Telematikinfrastruktur und die Chance für den ITK-Channel Das Rückgrat des Gesundheitswesens

Autor: Sarah Böttcher

Die Telematikinfrastruktur (TI) gilt als Backbone des deutschen Gesundheitswesens. Arztpraxen, Apotheken und Krankenhäuser sind bereits angebunden und miteinander vernetzt. Das Umsatzpotenzial für den ITK-Channel wartet, abgerufen zu werden.

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Als Backbone oder auch Autobahn des Gesundheitswesens bezeichnet, stand die Telematikinfrastruktur (TI) zu Beginn stark in der Kritik. Dennoch gilt sie als Wegbereiter der Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens.
Als Backbone oder auch Autobahn des Gesundheitswesens bezeichnet, stand die Telematikinfrastruktur (TI) zu Beginn stark in der Kritik. Dennoch gilt sie als Wegbereiter der Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens.
(Bild: VectorMine - stock.adobe.com)

Die Schweigepflicht ist in Gefahr! Die Behandlungsqualität sinkt! Patientendaten stehen auf dem Spiel! – 2019 wurden Klagen eingereicht, Petitionen auf den Weg gebracht und Sanktionen angedroht. Die Einführung der Telematikinfrastruktur (TI) war mehr als holprig. Dennoch sind mittlerweile die rund 72.000 Arztpraxen, 19.000 Apotheken und 2.000 Krankenhäuser in Deutschland digital vernetzt. Der erste Schritt ist getan und die TI nach zwei Jahren bei den ersten drei Leistungserbringer-Institutionen vollständig ausgerollt. Als nächstes folgen der Pflegesektor, alle nicht verkammerten Berufe wie Hebammen und Physiotherapeuten und schlussendlich die Versicherten.

Thorsten Wenzel, Key Account Manager bei Arvato Systems
Thorsten Wenzel, Key Account Manager bei Arvato Systems
(Bild: Arvato Systems)

Dennoch steht „die Digitalisierung im Gesundheitswesen noch relativ am Anfang“, betont Thorsten Wenzel, Key Account Manager bei Arvato Systems. Trotz des lautstarken Protests ist er davon überzeugt, dass „mit den neuen Diensten wie eRezept, eAU und ePA der Vorteil der Digitalisierung bei den meisten am Gesundheitswesen Beteiligten erst richtig ankommt“ und die „Zettelwirtschaft endlich ein Ende hat.“

Was ist die Telematikinfrastruktur?

Doch was ist die Telematikinfrastruktur überhaupt? Über die „Autobahn des Gesundheitswesens“ werden spezielle Fachdienste (siehe Kasten) angeboten, die für die Digitalisierung des deutschen Gesundheitssystems maßgeblich verantwortlich sind. Dabei stellt die TI einen sicheren Datenraum für das Gesundheitswesen dar sowie die Integrität und Authentizität der Teilnehmer sicher. Sie ist ein geschlossenes Netz, zu dem nur registrierte Nutzer mit einem elektronischen Heilberufs- und Praxisausweis Zugang erhalten. Ziel der Infrastruktur ist es, alle Akteure des Gesundheitswesens zu vernetzen und so den sektoren- und systemübergreifenden sowie sicheren Austausch von Informationen zu gewährleisten. Auftraggeber des Gesundheitsnetzes ist die Gematik (Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte), die bereits 2013 Arvato Systems mit dem Aufbau und dem Betrieb der zentralen TI beauftragt hat.

Einige Fachdienste im Überblick
Einige Fachdienste im Überblick
(Bild: gematik GmbH)

Die TI sowie die Fachdienste sind gesetzlich vorgeschriebene Pflichtanwendungen, die im Sozialgesetzbuch (Fünftes Buch) vorgegeben und von der Gematik zugelassen werden. Somit steht fest: Das Gesundheitswesen wird digital, auch wenn das viele Ärzte, Psychotherapeuten und Apotheker nicht wahrhaben wollen. Denn der digitale Wandel bietet unbestritten eine große Chance für das Gesundheitswesen. Dennoch bringt er herausfordernde sowie umwälzende Veränderungen für alle Beteiligten mit sich.

Chance für den ITK-Fachhandel

Obwohl der Infrastruktur-Rollout der TI bereits abgeschlossen ist, gibt es für den ITK-Channel dennoch einiges zu tun, ist Wenzel überzeugt. So sind beispielsweise für jeden neu entwickelten Fachdienst Anpassungen notwendig, die vor Ort durchgeführt werden müssen. Denn aktuell beruhen die Sicherheitsstandards der TI auf Hardware, was einen manuellen Einsatz vor Ort notwendig macht. Deshalb müssen Updates und Module installiert, konfiguriert und in bestehende Systeme integriert werden. Auch bei auftauchenden Problemen mit den Hardware-Komponenten der TI werden die von der Gematik als Dienstleister vor Ort (DVOs) bezeichneten Fachhändler weiterhin der erste Ansprechpartner für Arztpraxen, Apotheken und Pflegeheime sein. Denn „ein Arzt möchte sich um die Versorgung von Patienten kümmern und sich nicht mit IT-Systemen oder der Telematikinfrastruktur beschäftigen“, betont Wenzel.

