Operation am offenen Herzen oder minimal-invasiver Eingriff? Healthcare: die Schmerzen der Systemhäuser
Wild gewachsene Infrastrukturen, ein Dschungel an Software und eine Unmenge an Vorschriften, die sich teils widersprechen. Der Healthcare-Sektor steht vielerorts kurz vor dem digitalen Kollaps. Als Retter in der Not fungieren Systemhäuser.
Anbieter zum Thema

Schmerzen lindern mit minimal-invasiven Eingriffen. So ähnlich könnte die Zusammenfassung von Systemhäusern und Dienstleistern lauten, die Krankenhäuser, Reha- und Pflegeeinrichtungen sowie Arztpraxen und Apotheken als Kunden haben. „Healthcare-Kunden haben im Vergleich zu Firmen aus dem Industrie-Umfeld einen überproportional großen aktiven Softwarepool. Darunter befinden sich auch noch ganz viele Speziallösungen, die allein für deren Branche geeignet sind“, macht Oliver Tagisade, Geschäftsführer von Klesys den Auftakt zur Beschreibung der zahlreichen Herausforderungen, denen sich IT-Partner gegenübersehen. Und Dr. Ralf Schadowski, CEO der ADDAG GmbH, ergänzt: „Im Gesundheitswesen kommt hinzu, dass wir auf eine besondere Relevanz und Sensibilität der Informationen treffen. Wir haben es hier mit Gesundheitsdaten zu tun. Und mit deren sicheren Umgang sind interne IT-Abteilungen, egal wie groß, oft überfordert.“
Wenn bereits etwas passiert ist, kann man nur reagieren. Dann ist Geld das kleinste Problem.
Unausgegorene Konzepte

Als Managed-Services-Anbieter ist Netcos unterwegs. Deren Geschäftsführer Stanislaw Panow berichtet Ähnliches: „Wir leiden extrem unter der Zersplitterung im Healthcare-Bereich. Da gibt es nichts, für das es keine IT-Lösung gibt. Unglücklicherweise wurden diese Lösungen anfangs von Ärzten und Hobbyprogrammierern entwickelt. Und diese Systeme gibt es eben noch immer. Dazu kommen Gesetzesvorschriften, Kassenärztliche Vereinigungen und die Ärzteschaft, die auch alle mitreden und mit teils unausgegorenen Konzepten Anreize schaffen.“ Zudem macht vielen die Fluktuation von Ansprechpartnern zu schaffen, wie Sven Heinzelmann, Key Account Manager bei Kelobit, erklärt: „Entweder es wurde sich zu Tode gespart, oder ein Wildwuchs von Systemen ist entstanden, weil jeder IT-Leiter dort eine Lebensdauer von maximal zwei Jahren hat. Das bedeutet, jeder brachte eine Idee mit und konnte sie nie bis zum Ende umsetzen.“

Welche Wünsche beispielsweise Pflegeheime haben, beschreibt Markus Schubert, Vertriebsexperte bei Hecom, sehr konkret: „Hilfreich für viele Häuser wäre es, ein einziges Gerät für Schwesternruf, Videotelefonie und die Pflegedokumentation zu bekommen, das zudem auch noch in die Kitteltasche passt. Ich komme noch immer in Heime, wo die Schwester auf dem Unterarm mit Kuli dokumentiert. Da steht dann ‚Frau Müller, 38 Grad‘, und wie viel sie getrunken hat. Ein weiteres Thema, an das man oft nicht denkt, ist Software, die Rumänisch und Bulgarisch beherrschen sollte – denn das sprechen viele Pflegekräfte.“ Bei der Infrastruktur kommt eine Rundumerneuerung nicht in Frage, führt er weiter aus. Denn viele Einrichtungen laufen im 24/7-Betrieb. Deshalb ist WLAN das Mittel der Wahl, ist Schubert überzeugt. Doch auch hier liegt der Teufel im Detail, wie der Vertriebsexperte beschreibt. Denn es gelte, beispielsweise den Brandschutz zu bedenken. „Wir versuchen, die Bestandsverkabelung zu nutzen. Wenn ich neu verkable, benötige ich Metall-Kabelkanäle und Metalldübel. Das wird schnell sehr teuer. Und es gibt Lösungen, mit denen sich hohe Netzwerk-Geschwindigkeiten erreichen lassen, indem man die vorhandene Telefonverkabelung nutzt.“
Entweder es wurde sich zu Tode gespart, oder ein Wildwuchs von Systemen ist entstanden.
Was passiert mit den Daten?

Die Aussichten auf eine Konsolidierung von Systemen ist mit Blick auf die sukzessive Einführung des medizinischen IoT (mIoT) eher gering. Schadowski: „Uns macht das mIoT im Gesundheitswesen zu schaffen. Wenn es gut läuft, gibt es ein Onboarding für die Geräte, wenn es schlecht läuft, kein Offboarding“, stellt er fest. „Die Frage ist: Was passiert mit den Daten bei Aussonderung eines medizinischen Geräts? Das mIoT Thema ist ein Riesenfass. Und diesen „Zoo“ alleine zu erfassen, ist für Verantwortliche oft mangels Werkzeugen unmöglich. Die Gesundheitseinrichtungen brauchen einen Lotsen – und das können erfahrene Systemhäuser sein.“

