Wie IT und Industrie Hand in Hand gehen Daten, KI und Nachhaltigkeit: Die Trends der Hannover Messe

Von Klaus Länger und Sylvia Lösel 7 min Lesedauer

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Ohne IT geht es nicht. Auch nicht in der Industrie. Wie eng beide bereits verzahnt sind, zeigt sich auf der Hannover Messe. Anwendungsbeispiele zuhauf und hoher Besucherandrang in den „IT“-Hallen belegen das große Interesse. Denn IT ist der Schlüssel für die Zukunft.

IT-Themen wie KI, Digital Twins, 5G oder Edge-Computing spielen bei den Pionieren in der Industrie auf der Hannover Messe eine zentrale Rolle.(Bild:  Deutsche Messe)
IT-Themen wie KI, Digital Twins, 5G oder Edge-Computing spielen bei den Pionieren in der Industrie auf der Hannover Messe eine zentrale Rolle.
(Bild: Deutsche Messe)

Die tiefgehende Verzahnung von IT und Industrie ist in diesen Tagen auf der Hannover Messe in vielen Facetten zu sehen. Ob Pumpanlage auf dem Microsoft-Stand oder ein Windkraftpark bei SAP – was die Messe so besonders macht, sind die vielen konkreten Anwendungsszenarien. An Ideen mangelt es also glücklicherweise nicht. Und das ist wichtig für die Zukunft, wie Dr. Jochen Köckler, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Messe, zusammenfasst: „CO2-neutrale Produktion, Künstliche Intelligenz, Wasserstofftechnologien, Energiemanagement und Industrie 4.0 – das sind die übergreifenden Themen der Weltleitmesse der Industrie. Nur im Zusammenspiel dieser Technologien wird es gelingen, unseren Wohlstand nachhaltig zu sichern und gleichzeitig den Klimaschutz voranzutreiben.“

Unter dem Leitthema „Industrial Transformation – Making the Difference“ zeigen in Hannover rund 4.000 Unternehmen aus dem Maschinenbau, der Elektro- und Digitalindustrie sowie der Energiewirtschaft ihre Lösungen: von der Digitalisierung und Automatisierung komplexer Produktionsprozesse, dem Einzug von KI in die Industrie, dem Einsatz von Wasserstoff zur Energieversorgung von Fabriken bis hin zur Anwendung von Software zur Erfassung und Reduzierung des CO2-Fußabdrucks.

Hannover Messe 2023
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Souveränität, Sicherheit und Beratung

Höhere Effizienz und Sicherheit sind zwei Effekte, die sich viele Unternehmen durch eine engere Verzahnung von Industrie und IT erhoffen. Und damit sind wir schon mittendrin im Messegetümmel, in dem man an KI, Digitalen Zwillingen, 5G, Nachhaltigkeit, Edge und der Digitalen Transformation nicht mehr vorbeikommt. Und auch nicht an Kooperationen und offenen Standards, wie ein Szenario auf dem Microsoft-Stand zeigt. Mit der Harting Technologiegruppe, Siemens und SAP zeigen die Redmonder wie offene Industriestandards dafür sorgen, dass standardisierte Daten entlang einer Fertigungslieferkette übermittelt werden können. Das spart Zeit und Geld, weil Daten eben nicht konvertiert werden müssen.

Datenräume, Datenaustausch, Datenanalyse sind weitere große Themen, die rund um Industrie 4.0 diskutiert werden – auch auf dem Stand des Eco Verbandes, der den Gaia-X-Werkzeugkasten mit dabei hat. Denn: „Mangelnde Datenverfügbarkeit sowie Rechtsunsicherheiten bei der Nutzung von Daten, fehlende einheitliche Standards, sowie regulatorische und finanzielle Anreize für das Teilen von Daten halten viele Unternehmen davon ab, Datensilos aufzubrechen und zu investieren, sagt Eco-Vorstandsvorsitzender Oliver Süme und fordert von der Bundesregierung schnelle Nachbesserung. Bei einer Umfrage des Verbandes sehen die Befragten die größten Hürden bei der Digitalisierung bei Bürokratie (55%), fehlendem Knowhow (53%) und hohen Datenschutz-Anforderungen (51%). Ungeachtet dessen weist die deutsche Elektro- und Digitalindustrie für die ersten beiden Monate 2023 gute Kennzahlen auf, wie der ZVEI mitteilt. Die preisbereinigte, reale Produktion zog um sechs Prozent an, der Auftragsbestand bleibt mit fünfeinhalb Produktionsmonaten weiterhin auf hohem Niveau. Diese Entwicklung stellt der Verband in den Kontext der Elektrifizierung und Digitalisierung. Ein weiterer Booster könnte das Datenökosystem Manufacturing-X werden. Dieser Datenraum „Made in Europe“ soll es insbesondere KMU ermöglichen, ihre Daten günstig auszutauschen und die Souveränität über diese zu behalten.

