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IT-Executive Summit 2019

Die vielen Wege in die Digitalisierung

| Autor: Michael Hase

Auch beim Executive Summit 2019 posierten die Teilnehmer für das obligatorische Gruppenfoto.
Auch beim Executive Summit 2019 posierten die Teilnehmer für das obligatorische Gruppenfoto. (Bild: Vogel IT-Medien)

„In Search for Digital Excellence“ war der IT-Executive Summit 2019 überschrieben, zu dem sich Spitzenvertreter des deutschen ITK-Channels in Heiligendamm trafen. Deutlich wurde, dass die Herausforderungen der Digitalisierung weit über Technologie hinausgehen.

Für die Digitale Transformation gibt es keinen Blueprint. Vielmehr muss sie jedes ­Unternehmen, abhängig von Geschäftsmodell, Kultur, Prozessen und Marktpositionierung, auf eigene Weise angehen. So lautete eine Erkenntnis, die sich aus Vorträgen und Diskussionen beim IT-Executive Summit 2019, der am 21. und 22. Februar in Heiligendamm stattfand, ziehen ließ. Zu dem Event, das unter dem Motto „In Search for Digital Excellence“ stand, hatte die ­Vogel IT-Akademie erneut Vorstände und Geschäftsführer der führenden deutschen Systemhäuser, Hoster, Service Provider und Distributoren eingeladen. Vertreten waren unter anderem ACP, Also, Axians, Bechtle, Cancom, Computacenter, Concat, Dimension Data, 1&1 Ionos, Logicalis, Tech Data und Telehouse. Als Referenten traten Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik auf.

So berichtete etwa Franz Weghofer, Projektleiter Smart Factory bei Magna Steyr, wie sich Produktionsprozesse bei einem der weltgrößten Automobilzulieferer durch Cloud und Edge Computing, durch Artificial ­Intelligence, durch Virtual und Mixed Reality ­verändern. Beim Aufbau der „Fabrik der Zukunft“ verfolgt das österreichisch-kanadische Unternehmen nach eigener Auskunft einen „agilen, ganzheitlichen ­Ansatz“. Neue Fertigungsstraßen werden dabei vor Inbetriebnahme zunächst in ­einem virtuellen Modell, dem „digitalen Zwilling“, simuliert. Was sich Weghofer wiederum von seinen Zulieferern aus der Software-Branche wünscht, ist ein höheres Maß an Standardisierung, das im Idealfall ein „Plug & Produce“ ermöglicht.

Digitalisierung der Raumfahrt

Einen Einblick in die Raumfahrtindustrie gab Dietmar Ratzsch, Geschäftsführer bei Jena-Optronik, dem Fachpublikum. Das thüringische Unternehmen zählt zu den weltweit führenden Anbietern von Kamera­systemen und Sensoren für Satelliten. Ähnlich wie bei Magna spielt IT bei dem mittelständischen Spezialisten heute in vielen Geschäftsbereichen eine essenzielle Rolle. Nichtsdestotrotz stellen sich bei der Atelierfertigung optoelektronischer Präzisionsinstrumente völlig andere Anforderungen als in der Massenproduktion eines Automobilzulieferers.

Wie Unternehmen, so beschreitet auch die ­öffentliche Verwaltung ihren eigenen Weg in die Digitalisierung. Das wurde beim ­Vortrag von Hans-Henning Lühr, CIO der Freien Hansestadt Bremen, deutlich. Der Staatssekretär ist zugleich Vorsitzender des IT-Planungsrats von Bund und Ländern, der ­unter anderem die Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes (OZG) begleitet. Nach ­seinen Worten sind Ämter und Behörden mittlerweile gut ausgestattet mit IT-Systemen, die interne Prozesse unterstützen. Zu kurz gekommen sei jedoch die Online-Kommunikation mit Bürgern und Unternehmen, räumte Lühr ein. Um auch den Kontakt zum Bürger zu digitalisieren und bildlich gesprochen „den Amtsschimmel auf die Datenautobahn zu bekommen“, wurde 2017 das OZG verabschiedet.

