Ingram Micro treibt die eigene Digitalisierung voran. Dazu führt der Distributor die selbstlernende Plattform Xvantage ein, die das Geschäft mit Herstellern und Fachhandelspartnern schneller, besser und profitabler machen soll. Sie löst die bisherigen E-Commerce-Systeme ab.
Die Ingram-Micro-Manager Alexander Maier (l.), Chief Country Executive der deutschen und österreichischen Organisation, und Sanjib Sahoo, Global Chief Digital Officer (CDO), haben die neue Plattform gemeinsam in München vorgestellt.
(Bild: Michael Hase)
Avancierte Online-Händler kennen den Kunden genau und tun alles dafür, ihm das Einkaufserlebnis so einfach und angenehm wie möglich zu gestalten. Ihre B2C-Shops sind ausgefeilte Systeme, die Künstliche Intelligenz nutzen, um dem Konsumenten personalisierte Empfehlungen zu geben. Dagegen fallen E-Commerce-Systeme im B2B-Segment aus Sicht des Käufers viel spartanischer aus. Sie beschränken sich meist auf wesentliche Komponenten wie Produktkatalog, Warenkorb und Zahlungsabwicklung. In der IT-Distribution verhält es sich nicht anders. Oft kann sich der kaufende Reseller nicht einmal über den Status der Lieferung informieren.
Das ist zu wenig, muss man sich vor etwa 15 Monaten in der Konzernspitze von Ingram Micro gesagt haben. Denn die Topmanager ließen etwas komplett Neues entwickeln, das die bisherigen Shops weltweit ablösen soll. Xvantage, so der Name der Lösung, ist nach Auskunft des Unternehmens aber weit mehr als ein E-Commerce-System. Sie soll die gesamte Wertschöpfungskette des Broadliners abbilden und die Zusammenarbeit sowohl mit Herstellern als auch mit dem Channel auf intelligente Weise unterstützen. Ingram Micro bezeichnet Xvantage als vollständig digitale, selbstlernende Experience-Plattform. Der Roll-out beginnt jetzt, und zwar zunächst in den USA und in Deutschland. Weitere Länder sollen sukzessive Ende 2022 und Anfang 2023 folgen.
„Game Changer“
An die Einführung von Xvantage knüpft CEO Paul Bay, der Ingram Micro seit Beginn dieses Jahres leitet, große Erwartungen. Die Plattform biete „eine nahtlose User Experience, die es so in der IT-Distribution noch nicht gegeben hat“. Auf diese Weise beschleunige sie die Wertschöpfungsprozesse bei allen Beteiligten. „Xvantage ist ein Game Changer, der die Komplexität in unserer Branche verringert und uns allen einen intelligenteren, schnelleren, besseren und profitableren Weg bietet, um zusammenzuarbeiten und zu wachsen.“
Hierzulande sollen sämtliche Channel-Partner spätestens bis Ende des Jahres auf die Plattform aufgeschaltet werden, kündigt Alexander Maier, Chief Country Executive bei Ingram Micro Deutschland und Österreich, an. Der Manager hat die Neuheit gemeinsam mit Sanjib Sahoo, Global Chief Digital Officer (CDO) des US-Konzerns, vor wenigen Tagen bei einem Pressegespräch in München vorgestellt. Im ersten Schritt wird Xvantage von den Partnern und intern durch den Distributor genutzt, um für den Fachhandel den Komfort beim Einkauf zu erhöhen und Transaktionen zu beschleunigen. Konkret sollen Reseller von personalisierbaren Dashboards profitieren, über die sie die Interaktion mit Ingram Micro steuern können, sowie von neuen Self-Service-Möglichkeiten und von einem schnelleren Angebotsmanagement.
Viele Bedeutungsnuancen
Bei „Xvantage“ handelt es sich um ein sogenanntes Portmanteau-Wort. Es setzt sich zusammen aus Bestandteilen der englischen Wörter „experience“ (Erfahrung) und „advantage“ (Vorteil). Bei der Kreation des Namens spielten Ingram Micro zufolge aber noch weitere Bedeutungen eine Rolle. So kann das X auch für „exceed“ (übertreffen), „excellence“ (Spitzenleistung), „exponential“ (exponentiell) oder für „extra“ wie in XL stehen. Außerdem ist X das Multiplikationszeichen und soll Wachstum symbolisieren. Darüber hinaus bezeichnet „vantage point“ den Aussichtspunkt.
