US-Hyperscaler werden eine gesetzte Größe bleiben Cloud-Souveränität ist keine passive Eigenschaft

Von Dr. Stefan Riedl 9 min Lesedauer

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In der Kontroverse rund um souveräne Cloud-Infrastrukturen werden gerne absolute Standpunkte eingenommen. Fabian Dörk, Cloud Services Director von Claranet, kratzt aber nicht nur an der Oberfläche, sondern plädiert letztlich für eine realistische Sichtweise sowie ein gerüttelt Maß an Pragmatismus.

Die US-Hyperscaler sind eine feste und dominante Größe im Cloud-Universum und das wird realistischerweise auch so bleiben.(Bild:  Midjourney / KI-generiert)
Die US-Hyperscaler sind eine feste und dominante Größe im Cloud-Universum und das wird realistischerweise auch so bleiben.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)

Eine souveräne Cloud sollte Unternehmen und Verwaltungen dabei unterstützen, digitale Selbstbestimmung zu erlangen, definiert Fabian Dörk, Cloud Services Director, Claranet. Das heißt: „Sie behalten die Kontrolle über ihre Daten, Prozesse und Technologien, während sie gleichzeitig leistungsfähige IT-Infrastrukturen nutzen.“ Das sei wichtig, weil so Transparenz, Sicherheit und rechtliche Compliance gewährleistet und gleichzeitig die Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern reduziert werden. Aber: „Souveränität bedeutet dabei nicht Absolutheit, sondern das bewusste Spannungsverhältnis zwischen Leistungsfähigkeit und Kontrolle zu gestalten – ein entscheidender Faktor für die langfristige digitale Unabhängigkeit und Wertschöpfung Europas“, so Dörk.

Realistische Sicht auf US-Hyperscaler

In diesem Kontext findet eine Kontroverse in der IT statt, inwiefern US-amerikanische Hyperscaler wie Amazon, Microsoft oder Google trotz ihrer Herkunftslandgesetze, wie dem Cloud Act, eine echt souveräne Cloud-Lösung für Deutschland bereitstellen können.

Fabian Dörk, Cloud Services Director, Claranet(Bild:  Claranet)
Fabian Dörk, Cloud Services Director, Claranet
(Bild: Claranet)

Dörk plädiert für eine differenzierte und realistische Herangehensweise an dieses Thema, denn „Hyperscaler werden auch künftig relevant bleiben und integraler Bestandteil jeder IT-Strategie sein“. Ihr Wettbewerbsvorteil bestehe letztlich in folgenden Punkten:

  • globale Reichweite,
  • Skalierungsvermögen,
  • Zugang zu innovativen Technologien,
  • Zugang zu Infrastrukturressourcen (Stichwort GPUs) und
  • dem breitem Portfolio aufeinander abgestimmter Services.

Technologische Vorherrschaft

Dieses integrierte Ökosystem biete einen Grad an Transparenz und Automatisierbarkeit, die sich für Compliance- und Security-Maßnahmen effektiv nutzen lassen, so Dörk und nennt als Beispiele:

  • Threat Detection,
  • Cloud Security Posture Management,
  • Policy Automation und
  • Audit Logging.

Diesen hohen Standard würde man in der Regel weder in On-Premises-Umgebungen, noch auf den Plattformen der deutschen Mitbewerber finden.

Hintergrund

Souveränität zwischen Idealvorstellung und Wirklichkeit

Souveräne Clouds vereinen in der Idealvorstellung Daten-, Software- und betriebliche Souveränität, sodass Unternehmen selbstbestimmt handeln können. Dem könnte man einen Spruch des österreichischen Schriftstellers Helmut Qualtinger entgegenhalten, nämlich: „Die Wirklichkeit ist eine Sense für Ideale.“ Denn in der IT-Praxis ist Souveränität häufig nur ein Schein, ein schöner Begriff, ein Marketing-Buzzword. Was nutzt einem beispielsweise die Möglichkeit, den Cloud-Anbieter wechseln zu können, wenn der Aufwand dafür zu groß und risikobehaftet ist? Oder wenn da rechtliche Unsicherheiten formuliert werden, zu denen drei Juristen fünf Meinungen haben.

