Channel Fokus Refurbishing & Remarketing Neuer Antrieb für den Refurbishing-Markt?

Von Mihriban Dincel 5 min Lesedauer

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Um das volle Potenzial von Elektrogeräten auch nach Ablauf ihrer Lebensdauer auszuschöpfen, gibt es Refurbisher. Sie geben Geräten ein zweites Leben. Dank aktueller Vorgaben und Leitlinien dürften sie nun neuen Antrieb erhalten.

Deutschland möchte sich mehr hin zu einer zirkulären Wirtschaft transformieren. Gute Nachrichten für Refurbisher. (Bild:  Maksym - stock.adobe.com / KI-generiert)
Deutschland möchte sich mehr hin zu einer zirkulären Wirtschaft transformieren. Gute Nachrichten für Refurbisher.
(Bild: Maksym - stock.adobe.com / KI-generiert)

Rund 62 Milliarden Kilogramm Elektroschrott sind 2022 weltweit angefallen und nur knapp ein Viertel davon wurde offiziell gesammelt und recycelt. Der Rest landet im Müll und auf Deponien. Eine traurige Bilanz. Doch das Jahr 2024 brachte einige Fortschritte bei der Ressourcenschonung. Neben dem Recht auf Reparatur und der Ökodesignrichtlinie auf EU-Ebene, zielt die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) darauf ab, mehr Altgeräte für eine Wiederverwendung zu nutzen. Marco Kuhn, Geschäftsführer bei BB-Net, spricht diesbezüglich von „wichtigen Signalen“ und von der Erleichterung, dass der verantwortungsvolle Umgang mit IT-Geräten nicht nur am Ende ihres Lebenszyklus, sondern schon früher thematisiert wird.

Marco Kuhn, Geschäftsführer bei BB-Net
„Reparieren statt entsorgen – klingt gut. Jetzt muss es nur noch gelebt werden.“

Bildquelle: BB-Net

Für Refurbisher könnten die Vorgaben Erleichterung bringen. Kai Keune, Sustainable Business Development Manager bei der AfB Group, erwartet etwa mehr Aufmerksamkeit für das Thema und bei der Umsetzung in nationales Recht, „dass das Reparaturgeschäft wieder in Gang gebracht wird“. Thomas Gros, CEO und Mitgründer von Circulee, hofft auf eine effizientere Arbeitsweise und glaubt, „dass sich durch die steigende Nachfrage nach Refurbished-Geräten langfristig eine IT-Kreislaufwirtschaft in Unternehmen etabliert.“ Das würde gleich mehrere positive Effekte mit sich bringen. Da wäre der eingesparte Elektroschrott oder die (geo)politische Ebene: „Bauen wir in Deutschland eine lokale ‚Re-Use‘-Economy auf, sind wir weniger davon abhängig, unsere Ressourcen aus dem Ausland importieren zu müssen“, erklärt Gros.

Geräte sind vorhanden, aber nicht immer reparaturfreundlich

Die Gerätebasis dafür ist vorhanden. Jedoch betont Gros, dass weniger die Verfügbarkeit, sondern die Rückführung der Geräte eine Herausforderung ist. „Viele Altgeräte verschwinden ungenutzt in Schubladen oder werden ohne Konzept entsorgt. Hier braucht es bessere Rücknahmestrukturen, klare Anreize und mehr Bewusstsein.“ Eine weitere Hürde spricht Kuhn an: „Der Markt an potenziell aufbereitbaren Geräten ist grundsätzlich da. Besonders aus dem Unternehmensumfeld, oft in gutem Zustand, aber nicht immer reparaturfreundlich.“ Hier kommen die Hersteller ins Spiel, welche die Richtlinien primär in die Pflicht nehmen. „Damit Refurbishing effizient funktioniert, braucht es eine einfache Demontage, eine modulare Bauweise und verfügbare Ersatzteile“, so Kuhn.

Die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie

Die Bundesregierung hat die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) entwickelt und den Entwurf Mitte des vergangenen Jahres vorgestellt. Ende 2024 wurde die Strategie dann im Kabinett beschlossen. Das Ziel: Abfall vermeiden, indem Produkte langlebig, einfacher zu reparieren und ressourcenschonend gestaltet werden. Rohstoffe sollen länger im Kreislauf bleiben und die Umwelt entlastet werden. Die Strategie stellt dabei die Rahmenbedingungen auf und umfasst den gesamten Kreislauf: von der Produktgestaltung und Materialauswahl über Produktion und Nutzung bis hin zu Wiederverwendung und Recycling. Neben dem Umweltaspekt zielt sie darauf ab, den Rohstoffverbrauch zu senken und Deutschland unabhängiger vom Rohstoffimport zu machen, wodurch deutsche Unternehmen an Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz gewinnen sollen.

Einzelne Hersteller passen ihr Produktdesign aber bereits an: „Weg vom Verkleben hin zu innovativen Lösungen, die den Einsatz von Spezialwerkzeugen nicht notwendig machen“, so Keune. Bei Acer sei ein Großteil der Geräte leicht recyclebar und langlebig. Dell Technologies konnte im Rahmen des Concept Luna über 40 Millionen Kilogramm recycelte Materialien verbauen. Zudem sind die Dell Pro-Notebooks mit einem modularen USB-C-Anschluss ausgestattet – langlebiger und leicht austauschbar. Lenovo wirbt ebenfalls mit reparierbaren Geräten: ThinkPads sind modular konstruiert, damit sie sich einfach öffnen, aufrüsten und warten lassen.

