IT-Dienstleister Cancom und die Zukunftsvision Cancom-CEO Rath zu Strategie, KI und digitaler Zukunft

Von Mihriban Dincel und Sylvia Lösel 6 min Lesedauer

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Rüdiger Rath ist seit gut zwei Jahren CEO bei Cancom. Er hat dort das Ruder in wirtschaftlich schwierigen Zeiten übernommen und seither einiges verändert. Wohin die Reise für den IT-Dienstleister 2025 geht, skizziert er im Gespräch mit IT-BUSINESS.

Rüdiger Rath ist seit knapp zwei Jahren CEO des IT-Dienstleisters Cancom und hat seither einiges im Unternehmen bewegt. (Bild:  Cancom)
Rüdiger Rath ist seit knapp zwei Jahren CEO des IT-Dienstleisters Cancom und hat seither einiges im Unternehmen bewegt.
(Bild: Cancom)

Herr Rath, die Akquise der K-Businesscom war wohl bislang einer ihrer größten Coups?

Rath: Ich stimme Ihnen zu. Ja, das war er. Es ergaben sich kurzfristig Möglichkeiten, die wir im Rahmen unserer M&A-Strategie wahrnehmen konnten.

Warum?

Rath: Cancom hat sich eine DACH-Strategie auf die Fahnen geschrieben. Und da wollen wir keine halben Sachen machen. Dazu gehört eben, nicht nur in Deutschland stark zu sein, sondern auch in Österreich und der Schweiz. Und dafür war die Akquise der KBC eine perfekte Gelegenheit. Denn wir waren vorher in Österreich hauptsächlich im Workplace-Segment vertreten, heute sind wir dank KBC der Platzhirsch.

Akquirieren ist ja das eine, die Integration dann die Königsdisziplin. Wie läuft diese?

Rath: Sie ist im vollen Gange. Wir nehmen uns die nötige Zeit, um die organisatorischen und systemtechnischen Strukturen richtig zusammenzuführen. Zunächst wurde das Go-To-Market priorisiert. Jetzt folgen weitere Schritte. Gemeinsam mit dem Führungsteam haben wir Potenziale ausgeschöpft und bereits Geschäftsinhalte nach vorne gebracht, zum Beispiel das Workplace Management. Indem Cancom Austria CEO Jochen Borenich Teil des deutschen Konzernvorstands wurde, haben wir eine Brücke zwischen beiden Unternehmen geschlagen.

Hat sich die Übernahme bisher gelohnt?

Rath: Sie trägt zu einem Drittel des Konzernumsatzes bei. Wirtschaftlich hat sich das auf alle Fälle rentiert. Wir konnten unsere Marktanteile und Leistungsträger halten. Akquisitionen bringen außerdem eine gewisse Unruhe bei den Mitarbeitenden. Dem konnten wir gut entgegenwirken, indem wir den Mitarbeitenden vermitteln konnten, auch weiterhin bei uns erfolgreich sein zu können.

Die IT-BUSINESS-Redakteurinnen Sylvia Lösel und Mihriban Dincel (r.) im Interview mit Cancom-CEO Rüdiger Rath (Bild:  Voge IT-Medien)
Die IT-BUSINESS-Redakteurinnen Sylvia Lösel und Mihriban Dincel (r.) im Interview mit Cancom-CEO Rüdiger Rath
(Bild: Voge IT-Medien)

Was hatten Sie sich vorgenommen, als sie den CEO-Posten angenommen haben?

