Deutschland von diesem Jahr an zu nahezu 80 Prozent aus CO2-freien Quellen stammt.

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Umweltschonender IT-Betrieb

Effiziente Rechenzentren, die mit einem steigenden Anteil regenerativer Energien betrieben werden, zahlen nicht nur auf die Klimaziele des Technologiekonzerns ein. Google Cloud kann damit auch Kunden zu einer grüneren IT verhelfen. „Das ist ein wichtiger Aspekt“, erläutert Deutschlandchef Wagner. „Denn heute müssen immer mehr Unternehmen ihren Kunden gegenüber Rechenschaft darüber ablegen, wie groß der CO2-Footprint ihrer Produkte und Services ist.“ Und auf diesen Fußabdruck hat auch der Energieverbrauch der IT einen Einfluss, der mit der Digitalisierung weiter wächst. Nachhaltigkeit wird somit für Google Cloud zu einem Business-Treiber.

Die Migration von Workloads aus einem Rechenzentrum mit mehr oder weniger durchschnittlicher Effizienz in die Cloud, ist allerdings nur der Anfang. So ermuntert der Hyperscaler seine Kunden dazu, Strategien für einen ressourcenschonenden IT-Betrieb zu entwickeln. Mit dem sogenannten „GreenOps Workshop“ leitet er sie dabei an. Zu den vorgeschlagenen Maßnahmen zählen das Rightsizing virtueller Maschinen, das automatisierte Abschalten nicht benötigter Ressourcen, die Containerisierung von Applikationen oder die Anwendung des „Follow the Sun & Wind“-Prinzips. Letzteres bedeutet, dass Workloads, die nicht latenzkritisch sind, wie etwa eine Batch-Verarbeitung, in Regionen verlagert werden, in denen besonders viel Sonnen- oder Windenenergie verfügbar ist.

Greening by IT

Das Bemühen um Nachhaltigkeit hört für Google Cloud aber nicht bei der IT auf. „Wir unterscheiden zwischen Greening of IT, also wie wir den IT-Betrieb sauberer machen, und Greening by IT, das heißt, wie wir Kunden mit unserer Technologie helfen, in ihrem Kerngeschäft die Energieeffizienz zu erhöhen und den CO2-Fußabdruck zu reduzieren.“ Exemplarisch berichtet Geschäftsführer Wagner von einem Stahlhändler, den der Hyperscaler dabei unterstützt, das Portfolio nachweisbar grüner zu machen. Die Idee sei es, alle CO2-Emissionen, die über die gesamte Lieferkette hinweg bei der Produktion des Stahls und beim Transport anfallen, mit einer Blockchain-Anwendung transparent zu dokumentieren. Die Stahlindustrien zählt zu den Branchen, die den größten Anteil an fossilen Energien verbrauchen. Dort wird seit einigen Jahren an umweltschonenden Produktionsverfahren gearbeitet, bei denen alternative Energien wie etwa grüner Wasserstoff genutzt werden.

Vom Greening by IT profitieren aber auch Branchen, die schon heute grün sind, wie die Erzeuger nachhaltiger Energie. In einem Projekt in den USA hat Google Cloud dem Versorger AES geholfen, die jährliche Wartung seiner Windkraftanlagen zu beschleunigen. Das Unternehmen aus Virginia überwacht seine Windparks mit Drohnen. Um Schäden an den Rotorblättern zu identifizieren, müssen Tausende von Fotos ausgewertet werden. Mit Hilfe von Machine Learning lässt sich die Hälfte davon automatisch aussortieren, sodass sich die Ingenieure auf die Bilder fokussieren können, die tatsächliche Schäden zeigen. Mit Engie hat Google im Juni dieses Jahres ebenfalls ein KI-Projekt gestartet. Es zielt darauf ab, durch Einsatz von Machine Learning präzisere Vorhersagen zur Produktion von Windstrom zu treffen und ihn so am Markt wettbewerbsfähiger gegenüber fossilen Energieträgern zu machen. Ökologischer Fortschritt und Business-Nutzen gehen Hand in Hand. Während manche Unternehmen in Nachhaltigkeit immer noch primär einen Kostenfaktor sehen, gilt sie bei Google Cloud längst als notwendiger Aspekt der Digitalisierung.

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