Das Gesetz sieht vor, bis 2022 rund 600 Verwaltungsleistungen von Bund, Ländern und Kommunen über vernetzte Online-Portale anzubieten. Mit einem so genannten Nutzerkonto sollen Bürger auf alle Leistungen zugreifen können. Das Großprojekt bietet Lühr zufolge Geschäftspotenzial für Systemhäuser, da die öffentliche Hand bei der Umsetzung des OZG auch privatwirtschaftliche Dienstleister beauftragt.

Big Brother in China

Einen ganz anderen Weg geht China, wie Andreas Landwehr, Leiter des Regionalbüros Ostasien der Deutschen Presse-Agentur (DPA), in seiner Keynote darlegte. Demnach nutzt die Führung des Landes digitale Technologie dazu, ihr Volk zu überwachen und zu erziehen. Bis 2020 soll ein Sozialpunktesystem eingeführt werden, das gute von schlechten Bürgern unterscheidet. Bei Regelverstößen werden Punkte abgezogen, während konformes Verhalten belohnt wird. Bewertet werden unter anderem öffentliche Äußerungen und Beiträge in Sozialen Medien. Der Punktestand entscheidet darüber, wer befördert wird oder wer ein Darlehen erhält, führte der Journalist aus. „Big Data und Big Brother arbeiten Hand in Hand.“ Wer auf einer Schwarzen Liste stehe, dürfe keine Flug- oder Zugreise mehr buchen.

Eine weitere Dimension der Digitalisierung zeigte Isabell Welpe, Professorin für Strategie und Organisation an der Technischen Universität München, unter dem Titel „Die Renaissance der Kreativität“ auf. Dass Wertschöpfungsketten durch technologische Innovationen aufbrechen und sich Märkte neu gestalten, ist nach ihren Worten nur ein Aspekt. Diese Transformation zieht in Organisationen auch große Veränderungen von Kulturen, Strukturen und Prozessen nach sich. Unter komplexen, sich schnell ändernden Bedingungen seien Kreativität und Innovationskraft „überlebenswichtige Schlüsselkompetenzen“.

Ergänzendes zum Thema
 
Diskussionen zu Digitalisierungstrends

Um die Dynamik der Weltwirtschaft zu ­illustrieren, wies Welpe darauf hin, dass von den Fortune 500 des Jahres 1955 ­heute nur noch elf Prozent auf der Liste stehen. Die Halbwertszeit von Unternehmen habe sich seit 1984 von 30 Jahren auf fünf Jahre reduziert, so die Expertin. Eine wichtige Rolle schreibt sie Führungskräften zu. Sie müssten „Dinge erkennen, die richtig sind und die andere noch nicht erkannt haben“. Einige der wichtigsten Innovationen seien „nicht durch neue Technologien, sondern durch andere Arten, zu arbeiten und Arbeit zu organisieren, entstanden“.

Brain Computing und Cloudlets

Technologie bleibt freilich ein Schlüsselfaktor der Digitalisierung. So lenkten Gerhard Koch, Technical Board Member beim Startup Octarine, und Gerhard Sundt, Investor mehrerer High-Tech-Unternehmen, den Blick auf zwei spannende Entwicklungen. Koch, bis Ende 2018 bei Daimler als CTO für die Connected-Car-Plattform verantwortlich, ging auf das Brain Computing ­Interface ein. Menschen verbinden sich ­dabei per Hirnstrom mit IT-Systemen. Bislang primär in der Medizin angewandt, sieht der Experte auch Potenzial auf anderen Feldern, sodass in Zukunft etwa Mails gedacht oder Autos mental gesteuert werden könnten. Näher an der Gegenwart ist das Konzept der Cloudlets, das Sundt vor­stellte. Dabei handelt es sich um Micro-­Datacenter, die über das 5G-Netz verteilt sind. Auf dieser Infrastruktur können Apps, verpackt in Containern, den mobilen Anwendern von Cloudlet zu Cloudlet folgen, um Zugriffszeiten für sie auf weniger als eine Millisekunde zu reduzieren.

Der IT-Executive Summit 2019 wurde durch die Hersteller Dell EMC, Fujitsu, Hewlett Packard Enterprise und Sophos als Sponsoren unterstützt.

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