Rath: Ein Unternehmen braucht eine klare Vision, wo es hingehen soll und wie man sich positioniert. Das hat mir und auch den Mitarbeitenden gefehlt und das wollte ich ändern. Wir haben viel darüber diskutiert, wofür Cancom steht. Das Ergebnis war: Wenn Kunden eine Fragestellung zur Digitalisierung haben, dann wollen wir der erste Ansprechpartner sein und sie mit unserer Expertise bei ihrer Digitalen Transformation – ich spreche dabei auch gerne von einer digitalen Evolution – begleiten. Den Fokus legen wir dabei insbesondere auf Themen wie Künstliche Intelligenz und IoT, Datacenter und Cloud, Netzwerk und Security und den Future-proof-Workplace. Und die Mitarbeiter sind an diesen spannenden Projekten beteiligt. Das schafft Bindung und eine sinnstiftende Aufgabe.

Stichwort KI. Dieses Thema steht ja schon länger auf der Cancom-Agenda.

Rath: Das ist richtig. Auch bei diesem Thema hat die Akquisition der KBC (Cancom AT) eine wichtige Rolle gespielt, da sie sich ebenfalls seit längerem damit beschäftigt hatten. Wir wollen die Power und die Innovationsgeschwindigkeit von KI nutzen, um uns und unsere Kunden langfristig erfolgreich zu machen. Und AI zahlt auf alle Fokus-Themen ein. Es braucht leistungsfähige Applikationen und Netzwerke, zusätzlich müssen entsprechende Anforderungen und Regulierungen erfüllt werden. Mitte des vergangenen Jahres haben wir all unseren Mitarbeitenden ermöglicht, sich intensiv mit KI zu beschäftigen und sich weiterzubilden. So besitzen wir den Vorteil, die Kunden-, Technologie- sowie Integrationsperspektive einnehmen zu können.

Wird mit KI denn schon Umsatz generiert? Zahlt sich das aus?

Rath: Definitiv. Und das trotz der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. An der Universität Würzburg haben wir ein Projekt namens „Julia“. Bei solchen Projekten geht es nicht rein um die Infrastruktur, sondern auch um Datacenter mit komplexen Strom- oder Kühlanforderungen. Das sind Herausforderungen, die wir lösen können. Bis hin zu mobilen Datacentern oder Container-Lösungen, wenn es in den Bestandsgebäuden an Platz mangelt. Und wir pflegen eine enge Partnerschaft mit Service Now, um mit ihnen gemeinsam bei unseren Kunden die IT Service Management Prozesse zu automatisieren. In DACH haben wir damit einen klaren Wettbewerbsvorteil. Wir zählen schon jetzt zu den Infrastruktur-Partnern mit der meisten Kompetenz in der Anwendung von AI und wollen uns zum führenden AI-Systemintegrator entwickeln.

Was meinen Sie mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen?

Rath: Wir hatten damit gerechnet, dass das Support-Ende von Windows 10 in Deutschland eine große Replacement-Welle zur Folge hat. Das hat aber nicht in dem Maß stattgefunden, wie wir uns das erhofft hatten. Dieser Austausch wird aber noch kommen und dann geht es nicht um die reine Migration von Windows 10 auf 11, sondern um die Diskussion mit Kunden, wie ihr Future-Proof-Workplace wirklich aussieht und wie dieser effizient und KI-fähig sein kann.

Sind Kunden offen für diese Diskussion?

Rath: Diskussionspotenzial ist vorhanden, schon allein bezüglich IT-Security oder Regulatorik. Das Thema ist: Kunden wollen zukunftsfähige Investitionsentscheidungen treffen. Es lähmt, wenn es zu viele Möglichkeiten gibt. Und genau hier kommen wir in Spiel. Wir können die passende Gesamtlösung aufzeigen und etablieren. Wir haben zahlreiche Kunden, deren Best Practices wir teilen können. Das ist der Vorteil eines großen Systemhauses. Damit Mitarbeiter eines Kunden den größtmöglichen Nutzen aus den ihnen zur Verfügung gestellten Infrastrukturen und Tools ziehen, offerieren wir zudem Learning-Portale mit Trainingsmöglichkeiten. So werden alle Beteiligten bei diesem Prozess mitgenommen.