Modularität und Garantie rentieren sich

Auf Recycling-freudige Hersteller und Modellreihen basiert das Geschäftsmodell der GSD. „Konstruktionsfehler, wie verklebte Keyboards, haben Hersteller wie Lenovo bereits selbst erkannt und schon vor einiger Zeit gelöst,“ bestätigt er, kritisiert aber die großen Player wie Apple oder Microsoft. Sie würden „nur das Nötigste tun und jedes Schlupfloch nutzen, um bezahlbare Ersatzteile von Drittanbietern oder generell den Zweitmarkt zu behindern und Marge vor nachhaltiges Handeln stellen.“

Kai Keune, Sustainable Business Development Manager bei der AfB Group
„Man merkt, dass einzelne Hersteller sich mit dem Thema auseinandersetzen und das Produktdesign anpassen.“

Bildquelle: AfB

Das bedeutet, Hersteller müssen ihre Innovationskraft neben der Technik in das Design ihrer Produkte stecken. Gleichzeitig braucht es eine Software-Update-Garantie. Und das lohnt sich. Denn das Interesse an wiederaufbereiteter IT wächst – sowohl im B2C- als auch im B2B-Bereich. „Immer mehr Unternehmen und Endkunden merken: Refurbished heißt nicht Verzicht. Im Gegenteil – es ist nachhaltiger, wirtschaftlicher und technisch absolut vergleichbar“, sagt Kuhn. Keune fügt hinzu: „Verbraucher legen ein bewussteres Konsumverhalten an den Tag, das Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz in den Mittelpunkt rückt.“ Basierend auf diesem Umdenken ist Schweitzer überzeugt, dass der Markt noch deutlich stärker vorangetrieben wird.

So hat Circulee im vergangenen Jahr seinen Kundenstamm um 500 Kunden erweitert. Und Gros prognostiziert einen „Wachstumsanstieg der Nachfrage nach Refurbished IT um zehn Prozent pro Jahr bis 2028.“ Der Grund: Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft erhalten auch in IT-Abteilungen Einzug. Refurbished-Produkte werden attraktiver – sowohl aufgrund ökologischer als auch wirtschaftlicher Gründe. Auch eine aktuelle Bitkom-Umfrage zeigt: 18 Prozent der Befragten haben bereits ein gebrauchtes Smartphone gekauft – 49 Prozent wollten Geld sparen und immerhin 42 Prozent legen Wert auf mehr Nachhaltigkeit.

Thomas Gros, CEO und Mitgründer von Circulee
„Das Recht auf Reparatur und die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie erleichtern die
Wiederaufbereitung elektronischer Geräte erheblich.“

Bildquelle: Circulee

Einheitliche Standards gefordert

Leitlinien wie die NKWS könnten diesen Trend weiter befeuern. Die Wirkung braucht aber Zeit. „Unsere Geräte sind im Schnitt vier Jahre alt – was heute produziert wird, kommt also frühestens in einigen Jahren im Refurbishing an“, erklärt Kuhn. Und noch etwas verhindert die Vorfreude. „Viele Prozesse sind noch zu unverbindlich. Damit Wiederverwendung wirklich ankommt, müssen verbindliche Vorgaben, einheitliche Standards und wirtschaftliche Anreize geschaffen werden“, kritisiert Kuhn. Für Keune sind die Vorgaben ebenfalls noch ausbaufähig. Einheitliche Ladestecker und langjährige Garantie für Software-Updates wären wünschenswert, zudem ein reparaturfreundliches Produktdesign und eine Verfügbarkeit von Ersatzteilen.

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Gleiches fordert Gros: „Die Hersteller müssten dafür sorgen, dass das neueste Betriebssystem auch auf Refurbished-Geräten möglichst lange funktioniert. Dazu sollten sie gesetzlich gezwungen werden.“ Die Richtlinien und Strategie benennt er zwar als „richtige Impulse“, doch gleichzeitig kritisiert er die fehlenden einheitlichen Standards und Klarheit für Teilnehmer dieser Kreislaufwirtschaft. „Insbesondere die praktische Umsetzung ist noch offen – zum Beispiel, welche Produktgruppen konkret betroffen sind, wie die Nachweispflichten gestaltet werden oder welche Fristen gelten.“

Ralf Schweitzer, Geschäftsführer GSD Remarketing
„Das nachhaltige Umdenken, dass in allen Lebensbereichen stattfindet, wird den Markt noch deutlich stärker vorantreiben.“

Bildquelle: Alex Schelbert

Schweitzer hingegen ist der Auffassung, dass die Richtlinien nie konkret genug sein werden. „Ich muss unterscheiden, ob Hersteller diese Nachhaltigkeit auch wollen und den ursprünglichen Ansatz deutlich nachhaltiger Elektronik auch unterstützen“, begründet er. Ob die neuen Ansätze also wirklich einen Aufschwung in den Refurbishing-Markt bringen werden, ist ungewiss. Doch Channel-Partner, die bei Neuanschaffungen ihre Altgeräte an Refurbisher übergeben möchten, sollten sich auf jeden Fall vorab über die Reparierbarkeit der Produkte informieren.

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