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Forcam-Chef: „Die erste Industrie-4.0-Initiative ist gescheitert.“

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Schon CeBIT habe Stillstand gezeigt

Brancheninsider, die ungenannt bleiben wollen, bestätigen Gruber. Der Stillstand habe sich jüngst wieder zur Weltleitmesse CeBIT im März gezeigt. Da gaben Gabriel (SPD) und Forschungsministerin Johanna Wanka (CDU) bekannt, dass sich die bisherige Verbändeplattform Industrie 4.0 „nach erfolgreicher Arbeit“ nunmehr „politisch und gesellschaftlich“ breiter aufstelle und „sowohl thematisch als auch strukturell neu ausrichte“. Neuer Name: Plattform Industrie 4.0.

Vizekanzler Gabriel sagte, das neue Vehikel solle „schnell zu ersten Ergebnissen kommen“, damit Unternehmen endlich Praxisbeispiele testen und auch in Geschäftsmodellen umsetzen. Auf der Hannover Messe am 14. April würden „Ausblick, Zielrichtung und Agenda“ präsentiert.

Gruber hält das für eine Bankrotterklärung. Er sagt: „Die erste Industrie-4.0-Initiative der Branchenverbände Bitkom, VDMA und ZVEI ist gescheitert.“ Für die neue Plattform hätten sich nun die beiden Bundesministerien Wirtschaft und Forschung den Hut aufgesetzt. „Das wird die Sache kaum beschleunigen“, meint er skeptisch. Erste ganz konkrete Empfehlungen für nationale 4.0-Strategien, etwa beim Schlüsselthema Standards, gab ein Arbeitskreis zu Industrie 4.0 schon im April 2013.

Deutscher Akteur findet Unterstützung in USA

In den USA läuft es anders. Im Industrial Internet Consortium (IIC) ziehen kleine und große Firmen, Verbände, Forschung und Regierung an einem Strang. Und mit Bosch spielt ausgerechnet ein deutscher Akteur eine Hauptrolle beim ersten veröffentlichten IIC-Innovationsprojekt. Dabei geht es um vernetzte Industriewerkzeuge - ein Praxisbeispiel, wie es die deutsche Plattform 4.0 erst noch finden will.

„Erste greifbare Ergebnisse“ soll es zum Jahresende geben. Zeit bleibt kaum. US-Professor Jay Lee gibt zu bedenken, dass die USA das Thema im großen Rahmen dächten. „Der Ansatz der USA erstreckt sich über weit größere Areale als nur auf die bloße Produktion“, sagt Lee. Er forscht an der Universität der Fabrikstadt Cincinnati und arbeitet für das Weiße Haus an einem Programm zur digitalisierten Fabrik.

Ähnliches kritisiert auch die deutsche Industrie hinter vorgehaltener Hand. Es gelinge hierzulande weniger, 4.0 in einem breiten Kontext als Geschäftsmodell entlang ganzer Wertschöpfungsketten zu denken - vom Lieferanten über Dienstleister und Produzenten bis zum Kunden. Der Fokus liege oft noch zu einseitig auf dem starken Maschinenbau. Gruber fasst das so zusammen: „Unser technisches Know-how wird international geschätzt, unser politisches Klein-Klein nicht.“

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