KI bringt die Schubkraft für eine neue Deutschlandgeschwindigkeit.

Marianne Janik, CEO Microsoft Deutschland

Dr. Marianne Janik, Vorsitzende der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland. (Bild:  Microsoft)
Dr. Marianne Janik, Vorsitzende der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland.
(Bild: Microsoft)

In der Praxis scheint aber gerade dies bereits zu funktionieren – zumindest wenn man darauf blickt, wie viele datengetriebene Use Cases auf der Messe zu sehen sind. Aber eines ist klar: Ohne Beratung geht es für viele nicht. Zu unübersichtlich ist die Zahl der Anbieter, der gesetzlichen Vorschriften, der technologischen Standards und der Mitarbeiter, die das alles umsetzen muss. Kein Wunder also, dass auffällig viele Beratungshäuser auf der Messe vertreten sind – von Deloitte, über KPMG bis hin zu Capgemini. Und bei Beratung ist für viele noch nicht Schluss, da geht es auch in die Umsetzung. Wie das Beispiel von MHP zeigt. Das Beratungshaus, das mehrheitlich zu Porsche gehört, bietet ab sofort Software-as-a-Service-Lösungen für industrielle Produktion an – und zwar auf der AWS-Plattform. Michael Appel, Partner bei MHP: „Im Rahmen von Industrial Cloud Solutions bieten wir ab sofort fertige, digitale Produkte an, die bereits OEM-erprobt sind und die somit unsere Kunden auf ihrem Weg in die Produktion der Zukunft begleiten.“ Erprobt, fertig und mit wenig Aufwand einsetzbar – das sind die Schlüsselworte für viele, wie auch Tim Kartali, Channelchef bei Ionos, bestätigt. Der deutsche Cloud-Anbieter hat selbst derartige Services im Portfolio und ist das erste Mal auf der Hannover Messe. Kartali sieht hier noch großes Potenzial für den Channel.

Barbara Frei, Executive Vice President für das weltweite Industriegeschäft von Schneider Electric.(Bild:  Schneider Electric)
Barbara Frei, Executive Vice President für das weltweite Industriegeschäft von Schneider Electric.
(Bild: Schneider Electric)

„Zehn Jahre nachdem auf der Hannover Messe ein Startschuss für das Projekt Industrie 4.0 gegeben wurde, bietet sich auch heute wieder eine einzigartige historische Chance“, betont Barbara Frei, als Executive Vice President verantwortlich für das weltweite Industriegeschäft von Schneider Electric. Die nötigen Technologien für Digitalisierung, Automatisierung und Elektrifizierung seinen vorhanden, so Frei. Nun käme es darauf an, sie für ein klimafreundlicheres Wirtschaften „richtig zu erklären und digitale Transformation als unternehmerische Kernkompetenz begreiflich zu machen.“ Dann könnten sie auch mit großen ökonomischen Vorteilen verbunden sein. Entsprechende Beratungsleistungen bietet der Hersteller mit den Industrial Digital Transformation Services ab sofort selbst an. Die neue Consulting-Abteilung soll Produktionsunternehmen sowie Anlagen- und Maschinenbauer bei Planung, Implementierung und Nutzung von Industrie 4.0-Technologien unterstützen.

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Höherer Stellenwert für Edge-Anwendungen

