Channel Fokus: Digital Learning & Homeschooling Bildung plötzlich digital...

Autor Ann-Marie Struck

Distanzunterricht, Homeschooling oder ­Wechselunterricht? Coronakrise und Lockdown haben sich als Katalysator der Digitalisierung in Deutschland erwiesen und zu zahlreichen Förderprogrammen von Bund und Ländern für den Bildungsbereich geführt.

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Lehrkräfte, Professoren und Dozenten mussten auf einmal digital unterrichten.
Lehrkräfte, Professoren und Dozenten mussten auf einmal digital unterrichten.
(Bild: charles taylor - stock.adobe.com)

„Heute hat Tommy ein richtiges Buch ­gefunden”, ist einer der ersten Sätze von Isaac Asimovs ­Geschichte „Der Spaß, den sie hatten“ von 1954. Die utopische Kurzgeschichte spielt im Jahr 2157, in der zwei Kinder durch ein altes Buch ihres Großvaters ­erfahren, wie Schule funktioniert. In der Zukunft gibt es nämlich keinen Ort Schule mit Kindern und menschlichem Lehrpersonal, sondern ­einen Schulraum im eigenen Haus mit ­einem mechanischen Lehrer, einer Art ­Maschine mit Bildschirm, der ­jedes Kind individuell unterrichtet.

Von solch einem Maschinen-Lehrer mit Schlitz für die erledigen Aufgaben sind wir heutzutage noch weit entfernt. Angesichts der aktuellen Hygienemaßnahmen und weltweiten Schulschließungen zur Eindämmung der Ausbreitung des Corona­virus erscheint er jedoch durchaus erstrebenswert. Laut Angaben der Unesco waren im März 2020 über 90 Prozent der weltweit 1,5 Milliarden Schüler nicht in der Schule, sondern im Heimunterricht. Ein Szenario, das sich bis dato niemand vorstellen konnte und worauf auch kaum eine Schule vorbereitet war.

Schlecht ausgestattete Schulen, keine neue Erkenntnis

Vor allem in Deutschland wurde die Digitalisierung des Bildungswesens jahrelang verschlafen, wie eine Neuauswertung der Pisa-Studie von 2018 verdeutlicht. Bereits damals hatten nur 30 Prozent der deutschen Schulen Zugang zu Online-Plattformen. Pro Schüler standen nur 0,6 Computer zur Verfügung, und tragbare ­Geräte wie Laptops und Tablets hatten nur 25 Prozent der Schulen im Repertoire. Auch hinsichtlich Infrastruktur, Internetanbindung und Lernsoftware ist Deutschland immer unterhalb des OECD-Durchschnitts. Vorreiter beim Thema digitale Bildung sind hingegen die USA, Großbritannien oder Schweden.

Mit dem DigitalPakt Schule gibt es seit Mai 2019 politische Bestrebungen für Schulen, eine Infrastruktur aufzubauen und Hardware zu beschaffen. Jedoch wurden seit dem Beschluss nur gut ein Prozent der 5,5 Milliarden Euro abgerufen. Grund dafür ist einerseits die Konzeptlosigkeit der Schulen, andererseits hemmen bürokratische Hürden den Fortschritt. Neben fehlender Infrastruktur und IT-Ausstattung herrscht an öffentlichen Schulen zudem ein Mangel an Lehrkräften sowie die Unkenntnis, Wissen digital zu vermitteln.

Die Coronakrise darf keine Bildungskrise werden.

