Ressourcen- und Zeitmangel S/4HANA-Projekte: ein steiniger Modernisierungskurs

Autor: Dr. Stefan Riedl

Die Umstellung auf die In-Memory-Technologie, konkret auf S4/HANA zieht im SAP-Umfeld weite Kreise. Die Auftragsbücher der Berater und Dienstleister sind voll und insbesondere Enterprise-Architekten haben viel zu tun. Das geht nicht spurlos am Projektgeschäft vorbei.

Firmen zum Thema

Vor etwa 30 Jahren wurde der Grundstein für SAP in Walldorf gelegt.
Vor etwa 30 Jahren wurde der Grundstein für SAP in Walldorf gelegt.
(Bild: SAP)

Die kommenden Jahre wird das SAP-­Geschäft von zehntausenden S/4HANA-Umstellungsprojekten geprägt sein. Schließlich wird der Support für alte ­Systeme eingeschränkt, um schließlich auszulaufen.

Folgt man den Ergebnissen im Paper „SAP S/4HANA Survey 2021“ des SAP-Partners LeanIX, für das 91 SAP-Kunden befragt wurden, stehen zwei Drittel der Unternehmen in der Anfangsphase der Transformation. So befinden sich gut ein Drittel der Befragten noch in der Planungsphase und ebenso viele in der ersten Vorbereitungsphase ihres laufenden Projekts.

Die Mehrheit der Unternehmen steht erst am Anfang der S4/ Hana-Transformation.
Die Mehrheit der Unternehmen steht erst am Anfang der S4/ Hana-Transformation.
(Bild: LeanIX)

Projekte werden verschoben

Michael Seebacher, Partner bei CNT Management Consulting, einem Beratungs- und DIenstleistungsunternehmen aus dem SAP-Umfeld will zwei Beobachtungen gemacht haben, wenn es um S/4HANA-Projekte geht. Die Erste sei, dass es kein einheitliches Muster gibt, wie Firmen auf dem Weg hin zu S/4HANA vorgehen. „Der gefühlt größere Teil der SAP-Kundenbasis verspricht sich von Konvertierungen der ERP-Systeme in S/4HANA-Systeme den größeren Erfolg, aber die Menge der Kunden, die ihre Systeme und Prozesse harmonisieren und entschlacken und diese Prozesse neu aufsetzen möchten, wird immer größer“, so der SAP-Spezialist. Die zweite Beobachtung sei, dass ein anderer Teil der ­Firmen bewusst die Entscheidung, die ERP-Kernsysteme zu digitalisieren um mehrere Jahre in die Zukunft verschiebt. Die zweite Beobachtung deckt sich mit den Ergebnissen von LeanIX.

S4/HANA: Das S steht für „ suite“, die 4 für die vierte Produktgeneration und HANA für die Datenbanktechnologie dahinter.
S4/HANA: Das S steht für „ suite“, die 4 für die vierte Produktgeneration und HANA für die Datenbanktechnologie dahinter.
(Bild: xymbolino – adobe.stock.com)

Komplexe Systeme

Gemäß dieser Umfrage ist die Komplexität der SAP-Landschaft die größte Herausforderung im Tagesgeschäft. Gefragt nach den konkreten Problemen in der S/4HANA-Transformation nennen hier 80 Prozent die Identifizierung von Abhängigkeiten innerhalb der komplexen und hochintegrierten ERP-Landschaft. 67 Prozent der befragten Enterprise-Architekten beschreiben das Erstellen einer klaren Roadmap und Zielarchitektur der zukünftigen SAP-Landschaft als Hürde, knapp 60 Prozent das Housekeeping von SAP-Legacy-Applikationen und Technologie-Landschaften.

Architekten für Prozesse

An dieser Stelle ist das Berufsbild eines „Enterprise-Architekten“ (EA) gefragt. Die Berufsbezeichnung deutet freilich nicht an, dass hier Firmengebäude neu geplant werden, vielmehr geht es um den Aufbau der Prozesse in den Unternehmen, die mit Informationstechnologie abgedeckt werden. Ihr wichtigstes Werkzeuge ist daher kein CAD-Programm, sondern spezielle EA-Tools, mit denen komplexe Prozessstrukturen abgebildet und transparent gemacht werden, die alle Ebenen der IT-Architektur einschließen. Kein Zeiterfassungssystem, keine Datenbank bleibt unberücksichtigt. Hier geht es insbesondere um Abhängigkeiten.