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Erster Ansprechpartner sein ist also die Vision. Welche Maßnahmen sind über die gerade erläuterten hinaus nötig und in der Umsetzung?

Rath: Da wären die Vertriebsaktivitäten. Das Kaufverhalten der Kunden verändert sich. Sie wollen kostengünstig und unkompliziert Infrastrukturen, Dienstleistungen, Informationen und beziehen und abwickeln. Das wird über eine hochautomatisierte Plattform ermöglicht, die wir samt Cloud Marketplace aufgebaut haben.

Das sind alles Dinge, die Sie in den vergangenen zwei Jahren angestoßen und umgesetzt haben. Das hatte aber wahrscheinlich auch Folgen für andere Bereiche, oder?

Rath: Wir haben uns 2023 restrukturiert. Das ging leider auch mit einem Mitarbeiterabbau einher. Es gab interne organisatorische Veränderungen, einige Segmente wurden hinterfragt und gestrichen.

Welche Bereiche waren das?

Rath: Dazu zählt beispielsweise der Bereich Dokumentenmanagement. Kunden haben uns dort nicht direkt als Lösungsanbieter wahrgenommen, entsprechend war die Nachfrage ausgeprägt. Wir haben versucht möglichst viele dieser Mitarbeitenden in anderen Abteilungen unterzubringen. Eine Herausforderung, denn gleichzeitig muss man ja die Kosten im Griff haben.

Ist Ihnen das gelungen?

Rath: Meine Kernaufgabe ist es, Cancom resilient aufzustellen. Dazu gehört auch, dass wir uns und unser Portfolio weiterentwickeln, hinterfragen und an die wachsenden Anforderungen unserer Kunden anpassen. Und ich sehe auch in dieser Krise klare Wachstumsmöglichkeiten, beim Thema Netzwerk und Security beispielsweise. Hier ist nicht nur KI der Treiber. Während der Pandemie haben viele Unternehmen auf die Schnelle viele heterogene Netzwerkkomponenten erworben, oftmals auch Insellösungen. Heute gelten aber andere Security-Anforderungen. Hier sehe ich deutliche Chancen. Auch der Public Sektor birgt Potenziale. Die Digitalisierung muss voranschreiten. Daran führt kein Weg vorbei, egal unter welcher Regierung.

Was erwarten Sie von 2025?

Rath: Für 2025 sind wir so aufgestellt, dass wir schnell und flexibel auf Ereignisse reagieren und Neues adaptieren können. Wir werden daher durch alle Türen gehen, die uns aufgemacht werden und alle Chancen nutzen. Trotz der schwierigen Marktsituation streben wir weitere Marktanteile an. Die Cancom-Story fortzuführen und das Thema AI voranzutreiben, das wird die Herausforderung dieses Jahres: In diesem Dschungel der Möglichkeiten das Richtige für Cancom zu finden und das dann überzeugend zu transportieren und die Mitarbeiter auf diese Reise mitzunehmen. Es wird Rückschläge geben, auch was die Erwartungshaltung gegenüber der neuen Regierung angeht. Es wird sicher Änderungen geben, die aber nicht sogleich spürbar sind. Das bedeutet, eine Geduldsprobe wartet auf uns.

Welche Voraussetzungen müssen seitens der Systemhäuser für ein erfolgreiches 2025 gegeben sein?

Rath: Als Systemhaus müssen wir wieder lernen Technologie zu verkaufen und nicht nur Use Cases. Um die Anforderung der Kunden in Technologie übersetzen zu können, müssen alle Mitarbeitenden eines IT-Unternehmens auch ein Verständnis für IT haben und eine Technologieaffinität. Gerade dann, wenn eine Welle an neuen Themen auf uns zukommt, darf keine Technologiemüdigkeit eintreten. Motivation ist gefragt. Wir fördern dies intern mit Aus- und Weiterbildungen, einem eigenen Programm und einer eigenen Akademie.

Wir danken für das Gespräch.

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