Im Gespräch mit Raphael Bächle, Geschäftsführer bei Telemaxx Colocation, die Cloud und die Politik

Von Sylvia Lösel 7 min Lesedauer

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Für die Digitalisierung braucht es Rechenzentren, Colocation- und Cloud-Angebote. Doch der Entwurf des Energieeffizienzgesetzes stellt die Betreiber vor Schwierigkeiten. Warum das so ist und wie sich die Anbieter dennoch zukunftsfähig aufstellen können, erläutert ein Branchenkenner.

Für die Digitalisierung braucht man Rechenzentren. Doch mit dem Entwurf zum Energieeffizienzgesetz sehen die Betreiber sich Hürden gegenüber.(Bild:  kanpisut - stock.adobe.com)
Für die Digitalisierung braucht man Rechenzentren. Doch mit dem Entwurf zum Energieeffizienzgesetz sehen die Betreiber sich Hürden gegenüber.
(Bild: kanpisut - stock.adobe.com)

Mit einem geschätzten Umsatz von rund 11,5 Milliarden Euro im Jahr 2025 in der Colocation- und Housing-Branche sowie aktuell etwa 130.000 Arbeitsplätzen bilden Rechenzentren ein wichtiges Fundament des Wirtschaftsstandorts Deutschland und der Digitalisierung.

„Aktuell sehen wir uns als Datacenter allerdings mit Regulierungsansätzen konfrontiert, die uns an dem Bekenntnis der Bundesregierung zu einem leistungsfähigen, digital souveränen und nachhaltigen Digitalstandort Deutschland zweifeln lassen“, bezieht sich Volker Ludwig, Co-Sprecher der Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen, auf den Entwurf des Energieeffizienzgesetzes, der in der Rechenzentrumsbranche für Unmut sorgt.

Kritikpunkt: Abwärme und Abnahme

Die Kritik entzündet sich an mehreren Punkten, einer davon ist die einseitige Verpflichtung zur Abwärmenutzung. „Der aktuelle Gesetzentwurf ist nicht zu Ende gedacht. Es mangelt nicht an der Bereitschaft von Rechenzentrumsbetreibern, Abwärme abzugeben, sondern an fehlenden politischen Rahmenbedingungen, einen Markt der Abnehmer zu etablieren“, erläutert Alexander Rabe, Geschäftsführer des Eco-Verbandes. In einem ersten Schritt müssten daher beispielsweise städtische Energieversorgungsunternehmen zu einer Abnahme verpflichtet

Raphael Bächle, Geschäftsführer Telemaxx Telekommunikation(Bild:  fredmcfar.com)
Raphael Bächle, Geschäftsführer Telemaxx Telekommunikation
(Bild: fredmcfar.com)

werden. „Es ist ja nicht so, dass neben jedem Rechenzentrum ein Fernwärmenetz ist“, so Raphael Bächle, Geschäftsführer beim Rechenzentrums-Betreiber Telemaxx. „Bei Neubauten ist es gut und richtig das so einzuplanen, aber bitte mit ein wenig Vorlauf und Abstimmung.“ Abstimmung sowohl mit der Energiebranche, aber auch, „wenn man in größeren Dimensionen denkt, bei Gewerbe- und Immobilienentwicklern.“ Wer ein Rechenzentrum im ländlichen Raum plane, für den dürfte damit künftig die Investitionskalkulation „interessant“ werden, so Bächle. Auch braucht es einen verbesserten Zugang zu Einspeisemöglichkeiten.

Rein rechnerisch sei es durchaus möglich, dass in Frankfurt am Main, Sitz von mehr als 60 Datacentern und des weltweit größten Internetaustauschknotens, bis 2030 sämtliche Wohn- und Büroräume durch die Abwärmenutzung eine klimaneutrale Wärmezufuhr erhalten. Dafür müsste aber eine Wärmenetz-Infrastruktur seitens der Kommunen geschaffen werden, die es aktuell nicht gibt.

Strompreisbremse

Bundesregierung und Rechenzentrumsbetreiber liegen mit ihren Zielen also gar nicht so weit auseinander. Das sieht auch Bächle so: „Das ist alles gut gemeint und auch nicht falsch gedacht, aber es mutet komisch an, wenn man von der Politik für die Parameter des eigenen Geschäftsmodells Vorgaben bekommt, die mit der Branche zu wenig abgestimmt sind. Trotz aller Selbstverpflichtung, und dem Willen permanent selbst daran zu arbeiten – finden wir uns da nur bedingt wieder“, so der Manager.