Rechtssicherheit ist möglich

Nach aktuellem Stand sei es möglich, DSGVO-konforme und damit rechtssichere Datenverarbeitung unter bestimmten Voraussetzungen und auf Basis konkreter Rechtsgrundlagen in den Clouds der Hyperscaler zu betreiben, so der Cloud Services Director. Er rekurriert auf das Data Privacy Framework (DPF), das seit 2023 in Kraft ist und die Übermittlung an zertifizierte US-Unternehmen inklusive der Hyperscaler rechtssicher ermöglicht. „Zu den Voraussetzungen zählen Datenlokalisierung in der EU/EWR und technische Schutzmaßnahmen wie Verschlüsselung unter Verwendung von ‚Customer Managed Keys‘“, so der Cloud-Profi.

Die Implementierung einer souveränen Cloud

Natürlich gebe es dabei Herausforderungen. Die erste bestehe in der Erkenntnis, dass Aufbau und Betrieb souveräner Infrastrukturen teurer sind als die Nutzung bestehender Hyperscaler. „Um diese Kosten ins Verhältnis setzen zu können, müssen Risiken, Eintrittswahrscheinlichkeiten und Implikationen bewertet und quantifiziert werden“, sagt Dörk. „Da Investitionen, die zunächst erst einmal nicht zu neuen Umsätzen führen, bei angespannten Budgets nicht leicht zu rationalisieren sind, empfiehlt sich ein pragmatisches Vorgehen auf Basis eines ausdifferenzierten Technologiemixes – auch unter Verwendung der Hyperscaler“, argumentiert der Manager.

Hintergrund:

IT-Verantwortliche im Cloud-Struggle

„Nix gwiß woas ma net“, so eine bayerische Redensart, die gut zusammenfasst, was IT-Verantwortliche beim Thema Cloud in den Grübelmodus bringt. Einerseits sind US-Hyperscaler eine feste Größe im Cloud-Business, zumal sie spezielle Angebote für die geforderte Cloud-Souveränität in Europa bieten. Andererseits kursiert die Rechtsauffassung, dass der Cloud Act in den USA im Lichte einer Datenschutzfolgenabschätzung juristische Probleme im Hinblick auf die Datenschutzgrundverordnung verursacht.

Souveränität ist keine passive Eigenschaft

Zunächst, so Fabian Dörk, müssten Unternehmen lernen, Souveränität aktiv zu gestalten. „Es ist keine passive Eigenschaft, die über ‚souveräne‘ Lösungen gewonnen werden kann, sondern das Vermögen, Handlungsoptionen über eigene Kompetenzen auch realisieren zu können“, lotet der Cloud-Fachmann aus. In dieses Vermögen müsse investiert werden, indem bestimmte Fähigkeiten wieder eingesourced werden. „Partner können unterstützen“, so Dörk, „solange sie das Zepter des Handelns dem Kunden nicht komplett aus der Hand nehmen.“ Eine enge Bindung über Co-Management-Modelle sei die Lösung für den Kompetenzaufbau und das effektive Aussteuern dieser Dienstleister.

Abhängigkeiten vermindern

Um dem Risiko von zu starken Abhängigkeiten zu begegnen, seien Multi-Vendoren-Ansätze in Betracht zu ziehen. „Das bedeutet, die Wahl des zu verwendenden Infrastruktur-Szenarios nicht ausschließlich anhand von Best-of-breed-Kriterien zu fällen, sondern die Workload über einen „federated Ansatz“ zu verteilen und dabei Redundanzen und Heterogenitäten nicht nur zu akzeptieren sondern zu fördern“, so Dörk. Der hier aufgeführte föderierte Ansatz kann in etwa so verstanden werden, dass Workloads bewusst über mehrere, voneinander unabhängige Anbieter beziehungsweise Plattformen verteilen werden, die über gemeinsame Standards zusammenarbeiten, um Abhängigkeiten zu verringern und Ausfallsicherheit zu erhöhen.

Das Risiko eines Vendor Lock-Ins

„Um dem Risiko eines Vendor Lock-Ins effektiv begegnen zu können, ist das Gebot der Stunde, sehr viel stärker auf interoperable und portable Technologien zu setzen“, sagt Dörk. Open Source und offene Standards gewinnen deshalb an Bedeutung und sollten bei anstehenden Technologie-Entscheidungen mehr Gewicht bekommen, findet der Manager. „Kubernetes ist als eine Schlüsseltechnologie zu betrachten: Nicht nur, weil sie Container-Workload von der Infrastruktur entkoppelt und damit portabel macht, sondern weil mittels Kubernetes Plattformen bereitgestellt werden, die zu Ökosystemen entwickelt werden können, um ähnliche Effizienzgrade wie bei den Hyperscalern zu realisieren, ohne dabei auf Portabilität verzichten zu müssen.“

