Die wachsende Marktdominanz der US-Hyperscaler ruft besonders in der zweiten Amtszeit von Donald Trump neue Herausforderer auf den Plan. Nextcloud bringt sich als Alternative zu Microsoft 365 ins Gespräch und treibt die neue EuroStack-Initiative voran.
Alternativen zu den Angeboten der US-Hyperscaler sind oft eine Frage des Willens.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)
Während die US-Hyperscaler weiterhin große Teile der digitalen Landschaft dominieren, wächst in Europa der Ruf nach technologischer Unabhängigkeit. Auch Donald Trumps Handelszölle und mächtige Investitionsprogramme wie Stargate treiben diese Entwicklung in der europäischen IT-Branche voran. Ein Unternehmen, das sich schon früh gegen die technologische Abhängigkeit positioniert hat und dieses Narrativ angreifen möchte, ist Nextcloud. Die Plattform hat kürzlich mit Hub 10 die neueste Version ihrer Open-Source-Kollaborationsplattform veröffentlicht. Die Software steigt als Alternative zu Microsoft 365 in den Ring. Der feine Unterschied: Sie ist auf selbst gehostete Private-Cloud-Umgebungen ausgelegt und bietet unter anderem einen selbst betreibbaren KI-Assistenten, integrierte Dateikonvertierung, End-to-End-Verschlüsselung (inklusive Webzugriff und Videoanrufen) sowie Verbesserungen bei Leistung und Stabilität.
Entscheidungsfreiheit
Die Plattform versteht sich als Beitrag zur digitalen Souveränität, um unabhängiger von nicht-europäischen Anbietern zu werden. „Unsere Kunden erhalten die Software und können sie auf einer selbst gewählten und vertrauenswürdigen Infrastruktur betreiben“, erklärt Frank Karlitschek, Geschäftsführer von Nextcloud, den Ansatz, der sich diametral von dem der Hyperscaler unterscheiden soll. „Selbst zu uns bestehen keine starken Abhängigkeiten. Im schlimmsten Fall können Kunden die Software auch ohne unsere Unterstützung weiterbetreiben“, erläutert er. Auch immer mehr Behörden und Bildungseinrichtungen setzen auf Nextcloud. Der Wechsel zu Open Source sei vor allem eine Frage des politischen Willens. „Man sieht es am Beispiel Schleswig-Holstein, wo ein komplettes Bundesland beschlossen hat, komplett auf Open Source zu migrieren und Microsoft abzulösen.“ Eine Entscheidung, von der sich viele eine Signalwirkung und mehr Unabhängigkeit von den Hyperscalern erhoffen.
Ein großer Teil der gestiegenen Nachfrage bei Nextcloud in den letzten Monaten sind Migrationen von Microsoft 365. Die Nachfrage lässt sich nur mithilfe der Channels bedienen. Beim Wechsel von Microsoft 365 zu Nextcloud setzt das Unternehmen auf den spezialisierten Partner Audriga aus Karlsruhe. „Wir verzeichnen derzeit eine zunehmende Nachfrage nach solchen Migrationen – insbesondere von Unternehmen, Behörden und Bildungseinrichtungen“, berichtet Frank Dengler, Geschäftsführer bei Audriga. „Hauptgründe sind der wachsende Wunsch nach digitaler Souveränität, strengere regulatorische Anforderungen (wie die DSGVO) sowie das steigende Interesse an offenen, transparenten IT-Lösungen, die mehr Kontrolle über sensible Daten ermöglichen.“ Doch wie geht so eine Umstellung vonstatten? „Exchange-Postfächer mit E-Mails, Kontakten und Kalendern können einfach mit dem bewährten Groupware-Migrationsprozess zu Nextcloud und dem ggf. angeschlossenen Mail-Server übertragen werden“, berichtet Dengler. Auch die Ablösung von SharePoint soll sich unkompliziert gestalten. „Audriga analysiert zunächst die zu migrierenden Inhalte und Strukturen – darunter Teamseiten, Dateien, Kalender, Kontakte und Tabellen inklusive ihrer Berechtigungen. Diese werden anschließend in passende Konzepte innerhalb der Nextcloud-Umgebung überführt.
Das Ende von Gaia-X
Frank Karlitschek, Gründer und CEO, Nextcloud
(Bild: Nextcloud)
Gründer Karlitschek ist kein Unbekannter in der europäischen Open-Source-Szene. Als Mitinitiator der Gaia-X-Initiative war er zunächst ein überzeugter Befürworter, äußert sich inzwischen aber kritisch zur Entwicklung des Projekts. „Die Idee, eine europäische Hyperscaler-Alternative zu schaffen, ist gescheitert. Das ist bedauerlich, denn der Ansatz war vielversprechend – doch das Setup war schlichtweg nicht das richtige.“
Insbesondere der Beitritt großer Hyperscaler habe Gaia-X seiner Meinung nach neutralisiert. Sie hätten das Projekt mit Dokumentationen und Meetings geflutet und zu einem wirkungslosen Papiertiger verwandelt. Dem widerspricht Ulrich Ahle, CEO der Gaia-X Association AISBL, entschieden: „Es ist kein europäisches Amazon. Gaia-X ist vielmehr ein Rahmenwerk – eine Kombination aus technischen Spezifikationen, Governance-Regeln und Compliance-Tools, das es Unternehmen und Institutionen ermöglicht, Daten souverän, interoperabel und vertrauenswürdig zu teilen.“
Neuer Versuch: EuroStack
Karlitschek bleibt dabei: Der Einfluss der Hyperscaler und der politische Rückzug hätten das Projekt aus der Bahn geworfen und so die ursprünglichen Ziele aus dem Blick verloren. Mit EuroStack soll nun ein neuer Versuch gestartet werden. Das Projekt wird von einer breiten Koalition aus Unternehmen, Wissenschaftlern, politischen Entscheidungsträgern getragen. Erste Erfolge konnten laut Karlitschek, der sich in dem Projekt ebenfalls engagiert, bereits erzielt werden. In Zusammenarbeit mit Ionos, OVHcloud und Aruba wurde der SECA-Standard entwickelt – eine einheitliche Schnittstelle, mit der Cloud-Dienste interoperabel betrieben werden können. Der Vorteil: Unternehmen können Cloud-Anbieter im Hintergrund wechseln, ohne ihre Softwarearchitektur anpassen zu müssen. Das senkt Wechselbarrieren und stärkt die Unabhängigkeit von einzelnen Anbietern. Die EuroStack besteht momentan noch aus verschiedenen Strömungen. Noch ist unklar, ob die Initiative mit ihrem Vorhaben erfolgreich sein wird und welche Lehren aus der Causa Gaia-X gezogen wurden.
Stand: 08.12.2025
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