Denn die Branche ist zudem auch von der Strompreisbremse betroffen, wie Bächle erläutert. „Zunächst konnten wir unsere Kunden durch vorausschauenden Einkauf vor Preissteigerungen bewahren. Allerdings müssen wir die Kosten für 2023 nun deutlich erhöhen, weil sich die Preise an den Energiemärkten vervielfacht haben.“ Und nicht nur das. Der Karlsruher Colocation-Betreiber ist gerade im Gespräch mit dem Stromlieferanten, was das im Bundestag verabschiedete Gesetz zur Strompreisbremse wirklich bedeutet. „Leider zählt man die Rechenzentren nicht zu den energieintensiven Branchen, die dann noch einmal ganz andere Entlastungen beim Strompreis in Anspruch nehmen können“, moniert der Manager. „Wir müssen nun evaluieren, welche Entlastung wir ab März und rückwirkend zum Januar, ansetzen können.“

Kritikpunkt: Zeitfaktor und PUE-Wert

Zu schaffen machen den Datacenter-Betreibern weitere Punkte: die Maximalvorgaben für den PUE-Wert bei Neubauten (1,3 ab 2025) sowie die Vorgabe der Temperatur, die in Rechenzentren gelten soll (27 Grad ab 2024). Gepaart mit der Vorgabe von mindestens 30 Prozent wiederverwendeter Energie (in Form von Abwärme) „wäre das de facto ein Baustopp, wenn das Gesetz so käme.“ Vor allem der zeitliche Rahmen für die Umsetzung ist hier der Kritikpunkt. Denn lange war für Kunden der Colocation-Anbieter vor allem eines wichtig: Sicherheit. Und erst im Nachgang ging es um Nachhaltigkeit und Energieeffizienz. Entsprechend dieser Priorisierung sind gerade ältere Rechenzentren ausgelegt.

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Bächle beschreibt den Status quo und die Entwicklung anhand von Telemaxx. „Wir betreiben fünf Rechenzentren, die alle zwischen Anfang der 2000er-Jahre und 2018 gebaut wurden.“ Deshalb komme man ursprünglich von PUE-Werten jenseits der 2 und habe sich sukzessive durch einen Mix von Neubauten und Optimierungen auf 1,5 herunter gearbeitet. „Baut man neu und nachhaltig sind 1,2 möglich, das geht aber nicht von heute auf morgen.“ Bei der Optimierung älterer Rechenzentren nutzt Telemaxx den Lebenszyklus einzelner Gewerke für Verbesserungen. Als Beispiel nennt Bächle die USV-Anlagen. Hier sei man von fest definierten Anlagen auf modular bestückbare gewechselt. „Die Leistung richtet sich am Ist-Bedarf aus und wird erst erweitert, wenn der Bedarf steigt.“

Schwierigkeit: volatiler Bedarf

Wie hoch allerdings der Ist-Bedarf liegt, das ist eine höchst volatile Variable und macht es für Colocation-Anbieter schwer, zuverlässige PUE-Werte anzugeben. „Wenn man ein Rechenzentrum baut und plant, geht man mit einem Leistungspuffer ins Rennen, weil man die maximale IT-Leistung der Kunden vorab nicht kennt.“ Man verkauft den Kunden ein Rack oder einen sogenannten Käfig mit einer Maximallast-Grenze. „Wir können allerdings nicht beeinflussen, was ein Kunde hier einstellt.“ Er kann ein Rack mit 46 Höheneinheiten anmieten und davon erst einmal nur 10 in Anspruch nehmen, wenn er mit Wachstum plant. Der Rest steht dann zunächst einmal leer. Eine weitere Frage ist: Was baut er dort ein? Switches, die wenig Strom verbrauchen, oder lastintensive Server. „Das wissen wir nicht. Und solange er sich an die maximale Leistung hält, haben wir auch keine Steuerungsmöglichkeit und damit einen Overhead, der sich negativ auf die Energieeffizienz auswirkt.“ Mit modularen USV-Anlagen hat man nun zumindest einen Hebel dafür.

Ein weiteres Beispiel für Optimierungsmöglichkeiten sind Kaltgangeinhausungen. In neueren Rechenzentren gang und gäbe, in älteren werden sie sukzessive nachgerüstet. Es ist also durchaus so, dass Betreiber selbst sehr aktiv sind und ein Eigeninteresse daran haben, ihre Energiekosten allein schon aus Kostengründen zu reduzieren. Der Eco-Verband nennt dazu Zahlen: Verglichen mit dem starken weltweiten Anstieg der Rechenleistung (Anstieg Faktor 10) und der übertragenen Datenmenge (Anstieg Faktor 20) stieg der Energiebedarf lediglich um den Faktor 1,55 und damit unterproportional.