Mit dem Launch der Plattform führt Ingram Micro auch das Cloud- und das klassische Produktgeschäft zusammen. Denn der Cloud Marketplace des Broadliners ist künftig in die neue Plattform integriert. Für Partner, die hybride Szenarien realisieren, wird es damit einfacher, Cloud-Services in Kombination mit Hardware- und Software-Produkten zu bestellen.
Ganzheitlicher Ansatz
Im zweiten Schritt bindet der Distributor im kommenden Jahr auch die Anbieter aus seinem Portfolio an Xvantage an. Funktionen wie Auftragsverfolgung und Auftragsmanagement werden dann ebenfalls verfügbar sein. Die Plattform soll das gesamte Geschäft mit Produkten, Lizenzen, Cloud-Services und Dienstleistungen abbilden. Dabei unterstützt sie nicht nur die Abwicklung von Transaktionen, sondern bietet auch Collaboration-Funktionen zur direkten Interaktion. Grundsätzlich verwenden alle Akteure die gleiche Nutzeroberfläche, die sich personalisieren und an spezifische Rollen von Mitarbeitern aus Einkauf, Vertrieb, technischem Support und Buchhaltung anpassen lässt.
Die Idee zu Xvantage entstand nach Auskunft von Ingram Micro im zweiten Quartal 2021. Anschließend wurde die Plattform innerhalb von 15 Monaten als proprietäre Lösung entwickelt. Ihren Kern bilden autonome, selbstlernende Systeme, die sogenannten Engines. die die verschiedenen Funktionen bereitstellen. Sie arbeiten mit aktuellen und historischen Daten, die aus einer Vielzahl operativer Systeme stammen und in einem globalen Data Lake zusammenlaufen. Zur Analyse der Daten werden Künstliche Intelligenz und Machine-Learning-Verfahren eingesetzt. Auf die Weise können beispielsweise Bestellhistorien ausgewertet werden, um Cross-Selling-Potenziale zu ermitteln.
Stand: 08.12.2025
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Xvantage besitzt eine Cloud-native Architektur, die eine möglichst große Flexibilität bieten soll. So sind der Daten-Layer, die Engines und der Präsentations-Layer, über den die Anwender das System nutzen, logisch voneinander entkoppelt. Diese Architektur soll es erlauben, die Funktionalität der Plattform einfach zu erweitern. Tatsächlich plant Ingram Micro, alle 14 Tage neue Features hinzuzufügen, die zeitgleich in allen Märkten weltweit bereitstehen sollen. Eine solche skalierbare Infrastruktur lässt sich letztlich nur in der Cloud eines Hyperscalers betreiben. Mit welchem Cloud Provider der Broadliner dabei zusammenarbeitet, teilt er allerdings nicht mit.
Unendliche Skalierung
„Xvantage ist als Geschäftsmodell konzipiert, das unbegrenzt erweitert werden kann“, erläutert CDO Sahoo. „Gemeinsam verringern wir die Komplexität in unserer Branche und schaffen in der Distribution eine User Experience, die die Erfahrungen aus dem B2C-Segment spiegelt.“ Er bezeichnet die Neuheit als Digitalen Zwilling von Ingram Micro. Damit vereinfache das Unternehmen die Art und Weise der Arbeit und schaffe die Voraussetzungen für neue Wertschöpfung. Sahoo ist davon überzeugt, dass die Plattform „das Potenzial hat, die Distribution grundlegend zu verändern“.
Ähnlich euphorisch äußert sich Deutschlandchef Maier: „Die Einführung von Xvantage ist ein Meilenstein in unserer Unternehmensgeschichte.“ Der Distributor transformiere damit sein Geschäftsmodell in ein digitales Modell und beschreite neue Wege der Zusammenarbeit im deutschen Markt. Darin liege „ein Wertversprechen, das weit über unsere derzeitigen Fähigkeiten hinausgeht“, so der Manager weiter. „Wir schaffen mit Xvantage ein positives, intuitives, nahtloses Erlebnis von Technologie und Services und bewegen uns von der Transaktion zur Interaktion.“