Edge und 5G sind zwei weitere Schwerpunktthemen auf der Messe. So zeigt Nokia eine Lösung, die neben 5G auch 4G und Wi-Fi zusammenbringt und so für Investitionssicherheit sorgen soll. Beim Edge-Computing fällt auf, dass in Hannover immer mehr sehr leistungsstarke Systeme für den Netzwerkrand gezeigt werden. Dell präsentiert den robusten High-Desity-Server Poweredge XR8000 mit bis zu vier Nodes für Intels Sapphire-Rapids-Prozessoren. Hier können Xeon-Scalable-CPUs mit bis zu 32 Cores eingesetzt werden, darunter auch Modelle mit vRAN-Boost für Telco-Anwendungen. HPE demonstriert gemeinsam mit Bosch Global Software Technologies den Twin in a Box, eine Edge-to-Cloud-Lösung für die Fertigungsindustrie oder den Einsatz an schwer zugänglichen Standorten ohne schnelle Internetverbindung. Mit einem leistungsstarken und robusten Blade-Server kann ein digitaler Zwilling einer Anlage lokal betrieben werden, ohne dass sensible Fertigungsdaten in der Cloud verarbeitet werden müssen oder dass es Probleme mit hohen Latenzen gibt. Zudem zeigt HPE auf der Messe eine KI-Anwendung, die einiges Aufsehen erregt, da statt OpenAI hier der Heidelberger KI-Startup Aleph Alpha beteiligt ist. Bei dieser Beispielanwendung wurde das auf einem KI-Supercomputer laufende multimodale Sprachmodell Luminous von Aleph Alpha mit dem umfangreichen Betriebshandbuch eines Industrieroboters trainiert. Der auf einem lokalen HPE-Rechner laufende Assistent kann so in natürlicher Sprachen und mit Bildern im Dialog Hilfen und Hinweise bei Bedienung und Wartung geben.

Flut digitaler Zwillinge

Digitale Zwillinge tummeln sich an vielen Ständen auf der Hannover Messe. Die Hyperscaler zeigen hier Lösungen und natürlich auch Unternehmen wie Dassault Systèmes oder Ansys, die aus der 3D-Entwicklung und Simulation kommen. Zudem zeigen die Hersteller aus der Industrie eigene Konzepte, die auf ihre jeweiligen Produkte zugeschnitten sind.

Dassault Systèmes hat im Oktober 2022 die französische Firma Diota übernommen, die Software-Lösungen für digital unterstützte Arbeitsabläufe sowie digital basierte Inspektionen mit Robotern entwickelt. Auf der Messe standen daher Lösungen im Mittelpunkt, in denen Digitale Zwillinge, Dassault nennt sie Virtual Twins, und Augmented Reality verknüpft sind. Beispiele dafür sind Assistenzsysteme für die Montage oder für die Wartung, hier gleich mit einer Schnittstelle zur Produktentwicklung über den Virtual Twin, die Entwickler über häufiger auftretende Fehler informiert. Für Philippe Bartissol, Vice President Industrial Equipment bei Dassault Systèmes, gibt es auch nicht den einen Digitalen Zwilling, sondern verschiedene Varianten mit unterschiedlichen Aufgaben und Datenbestand. Die Spannbreite reicht hier von der Simulation für die Produktentwicklung, über vereinfachte Modelle für Marketing und Sales bis hin zum Service-Twin, der die reale Anlage begleitet. Eine Herausforderung in der Praxis ist allerdings, dass alle Änderungen an Anlagen auch in den digitalen Zwilling einfließen müssen, damit der seine Aufgabe erfüllen kann.

Der Softwarehersteller Avena ist seit diesem Jahr komplett im Besitz von Schneider Electric. Auf der Hannover Messe präsentiert die Firma eine steuerungsunabhängige und cloudbasierte Softwareplattform, auf der Unternehmen kooperieren und Daten austauschen können. Ein Kernbestandteil der Plattform ist eine Digital-Twin-Applikation, die auch als Kollaborations-Tool dient. Simon Bennett, Global Head of Research bei Avena, sieht dabei die Idee des industriellen Metaverse verwirklicht. So könnten sich verteilte Teams in einem virtuellen Raum treffen, um gemeinsam am virtuellen Zwilling einer geplanten Anlage zu arbeiten. Oder bei Probleme mit einer realen Anlage könne ein Experte den Fehler am Digital Twin in Augenschein nehmen, angereichert mit Live-Bildern, ohne erst anreisen zu müssen.

Die Hololens von Microsoft als Einstiegspunkt ins industrielle Metaverse wurde nach dem Weggang vom Chefentwickler Alex Kipman und Entlassungen in diesem Bereich von einigen Experten bereits als gescheitertes Projekt angesehen. Auf der Messe war die Mixed-Reality-Brille allerdings auf vielen Ständen zu sehen, vor allem natürlich bei Microsoft. Eine neue Hardware-Version lässt weiter auf sich warten, Verbesserungen gibt es nur für das Militär. Aber auf der Messe hat der Hersteller angekündigt, dass die Brille ein kostenloses Update auf Windows 11 bekommt, was eine erhöhte Sicherheit durch monatliche Service-Updates und mehr Möglichkeiten für Entwickler bedeutet. Zudem werden weitere Funktionen in Dynamics 365 Guides integriert. Während das Metaverse für Consumer weiter strauchelt, macht das für die Industrie also weiter Fortschritte, was auch für den IT-Channel eine gute Nachricht ist.

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