Dementsprechend kalt erwischte die ­Coronakrise das deutsche Schulsystem. ­Eine im September 2020 durchgeführte Studie von YouGov im Auftrag von Samsung zeigt klar: Homeschooling ersetzt nicht den Unterricht in der Schule. 27 Prozent der befragten Schüler geben an, dass sie während des Lockdowns gar keinen Unterricht hatten und lediglich Aufgaben gestellt bekamen. Online-Unterricht mit dem Lehrer erfuhren 45 Prozent der Umfrageteilnehmer, vielmehr erhielten 60 Prozent ­ihre Aufgaben per Mail. Gleichzeitig verstärkt Heimunterricht die soziale Ungleichheit in der Bildung, denn um am virtuellen Unterricht teilnehmen zu können, sind die Schüler zum allergrößten Teil auf private Geräte angewiesen, die nicht jede Familie hat. Außerdem brauchen die Kinder alleinigen Zugriff auf ein Device. Die Möglichkeit, von der Schule ein Endgerät zu bekommen, hatten der Umfrage zufolge nur fünf Prozent der Befragten. Dieses Problem hat auch die Bundesregierung erkannt und ­unter dem Leitsatz: „Die Coronakrise darf keine Bildungskrise werden“ eine Flut an Fördermaßnahmen im letzten Jahr auf den Weg gebracht.

Politik veranlasst Sofortprogramme

Bereits im März kündigte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek die Förderung von „Content und Infrastrukturen“ an. ­Damit war die Corona-Hilfe I im Umfang von 100 Millionen Euro geboren, um für leistungsfähige Infrastrukturen zu sorgen und erstmals auch digitale pädagogische Inhalte zu fördern. Allerdings ist Content nur dann förderfähig, wenn dieser auf über den ­DigitalPakt geförderten Infrastrukturen läuft. Zudem war die Hilfe bis Ende 2020 befristet. Jetzt müssen die Länder einspringen und für die Weiterentwicklung sorgen.

Mit der Corona-Hilfe II reagierte die Regierung auf die fehlenden Endgeräte der Schüler für den Unterricht für zuhause und stellte dafür 500 Millionen Euro zur Verfügung. Hierfür wurde der DigitalPakt Schule um eine gemeinsame Vereinbarung zwischen Bund und Ländern für ein „Sofortprogramm“ ergänzt. Die Bundesmittel werden hierbei nach dem Königsteiner Schlüssel auf die Länder verteilt, die diese wiederum mit einem Eigenanteil von zehn Prozent ­erweitern.

Bildungsgipfel sorgt für Nachhaltigkeit

Im September fand der Bildungsgipfel statt, bei dem Bund und Länder ihre Kooperation verstärkt und ein ambitioniertes Programm zur Digitalisierung der Schulen aufgestellt haben. Punkt eins: Lehrkräfte und bei Bedarf auch Kinder mit geeigneten Endgeräten ausstatten. Dafür wurde der DigitalPakt um eine Milliarde Euro erweitert. Um die Geräte den Schulen schneller zur Verfügung zu stellen, streckt der Bund zudem 500 Millionen vor. Ein hilfreicher Schritt, denn bei Lehrkräften gilt seit Jahren die Devise: BYOD und ein modernes Arbeitsgerät erleichtern Homeschooling durchaus. Damit die Mittel aus dem DigitalPakt allgemein bis Ende 2021 schneller fließen können, geht dies nun auch, ohne dass die Schulen zuvor ein pädagogisches Konzept vorgelegt haben müssen. Mit dieser Flexibilisierung reagiert der Bund auf die besonderen Herausforderungen, vor denen Schulen und Schulträger während der Schulschließungen standen.

Weitere wichtige Ziele des Bildungsgipfels sind:

  • „ein zügiger Ausbau der Glasfaser-­Anbindung für alle Schulen
  • Bildung von Kompetenzzentren für digitales und digital gestütztes Unterrichten, die Schulen vor Ort bei Medienkonzepten und digitalen Schulentwicklungsplänen beraten
  • schrittweise Entwicklung einer Bildungsplattform durch den Bund, unter anderem zur Vernetzung zwischen den bestehenden Systemen der Länder, mit dem Ziel der Bereitstellung von Bildungsinhalten in allen Bildungsbereichen
  • Bildungsmedien schaffen, insbeson­dere Open Educational Resources, und die Entwicklung intelligenter tutorieller Systeme.“

Darüber hinaus plant der Bund, sich mit 500 Millionen Euro an Ausbildung und ­Finanzierung technischer Administratoren der digitalen Infrastruktur der Schulen zu beteiligen. Mit diesem Entschluss erhält die Digitalisierungsstrategie endlich an Nachhaltigkeit, denn bisher gab es keine Förderung von IT-Support, den Schulen allerdings dringend benötigen. Das birgt auch langfristiges Potenzial für den ITK-Fachhandel. Außerdem sollen die Länder auch die digitale Fortbildung der Lehrkräfte ausbauen.