In der Anfangsphase der S/4HANA-Umstellung müssen Unternehmen viele wichtige Entscheidungen treffen, die sich auf die vorhandene IT-Systemlandschaft beziehen. Beispielsweise geht es um strategische Zielsetzungen und darüber, ob die ERP-Suite in der Cloud oder On-Premise betrieben werden soll.

Implementierung machen andere

Ein SAP-Screenshot aus dem Jahr 1990 verdeutlicht, dass es Erneuerungsbedarf gibt.
Ein SAP-Screenshot aus dem Jahr 1990 verdeutlicht, dass es Erneuerungsbedarf gibt.
(Bild: SAP)

Für Enterprise-Architekten bestimmen solche Fragen das täglich Brot. Sie können konkrete Szenarien zur Migration entwickeln sowie Überschneidungen und Abhängigkeiten identifizieren. Folgerichtig sind oder waren laut Umfrage von LeanIX fast alle befragten EA-Spezialisten in die Planungs- und Vorbereitungsphase der S/4HANA-Transformationsprojekte involviert. Doch weniger als die Hälfte und nur ein Drittel der Architekten ist an der Implementierung oder dem finalen Roll-out beteiligt.

Mehr Einbindung gewünscht

So empfindet laut Umfrage unter den EA nur knapp die Hälfte ihre Beteiligung in die S4/Hana-Transformation im Unternehmen als ausreichend. Ein gutes Drittel bezeichnet es sogar als „zu niedrig“ beziehungsweise „viel zu niedrig“. Die Studie legt nahe, dass viele der EA nur zum Teil in Themen eingebunden werden, für die sie doch eigentlich die ausgewiesenen Spezialisten im Unternehmen sind. Es liegt nahe, zu vermuten, dass dies an knappen Ressourcen und Mangel an Fachkräften liegt.

Die normative Kraft des Faktischen

Aus der Praxis weiß Seebacher, dass es in den Unternehmen neben den Ressourcen oft auch an Zeit mangelt. Außerdem fehlen interne Wissensträger im IT-Bereich; aber auch die Fachbereiche könnten große Systemumstellungen parallel zu ihrer täglichen Arbeit nicht stemmen. Beratungshäuser springen hier ein und liefern Machbarkeitsstudien, Systemanalysen, Prozessberatung und Implementieren auch neue Prozesse und ­Systeme, stemmen dabei auch die Migration und das Datenmanagement. Naturgemäß gilt die Devise: „Mehr kostet mehr“.

Was die Prozesse angeht, gilt hingegen „Weniger ist oft mehr“, und die Devise lautet dabei „Zurück zum Standard“. „Über die Jahre gewachsene und komplexe Prozesse können mittlerweile mit vielen neuen Funktion vereinfacht werden“, sagt Seebacher.

Cloud-Umstellung will „gewuppt“ werden

Die Nachfrage nach Experten sei größer denn je, bestätigt der Partner der SAP-Beratungsfirma. Mit anhaltendem Fortschritt in der Digitalisierung und der stetigen Neuerungen, die angeboten werden, wird jede Fachkraft benötigt. Mit interner Ausbildung und einem eigenen Ausbildungsprogramm zieht man sich bei CNT selbst viele Fachkräfte heran.

Was SAP angeht, betont Seebacher, dass der Weg des Unternehmens zu einer Cloud Company sehr viele Änderungen mit sich bringe, „welche Kunden, Partner, aber natürlich auch SAP vor Herausforderungen stellt“. Deutlich schneller als früher kommen neue Cloud-Produkte auf den Markt, die wiederum mit wesentlich rascher getakteten Innovationszyklen einhergehen. Auch für Beratungshäuser sei es nicht ohne, mit all den Innovationen Schritt zu halten.

(ID:47493952)

Über den Autor

Dr. Stefan Riedl

Dr. Stefan Riedl

Leitender Redakteur