Ukraine-Krise Chiphersteller sehen nur geringe Auswirkungen auf Lieferkette

Von Sebastian Gerstl

Der aktuelle Konflikt in der Ukraine könnte Auswirkungen auf globale Lieferketten haben. Führende Chiphersteller reagieren aber gelassen, dank ausreichender Vorräte und Diversifizierung. Doch die US-Regierung warnt vor russischen Vergeltungsmaßnahmen, die auf den Chip-Sektor abzielen dürften.

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Eine weitere Eskalation des Konflikts in der Ukraine könnten zu einer Verknappung von für die Chipundustrie wichtigen Rohstoffen wie Neon oder Palladium führen, warnen Experten.
Eine weitere Eskalation des Konflikts in der Ukraine könnten zu einer Verknappung von für die Chipundustrie wichtigen Rohstoffen wie Neon oder Palladium führen, warnen Experten.
(Bild: Clipdealer)

Nach der russischen Invasion in der Ukraine auf dem Land-, Luft- und Seeweg steht Europa derzeit vor seiner wohl größten Sicherheitskrisen seit Jahrzehnten. Entsprechend sah die Reaktion an den Börsen aus: Die Krise ließ die Aktien von Technologieunternehmen, die weltweit einkaufen oder verkaufen, merklich einbrechen. Investoren fürchten nach einem jahrelangen Mangel an Halbleiterchips weitere Unterbrechungen der Lieferkette.

Verknappung von Neon und Palladium

Die Befürchtungen kommen nicht unbegründet: Die Ukraine ist einer der wichtigsten Lieferanten des Rohstoffs Neon. Laut Nachrichtenagentur Reuters liefert das osteuropäische Land mehr als 90 Prozent der Vorräte des Edelgases für die US-amerikanische Halbleiterindustrie, die es etwa zur Fertigung von Lasern in der Chipherstellung verwendet. Auch hier liegt bereits ein wirtschaftliches Spannungsfeld des aktuellen Konflikts: Nach Angaben des Marktforschungsunternechnens Techcet falle das Gas als Nebenprodukt der russischen Stahlherstellung an, das anschließend in der Ukraine gereinigt werde. Gleichzeitig ist Russland Quelle für 35 Prozent des in den Vereinigten Staaten verwendeten Palladiums. Das Metall wird in der Sensoren- und Speicher-Produktion verwendet.

Bei einem längeren Andauern des Konflikts könnte sich dies auf den Chipmarkt nachhaltig auswirken. „Die Chiphersteller spüren keine direkten Auswirkungen,“ gab ein ungenannter Vertreter der japanischen Halbleiterindustrie gegenüber Reuters zur Auskunft, „aber die Unternehmen, die sie mit Materialien für die Halbleiterherstellung beliefern, kaufen Gase, einschließlich Neon und Palladium, aus Russland und der Ukraine“, sagte eine Quelle aus der japanischen Chipindustrie, die anonym bleiben wollte. „Die Verfügbarkeit dieser Materialien ist bereits knapp, so dass jeder weitere Druck auf die Lieferungen die Preise in die Höhe treiben könnte. Das wiederum könnte sich in höheren Chip-Preisen niederschlagen“.

Russische Vergeltungsmaßnahmen gegen IT-Sektor

Die US-Regierung fordert die einheimische Chipindustrie eindringlich auf, nach alternativen Zulieferern Ausschau zu halten und eine mögliche Abhängigkeit aus Rohstoffen aus der betroffenen Region zu meiden. Das Weiße Haus befürchtet russische Vergeltungsmaßnahmen gegen jüngst ausgesprochenen US-Sanktionen, die sich bisher gegen die Gaspipeline Nord Stream 2 nach Europa und einige russische Banken richten. Die Rohstofflieferkette für die Tech-Industrie sei ein potentielles, hochpriorisiertes Ziel für Gegenaktionen.