Dienstleistern, die sich als DVO am Healthcare-Markt etablieren wollen, rät Wenzel, zunächst Kontakt zu PVS-Häusern (Praxisverwaltungssystem) aufzunehmen und sich dort Knowhow anzueignen. Eine Zusammenarbeit mit TI-Diensteanbietern wie Arvato oder T-Systems sei ein weiterer Schritt in das eHealth Business. Arvato Systems arbeitet aktuell mit rund 25 DVOs zusammen, ist jedoch weiterhin auf Partnersuche. Interessierte Dienstleister sollten mindestens über eine First-Level-Support-Struktur verfügen und ein Bundesland abdecken.

Die Fachdienste der TI

Über die Basis-Autobahn des Gesundheitsmarktes, die Telematikinfrastruktur (TI), können alle Akteure des Medizinwesens auf Fachdienste zugreifen. Dazu zählen das eRezept, die elektronische Patientenakte (ePA) sowie die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU). Während die ePA bereits seit Anfang Juli für Arztpraxen und Kliniken verpflichtend ist, wird die TI aktuell noch auf die flächendeckende Einführung der eAU (ab 1. Oktober verpflichtend) und des eRezepts (ab 1. Januar verpflichtend) vorbereitet. Ein weiterer Dienst ist KIM (Kommunikation im Medizinwesen). KIM ist ein Transportmedium, eine Art E-Mail-Dienst, über das die Kommunikation zwischen Arztpraxen und Kliniken standardisiert stattfindet. Auch ein Messenger steht in den Startlöchern: TIM (Telematikinfrastruktur-Messenger) gilt als Whatsapp des Gesundheitswesens.
Die Gematik (Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte), die seit 2005 mit der Einführung, Pflege und Weiterentwicklung der elektronischen Gesundheitskarte verantwortlich ist, ist für die Spezifizierung der Fachdienste zuständig. Den Auftrag erhält die Betriebsorganisation, an der seit Mai 2019 das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) 51 Prozent der Anteile innehat, von der deutschen Regierung. Nachdem die Gematik die Anforderungen der Fachdienste spezifiziert hat, werden diese von der Industrie umgesetzt.

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Fachdienst vs. DiGA

Softwarehäuser und Integratoren wie Arvato Systems, T-Systems, Atos, Concat und die Compugroup können im eHealt-Markt an Bekanntheit gewinnen, indem sie Fachdienste entwickeln und von der Gematik zertifizieren lassen. Das ist jedoch keine leichte Aufgabe, denn die Spezifikationen der Gematik zu erfüllen, ist kein Kinderspiel. So muss erst viel Geld investiert werden, um einen Fachdienst zu entwickeln, zu zertifizieren und in die Breite zu bringen. Neben den finanziellen und technischen Herausforderungen gibt es allerdings auch organisatorische Hürden zu meistern. Da man relativ zentral versucht, einen großen Markt zu bedienen und zu digitalisieren. „Was in der Theorie schön ist, birgt in der Praxis enorme Herausforderungen: So werden Dienstleister und auch wir als Service-Integrator mit sehr unterschiedlichen Grundvoraussetzungen konfrontiert, auf die wir uns immer wieder neu und individuell einstellen müssen.“

Eine gute Startmöglichkeit für Unternehmen, die den hohen Invest bei der Entwicklung eines Fachdienstes nicht in Kauf nehmen wollen, bieten „Digitale Gesundheitsanwendungen“ (DiGAs). DiGAs sind im Gegensatz zu Fachdiensten freiwillige Anwendungen und folglich nicht im Gesetzbuch verankert. Es handelt sich dabei um Produkte, die zum Beispiel dazu bestimmt sind, Erkrankungen zu erkennen oder zu lindern, bei der Diagnosestellung unterstützen und dabei maßgeblich auf digitaler Technologie beruhen. Zu den digitalen Gesundheitsanwendungen zählen unter anderem Apps oder auch browserbasierte Anwendungen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ist für die Prüfung und Zulassung der DiGAs verantwortlich.

TI 2.0 und ein Paradigmenwechsel

Aktuell beruhen die Sicherheitsstandards der TI auf Hardware, die gekauft, installiert und gewartet werden muss. Die Anbindung der drei Leistungserbringer-Institutionen dauerte zwei Jahre. Um sämtliche Hebammen, Physiotherapeuten und Heilerzieher sowie jeden Krankenversicherten in Deutschland an die TI anzubinden, könnten noch etliche Jahre ins Land ziehen. Deshalb arbeitet die Gematik aktuell an der „TI 2.0“, genauer gesagt an einem Smart Software Connector. Über diesen soll die Anbindung an die TI für alle Beteiligten der Gesundheitsbranche leichter erfolgen. Schwierigkeiten bereiten hier momentan die zahlreichen Betriebssysteme und Endgeräte.

In diesem Zusammenhang spricht Wenzel von einem grundsätzlichen Wandel im Gesundheitswesen: „Die Gematik tritt mit der Industrie und den Ärztekammern in den Dialog. Hier hat sich bei allen Akteuren ein großer Paradigmenwechsel vollzogen, der eine Beschleunigung und eine bessere Akzeptanz der Digitalisierung des Gesundheitswesens mit sich bringen wird.“

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Über den Autor

 Sarah Böttcher

Sarah Böttcher

Online CvD & Redakteurin bei IT-BUSINESS, Vogel IT-Medien