Debattenbeitrag Cloud: Neue Abhängigkeit statt Flexibilität?

Von Dr. Stefan Riedl

Andreas Thyen von LizenzDirekt hinterfragt, ob Cloud-Produkte statt der versprochenen Flexibilität nicht häufig zu neuen Abhängigkeiten führen. Er verweist auf die Studie aus ­einem Wirtschaftsverband und nennt aktuelle Microsoft-Preiserhöhungen als Praxisbeispiel.

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Aus der Cloud gibt es keine Gebrauchtsoftware.
Aus der Cloud gibt es keine Gebrauchtsoftware.
(Bild: djvstock - stock.adobe.com)

Was Microsoft-Produkte angeht, kann die ­Abhängigkeit durch hohe Wechselhürden enorm sein. Dahinter steht der so genannte Vendor-Lock-In-Effekt bei Unternehmen und Behörden. In Bezug auf Cloud- beziehungsweise Abo-Produkte sei dieser Effekt noch größer, auch wenn stets von der Flexibilität dieser Modelle die Rede sei, findet Andreas Thyen, Präsident des Verwaltungsrats beim Gebrauchtsoftwarehändler LizenzDirekt. Schließlich müssen Rechenleistung sowie weitere Services von Microsoft beigesteuert werden und damit leidet die Datenhoheit. „Maßgeblich tragen zum Lock-In auch noch unfaire Vertragsbedingungen bei“, so Thyen. Die wenigsten Kunden werden in der Lage sein, Exit-Szenarien realistisch zu bewerten, so sein Argument. Hier zeige sich die Stärke von On-Premises-Software. Denn dort, wo keine ergänzenden Cloud-Dienste erforderlich sind oder aus Datenschutzgründen nicht auf Cloud-Dienste gesetzt werden kann, dürfte die On-Premises-­Variante die bessere Wahl zu sein, argumentiert der Verwaltungsratspräsident.

Preiserhöhungen

Andreas Thyen, Präsident des Verwaltungsrats, LizenzDirekt
Andreas Thyen, Präsident des Verwaltungsrats, LizenzDirekt
(Bild: Linus Klose Photography)

„Microsoft hat die Preise von 365-Abonnements bereits im März 2022 weltweit um bis zu 25 Prozent – zum Beispiel bei O365 E1 – erhöht“, sagt Thyen. Darüber hinaus habe Microsoft die Kosten der monatlichen Abos gegenüber den Jahresabonnements um bis zu 20 Prozent erhöht. „Auch die Preisbindung für Monatsabos wurde aufgehoben, welche bislang für ein Jahr galt. Wenn Microsoft hingegen die Gebühren für Monats-SKUs nunmehr erhöht, sollen diese neuen Preise bereits ab dem jeweiligen Folgemonat gelten“, so der Gebrauchtsoftware-Händler, der sicherlich auch berufsbedingt eine Lanze für On-­Premises-Software bricht und Cloud-Versionen kritisch sieht.

Paper legt Vendor-Lock-In nahe

Der Manager beruft sich auf eine Studie aus dem Wirtschaftsverband ­CISPE, die besagen soll, dass die Verhaltensweisen, die zu Abhängigkeiten im On-Premises-Bereich geführt haben, nun auch im Cloud-Segment wirken. In dem 60-seitigen Paper „Cloud Infrastructure Services: An analysis of potentially anti-competitive practices“ vom Oktober 2021 von Professor Frédéric Jenny wird ausgeführt, dass Cloud-Service-Bedingungen oftmals unfair seien. Kritisiert werden überhöhte Kosten, eine unangemessene Bindung und eingeschränkte Wahlmöglichkeiten. CISPE (Cloud Infrastructure Services Providers in Europe) ist ein gemeinnütziger Wirtschaftsverband für Anbieter von Infrastruktur-as-a-Service-Clouds in ­Europa. Er wurde gegründet, um IaaS-Anbieter bei der Erläuterung ihres Geschäftsmodells gegenüber politischen Entscheidungsträgern zu unterstützen, betreibt also klassische Lobbyarbeit.

Cloud mit neuen Risiken?

In aktuellen Lizenzbestimmungen seien laut Jenny wettbewerbsfeindliche Praktiken verpackt, darunter höhere Preise bei Nutzung von Software in Clouds Dritter, das Verschwinden von Bring-Your-Own-License-Angeboten, welche auch zum Beispiel „gebraucht“ erworbene Kauf-Lizenzen zuließen, und die Abrechnung nach potenzieller statt nach tatsächlicher Nutzung. Insgesamt warnt CISPE davor, dass Cloud-Produkte statt mit Flexibilität mit neuen Risiken bei der Abhängigkeit vom Anbieter daherkommen.

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