Was ist der PUE-Wert?

Der PUE-Wert gibt an, wie effektiv die zugeführte Energie in einem Rechenzentrum verbraucht wird. Je näher sich der Wert an 1,0 annähert, desto energieeffizenter arbeitet das Datacenter und desto besser ist seine Energiebilanz. Definiert wurde der PUE-Wert im Jahr 2007 von Green Grid, einem Konsortium von Computer- und Chip-Herstellern.

Von der Colocation in die Cloud

Eine weitere Neuerung, die der Entwurf des EEG vorsieht, ist die Mitteilungspflicht der in Anspruch genommenen Leistung von Seiten der Kunden. Betreffen würde das nach Ansicht von Bächle vor allem große Industriekunden, Software- und Systemhäuser, die IT-Services über eine Colocation anbieten. Und das werden mehr, da deren Kunden vermehrt digitalisieren. Über mangelnde Kundschaft können sich Colocation-Anbieter also nicht beschweren. „Es steht noch eine große Menge an kleinen Rechenzentren oder Serverräumen bei Kunden. Da ist für uns noch viel Potenzial. Mit steigenden Compliance- und Zertifizierungsmaßnahmen und dem Fachkräftemangel fragen sich Unternehmen, ob sie das langfristig selbst machen wollen.“

Dabei ist der Schritt in die Colocation für viele nur der erste auf einer längeren Reise, die bis in die Cloud reichen kann. Und damit Telemaxx auch dafür gerüstet ist, haben sich die Karlsruher vor ein paar Jahren entschieden, selbst zum Cloud-Anbieter zu werden. „Wir haben einen neuen Geschäftsbereich aufgebaut. Hier bieten wir eine eigene Cloud-Plattform an, plus zahlreiche Managed Services für Infrastruktur.“ Somit offeriert Telemaxx den Kunden ein hybrides Rechenzentrum. „Kunden können bei uns mit Colocation anfangen. Dann begleiten wir sie in ihrem individuellen Tempo und mit ihren Bedürfnissen bis hin zur Cloud. Damit haben wir in den letzten zwei bis drei Jahren sehr gute Erfahrungen gemacht.“

Und so betreibt Telemaxx heute eine skalierbare Enterprise Cloud, bei der virtuelle Maschinen (VM), Backup und Disaster Recovery gebucht werden können. „Es war für uns schon ein Mindset-Change“, gibt Bächle zu. „Wir kommen von statischen Produkten mit langen Buchungszeiträumen von bis zu 60 Monaten. Bei den VMs rechnen wir inzwischen monatlich auf Stundenbasis ab. Wir treffen damit den Nerv der Zeit, vor allem als regionaler deutscher Anbieter, der andere Bedürfnisse bei Kunden bedienen kann als die amerikanischen Hyperscaler.“ Denn hier spüre man, dass viele Kunden inzwischen sensibilisiert sind und nachfragen, wo denn die Daten liegen und verarbeitet werden. „Der Fokus liegt auf Europa und dass wir hier unsere Wertschöpfung und Kräfte bündeln“, stellt Bächle fest.

Bezahlbar statt „fancy“

In der Praxis fährt so mancher zweigleisig, erklärt Bächle. So bauen beispielsweise Softwareanbieter gerne eine Cloudlösung bei einem Hyperscaler auf. Denn diese punkten mit viel mehr Microservices als Telemaxx sie anbieten könne und wolle. Zusätzlich nehmen diese Firmen dann aber noch eine deutsche, gehostete Lösung in ihr Portfolio auf. Ein weiteres Argument für die Telemaxx-Cloud sind die Kosten. Bei kleineren Unternehmen gäbe es mitunter ein böses Erwachen, wenn das Geschäftsvolumen steigt und dadurch auch die Kosten bei den Hyperscalern. Dieses Klientel sucht dann nach planbareren, transparenteren und günstigeren Lösungen. „Und die haben wir. Wir haben zwar keine fancy KI- Services oder Video-Rendering, sondern eben IaaS. Das passt nicht für alle, aber es gibt viele, deren Anforderungen umfassend mit IaaS erfüllt werden und die ihre Applikation hier betreiben und entwickeln. In der Regel ist das günstiger, denn bei uns ist der Traffic inklusive.“

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