Das föderale Herumbasteln an Einzel- und Insellösungen ist Steuerverschwendung.

Thomas Simon, CEO bei IT-Haus

Summa summarum investiert der Bund nun 6,5 Milliarden Euro in die Digitalisierung der Schulen. Nichtsdestotrotz ist ­Bildung in Deutschland weiterhin Ländersache, was die flächendeckende und einheitlichen Digitalisierung des Schul­wesens erschwert. Das beklagt auch Thomas Simon, CEO bei IT-Haus: „Für den ­digitalen Unterricht braucht eine Schule bestimmte Assets, die zielgerichtet sowie einfach zu bedienen sind und miteinander funktionieren. Das föderale Herumbasteln an Einzel- und Insellösungen ist Steuerverschwendung.“

Ergänzendes zum Thema
Die Freiheit(en) der Universität

Nicht nur die Schulen waren aufgrund der Corona-Pandemie mit virtuellem Unterricht konfrontiert, sondern auch die universitäre Lehre. Zwar hatten diese ebenfalls anfänglich mit der plötzlichen Umstellung zu kämpfen, jedoch waren sie deutlich besser darauf vorbereitet als die Schulen. Immerhin ­haben die meisten Universitäten bereits Plattformen zum Teilen von Unterlagen und generierte E-Mail-Adresse für Lehrpersonal und Studierende. Die eigene IT im Haus und oft schon bestehende Device-Ausleih-Services für Studierende sowie eine technische Grundausstattung des Lehrpersonals erleichterten zudem die schnelle Umsetzung von „Distanzlehre“.

Darüber hinaus regiert in der Universität die akademische Freiheit, die den Hochschulen mehr Gestaltungsräume und Flexibilität gibt als die hierarchischen Strukturen in Schulen. ­Neben der Wissens- und Forschungsfreiheit haben Hochschulen eine Autonomie, auch finanziell, wenngleich diese sich im Rahmen staatlicher Budgets und Drittmittel bewegt. ­Dadurch konnten entsprechend schnell Vorkehrungen für die virtuelle ­Lehre getroffen werden.

Heimunterricht hakt noch immer

Wie unterschiedlich Bildung sich in Deutschland gestaltet, wurde im letzten Jahr deutlich. Und auch die vergangenen Wochen ­haben nochmals gezeigt, dass es noch ­viele Probleme im Bildungsbereich gibt. Indes gibt es ein Jahr seit Pandemiebeginn keinen flächendeckenden virtuellen Unterricht, weil die Plattformen der einzelnen Länder immer noch aufgrund der Belastung zusammenbrechen. Ulf Powalla, IT-Berater bei Alpha IT, spricht sich daher ­gegen den Föderalismus aus und fordert eine übergreifende Schulcloud auf Bundes- und nicht auf Länderebene sowie pro Bundesland ein zentrales Rechenzentrum für VDI an Schulen.

Aktuell bedeutet Homeschooling leider für viele Schüler einsames Aufgabenlösen mit gelegentlicher Kommunikation mit den Lehrkräften. Ähnlich ­ergeht es auch den Kindern in Asimovs Kurzgeschichte mit ihrem Maschinen-Lehrer, die mit dem nostalgischen Wunsch nach menschlichem Austausch in einem Klassenzimmer endet: „Sie dachte daran, wie die Kinder die Schule gemocht haben mussten, und ,an den Spaß, den sie hatten.'“

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