Wie ist Rettung möglich? „Man kann hier nur kleine Schritte machen, kleine Brände löschen“, ist Heinzelmann überzeugt. Und dem Kunden beispielsweise klarmachen: „Ihr habt zu viel Software. Ihr müsst erst einmal wissen, was ihr überhaupt in eurem Laden habt.“ Neben so einer Bestandsaufnahme gilt es, erst einmal die gröbsten Missstände zu beseitigen. Angesichts der zunehmenden Hackerangriffe gehört Security ganz oben auf die Prioritätenliste. Was da im Argen liegt, ist nicht Healthcare-spezifisch, schmunzelt Tagisade. Auch viele andere Unternehmen hätten enormen Nachholbedarf. Als lebensrettende Sofortmaßnahmen nennt er die Klassiker Mitarbeiter-Sensibilisierung und Zwei-Faktor-Authentifizierung. „Mit diesen schaffe ich schnell Mehrwert. Schwierig sind dann die nächsten Schritte, beispielsweise die Netzwerksegmentierung.“

Wenn man Dinge nur am Reißbrett entwirft, dann hat man einen schweren Stand.
Bitte mit gesundem Menschenverstand
Als einen Schritt in die richtige Richtung bezeichnet Panow die Verabschiedung der IT-Richtlinien der KBV. Diese helfen bei der täglichen Arbeit, da man damit eine Verbindlichkeit habe und sich nicht erst über Grundlegendes „den Mund fusselig reden“ muss. „Diese sind sinnvoll“, betont er. „Noch sinnvoller wäre es, wenn dieser Katalog verständlich und mit gesundem Menschenverstand entstanden wäre.“ Ein Beispiel dazu nennt Schadowski: „Als Arzt kann man keine Teams-Sprechstunde machen, und diese dann abrechnen. Für abrechenbare Leistungen dürfen nur ganz bestimmte, zugelassene Tools eingesetzt werden.“

Carsten Vossel, Geschäftsführer CCVossel, hat noch einen weiteren Trumpf im Ärmel, mit dem man schnell Erfolge hinsichtlich Security erzielen kann, nämlich die Sensibilisierung von Mitarbeitern und Management. „Anti-Phishing-Kampagnen sind einfach umzusetzen und liefern schnellen Erfolg. Zudem helfen sie, den Kunden einen neuen Blickwinkel aufzuzeigen. Das wiederum weckt das Verständnis für weitere Schritte“, argumentiert er. Schadowski stimmt ihm zu: „In Sensibilisierung zu investieren, ist sinnvoll. Denn solange man noch agieren kann, bestimmt man selbst den Preis für Security. Wenn bereits etwas passiert ist, kann man nur noch reagieren. Dann ist Geld das kleinste Problem.“
Was leisten Förderprogramme?
Ich sehe Fördergelder als Türöffner – auch das der Pflegekasse zur Digitalisierung der Pflegeheime.
Apropos Geld: Förderprogramme helfen durchaus bei der Linderung der Schmerzen, wie Schubert erläutert: „Ich sehe die Fördergelder definitiv als Türöffner. So gibt es beispielsweise auch von der Pflegekasse ein Förderprogramm für die Digitalisierung der Pflegeheime. Diese Gelder laufen sehr schnell, und man kann sie sogar noch beantragen, wenn das Projekt bereits abgeschlossen ist.“ Wenn man sich als Systemhaus damit auskennt, ist das hilfreich. „Denn die Kunden wissen, dass es die Programme gibt, wollen sich damit aber nicht auseinandersetzen. Pfleger wollen mit Menschen arbeiten, deshalb haben die diesen Beruf. Sie wollen nichts mit Technik zu tun haben. Also machen wir das, und dann ist das eine runde Sache. Für uns sind die Förderprogramme ein Segen.“ Doch es gibt auch eine Kehrseite der Medaille. Die Fördergelder sind auf vier Jahre begrenzt, erklärt Vossel. Wenn nun ein Krankenhaus in Mitarbeiter investiert, was passiert mit diesen dann in vier Jahren? Die Idee, durch die Digitalisierung diese Kosten langfristig wieder reinzuholen, ist zwar charmant, aber noch den Beweis schuldig, dass das funktioniert. Und auch dem Einsparungspotenzial dank Automatisierung erteilt Panow eine Absage. „Weitere Automatisierung bei den Prozessen in Healthcare ist möglich und findet verstärkt statt. Aber mit jeder neuen Prozessautomatisierung, die ich einführe, brauche ich Personal, um das Ganze zu warten und zu überwachen. Daher setzt die Prozessautomatisierung zwar Ressourcen bei den Mitarbeitern in Healthcare frei, benötigt aber gleichzeitig weitere Ressourcen in der IT. Und das wird auf Seiten der Auftraggeber oft nicht verstanden.“
Fazit

Die Komplexität des Eingriffs hat allerdings zur Folge, dass ein Systemhaus- oder Dienstleistungspartner meist nicht ausreicht, sondern ein ganzes Rettungsteam vonnöten ist. Wie Schadowski plakativ beschreibt: „Es braucht ein Team mit verschiedenen Talenten, um diesem ganzen Wahnsinn gerecht zu werden.“ Denn als kleineres Systemhaus ist man oft nicht in der Lage, für einen Kunden aus dem Gesundheitswesen ein vollumfängliches Lösungspaket zu schnüren. Tagisade bringt es auf den Punkt: „Wir haben eine Diskrepanz zwischen dem, was der Kunde braucht, und dem, was wir liefern können. Wir machen zum Beispiel Telefonie, aber kein Patientennotrufsystem. Und das ist der Grund für mich, in der Fokusgruppe Healthcare von iTeam zu sein. Ich weiß, dass ich hier auf ein breiteres Angebot zurückgreifen und dann mit einem anderen Partner bei einem Projekt zusammenarbeiten kann.“
(ID:47611634)