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Hintergrund

Initiativen

Das steckt hinter Gaia-X und 8ra

Gaia-X ist ein europäisches Projekt zur Schaffung einer sicheren, offenen und transparenten Dateninfrastruktur, die den souveränen Datenaustausch und die Interoperabilität zwischen verschiedenen Cloud-Diensten fördert.
Das Projekt 8ra, ehemals bekannt als IPCEI-CIS (Important Project of Common European Interest – Cloud Infrastructure Services), ist eine von der Europäischen Union initiierte Maßnahme zur Entwicklung einer souveränen, interoperablen und sicheren Cloud-Edge-Infrastruktur in Europa.
Sowohl 8ra als auch Gaia-X verfolgen als Initiativen das Ziel, eine souveräne, sichere und interoperable Cloud-Infrastruktur in Europa zu etablieren. Während Gaia-X 2019 als Projekt zum Aufbau einer vertrauenswürdigen Dateninfrastruktur für Europa gestartet wurde, hat es in den letzten Jahren etwas an Schwung verloren.

Die Förderung souveräner Cloud-Infrastrukturen

Staatliche Akteure spielen aus der Sicht von Dörk eine zentrale Rolle bei der Förderung souveräner Cloud-Infrastrukturen, „da sie Investitionen der Privatwirtschaft absichern und so die notwendigen Infrastrukturen ermöglichen“. In Europa ist der Zugang zu Risikokapital deutlich schwieriger als in den USA, weshalb der öffentliche Sektor über gezielte Investitionsanreize und Anschubfinanzierungen die initiale Nachfrage schaffen müsse, die für große Projekte erforderlich ist. „Anders als privatwirtschaftliche Unternehmen können staatliche Akteure über längere Zeiträume planen und strategische Schwerpunkte setzen, um Transparenz, Digitale Souveränität und die Unabhängigkeit von außereuropäischen Hyperscalern zu stärken“, so Dörk und ergänzt, dass ohne diesen politischen Willen ein Shift hin zu mehr Infrastrukturhoheit nur schwer vorstellbar wäre.

Der Standort der Rechenzentren

Der Standort von Rechenzentren allein garantiert keine Souveränität, findet Dörk. Digitale Selbstbestimmung hänge schließlich nicht nur von der physischen Infrastruktur ab, sondern auch von der technologischen Basis: Software, Hardware und Patente spielen eine entscheidende Rolle. „Selbst in deutschen oder europäischen Clouds finden sich häufig amerikanische Netzwerkausrüstung, Security-Lösungen oder proprietäre Softwarekomponenten“, so Dörk. Für echte Souveränität müssen daher nicht nur Daten lokalisiert, sondern auch die Abhängigkeiten von außereuropäischen Technologien kritisch betrachtet werden. Gleichzeitig sei entscheidend, wer Kontrolle über die Daten und deren Verarbeitung hat – nur wenn Unternehmen oder Verwaltungen über Zugriffsrechte, Schlüsselverwaltung und Governance-Strukturen verfügen, könne digitale Selbstbestimmung gewährleistet werden.

Hyperscaler werden auch künftig relevant bleiben und integraler Bestandteil jeder IT-Strategie sein.

Fabian Dörk, Cloud Services Director, Claranet

Open-Source-Lösungen in souveränen Cloud-Umgebungen

Open-Source Software (OSS) ist das Rückgrat souveräner Clouds, findet Dörk, weil es Transparenz, Kontrolle, Interoperabilität und Unabhängigkeit ermögliche – allerdings auch nur dann, wenn Unternehmen bereit sind, die nötigen Kompetenzen und Prozesse aufzubauen. „Denn auch wenn Open Source ein Schlüsselfaktor für souveräne Clouds ist, besteht auch hier ein Abhängigkeitsverhältnis“, sagt Dörk. Ein Blick auf die bekanntesten OSS-Projekte wie den Linux-Kernel, OpenStack oder Kubernetes zeigt laut Dörk: „Etwa 90 Prozent der maßgeblichen Entwicklungsarbeit (Commits) stammen von Entwicklern, die bei US-Unternehmen angestellt sind. Damit bleibt die Weiterentwicklung dieser zentralen Technologien derzeit eng mit amerikanischem Knowhow verknüpft.“