Allerdings sind die Tech-Unternehmen derzeit deutlich besser auf solche möglichen Konsequenzen vorbereitet. Das sind die Folgen aus anderen schwerwiegenden, durch Krisen und Konflikte verursachten Disruptionen in der Lieferkette in den letzten Jahren – allen voran die aktuell anhaltende Coronakrise, der US-chinesische Handelskonflikt und der diplomatische Streit zwischen Japan und Südkorea, der zahlreiche Sanktionen und Strafzölle auf Halbleiterprodukte mit sich führte. Zudem hatten zahlreiche Unternehmen bereits im Jahr 2014, nach Russlands Annexion der Krim, für den Fall eines folgenden Konflikts ihre Lieferketten diversifiziert. Die Besetzung der ukrainischen Halbinsel hatte in jenem Jahr einen sprunghaften weltweiten Anstieg des Neonpreises verursacht.

Chiphersteller derzeit gelassen

Die Nachrichtenagentur Reuters hat von zahlreichen führenden Schlüsselunternehmen der weltweiten Chipfertigung Statements zur aktuellen Lage eingeholt. Das niederländische Unternehmen ASML, als Produzent von Lithografie- und EUV-Anlagen für die Chipfertigung ein wichtiger Zulieferer für die Chipherstellung, prüfe demnach bereits alternative Quellen für seinen Neonbedarf. Man zeige sich allerdings relativ unbesorgt: Obwohl die Ukraine einer der größten Neonproduzenten der Welt ist, beziehe das Unternehmen nur etwa 20 Prozent seines aktuellen Bedarfs aus dem Land. Dennoch wolle man auch diesen Anteil durch andere Quellen abgesichert wissen für den Fall, dass der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine die Versorgung unterbreche.

„Wir verstehen, dass Berichte über eine mögliche Unterbrechung der Versorgung mit Mineralien und Edelgasen aufgrund der anhaltenden Spannungen zwischen Russland und der Ukraine für die Halbleiterindustrie besorgniserregend sind“, sagte der Speicherchip-Hersteller Micron Technology. Man habe allerdings seine Logistik und seine Materialbeschaffung in den letzten Jahren deutlich mehr diversifiziert. Auch Lee Seok-hee, CEO des Speicherherstellers SK Hynix, erklärte gegenüber südkoreanischen Reportern, dass „kein Grund zur Sorge“ angesichts möglicher Einschränkungen auf dem Palladium-Makrt bestehe: Man habe sich bereits „eine Menge“ an Rohmaterialien gesichert, um die weitere Produktion zu gewährleisten. Intel gab in einem kurzen Statement ebenfalls an, dass man keine nennenswerten Auswirkungen erwarte.

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Da Taiwan ein wichtiger Produzent für den Chipmarkt ist, galt an den Börsen eine große Sorge gegenüber möglichen Unterversorgungen im asiatischen Land. Das taiwanische Wirtschaftsministerium teilte Reuters allerdings mit, es habe die taiwanische Halbleiterlieferkette überprüft und keine direkten Auswirkungen auf Materialien oder Produktionsaktivitäten festgestellt. Ansonsten waren die Statements eher verhaltener: TSMC, der weltgrößte Auftragsfertiger von Chips, lehnte es ab, sich derzeit zu äußern. Das taiwanische Chip-Test- und Packaging-Unternehmen ASE Technology gab nur an, dass seine Materialversorgung sei „im Moment“ stabil. Chipproduzenten in Asien, vorwiegend Taiwan, China oder Malaysia, beziehen ihre Rohstoffe in erster Linie aus anderen asiatischen Ländern und zeigen sich überwiegend von den Entwicklungen in Osteuropa unberührt. „Russland ist im Moment keiner der Hauptmärkte der taiwanischen Foundry-Industrie“, bestätigte Joanne Chiao, Senior Analystin beim Marktforscher TrendForce.

Das japanische Unternehmen Ibiden, das Verpackungssubstrate für Chips herstellt, antwortete auf die Frage von Reuters nach Neon- und anderen Gaslieferungen aus Russland, dass es über genügend Materialien verfüge. Bei weiteren Sanktionen oder einem längerwährenden Konflikt könnte sich die Lage allerdings ändern. „Wir sind ein wenig besorgt“, gab ein Sprecher des Unternehmens zur Auskunft.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht auf unserem Partnerportal Elektronikpraxis.

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