Fazit

Dörks Fazit zu den Herausforderungen souveräner Clouds lautet, dass die Entwicklung dieser eine langfristige Reise und kein Sprint sei. Auch sei ein Absolutheitsanspruch, der vollständige Unabhängigkeit vorgaukelt, unrealistisch – wichtiger sei, das Spannungsverhältnis zwischen Leistungsfähigkeit, Kontrolle und Abhängigkeiten sichtbar zu machen und als gesamter Wirtschaftsraum bewusst mit den aktuellen Risiken umzugehen. „Über die nächsten zwei Dekaden können wir Schritt für Schritt mehr Souveränität erreichen, auch wenn dies höhere Kosten verursacht als bisher“, so der Manager. Der entscheidende Vorteil sei, dass ein größerer Teil der Wertschöpfungskette perspektivisch in Deutschland bleibe, was die gesamtwirtschaftliche Bilanz stärke und langfristig die digitale Selbstbestimmung sichern kann.

Kommentar

Die EU-Chatkontrolle wäre der Datenschutz-Fiebertraum

von Stefan Riedl

Wie man es dreht und wendet: Technische Aspekte der souveränen Cloud scheinen einfacher lösbar zu sein, als die juristischen. Open Source, Gaia-X, Sovereign Cloud Stack – hier gibt es greifbare Lösungen. Doch wann werden die Juristen aufhören zu „meckern“? Wie real ist das Cloud-Act-Problem wirklich? Zuletzt gab es einen „Angemessenheitsbeschluss“ der EU-Kommission, der den transatlantischen Datenverkehr freiräumen soll. Der Cloud Act in den USA, der bei Datenhaltung im EU-Raum eine Rolle spielt, soll eh nur ab schweren Verbrechen greifen, was soll also der ganze Zirkus, könnte man durchaus fragen.

Auf der anderen Seite laufen sich die Datenschützer bereits warm, und solange vom Gesetzgeber Prozesse wie „Datenschutzfolgenabschätzungen“ gefordert werden, bleibt das „Verkaufsargument“ (die Anführungszeichen wurden bewusst gesetzt) Rechtssicherheit durch EU-Anbieter für viele Kunden bestehen. Und wenn man kein US-Hyperscaler ist, wird man das tendenziell eher gut finden. Auf der anderen Seite: Warum sollte man wie auch immer geartete Abhängigkeiten und Rechtsunsicherheiten in Kauf nehmen? Wie viel ist man bereit, dafür auszugeben? Was davon ist real, und was ist mit einem „Buhei-Faktor“ beladen, wie das Buzzword „Killswitch“, das nahelegt, die US-Cloud-Infrastruktur werde sich womöglich vom Rest der Welt abkoppeln. Wer das glaubt, lebt in einer Angstphantasie.

Wie heißt es so schön: Man soll auch vor der eigenen Türe kehren, also werfen wir einen Blick auf das Thema „Chatkontrolle“, welches vermutlich lange nicht vollständig vom Tisch sein wird. Sollte dieser Fiebertraum vom Ende der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung der Chat-Dienste – und damit dem Nummer-1-Kommunikationsmedium – wahr werden, kann man sich durchaus fragen, ob man bei US-Diensten nicht grundsätzlich besser aufgehoben ist, als in der Überwachungs-EU, die doch tatsächlich anlasslos eine KI über Chatverläufe laufen lassen will. Ohne VPN-Verbindung und ein gerüttelt Maß an zivilem Ungehorsam, den man allenfalls als Privatperson, nicht aber als Unternehmen aufbringen kann, wird das aber nicht gehen.

Was bleibt vom „Datenschutz-Standortvorteil EU“ eigentlich noch übrig, wenn beim Äquivalent zu privatem Briefverkehr digitale Umschläge aufgedampft, die Inhalte per KI gelesen, die Umschläge wieder zugeklebt und dann abgeschickt werden? Meiner Meinung nach nicht viel, denn die moralisch aufgeladene Attitüde zerbröselt dieser Tage bereits, weil so etwas ernsthaft erwogen wird.

Wer den Diskurs rund um die Chatkontrolle verfolgt, kann antizipieren, wie es ausgehen könnte: Nachdem die kritische Berichterstattung und der öffentliche Druck zu groß wurde, hat man seitens der verantwortlichen politischen Akteure „anlasslose Chatkontrolle“ abgelehnt. Kurze Zeit später wird aber bereits munter mit dem Begriff „präventive Kommunikationsüberwachung“ derartiges begrüßt. Nachtigall, ich hör´ dir trapsen.

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